Re: Volksabstimmung in der Schweiz

by Gunnar on 10. Februar 2014 · 23 comments

Hintergrund: Die Schweizer Bevölkerung hat die Initiative “Gegen Masseneinwanderung”, gesteuert von der rechtsliberalen SVP, in einer Volksabstimmung knapp angenommen. Die Initiative fordert eine Begrenzung des Zuzugs und eine Neuverhandlung der bilateralen Verträge mit der EU, in denen es um Personenfreizügigkeit geht.

Faktoid: Die drei Kantone mit den höchsten Ausländeranteilen (Genf, Waadt und Basel-Stadt) haben gegen die Zuzugsbegrenzung gestimmt; die drei Kantone (Uri, Nidwalden und Appelzell Innerrhoden) mit der niedrigsten ausländischen Wohnbevölkerung haben dafür gestimmt.

Ja, das ist eine tendenziöse Argumentation, sich da einfach was rauszugreifen, aber das Faktum ist schon auffällig. Deckt sich ja auch mit den Erfahrungen in Deutschland, wo die schlimmste Ausbrüche von Ausländerfeindlichkeit in Gegenden stattfinden, wo wenig oder keine Ausländer wohnen. Ausnahme: Gegenden, in denen Ausländer in der Mehrheit sind, da gibt es auch Reibereien.

Küchenpsychologisch würde ich das mal so verdeutlichen:

Nehmen wir an, du arbeitest in einer Firma in Deutschland mit Engländern und Deutschen, hauptsächlich Deutschen. In Meetings wird Deutsch gesprochen. Ist ein Engländer dabei, müssen die Deutschen alle auf Englisch wechseln.

Liegt der Engländer-Anteil unter 5 %, sind die meisten Meetings auf Deutsch. Meetings mit englischen Kollegen sind unbeliebt, weil man die Sprache wechseln muss. Man denkt, nun, die Herren Insulaner können jetzt aber auch mal deutsch lernen. Kann so schwer ja nicht sein.

Liegt der Engländer-Anteil bei 30%, gibt es fast keine Meetings ohne Engländer, alle sind gewöhnt, ständig Englisch zu reden, niemand stört sich daran. Internationales Flair entsteht, manchmal gibt es lustige Rivalitäten in der Betriebssportmannschaft oder bei abendlichen Kneipengang.

Liegt der Engländer-Anteil bei 60 %, spricht man die ganze Zeit Englisch und es beginnt einem aufzufallen, dass in der Kantine erstaunlich oft Plumpudding serviert wird, dabei ist doch Plumpudding bekanntlich ungenießbar. Und dass am Geburtstag der Queen keine Meetings stattfinden dürfen, das geht doch jetzt aber zu weit. Und was sollen überhaupt die Liverpool-Fahnen im Aufenthaltsraum. Wo sind wir denn hier?! Verdammte Inselaffen!

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Gunnar Februar 10, 2014 um 11:10

Ja, das ist jetzt kein allzu kohärenter Beitrag, I know. Aber die Betrachtung mit der deutschen-englischen Firma, geschrieben für einen FB-Kommentar, fand ich zu hübsch, um sie im Massengrab Facebook versauern zu lassen.

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Marco Februar 10, 2014 um 11:39

Falls die ausländische Bevölkerung allerdings mit abstimmen durfte, liegt eine andere Erklärung wohl noch näher:
Unter der Annahme, dass die Eingewanderten gegen die Zuzugsbegrenzung sind (was ich mir gut vorstellen kann), ist es nicht verwunderlich, dass bei einem sehr hohen Ausländeranteil auch sehr viele Stimmen gegen das Gesetz zustande kommen.

Die Analogie mit der Firma gefällt mir aber dennoch sehr gut.

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goschi Februar 10, 2014 um 16:56

Die ausländische Bevölkerung kann aber nicht abstimmen.
Willst du damit aber der schweizer Bevölkerung unterstellen, dass sie ohne Ausländer nicht fähig ist kontrovers über ein derartiges Thema zu diskutieren und es nicht möglich ist, dass die Schweizer selbst nicht alle Fremdenfeindlich sind?

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Gunnar Februar 10, 2014 um 18:35

Das hat ja nun niemand gesagt.

