Best of Kaliban

Ach, das Netz ist so gefährlich

by Gunnar on 20. November 2012 · 48 comments

Vor ein paar Tagen hat die SZ, mit der mich eine Hassliebe verbindet, einen dieser Artikel über das böse Internet und den Untergang des Abendlandes online gestellt. Habe nur kurz drüber geschaut, die Klick-Bildergalerie “Die größten Selbstdarsteller im Netz” gesehen, dann bin ich wieder gegangen. Dann wider besseres Wissen nochmal quer gelesen, Halsaderschwellung bekommen und wieder gegangen. Dann nochmal ganz gelesen.

Es gäbe am Artikel ein, zwei, dreißig Dinge zu bekritteln, aber danach steht mir nicht der Sinn, eigentlich wiederholt er nur die üblichen Vorurteile. Wenn in ein paar Foren ein paar Leute irgendwas Blödes machen, ist es der rechtsfreie Raum im Internet, den man nicht dulden darf und die “Schwarmfeigheit” der anonymen User. Das kann man schon mal sagen, an vielen Stellen im Netz ist der Umgangston nicht sehr zivil. Aber immer so zu tun, als sei das ohne Präzedenz und ein reines Netzphänomen, das ist eine Verzerrung. Propaganda. Man erinnere sich an den Irrsinn der Titanic seinerzeit, die Sache mit der “Bestechung” der Fifa-Funktionäre. BILD veröffentlichte die Telefonnummer der Redaktion und ein paar Hundert oder Tausend Leser riefen an und wünschten der Titanic Übles (inklusive “Sie gehören ins KZ” und so). Ein Mob, im Schutze der Anonymität des Telefons, orchestriert von einem Boulevard-Medium. Wo war da die Debatte in den Qualitätsmedien, wo war der Aufschrei der SZ-Redaktion?

Jaja, man soll derlei Dinge nicht vergleichen, aber die Welt ist überall schlimm, wo Menschen ein bisschen in eine Richtung geschubst und von der Verantwortung für ihr Handeln befreit werden, das wurde ja schon hinreichend bewiesen. Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, ist das breite Netz geradezu überraschend zivil. Kein Grund, da immer gleich das Ende der Schöpfung auszurufen. “Wer zahlt für die Folgen versehentlich einberufener Facebook-Partys” barmt die SZ-Autorin scheinheilig, ohne einen Gedanken dran zu verschwenden, wer eigentlich dafür zahlt, wenn mal wieder drei Leute von einer Brücke springen, weil eine Lokalzeitung entgegen dem Konsens der Medien, Selbstmordschauplätze nicht zu erwähnen, eine Selbermördermeldung mit einem Foto garniert hat.

Aber das alles ist wie erwartet. Die Autorin, Alexandra Borchardt, immerhin CvD der Zeitung, ist halt in den 40ern und hat schon eine schöne Karriere in den Printmedien hinter sich, da greift die alte Douglas-Adams-Regel*: “Anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it.”

[EINSCHUB]
Das klingt, als würde ich denken, das Leute über 40 das Internet nicht verstehen. Aber ss geht nicht ums Verstehen. Es geht ums Nutzen und sich Wohlfühlen und Teilhaben.

Surfen und googeln und e-mailen und dropboxen und ein bisschen twittern, das ist nicht das Internet. Das können alle. Verständnis für dieses Medium mit all seinen Chancen und Problemen gewinnt man so nicht. Dazu hilft es, seinen Freundeskreis auf FB zu haben, Diskussionen bei Reddit zu führen, in Foren unterwegs zu sein, seine Infos aus einem 500 Quellen umfassenden RSS-Feed zu saugen, Wikipedia-Artikel zu schreiben, keine Ahnung, all das und mehr.

Meine vierjährige Tochter kommt nicht mehr auf die Idee, sich mit einem “Weiß ich nicht” zufrieden zu geben — wenn sie wissen will, was ein Ozelot ist und ich nur grob sagen kann, nun, das ist ein Tier, ein, äh, Raubtier mit Fell und so, dann sagt sie, “Papa, guck’s doch rasch auf dem iPad nach”. Das ist das, was das Adams-Zitat meint. Für meine Tochter gibt es keine Welt ohne Computer in der Hosentasche, ohne “Always On”, ohne Internet in ständiger Reichweite.

In meinem Leben (ich bin ja auch über 40) begann das Internet erst, als ich schon im Studium war. Meine erste E-Mail-Adresse war caliban@liteline.mcnet.de, um sie abzurufen, musste ich mich bei einer Mailbox einwählen. Ich habe volles Verständnis für Leute, die nicht mehr alles mitmachen müssen, mich stört nur die Glorifizierung des Alten (“Guten Journalismus gibt’s nur in Print”, “Eine Welt ohne Bücher aus Papier wäre eine verarmte Welt”, blabla) und die Verleumdung des Neuen (“Twitter ist nur weißes Rauschen”; “Auf FB schreiben Leute nur über die Pizza, die sie gerade essen”; “die User wollen alles umsonst, das ist das Ende der Kunst” und so weiter).

