Eine Falschmeldung — und die Folgen?

by Gunnar on 15. Dezember 2013 · 9 comments

Die Sache ist im Grunde nicht aufschreibenswert, weil schon so oft passiert: Ein Bild-Mitarbeiter schreibt eine falsche Geschichte aus einem US-Portal ab (nicht merkend oder wissen wollend, dass die schon 8 Monate alt und längst dementiert ist); die atemlose deutsche Journaille von Focus bis Stern rennt der Bild nach und verbreitet die Falschmeldung weiter, jedesmal gefällig paraphrasiert. Dutzende Magazine und Zeitungen, renommierte Häuser, nirgendwo eine Sekunde Zeit für Recherche.

Schlimm, ja, aber das passiert ständig, Sack Reis in China also.

Was mich viel mehr interessiert: Wie ist denn das Selbstverständnis der Redaktionen, angefangen mit der Bild? Kriegt der Abschreiber Ärger, eine Standpauke, gar eine Abmahnung wegen Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht? Wird so ein Fall aufgearbeitet, wird der zu einem Beispiel, mit dem man künftig Volontäre erschreckt?

Oder geht das im Rauschen des Alltags unter, wird das zu einem “kann ja mal passieren” oder “das versendet sich” und die härteste Strafe sind die Witzeleien der Kollegen sowie die hochgezogene Augenbraue des Ressortleiters?

Oder feiert man sich gar für die Klicks, klopft sich im Stillen auf die Schulter und denkt, nun, was soll man tun, im Krieg und an der News-Front ist doch wohl alles erlaubt?

Ist eine ganz ernstgemeinte Frage, keine Polemik. Etwa mitlesende Kollegen von Qualitätsmedien mögen bitte antworten, gleich hier oder auch auf FB, wo ich dieselbe Frage auch gestellt habe.

(Aktueller Anlass: http://gutjahr.biz/2013/12/friends-reunion/)

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Marjan Dezember 15, 2013 um 16:53

ich tippe auf klicks feiern. oder ignorieren, denn wie viele meldungen (prozentual) stimmen nicht oder sind outdated im vergleich zu den zutreffenden abgeschriebenen news? ein wirklicher imageschaden kommt ja kaum auf, zumindest nicht in der masse. wie viele leute glauben wirklich noch, dass an manchen unis männliche professoren mit “professorin” angesprochen werden (die ente des jahres)?

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Gnu im Schub Dezember 15, 2013 um 22:40

Für mich reicht das Googlen nach den “Schittkauer Mühlen” (vor 20 Jahren im Telekolleg mal kennen gelernt)eigentlich aus, um die Bild-Zeitung zu verstehen. Oder ich würde mal bei einer PR-Agentur nachfragen. Die Profis dort sollten eigentlich wissen wie Journalismus in all seinen Facetten funktioniert.

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The fantastic Journalist Dezember 16, 2013 um 08:37

Wieso noch fragen? Einer der besten Lehrsätze der Mama war doch früher in der Schule: “Wenn dich andere ärgern, ignorier sie, dann hören die von ganz allein auf wenn sie merken, dass es dir egal ist!” Dass sollte ganz Deutschland (oder besser der große seltsame Teil der Bevölkerung, der dieses Blatt liest) langsam mal mit der BILD machen. Damit wäre uns allen geholfen. Da würde sich bestimmt auch der Lehrer in der Schule freuen, wenn das Elternhaus seinen Kindern mehr mitgeben kann als die Ideologie einer schwarz-rot-weißen Titelseite…

Just my two cents…

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Gunnar Dezember 16, 2013 um 16:26

Schlimmer als den Fehler des BILD-Kollegen finde ich eigentlich, dass die Qualitätsmedien alle abschreiben. Immer schön leicht umformuliert (als sei das die notwendige Eigenleistung), aber nicht mal kurz versucht, per Recherche was hinzuzufügen.

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The fantastic Journalist Dezember 17, 2013 um 09:50

Keine Frage. Da sollte man eigentlich mehr erwarten können. Aber vielleicht ist das ja nur ein weiteres Zeichen für die negative Auswirkung der BILD-Schreiberei auf den menschlichen Geist…

Ralf Dezember 18, 2013 um 00:35

Ich habe die örtliche Tageszeitung vor Jahren abbestellt als ich merke, daß gut 70% des Inhaltes von mir am Abend vorher online schon gelesen wurden. Wortgleich, wohlgemerkt. Also nix als Copy & Paste von dpa & Co.
Das mich Lokalnachrichten noch interessieren würden, mir diese aber nicht mal heutzutage als einzelne Artikel oder von mir aus auch einzelnes Ressort online zum Kauf per Micropay , Teilabo oder sonstwie angeboten werden, ist noch ein anderes Thema. Wenn ich dann das Gejammer mancher Zeitungen höre, fehlt mir jedliches Verständniss.

Half-knowing author Dezember 18, 2013 um 12:00

Ja. Ja. Ja. Richtig, die BILD ist wohl jedem ein Gräuel. Das Dumme daran ist wohl nur, dass man an ihr nicht vorbei kommt, sei es räumlich, psychisch, im Netz, selbst im Mäcces nebenan kann man sie sich kaufen. Soweit der Konsumentenanteil. Spiegel, Focus und Konsorten können das leider auch nicht ausblenden. Es wurde mal irgendwo erwähnt, dass das Blatt einen unheimlich großen Informantenhintergrund besitzt und damit die Zügel in der Hand hat.

Das Beispiel von der Schule hilft da leider nichts. Wenn man für sich den Prügelschüler ignoriert, kann das funktionieren, doch hat der seine Clique hintendran, die dich noch weiter hänselt. An den hängt man sich eben auch dran, wenn man nicht selbst Opfer werden will. Da brabbelt man lieber den Blödsinn von ihm nach, anstatt Mut gegen ihn aufzubringen . leider.

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Thankmar Dezember 16, 2013 um 12:13

Ich tippe auch auf feiern. Bei allen anderen Möglichkeiten müsste mit den Jahren ja so eine Art selbstoptimierender Effekt einsetzen.

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Knut Dezember 23, 2013 um 12:29

Falschmeldungen: Hoax-Jäger enttarnen Märchen im Internet

Rattengift auf Cola-Dosen, Bandwürmer in der Sushi-Box, Stecknadeln im Kinosessel: Falschmeldungen verbreiten sich auf Twitter und Facebook so schnell wie nie zuvor. Hoax-Jäger versuchen sie aufzudecken, doch manchmal fallen selbst Profis darauf herein.

=> http://www.spiegel.de/netzwelt/web/hoax-jaeger-enttarnen-falschmeldungen-im-internet-a-940611.html

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