Der geschätzte Herr Lumma, SPD-Mitglied zwar, aber sonst ganz brauchbar, machte sich heute auf seinem Blog Luft über die “Kampagne” gegen Peer Steinbrück. Ein Auszug:
Peer Steinbrück hat nach einer langen Karriere in der Politik seine Bekanntheit genutzt, um Geld zu verdienen, während er als Abgeordneter im Bundestag sitzt. Ja, und? Journalisten verdienen sich Geld mit dem Schreiben von Reden für andere Leute, mit der Moderation von Firmen-Events oder mit Fernsehwerbung. TV-Moderatoren haben oftmals ihre eigene Produktionsfirma und verdienen fröhlich am öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit. [...]
Wenn ein Politiker, noch dazu von der SPD, die ja nicht mit Geld umgehen können, glaubt man dem Diktum von Otto Graf Lambsdorff, seine Bekanntheit nutzt, um mit dem Verkünden seiner Ansichten Geld zu verdienen, dann ist das verwerflichst und wird von dem Berufskommentatoren dieser Republik ungefähr auf eine Stufe mit dem Verkaufen des Erstgeborenen in die Sklaverei gestellt.
[...]
Man kann überall lesen, dass sich die Menschen in diesem Lande, da draußen, wie es immer so schön heisst, sich nach Typen sehnen, die unabhängig sind, die eine eigene Meinung vertreten, die nicht führungstreue Parteisoldaten sind. Allerdings erleben wir auch immer wieder, dass die unabhängigen Köpfe entweder irgendwann eingenordet werden und sich strikt der Parteilinie unterordnen, oder aus der aktiven Politik verabschieden. Peer Steinbrück beharrt auf seiner Beinfreiheit, was wiederum zu Kritik führt, denn eine derartige Unabhängigkeit wirkt irgendwie suspekt. Ja, was denn nun?
Ich will darauf gar nicht im Detail eingehen, man könnte einiges zu der Problematik sagen, dass der Vergleich zwischen Politikern und Moderatoren auf zwei Beinen hinkt oder dazu, dass es bei Steinbrück möglicherweise nicht um das Einebnen eines unbequemen Denkers geht, sondern vielleicht auch darum, einen Kandidaten für das wichtigste politische Amt auf seine moralische und fachliche Eignung zu untersuchen. Aber wurscht, mir geht’s um was anderes:
Ich bin da ganz einfach gestrickt. Ich möchte bei Politikern das Gefühl haben, dass sie nicht Wasser predigen und Wein trinken. Ich möchte, dass sie ein bisschen Demut empfinden, wenn sie ein gut dotiertes Amt vom Volk anvertraut bekommen. Ich möchte, dass sie nicht ausschließlich das eigene Ego oder den Wahlkampf im Auge haben, sondern sich bewusst sind, dass sie da sind, wo sie sind, um eine Funktion zu erfüllen.
Bei Peer Steinbrück* habe ich, sorry, dieses Gefühl nicht. Ich bin der altmodischen Meinung, dass man, wenn man Abgeordnetenbezüge bezieht, gefälligst zu den Sitzungen geht. Und dass der Abgeordneten-Job der Schwerpunkt des eigenen Berufslebens sein sollte. Und dass man sich nicht allzu weit vom Volk entfernen sollte, wenn man dessen Belange vertreten will. Ein Millioneneinkommen ist nicht verwerflich, hilft aber auch nicht, die Nöte der Leute zu verstehen, die Straßenbahn fahren. Wem es gefällt, als gut bezahlter Pausenclown auf Firmenveranstaltungen aufzutreten, der ist vielleicht nicht gut beraten, sich auf ein Amt einzulassen, bei dem es um mehr geht als den eigenen Ruhm, Geld und freundliches Schulterklopfen.
* Das geht mir nicht nur mit Steinbrück so, natürlich.


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Man sollte nicht vergessen, dass die Erhöhungen der Diäten (und des Ehrensolds, ha !) regelmäßig damit begründet werden, dass Leute diesen Standes nicht in die Verlegenheit kommen sollen, sich um Geldprobleme zu sorgen, damit sie ihren Job machen können. Oder gar um zu verhindern, bestechlich zu werden…
Klingt danach, als wenn Herr Lumma eigentlich eher dem Prototyp-FDPler entsprechen würde.
Ich habe fast den Verdacht, dass das Gefühl für Demut schwinden könnte, wenn der Politiker merkt, von einen Haufen Egoisten gewählt worden sein, die es als selbstverständlich empfinden, nur auf ihren Vorteil zu achten, aber von anderen oberste Tugendhaftigkeit erwarten.
Ah, das alte “Wenn das Volk egoistisch ist, dürfen ja wohl die Politiker auch Abzocker sein”-Argument.
