Männer und Frauen und all der Scheiß

by Gunnar on 1. Februar 2013 · 118 comments

Man stelle sich vor, man müsse einem Zeitreisenden aus der Vergangenheit das Heute beschreiben. Ich würde das so machen: Im Jahr 2013, da haben wir alle kleine Geräte in der Tasche, die sofortigen Zugriff auf das gesamte Weltwissen erlauben und die direkte Kommunikation mit allen anderen Menschen. Wir nutzen die Geräte vornehmlich zum Konsum von Katzenvideos und um uns mit Fremden im Internet zu streiten*.

Das aktuellste Beispiel für Streitereien des Herrn Kaliban ist ein Nebenschauplatz der großen #aufschrei-Schlacht. Da gab’s nämlich diesen ärgerlichen Beitrag hier. Der wäre mir glücklich entgangen, wurde aber in meiner Sozialmedienblase vielfach verlinkt, als empfehlenswerte Gegenstimme in einer aufgeregten Debatte. Was mich aber nur dazu angeregt hat, der Debatte meine Aufregung überhaupt erst hinzuzufügen. Was wiederum, ach mein Blutdruck.

Aber der Reihe nach.

Der verlinkte Artikel ist von Birgit Kelle, die ansonsten auch für die Junge Freiheit schreibt. Und für das Betreuungsgeld eintritt. Und auch sonst eher nicht allzu viele Positionen vertritt, die vermuten lassen würden, sie sei schon im Jahr 2008 angekommen. Hier jedenfalls spielt sie die uralte Karte, nach der Frauen selber schuld sind, wenn sie nicht züchtig einher gehen.

Wir laufen in Slutwalks durch die Straßen und proklamieren das Recht, wie Schlampen herumlaufen zu dürfen. Gleichzeitig wollen wir aber nicht als Schlampe bezeichnet oder gar behandelt werden.

Mal abgesehen davon, dass das Wort “Schlampe” ziemlich dehnbar ist, liest man hier klar das Kernargument heraus: Wer sich luftig anzieht, will’s nicht anders. Ist ja klar. Geht ja auch vielen Männern so, dass sie betatscht, angequatscht und angegafft werden, wenn sie mal im engen T-Shirt zur Arbeit gehen.

Und die wirklich Armen sind natürlich die Männer:

Nein, mein Gott, ich möchte nicht Mann sein in dieser Welt, in der bereits 13-Jährige mit Push-up-BHs zur Schule gehen. Ich möchte nicht Mann sein in einer Welt, in der man überlegen muss, ob man noch mit einer Kollegin Kaffee trinken kann.

Ja, das geht mir auch so. Sich als Mann die jungen Dinger angucken oder beim Kaffee Bemerkungen über die Brustgröße des Gegenübers enthalten zu müssen, das ist zweifellos schlimmer als als Frau von Kerlen angestöhnt, angemacht, angegrabscht zu werden. Selbstverständlich.

Aber was soll man schon von einem Artikel halten, der mit einem klassischen Strohmann-Argument beginnt:

Vielleicht wäre uns diese ganze Debatte erspart geblieben, wenn an diesem ominösen Abend an der Bar nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney gestanden hätte, um seine Tanzkarte an Frau Himmelreich weiterzureichen. Aber so müssen wir alle teilhaben an dem jämmerlichen Balzversuch des Altpolitikers gegenüber der aufsteigenden Jungjournalistin. Denn die ganze Nummer bekommt einen ganz neuen Dreh, wenn männliche Annäherung auf fruchtbaren Boden fällt.

Sexismus gibt’s nämlich nicht. Es gibt nur unattraktive Männer — wenn ein sexy Mann einem in der Disco die Hand um die Hüfte legt und fragt, ob man nicht mit auf Klo kommen möchte, zu einem raschen Blowjob, dann ist das was ganz anderes als wenn das Kalle der Klempner tut. Dann ist es eine legitime Anmache, die einem vielleicht gefällt, oder?

Der Autofahrer, der an der Fahrradfahrerin vorbeifährt und eine obszöne Geste macht. Der Muscleshirt-träger, der sich in der engen Passage breit macht, damit das Mädchen an ihm langstreifen muss. Die Gruppe Halbstarker, die den beiden Studentinnen, hey, kommt rüber, blast uns die Schwänze, nachruft. Wenn die alle nur aussähen wie George Clooney, dann wären das keine unangenehmen Erlebnisse aus dem Frauenalltag sondern Komplimente. Klar.

Dass Frauen in der Debatte mit derlei “Männerargumenten” kommen, ist auf den ersten Blick verwunderlich, aber natürlich verständlich. Kann man als Mann an sich selber überprüfen: wenn ich immer meinen cholerischen Chef ertragen habe, vielleicht sogar stolz darauf gewesen bin, ihn auslenken zu können, dann mag ich es als Abwertung empfinden, wenn der junge Kollege den Quatsch einfach nicht mitmacht und den Chef einen Spacko schimpft und beim Betriebsrat denunziert. Denn das heißt ja jetzt plötzlich, ich hätte das auch nicht all die Jahre ertragen müssen. Also rechtfertige ich meine Akzeptanz seiner Cholerik mit Euphemismen: “Ist so schlimm ja nun auch nicht gewesen, ich bin immer gut klar gekommen, wenn man ihn zu nehmen wusste, dann ging’s, notfalls konnte man ja auch einfach mal rausgehen et cetera.”

Was immer vergessen wird: Es geht ja in den meisten dieser Situationen gar nicht um Sex oder auch nur um das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, sondern um das Feststellen eines Machtgefälles. Der Brüderle wollte die Stern-Journalistin auch vermutlich nicht aufreißen, sondern nur mal eben klarstellen, wer hier der Herr im Haus ist. Oder meint jemand, der würde zu Frau Merkel auch Bemerkungen über die Tüten machen? Oder eine Christine Lagarde mit anzüglichen Bemerkungen bedenken?

Der Geschäftsmann, der die Kellnerin nach weiteren Dienstleistungen fragt, der Bauarbeiter, der den Schulmädchen hinterherpfeift, der Vorstand, der seiner Sekretärin die Hand aufs Bein legt, der Politiker, der der Journalistin Anmerkungen über ihre Brüste aufdrängt, all diese Männer “flirten” nicht. Die demonstrieren ihre Macht. Die wissen genau, dass ihre Aufmerksamkeiten nicht erwünscht sind, die machen das, weil sie damit davon kommen.

Ein früherer Chef hat sich gerne mal bei (männlichen) Mitarbeitern mit dem Ellenbogen auf der Schulter abgestützt, sich sozusagen in die Personal Bubble gelehnt. Das ist genau dasselbe, eine typisch männliche Übergriffigkeit, die mit einem Machtgefälle einher geht.

Die Welt wäre eine bessere, wenn Leute für derlei Zumutungen immer sofort eine aufs Maul bekämen.

Zum Weiterlesen: Flirtverbot * Keine Lösungen * Derailing * Sagt ihnen nicht, sie hätten sich wehren sollen

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