Marco Februar 10, 2014 um 20:57

Wie Gunnar schon treffend bemerkt hat, ist dies in keinster Weise meine Absicht gewesen (da fühlt sich wohl jemand auf den Schlips getreten?…)
Die Logik ist folgende: Angenommen, wir fragen 100 Personen, ob sie dafür oder dagegen sind. Der Einfachheit halber nehmen wir mal an, die Schweizer teilen sich gleichmäßig auf dafür und dagegen auf. Allerdings nehmen wir auch an, dass alle Ausländer auf jeden Fall dagegen sind.
Fragen wir die erste Personengruppe a 100 Personen, die ausschließlich aus Schweizern besteht, so ergeben sich 50 Stimmen dagegen.
Fragen wir nun eine weitere Personengruppe aus 100 Menschen, von denen 30 Ausländer und 70 Schweizer sind. Von den 70 Schweizern erhalten wir 35 Stimmen dagegen. Zusammen mit den 30 dagegen-Stimmen der Ausländer ergibt sich somit eine Gesamtzahl von 65 Gegenstimmen.
Das alles ist reine Mathematik; mit vereinfachten Annahmen zwar, aber dennoch ohne Unterstellung irgendwelcher Dinge.

Da die Ausländer Deiner Aussage nach aber nicht abstimmen durften, hat es sich sowieso erübrigt.

Marjan Februar 10, 2014 um 12:31

nitpicking, aber es muss sein. Manchester United sollte nicht mit ManU abgekürzt werden:
http://manutd-germany.de/de/inhalt/don-t-call-us-manu

die schweizer werden von diesem votum noch direkte (fachkräftemangel, bevölkerungsschrumpfung ->sozial- und rentenkassen werden leerer) und indirekte (image-schaden, weniger attraktivität für ausländische firmen, weniger investment, weniger arbeitsplätze, politische isolation) folgen spüren. die befürworter der initiative, also etwa 26% der wahlberechtigten, werden diese folgen aber wahrscheinlich nur mit großer verzögerung erleben und deshalb nicht mit diesem verhängnisvollen entscheid in zusammenhang bringen.

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horst Februar 10, 2014 um 22:59

Ganz ehrlich. Von all dem was du schreibst werden die Schweizer wohl gar nichts merken. Es geht weiter wie immer.

Die Schweiz ist ein kleines Land und platzt aus allen Nähten.Dagegen haben sie etwas unternommen. Ich finde das an sich nicht verwerflich. Ich hätte wahrscheinlich nicht dafür gestimmt, aber man muss auch den Willen der Menschen auch anerkennen. Was wäre mit der Schweiz in 40-50 Jahren wenn sie so weitermachen würden? Dann wäre sie nicht mehr die Schweiz sondern ein belangloses multi-eu-bürger-land mit einem Nicht-Schweizer Anteil von über 50% voller Schnösel die überhaupt nichts mehr mit der Kultur oder dem Land im tieferen Sinn zu tun haben wollen, außer da Leben weils ja so schön ist. Der Gedanke ist , vor allem für Schweizer, weit aus erschreckender. Und auch wenn das die ach so tolle Zukunft ist, die auch wir in unserem Land als die absolute Maxime ansehen sollen wie uns gelehrt wird, so muss man sich auch mal mit der Gegenseite beschäftigen, nämlich dem totalen Identitätsverlust eines Staates bzw Kultur. Da sollte man auch mal drüber diskutieren und nicht imemr nur mit dem Finger auf andere zeigen.

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krustyDC Februar 11, 2014 um 05:00

Und da frage ich, was bitte ist so falsch und angsteinflößend an einem “belanglosen Multi-ER-Bürger-Land”? Die letzten 2000 Jahre betrachtend, was haben getrennte kulturelle Entwicklungen der Menschheit oder der Gesellschaft an sich Gutes getan? Wie arm ist es eigentlich, wenn man sich abgrenzen muss, um sich irgendwo zugehörig zu fühlen?

Manuel Februar 10, 2014 um 16:15

Danke, sehr schön veranschaulicht :)

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goschi Februar 10, 2014 um 16:58

und das ganze derart simplifiziert, dass es falsch ist. ;-)

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Gunnar Februar 10, 2014 um 18:34

Ach, das ist ja immer so beim Vereinfachen. Meine Veranschaulichung beschreibt ein gültiges Muster, denke ich — die Anwendbarkeit auf die Kantone und ihr Abstimmungsverhalten ist fraglich, zugegeben.

tobi wan kenobi Februar 11, 2014 um 10:52

@horst: Wo platzt die Schweiz denn aus den Nähten? Ich sehe diese Probleme nicht, weder in den Zahlen des Bundesamtes für Statistik, noch in den Wirtschaftszahlen, noch im Staatshaushalt.
Ich persönlich erkläre mir das Ergebnis mit der durch Populisten genährten Angst vor dem Fremden und vor dem Verlust des erlangten Wohlstands. Aufgrund dieser Angst werden jetzt die bilateralen Verträge mit der EU, die Hauptpfeiler der Schweizer Aussen- und Wirtschaftspolitik, nonchalant übergangen, um sie durch ein System zu ersetzen, welches meiner Meinung nach die Einwanderungsströme nur marginal beinflussen kann. Dafür riskiert man jetzt einen ganzen Aktenschrank voll Freihandels- und Freizügigkeitsabkommen, in deren Aushandlung wir eine aberwitzige Menge von Geld und Arbeitsstunden investiert haben. Klar können wir darüber debattieren, ob und wie wir die Einwanderung erhöhen/verringern/limitieren/whatever möchten. Aber müssen wir dabei so viel Landschaden anrichten?
Das Dilemma bei solchen Volksabstimmungen ist doch, dass man nur Ja oder Nein antworten kann, in einer Welt, welche viel komplexere Fragen an einen richtet.