Die Leute erwarten von den Politikern nichts weniger als dass sie die Regeln achten, die für alle aufgestellt werden. Das ist keine “oberste Tugendhaftigkeit”, das ist einfach der Standard.
Die Aussage, dass Politiker sich an die Regeln halten sollten, die für alle gelten, ist so allgemein, dass es wohl kaum jemanden gibt, da der widerspricht.
Die Aussage war aber, dass Politiker Demut empfinden sollen, Meine Frage wäre wieso?
Okay.
Das ist eine gute Frage. Andersherum:
Ich habe seinerzeit die Aufgabe bekommen, die GameStar zu leiten. Das habe ich versucht, mit einer gewissen Demut anzunehmen (ob mir das gelungen ist, nun, das mögen andere sagen). Warum Demut? Nun, weil die GameStar etwas Großes war (mit immerhin 300.000 Lesern und zweistelligen Millionenumsätzen), das ich nicht selber erschaffen habe. Ich bin an einen Platz gesetzt worden, um eine Aufgabe zu erfüllen. Und die GameStar wurde nicht geadelt durch Gunnar Lott, Gunnar Lott wurde geadelt durch die GameStar.
(Bei der von mir selber entwickelten und ersonnenen “Making Games” war ich weit weniger von Demut erfüllt.)
Genauso ist es mit den Politikern: In der Regel sind sie nicht Heroen der Gesellschaft, die schon auf anderen Gebieten zu nationalem Ruhm gekommen sind. Nein, für die allermeisten ist das politische Amt der Höhepunkt der eigenen Karriere. Darauf kann man gerne stolz sein, nicht viele schaffen es so weit, aber es sollte einen auch demütig machen, man ist schließlich in einer Demokratie nicht Herrscher, sondern Diener des Volkes.
Das ist sicherlich eine schöne Erfahrung – und da ich keine schöne Erinnerungen durch dämliche Rückfragen besudeln möchte, wünsche ich Dir dass Dir diese Erfahrung immer Kraft schenkt und Du niemals in die Versuchung geraten mögest, in der Vergangenheit stehen zu bleiben.
so lobenswert dein ansatz, er verurteilt dich zum nichtwählen.
Oder zum selber aktiv werden. ;)
(Und nein, ich bin kein Pirat!)
Mmm Gunnar, du schreibst ja selbst, dass deine Demut ob der Aufgabe bei der Making Games geringer war als vorher, warum auch immer, unterstellterweise einfach durch gemachte Erfahrungen im Job und besseres Abschätzen der eigenen Fähigkeiten und der Aufgabe.
Grundsätzlich: warum sollte es Politikern anders gehen? Es wurde beim ersten Mal vielleicht noch als Berufung empfunden, es ist Job geworden. Es ist sicherlich wünschenswert, dass Politiker anders empfinden, aber daran glaube ich nicht. Es sind Berufspolitiker, nicht (mehr) Politiker aus Berufung. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Mal abgesehen davon, dass ich die Honorare für absurd hoch halte, finde ich wesentlich bedenklicher, dass durch fast alle Fraktionen aufgeschrieen wird, wenn Politiker ihre Nebeinkünfte für alle einsehbar machen sollen.
Dass Herr Lumma wohl zu stark durch die Parteibrille schaut, dass ist unbenommen.
Nein, das lag an was anderem: Die Making Games habe ich angestoßen, ausgedacht, entwickelt. Da gab es wenig Grund für Demut — ohne mich (und den Kollegen André) hätte es das Heft nicht gegeben.
Die GameStar hingegen war schon ohne mich groß und wichtig.
Ich verstehe, wenn Zuckerberg Facebook als arroganter Alleinherrscher führt (keine Ahnung, ob er das tut), es ist ja SEINE FIRMA, auch wenn die Belange der User/Kunden/Mitarbeiter auch wichtig sind. Aber ein Politiker ist immer nur ein Diener, jemand, der temporär auf etwas sehr wertvolles aufpassen muss, im Auftrag von anderen. Wenn dazu keine Demut gehört, auch von hartgesottenen Berufspolitikern, dann weiß ich auch nicht.
Ach ja, Herr Kalibam wünscht Wahres und vertritt die richtige Idee. Nur leider will die Mehrheit der Menschen diese Idee nicht annehmen. Und dazu zählen, man mags kaum glauben, auch unsere lieben Politiker. DIe Geschichte lehrt uns ja immer wieder, dass der Egoismus immer ein Fünkchen stärker ist als der Altruismus. Mutter Theresa ist da neben wenigen Anderen die selten kopierte Ausnahme, der Trend sollte allgemein weg von POPstars hin zu HELPstars gehen.
