Der “Warme Händedruck”

by Gunnar on 23. Januar 2013 · 9 comments

Eine Wortmeldung von Christian Schmidt, Ex-GameStar-Kollege des Herrn Kaliban. Steht hier, weil der feine Herr Schmidt zwar eine Meinung zu allem möglichen, aber eben kein eigenes Blog hat:

Ich habe mit etwas Verspätung gesehen, dass ich auch dieses Jahr für den „Warmen Händedruck“ von Krawall.de nominiert bin, der wichtigsten (weil einzigen) Auszeichnung für den besten deutschen spielejournalistischen Artikel des Jahres. Letztes Jahr hat mein Spiegel-Essay den Jurypreis gewonnen. Dieses Jahr sind – aus Mangel an hochwertigen Artikeln, wie Krawall schreibt -, nur drei Texte nominiert, allesamt Essays.

Ich fühle mich natürlich geehrt, meinen Artikel über das Politikbild von Spielen in dieser Auswahl zu geadelt zu seien, aber ich war ehrlich gesagt überrascht. Mir fallen aus dem Stegreif weit besser geeignete Kandidaten ein. Eine kurze Auswahl:

Zwei der drei Warmer-Händedruck-Kandidaten 2012 stammen aus dem halbjährlich erscheinenden WASD-Magazin, und man kann das wahlweise als Beleg für dessen Qualität oder für die Präferenzen der Krawall-Jury auslegen; aber beide Artikel, darunter mein eigener, wären nicht meine erste Wahl gewesen. Meine Empfehlung ist der Essay „Kein dritter Weg“, in dem Björn Wederhake eloquent und anschaulich aufzeigt, wie Spiele sich darum drücken, ihren Spielern imperfekte Lösungen zuzumuten und dadurch echte Reflexion zu ermöglichen.

Der beste Test des Jahres – und rundum mein Artikel des Jahres 2012 – ist die zu Recht vielbeachtete Rezension des Indie-Spiels „Polymorphous Perversity“ von Christof Zurschmitten auf Superlevel.de. Zurschmitten zeigt, wie intelligent, scharfsichtig und pointiert man Spiele besprechen kann. Wie meisterhaft er Kontext, Erlebnis und Kommentar verknüpft, sollte für die deutsche Spielekritik beispielhaft sein. Wie schade, dass Krawall ihn nicht durch eine Nominierung würdigt!

Der Krawall-Chef André wird sich nicht selbst nominieren, obwohl er es verdient hätte – sein Report „Das Tal der Verzweiflung“ war ohne Zweifel das Beste, was 2012 in GameStar zu lesen war, eine erkenntnisreiche Annäherung an eine selten beleuchtete, sehr menschliche Seite der Spielentwicklung.

Die Kollisionsabfrage-Polemik „Auf den Treppenstufen der Missgunst“ als journalistische Leistung zu würdigen, ist fragwürdig genug, aber unabhängig von der Perspektive hat der Text in meinen Augen keine Herausstellung verdient. Das mag daran liegen, dass ich Texten, die mit dem Satz „Videospiele haben sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert“ beginnen, von vornherein jede Preiswürdigkeit absprechen würde, aber in erster Linie doch daran, dass ich keinen Mehrwert darin sehe, über eine so banale Tatsache wie das Trolltum unter Gamern herzuziehen (als ob das spielerspezifisch wäre!) oder daraus gar eine Generation von Arschlöchern abzuleiten. Zumal der Blog-Text weitschweifend Gründe für seine steile These vom Sittenverfall sucht, aber nie auf die Idee kommt, sie vielleicht mal zu hinterfragen.

Ich hätte mir als Signal an die Branche gewünscht, dass Krawall nicht ausschließlich Essays nominiert, die im Kämmerlein entstanden sind, sondern journalistisches Handwerk – also Artikel, die recherchieren, befragen, nachhaken, sich die Hände schmutzig machen. Man könnte zum Beispiel mal Dennis Kogel eine Anerkennung aussprechen, egal für welchen seiner Artikel – einfach dafür, dass er rausgeht und mit Leuten spricht. Wenn etwas vorbildlich für uns alle sein sollte, dann das.

DISCLAIMER: Der Herr Kaliban war Teil der von Chris hier kritisierten Jury.

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