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Michael Ritterswürden Februar 11, 2014 um 14:50

Arbeiter?

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qrl Februar 11, 2014 um 18:45

Ich habe einen Traum (oha).

Eines Tages wird es keine Grenzen mehr geben. Es wird keine Länder mehr geben, keine Nationalitäten, keinen Patriotismus. Und keinen Haß. Oder Intoleranz. Die Menschheit wird eine Gemeinde sein, in der Herkunft scheißegal ist und wo jeder dahingehen kann, wo es ihn persönlich hinzieht.

Dass dieser Tag noch in weiter Ferne liegt, sollte klar sein. Und ob dieser Tag überhaupt jemals kommen wird. Vielleicht werden wir uns wegen Grenzstreitigkeiten oder Ressourcenknappheit vorher gegenseitig vernichten. Aber die bloße Vorstellung, dass wir mal irgendwie alle gemeinsam als Menschheit am gleichen Strang ziehen, ist schon irgendwie schön. Und utopisch.

Zwei Schritte vor, einen zurück. Und manchmal auch zwei.

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Markus Februar 12, 2014 um 23:16

Wenn ich etwas zu deinem zwar sehr schönen aber wohl leider unerreichbaren Traum hinzufügen darf: … keine Religion.
So nett der generelle Grundgedanke von Religionen an sich sein mag, so hinderlich empfinde ich sie beim Streben nach einem freundlichen Miteinander. Aus meiner Sicht kann man auch ohne Religion nett zu anderen Menschen sein. Warum muss unbedingt mit Hölle oder Wiedergeburt als Irgendwas gedroht werden, damit sich die Menschen versuchen zu benehmen? Naja, aber ich schweife ab und glaube dass das ein ganz anderes Fass ist, welches hier nicht unbedingt aufgemacht werden sollte.

Ansonsten stimme ich mit deinem Kommentar voll überein.

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Kunizial Mai 28, 2014 um 01:52

(inwiefern auch immer religion mit strafe assoziiert wird…)

Neon Februar 22, 2014 um 23:55

Eine Welt ohne Grenzen mag ein erstrebenswertes Ziel sein, funktioniert aber auch nur mit einer einheitlichen Kultur oder gemeinsamen Werten.

Warum?

Nur Menschen einer Kultur teilen die gleichen Werte und respektieren einander in einem genügenden Maße. Schaut man sich die Länder der Welt an, fällt z.B. auf, dass Einwanderungsländer mit vielen unterschiedlichen Kulturen (USA, Brasilien) deutlich höhere Kriminalitätsraten zu kämpfen haben als Länder mit einheitlicher, (ausländerfeindlicher) Kultur wie z.B. Japan. Wer durch die Erziehung nicht die gleichen Werte erlernt hat, wie seine Mitmenschen, wird diese später auch nicht voll akzeptieren. Ein gläubiger Hindu hat vor einem Steak (Kuh) essenenden Deutschen wahrscheinlich so viel Respekt, wie ein Deutscher vor einem einem Ausländer, der seine Tochter mit 13 an den Sohn eines Bekannten zwangsverheiratet.

Aber wie sollte eine weltweiter Wertekodex aussehen? Welche Sexualmoral gilt? Welche Stellung haben Frauen / hat die Religion / das Alter / die Hierarchie?

Ich fürchte, der Wertekodex mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich weltweit alle Kulturen einigen könnten, wäre bei weitem nicht das, was sich linksliberale Europäer so erwünschen.

Insofern sollte man vieleicht nochmal überlegen, ob eine Welt ohne Grenzen wirklich so erstrebenswert ist, oder ob es nicht doch Sinn macht, wenigstens im eigenen Land dafür zu sorgen, dass die eigene Kultur die Oberhand behällt und sich Einwanderer unterordnen.

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c3p Mai 14, 2014 um 08:41

Vorischt bei deinen Schlussfolgerungen, es gibt vermutlich auch andere kleine (einheitliche) Länder, die eine hohe Kriminalitätsrate aufweisen. Das kann leicht auch an deiner Stichprobe liegen.

