Altherrenweisheiten

 Ich hatte mir, wie ich kürzlich in einer alten Mail an mich selber wieder entdeckte, 2008 mal den Vorsatz gesteckt, auf dieser Seite mehr Interviews und Gespräche zu veröffentlichen. Ich fange damit jetzt mal an, no time like the present.

Ich sprach mit Petra Fröhlich, Spielejournalistin der ersten Stunde, über Frauen in der Branche, Jobchancen für Einsteiger und ihre persönlichen Spielevorlieben.

[Klicken und weiterlesen]

post

Leben in Himmelsrand

10. Dezember 2011 · 7 comments

Mythic Entertainment, das ist eine MMO-Firma aus Fairfax (Virginia, USA), die später zu EA Mythic, dann wieder zu Mythic Entertainment und schließlich zu Bioware Mythic wurde. Aber das ist eine lange Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Besagte Firma also besuchte ich mal, Anno 2006, es ging um einen Artikel über Warhammer Online, den ich zu schreiben hatte. Ich verbrachte einen schrecklichen Tag in Fairfax, weil ich schwer erkältet ankam (aber das ist noch eine andere Geschichte). Am Rande des Besuchs traf ich das freundliche Team von Dark Age of Camelot, Mythics bekanntestem Titel (das Online-Rollenspiel von 2001, ihr erinnert euch), und führte ein nettes Gespräch mit einem der Entwickler. Der Herr sagte eine Sache, die mir eigenlich instinktiv klar war, die ich aber bis dahin so nicht hätte benennen können — bei Rollenspielen, besonders aber MMOs, findet ein wesentlicher Teil des Spielens abseits vom PC statt. Oder anders: Rollenspiele sind, trotz Charakteridentifikation und Story und ausgefeilter Welt, Spiele, in die man nicht einsinkt, wie in ein Action-Adventure oder einen Ego-Shooter.

Rollenspiele lebt man.

Ein Vergleich, um es zu verdeutlichen: Wenn ich, sagen wir, Crysis 2 spiele, so ist das eine intensive Erfahrung, wie bei einem Kinofilm — ich bin in jeder Sekunde angespannt und voll dabei, ducke mich instinktiv unter den Kugeln weg und darf nicht gestört werden, sonst geht mein Erlebnis kaputt. Wenn ich aber aufhöre, ist es erstmal vorbei. Wenn ich, was Gott verhüten möge, World of Warcraft spiele, so ist das eigentliche Spielen weniger wichtig, ich kann beim Spielen auf dem zweiten Monitor Mails checken, eine Pizza essen und mich mit der Katze unterhalten. Aber in meinem normalen Tag ist das Spiel ständig präsent: Ich denke über meine nächsten Wege nach, über Skillungen, über Orte, die ich besucht habe. Und ich rede mit Freunden über meine Taktiken, meine Erlebnisse, meinen Charakter. Es gibt ja so vieles, mit dem man sich beschäftigen kann.

Klingt jetzt einigermaßen trivial, aber der Gedankenansatz erklärt zum Teil die dauerhafte Faszination von (Online-)Rollenspielen. Mir fiel das alles gerade wieder ein, weil mich Skyrim jetzt schon einige Zeit so begleitet, wie andere Leute das von WoW kennen. Naja, nicht ganz so, aber es geht in die Richtung. Ich bin sogar so weit gegangen (was ich seit Fallout 3 nicht mehr getan habe), die Hauptquest abzubrechen und systematisch Nebenquests zu suchen. Weil ich nicht will, dass das Spiel endet.

Ach, es ist schon schön in Himmelsrand.

Am Rande: Der Typ von Mythic nannte Rollenspiele “beardy games” (und machte dabei die Geste des sich nachdenklich am Bart Kratzens). Nett. Ich glaube, wir bezeichneten früher, zu Warhammer Tabletop-Zeiten, die überehrgeizigen Regelfetischsten als “beardy”. Keine ganz falsche Analogie.

[Dies ist eine minimal aktualisierte Neufassung eines alten Blogposts.]

quote

RPU und CCU

11. Oktober 2011 · 8 comments

Warren Spector, kreativer Kopf hinter Deus Ex, gefallen Teile der aktuellen Spielebranche nicht so recht.

Wacky idea: we keep the death penalty, but if they are later found innocent, the Governor is guilty of murder and gets the death penalty.