Im Prinzip d’accord, aber mit der Empörung über “Wasser predigen, Wein trinken” habe ich so meine Probleme. Das Ganze artet nämlich schnell in Neidhuberei und Korinthenkacker-Moralismus aus – ein Grüner darf keinen dicken Dienstwagen haben, sondern soll zu seinen Terminen radeln, ein Linker darf privat keinen Porsche fahren, ein Sozi darf keine Zigarren rauchen und so weiter und so fort. Demut und Anstand finde ich schon in Ordnung – aber man sollte das alles einfach nicht zu sehr emotionalisieren.
Es ist doch nicht so schwer. Im öffentlichen Dienst gibt es klare Regeln für Vorteilsannahme. Das fängt bei 5 EUR an. Es gibt übrigens auch strenge Regeln für Nebenjobs. Ich kann auch nicht nachvollziehen, wie ein Bundespräsident “marktübliche” Kredite bekommt.. Und wenn ein Bundestagsabgeordneter nicht irgendwie im öffentlichen Dienst ist, dann wer? Und ich ziele hier nicht auf die Rechtslage, sondern auf die moralische Verpflichtung, sich Regeln zu unterwerfen, die man für andere macht und an besonders exponierter Stelle sitzt.
Dem gibt’s nichts hinzuzufügen. Angela Merkel kommt in ihrem Auftreten am ehesten dieser Sichtweise nahe und deswegen ist sie als Kanzlerin so unangreifbar, bzw. scheint es zu sein.
Ja. Ich bin kein Fan ihrer Politik, aber als öffentliche Person ist sie mir tausend Mal lieber als all die breitbeinigen Großkotze von Ackermann bis Steinbrück. Ich kann mir bei der Merkel, die sicher auch gut isst und trinkt, nicht vorstellen, dass sie (wie Steinbrück) einem Journalisten steckt, einen Pino Grigio für 5 Euro könne man nun aber wirklich nicht trinken. Einerseits, weil sie dafür zu clever ist, andererseits aber (glaube ich jedenfalls), weil sie sich anders als viele Männer nicht über derlei Äußerlichkeiten definiert.
Und das ist durchaus ein Wert, finde ich. Wer wegen seiner dicken Eier nicht durch die Tür kommt, ist vielleicht nicht der Richtige, um die Interessen von Aldi-Verkäuferinnen zu vertreten.
Gut gesagt!
Wieviel genau soll der Kanzler denn verdienen? Das sagt Steinbrück nicht, weil er vermutlich auch gar keine Vorstellung hat. Was ein Bundeskanzler für die Bundesrepublik leistet, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Und genau aus diesem Grund wird es auch nicht getan. Hab mir dazu auf meinem Blog auch schon ausführliche Gedanken gemacht…
Allein mit den Klöpsen, die er in jüngster Vergangenheit wieder brachte, habe ich das Gefühl, Steinbrück demontiere sich zielsicher im Vorfeld der Bundestagswahl selbst, um ja nicht Kanzler zu werden. So bewusst wie allen anderen ist, dass der werte Herr sich als Kanzlerkandidat hat aufstellen lassen, so ist ihm nicht entgangen, dass er außerhalb des Kanzleramtes besser verdient – und da noch Themen in flapsigem Ausdruck kommentieren darf, ohne gleich von den Beratern in seine Schranken gewiesen zu werden. Eher schallt es von überall her, der Mann traue sich was, sage, was Sache sei.
Dem Mann fehlt es natürlich dermaßen eindeutig an Demut, klarer kann mans gar nicht sagen.
um mal Bezug auf die aktuelle “Kampagne” zu nehmen, auch wenn es in diesem Eintrag nicht wirklch um dieses Thema geht (und ich bin sicher kein Freund von Herrn Steinbrück):
Ist es wirklich so verwerflich wenn ein Politiker in einer Industrienation wie unserer auch mal für die, wie in diesem Falle absoult legitimen Interessen großer Konzerne einsteht? Wie vermessen ist es denn so etwas komplett auszublenden bzw fanatisch zu verurteilen? Das ist nun mal Teil des Geschäfts und in der Sache auch nicht verwerflich, solange es nicht sehr dubios wird.
Thyssen Krupp schreibt tiefrote Zahlen und eine Entlastung bei den irrsinig hohen Energiekosten würde evtl eines bringen: Erhalt der Arbeitsplätze. schlimm sowas, ganz schlimm….
Das war doch gar nicht Thema hier in der Diskussion, oder?
Aber ja, natürlich muss ein Politiker die Interessen der Industrie im Auge behalten. Da ist nichts Schlimmes dran.
“… hilft aber auch nicht, die Nöte der Leute zu verstehen, die Straßenbahn fahren…”
Und erstmal die Nöte derjenigen, die Bus fahren müssen!
(Is nur Ironie)
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