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Viel ärgerlicher als all die oft gelesene Behauptungen, Verkürzungen und Pauschalisierungen (der Klassiker, die Urheberrechtskritiker pauschal “Urheberrechtsgegner” zu nennen, ist auch wieder dabei) ist ein Zitat einer Passauer Professorin, Barbara Zehnpfennig, das sich im Artikel findet:

Denn vollkommene Transparenz zerstöre, vor allem wenn sie mit großem Zeitdruck verbunden ist, die Schutzräume, in denen Demokratie erst gedeihen kann: Diskretion und Diplomatie, die Zeit zum Reifen von Überzeugungen, der öffentliche, von Medien gebündelte Diskurs.

Schön gesagt, aber ist nun wirklich das ungefilterte Denken der Eliten.

Genau so hätten sie’s gern. Keine Mitbestimmung, keine Transparenz, nur der Klüngel und die Hinterzimmer. Und die großen Zeitungen als ideologischer Türwächter, die der ungewaschenen Bevölkerung die Sache so oder so erklären. Die schöne alte Welt, in der Journalisten saftige Geheimnisse erzählt kriegen (und sie nicht weiter erzählen), in der Politiker unenttarnt Mätressen unterhalten können, in der Bauprojekte nach Nase und Gegengefallen vergeben werden.

Da möchte man doch schreien. Transparenz ist die einzige Waffe, die wir haben, gegen die Leute, die das Land schädigen, um des eigenen Egos und des eigenen Vorteils willen. Gegen die Leute, die uns zu einer internationalen Lachnummer machen, weil unser Bundestag es nicht für nötig hält, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren (denn da wäre ja, oh Graus, eine Erweiterung des Straftatbestandes der Abgeordnetenbestechung nötig). Gegen die Leute, die sich den Staat zu eigen machen und das Wohl des Volkes der Ratio der Wahlkämpfe unterordnen.

Aber nun. Das ist natürlich alles kein Problem, die SZ sorgt sich lieber um raubkopierende Jugendliche und Facebook-Partys und um die Diskretion in der Demokratie.

Politiker und Nebentätigkeiten

by Gunnar on 9. November 2012 · 15 comments

Habe mal, wie es das Recht eines Bürgers ist, mir die Freiheit genommen, einen Brief an meinen Abgeordneten zu schreiben, der gestern (als CDU-Mann nicht überraschend) mit seinen Kollegen gegen die Offenlegung der Nebeneinkünfte von Abgeordneten gestimmt hat. Was ich, Parteipolitik hin oder her, für einen Skandal halte. In anderen Ländern ist ja die Demokratie auch nicht zusammengebrochen, weil man da ein bisschen offener sein muss.

Vielleicht fühlt sich ja jemand inspiriert.

Sehr geehrter Herr Wellenreuther,

mit Bedauern habe ich zur Kenntnis genommen, dass Sie mit Ihrer Fraktion gegen eine größere Transparenz bei den Nebentätigkeiten der Abgeordneten gestimmt haben.

Politiker der CDU führen gerne, bei der Verschärfung von Gesetzen im Sicherheitsbereich etwa, die Maxime “Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten” im Munde, wir müssen nun nach dieser Abstimmung leider davon ausgehen, dass Sie alle von der Offenlegung etwas zu befürchten hätten.

Das ist sehr schade, es hätte ein guter Tag für die repräsentative Demokratie werden können. So gehen wir alle den eingeschlagenen Weg weiter, in Richtung sinkender Wahlbeteiligungen, Politikverdrossenheit, Abwendung der Bürger von den Institutionen des Staates und der Demokratie.

Selbstverständlich sind Sie jetzt als Oberbürgermeister einer Stadt auch nicht mehr wählbar, ich werde davon absehen, Sie bei der kommenden OB-Wahl zu unterstützen.

Mit freundlichem Gruße,

Gunnar Lott
Kaiserallee 51a
76133 Karlsruhe

Okay, das ist jetzt leicht über-dramatisiert, ich hätte einen CDU-Mann vermutlich eh nicht gewählt, aber man kann ja mal versuchen, diesen Leuten ins Gewissen zu reden. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Das harte Leben im Lizenzgeschäft

by Gunnar on 1. Oktober 2012 · 12 comments

Eine Filmfirma, Abteilung Licensing.