[Ron Gilbert, heute morgen auf Twitter]

quote

Zeitgemäße Actionspiele

20. September 2011 · 5 comments

Ab sofort haben einige Dinge in zeitgemäßen Actionspielen nichts mehr zu suchen. Etwa Gegner, die wenig mehr als Kanonenfutter sind. Oder enge Levels, in denen man sich fühlt wie die Maus im Schuhkarton. Außerdem beweist Unreal, dass 3D-Action auch ohne übertriebene Gewaltszenen einen Heidenspaß macht.

(Action-Experte Peter Steinlechner spricht schon in GameStar 7/1998 der späteren Modern Warfare-Serie die grundsätzliche Existenzberechtigung ab.)

——————-

quote

Zitat von Friedrich Dürrenmatt

15. September 2011 · 2 comments

Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall treffen.

[Friedrich Dürrenmatt *]

In diesem Zusammenhang: Die Mechanik des Zufalls

post

Für Siri (ein Versuch)

12. September 2011 · 45 comments

Herr Kaliban hält eine leicht altväterliche Rede an seine Tochter, die das hier gottlob noch nicht lesen kann.

Zuerst das Wichtigste: Niemand sollte mit 16 Entscheidungen treffen, die auf das ganze Leben Auswirkungen haben. Mach also keine Experimente mit Feuerwaffen oder Tätowierungen oder Verhütungsmitteln.

Oder mit Drogen. Eine einzige Zigarette zu rauchen, beispielsweise, bedeutet folgendes: das ganze Leben lang ein Verlangen nach Zigaretten zu verspüren. Und wenn sich die Drogen gesellschaftlich schon nicht vermeiden lassen, arbeite mit einem Plan: Wenn Du zu trinken vorhast, wähle ein Getränk und bleibe dabei, den ganzen Abend.

Wähle früh dein Hobby und bleibe dabei — wenn du mit 40 noch das Hobby betreibst, dass du mit 16 begonnen hast, stehen die Chancen gut, dass du es dir jetzt lässig leisten kannst.

Sei höflich, das kostet nichts und sieht gut aus: Öffne Leuten die Türen, benutze den Warentrenner im Supermarkt, bleibe nicht am Ende von Rolltreppen stehen. Und: Trolle nicht in Foren oder Kommentarspalten.

Gib ausreichend Trinkgeld.

Vermeide die Verwendung von Emoticons außerhalb von Chats. Und meide ihre Verwender.

Wenn du wissen willst, ob jemand wirklich schlau ist, beantworte diese einfache Frage: Wie gut beherrscht er seine Muttersprache?

Verlasse dich nicht auf’s GPS auf Ampelfarben oder Vorfahrtsschilder, verlass dich auf deine Augen.

Das Leben ist eine Bühne, und du wirst nicht vermeiden können, Rollen zu spielen — aber such’ sie dir gut aus und lege sie so an, dass du nah an dir selbst bleibst. Zu viel Verstellung vergiftet die Seele. Vor allem anderen gilt das für die Liebe.

Verschwende deine Jugend, das ist besser als die Alternative.

Verlasse die Heimat früh, sonst bereust du das Zögern. Aber vergiss nie, dass niemand anderswo deine Sprache genau richtig spricht. Und halte immer die Option der Rückkehr offen.

Glück ist, trotz aller Versuche, nicht erforschbar. Glück ist freies Geld, guter Sex, ein Railgun-Treffer in Quake Live, eine Zwei in Sachkunde. Finde heraus, was dich glücklich macht und halte es fest, notfalls gegen alle Widerstände.

Niemand weiß, ob es Gott gibt, aber Religionen sind tröstlich, für die, die glauben können. Aber egal, was die Priester sagen: In die Hölle kommt nicht, wer Sex mit dem falschen Geschlecht hatte, sondern nur die, die anderen Menschen ihren Willen gewaltsam aufgezwungen haben.

Du bist nicht dumm: Wenn du etwas nicht verstehst, hat es der Lehrer nicht gut erklärt. Sei nicht zickig, aber verlange, was dir zusteht.

Erfolg jeder Art ist stets eine Frage von Präzision, vom gelungenen Witz über den Fernschuss in den Winkel bis zur gloriosen Markteinführung einer Software. Hoffe nicht auf den Zufallstreffer.

Sei nett zu deinen Eltern, versuche, ihnen möglichst früh zu verzeihen. Am Ende tust du es eh, es ist nicht nötig, all die Jahre zornig zu sein.

Wunder geschehen, Katastrophen passieren. Nicht alles ist vermeidbar, nicht alles ist planbar. Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Hake Niederlagen rasch ab, nimm Siege sportlich und mit Demut. Schon wenn du das schaffst, hast du mehr erreicht als zwei Drittel der anderen Leute.

Halte an Freundschaften fest, auch über lange Distanzen. Menschen, die dich mit 20 kannten, haben ein besseres Bild von dir als Menschen, die dich mit 40 kennen lernen.