Skiver Februar 14, 2014 um 10:41

Hmm schwieriges Thema, wie immer.

Ich persönlich war nie in der Schweiz, kenne keine Schweizer noch eine Person die dorthin auswandern möchte. Habe ich dadurch das Recht sie zu kritisieren?

Die Schweizer haben von ihrem sehr demokratischen Mittel der Volksabstimmung Gebrauch gemacht und sich dazu entschlossen, die Neueinwanderung zu begrenzen. (Begrenzen, wohlgemerkt, nicht aussetzen bzw. verhindern!)
Wenn man der Studie “World Population Policies” der Vereinten Nationen Glauben schenken kann, dann haben die Schweizer bereits im Jahr 2005 22,89 % Einwandereranteil an ihrer Gesamtbevölkerung gehabt. Die inzwischen erweiterte Freizügigkeit der EU dürfte diesen Anteil nochmal erhöht haben.
Dagegen sind es 12,31 % in Deutschland gewesen. Unser Land hat jedoch über 70 Millionen Einwohner mehr und eine größere Fläche als die Schweiz. Wir verspüren hier wahrscheinlich weniger Druck.

Wenn die Schweizer sich nun dazu entschließen, diese Prozentzahl in Zukunft geringer halten zu wollen, ist das ihr Recht. Aber der derzeitige Zirkus ist meiner Ansicht nach völlig überzogen. (gerade in Hinsicht auf die EU-Politik gegenüber Flüchtlingen; bei Interesse einfach mal die Begriffe “Push Back” und “Flüchtlinge” zusammen googeln.)

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lolaldanee Februar 19, 2014 um 00:19

ein paar anmerkungen:
1. ist die debatte in resteuropa schon deshalb scheinheilig weil kein hahn danach gekräht hätte, hätten die schweizer irgendwie die zuwanderung aus nicht EU-Ländern beschränkt, nur diesmal sind “wir” halt auch betroffen – ist schon doof wenn man mal auf einmal auf der “falschen” seite steht, und ein bisschen zu spüren bekommt wie das so ist der minderwertige “neger” zu sein – für den einen oder anderen vlt ganz heilsam (auch wenn ich das nicht glaube, der mensch lernt ja nix)

2. kann ich die schweizer sehr gut nachvollziehen, schon aus meiner eigenen situation heraus, die etwa dem 60% engländer beispiel entspricht
ich bin bayer, und auch mit der bayrischen sprache als muttersprache im großraum münchen aufgewachsen – kann aber in diesem teil des landes oft genug kaum mehr die eigene sprache sprechen ohne wie ein auserirdischer angeschaut zu werden
bayern hat in den letzen jahrzehnten (natürlich vor allem seit dem fall der mauer) einen derartigen zuzug an deutschen (wie einst herrn lott, *hust* ;) ) in den großen städten erlebt, dass dort die eigene kultur quasi schon so gut wie ausgestorben ist ( oder was noch schlimmer ist: durch pseudo-kultur der marke oktoberfest-kitsch ersetzt wurde)
falls nicht bald ein großer krieg uns in die steinzeit zurückbombt wage ich zu behaupten dass ich der letzen generation angehören werde die noch flächendeckend bayrisch spricht, die sprache und mit ihr die kultur wird wohl sehr bald nach dieser generation auch schon im rest des landes aussterben
da stellt sich wirklich das gefühl ein ein fremdkörper im eigenen land zu sein, es ist wie auswandern in eine fremde kultur ohne ausgewandert zu sein, alles fremd und unglaublich anstrengend für die simpelste kommunikation
nun ist es eigentlich absolut müßig sich über so etwas aufzuregen, die ganze menschheitsgeschichte ist ein wandel von kulturen, aber begeistert muss man deshalb noch lange nicht sein darüber, und ich kann die schweizer wirklich verstehen dass sie ihre identität wahren wollen

3. ich bin mir 100% sicher es wird keine wirklich ernsthaften konsequenzen für die schweizer seitens der EU zur folge haben, ich traue nicht einem der im EU parlament sitzenden sogenannten politiker zu genug rückrat zu um sich auch nur auf konkrete aussagen festzulegen – die werden ein bisschen bellen, und nicht mal das ordentlich, aber beißen ganz sicher nicht

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paulie Februar 22, 2014 um 16:24

Geiler blog

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goschi März 2, 2014 um 16:18

Der Zusammenhang scheint nicht direkt gegeben zu sein, obwohl die Vermutung nahe liegt, siehe hier:

http://blog.derbund.ch/datenblog/index.php/668/je-weniger-auslaender-desto-mehr-ja-stimmen-wirklich

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