Rede nicht (allzu) schlecht über andere, Lästereien machen schlechtes Karma. Gib keine ungefragten Ratschläge und sprich keine ungefragten Beurteilungen aus.

Bedenke bei der Partnerwahl folgende Gesetzmäßigkeiten: 1. Die für dich attraktivste Person ist, nach normalen Begriffen, ungefähr so attraktiv wie du. Vielleicht ein bisschen mehr. 2. Du wirst dich selten wirklich angezogen fühlen von Menschen, die dich ablehnen. Der Gelegenheit folgt die Fantasie folgt die Anziehung. 3. Frauen werden angezogen von Stärke, Männer von Verletzlichkeit. Außer, wenn es anders herum ist.

Und unabhängig davon: Vermeide asymmetrische Beziehungen.

Finde die Musik, die zu dir passt. Tipp: Die beste Musik erschließt sich nicht beim ersten Hören.

Versuche, ein paar Fertigkeiten wirklich gut zu beherrschen. Es gibt wenig im Leben, was mehr Spaß macht als das Gelingen schwieriger Tätigkeiten oder das Lösen kniffliger Aufgaben.

Tierliebe ist, wie das Rauchen von Haschisch, eine Frage der Dosierung. Ein bisschen macht dich möglicherweise zu einem besseren Menschen; zuviel macht dich merkwürdig.

Dissonanz ist wichtig, aber behalte Augenmaß: Niemand mag dich, weil du recht hast.

Sei kein Behalter. Das Aufheben von Sachen fesselt dich.

Das Multitasking kann deine Generation sicher besser als meine, aber bedenke, wie gut man ist, wenn man sich auf etwas voll konzentriert, sei es ein Gespräch, eine Aufgabe oder auch nur das Lesen eines Textes.

Versuche, mehr Fotos von Menschen als von Gebäuden zu schießen.

Wenn man ein Kind kriegt (und über das erste Jahr hinweg ist), wünscht man sich, man hätte es früher bekommen. Bedenke das bei deiner Lebensplanung.

Hab keine Angst. Probiere Dinge, die dich ängstigen. Iss exotische Lebensmittel, sprich fremde Leute an.

Finde eine Fahne, mit der in der Hand du die Barrikaden stürmen würdest. Schließ dich einer guten Sache an, kämpfe für ein Ideal. Vergieße Herzblut, immer wieder.

———–

Inspiriert von Mary Schmichs großartigem Text Advice, like youth, probably just wasted on the young, der später von Baz Luhrmann gewinnbringend vertont wurde.

———–

post

Stay Forever #2

10. September 2011 · 10 comments

Etwas eher als geplant ist die zweite Folge von Stay Forever fertig, dem Retro-Games-Podcast von Christian Schmidt und Gunnar Lott. Das Thema ist “Ion Storm!”, wir reden über Warren Spector und Deus Ex.

Das Gespräch dauert eine dreiviertel Stunde; und wir verlieren kein Wort darüber, wie Spielekritik sein sollte. Gottseidank.

Vielleicht mag’s sich ja jemand anhören, ein Klick auf das Bild bringt euch hin:

Wir freuen uns über nette Worte, Feedback, Verlinkungen und Empfehlungen. Auf iTunes gibt’s das Ding auch, natürlich. Der direkte Feed für Podcatcher ist hier.

post

Podcast: Stay Forever

29. August 2011 · 30 comments

Überraschung!

Christian Schmidt, seines Zeichens Ex-Stellvertretender Chefredakteur von GameStar, und Gunnar Lott, Ex-Ex-Chefredakteur selbiger Zeitschrift, haben sich zusammengetan, um ein sensationelles neues Medienangebot zu erschaffen!

“Stay Forever” ist ein Podcast, in dem Herr Schmidt und Herr Lott über alte Spiele philosophieren. Frei gesprochen, ohne Skript und Rubriken. Ja, es ist den Herren auch nicht klar, wer außer ihren Müttern oder Brüdern das aufregend finden sollte.

Aber hey, die geneigte Leserschaft möge sich ein eigenes Urteil bilden, ein Klick auf das Bild bringt euch hin:

Wir freuen uns über nette Worte, Feedback, Verlinkungen und Empfehlungen. Auf iTunes gibt’s das Ding auch, natürlich.

post

Früher war gar nichts besser

23. August 2011 · 17 comments

Ein Beitrag, in welchem Herr Kaliban Content recycelt und in Erinnerungen schwelgt, was möglicherweise dassselbe ist.

Kürzlich erwiderte mir ein junger Kollege auf meine harmlose Bemerkung, der rollbare Koffer an sich sei möglicherweise die beste Erfindung seit dem heißen Wasser, mit Unverständnis in den Augen, dass er sich an keine Zeit erinnern könne, in der es keine Rollkoffer gegeben habe. Aufgrund des in diesem Gespräch erlittenen Realitätschocks muss ich jetzt mal wieder dem jungen Publikum darlegen, wie’s damals war.

Also, das Internet gab es nicht. Gar nicht. Erst in den Neunzigern, viele Jahre nach meinem Abitur, fing das mit dem World Wide Web an. Und nur zaghaft wagten sich die Massenmedien an die Berichterstattung über das Phänomen:

Und vor allem ästhetisch gab es dabei immer wieder Rückschläge: Surfen Multimedia!

Und überhaupt.

Ihr mögt es nicht glauben, aber früher, als wir jung waren…

… haben wir Lieder aus dem Radio aufgenommen. Auf Kassetten. Stundenlang gewartet, dann vor Schreck zu spät auf “Aufnahme” gedrückt und am Ende hat der blöde Moderator reingelabert. Übrigens: Wenn die Lieder erstmal auf der Kassette waren, gab es keine Möglichkeit mehr, die Reihenfolge zu ändern.

… gab es drei Fernsehsender. Drei! Und keiner davon sendete Musikvideos oder Zeichentrickfilme. Die glücklichen Leute in Süddeutschland hatten noch ORF, wir im Norden mussten uns mit DDR 1 als Extra-Sender begnügen.

… konnten wir Haus- oder Seminararbeiten nicht aus dem Internet abschreiben. Wir mussten uns den ganzen Text SELBER AUSDENKEN oder die igelhaarige Brillenschlange aus dem Parallelkurs bestechen, damit er uns das aufschreibt. Es soll vorgekommen sein, dass Studenten oder Schüler zu Recherchezwecken Bibliotheken aufgesucht haben.

… gab es in der Schule keinen Kopierer. Wenn der Lehrer was vervielfältigen wollte, machte er Abzüge von Wachsmatrizen mit einer absurden Maschine. Die Abzüge waren lila auf gelbstichig, stanken erbärmlich, und vermutlich kriegen wir deswegen irgendwann alle Krebs.

…machten Geschäfte unter der Woche um 18:00 zu. Zack. Und wer am Wochenende einkaufen wollte, musste das bis 12:00 (in Städten: 14:00) erledigt haben. Die Freizeit der Gewerkschaftsmitglieder war heilig. Erschwerend kam hinzu: Tankstellen haben damals nur Benzin verkauft, nicht etwa Bierkästen, Grillkohle und Kuchen.

… haben wir uns im Restaurant, wenn die Wartezeit auf das Essen lang wurde, noch mal eben eine Zigarette angesteckt. Denn nach Murphy’s Gesetz kommt das Essen immer dann, wenn man noch eine halbe Zigarettenlänge vor sich hat.

… hatten wir zwar schon Computer (C-64! Amiga!), aber sehr lange ohne Internet und E-Mail. Ich war so um die 24, als ich meine erste E-Mail-Adresse bekam — und musste mich, um die Mails “abzuholen”, extra mit dem Modem in eine “Mailbox” einwählen. Die Mailbox hatte auch Boards zwecks Meinungsaustausch und Trollerei sowie Pornobildchen in schlechter Auflösung (oder gleich in ASCII-Zeichen, wie Hazamel anmerkt). Eigentlich fehlte nix, so gesehen.

… gab es Apfelsorten wie “Roter Pariner” oder “Altländer Pfannkuchenapfel”. Hunderte, von Landstrich zu Landstrich unterschiedliche. Nicht nur “Golden Delicious” oder “Fuji” wie heutzutage.

… haben TV-Moderatoren zuweilen Sätze wie “Oh, ich glaube, das müssen wir für unsere Schwarzweiß-Zuschauer einmal erklären” gesagt. Und warum? Weil das Fernsehen früher NICHT FARBIG war! Beim Fußball früher hatte der Schiedsrichter extra die rote Karte in der Gesäßtasche und die gelbe in der Hemdtasche, weil im S/W-Fernsehen gelb von rot kaum zu unterscheiden ist. Daher auch der Ausdruck “Arschkarte”.

[Weitere Erinnerungen dieser Art gibt's im Beitrag Botschaften an die Jugend, der Anno 2009 hier im Blog lief und zu schön ist, um in Vergessenheit zu geraten. Wer mag, kann gerne noch Ergänzungen beisteuern, dort oder hier.]