Telefon: (klingelt)
Mitarbeiter 1: Ja, Filmfirma, Abteilung Licensing, Mitarbeiter 1 am Apparat.
Mitarbeiter 1: Ah, ja, die Hobbit-Lizenz. Unser Kronjuwel. Ja, die können Sie erwerben. Ist natürlich nicht billig. Dafür werden Sie dann offizieller Partner für Ihre Produktkategorie. Was stellen Sie denn her?
Mitarbeiter 1: Uh. Nun. Ja, die, äh, Produktkategorie ist noch frei, da wären Sie exklusiv.
Mitarbeiter 1: Ja, *hust*, da haben Sie recht, das geheimnisvolle Flair ihres Produkte passt natürlich gut zu dem Fantasy-Szenario. Und, nun, Indien und Mittelerde sind ja beides ferne Länder, nicht?
Mitarbeiter 1: (hält den Hörer mit der Hand zu) Hilfe! Ich kann nicht mehr ernst bleiben. Kann mich jemand ohrfeigen?
Mitarbeiter 2: (sticht Mitarbeiter 1 eine aufgebogene Büroklammer in die Hand)
Mitarbeiter 1: Ah! Ja, die jeweiligen Figuren können Sie gut auf spezifische Produktsorten aufteilen, ich sehe zum Beispiel die Elfenkönigin auf der Sorte “Lovely” und Gandalf auf, uh, “Classic”. (gluckst)
Mitarbeiter 2: (sticht Mitarbeiter 1 eine aufgebogene Büroklammer in die Hand)
Mitarbeiter 1: Ah! “Sweet” haben sie auch noch? Da nehmen wir einen Zwerg, die sind ja auch ganz süß. Und “Spicy”, jo, nun, ach, der Elfenkönig passt immer, der vereint ja in sich auch das, äh, Scharfe und das Schöne. Nun. (gluckst)
Mitarbeiter 2: (sticht Mitarbeiter 1 eine aufgebogene Büroklammer in die Hand)
Mitarbeiter 1: Ah! Nein, nichts, mir ist bloß was runtergefallen. Ja, dann sind wir uns ja grundsätzlich einig. Ich schreibe Ihnen unser Angebot rasch zusammen und schicke es Ihnen als Entscheidungsvorlage. Ja, sehr gerne. Nein, keine Ursache. Vielen Dank, wir hören uns. (legt auf, bricht über dem Schreibtisch zusammen)
Mitarbeiter 2: Was um Gottes Willen war das? Wieder der Kondomhersteller?
Mitarbeiter 1: Schlimmer.

[via]

Fear and Loathing in Skyrim

by Gunnar on 21. Dezember 2011 · 15 comments

Der folgende Text wurde als Gastbeitrag für den Adventskalender von Polyneux geschrieben und sollte, so war der Plan, hier einfach nochmal veröffentlicht werden. Dann gefiel er mir nicht mehr, irgendwie, und ich fing an, an Sätzen und Abschnitten herumzubasteln. Jetzt erscheint er hier in einer deutlich veränderten Fassung. Texte sind eben eine Baustelle, ich drücke jetzt auf »Publish«, ehe ich nochmal von vorne anfange..

Ich habe dieses Problem mit virtuellen Welten.

Für mich funktionieren sie nicht, meistens.

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Das Spiel mit den Pflanzen

by Gunnar on 12. Dezember 2011 · 21 comments

Herr Kaliban und das Goldkindtm fahren mit der S-Bahn.

Goldkind: Papa, wollen wir zuhause was spielen?
Herr Kaliban: Klar.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln freundlich)
Goldkind: Das Spiel mit den Pflanzen?
Herr Kaliban: Hm.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln freundlich)
Goldkind: Papa?
Herr Kaliban: Nein, das hatten wir heute morgen schon.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln verständnisvoll)
Goldkind: Aber Papa, ich WILL das spielen!
Herr Kaliban: Nein, das hatten wir heute morgen schon.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln verständnisvoll)
Goldkind: (doppelte Lautstärke) Aber Papa, ICH LIEBE ZOMBIES! ICH WILL DIE ZOMBIES!
Herr Kaliban: Pssst. Nicht so laut.
Umsitzende Bahnfahrer: (schauen entsetzt)
Goldkind: ZOMBIES! ZOMBIES! ZOMBIES!
Herr Kaliban: Komm, wir müssen raus. (steht auf, zieht das Goldkind hinter sich her)
Umsitzende Bahnfahrer: (blicken irritiert in die Runde)

Ah, und wieder einmal haben wir das Leben unserer Mitmenschen einen Tick surrealer gestaltet. Und dabei waren sie gar nicht dabei, als wir neulich im Kaufhaus an einem lebensgroßen Kaktus vorbeiliefen und das Goldkind fragte, ob der auch die roten Stacheln habe, um damit die Ballonzombies abzuschießen. Wir spielen nämlich, wie das popkulturell vorgebildete Publikum dieser Webseite schon geahnt hat, zuweilen Plants vs. Zombies! Wir machen das immer gemeinsam, sie sammelt die Sonnen und verbrennt Untote mit Paprikas, ich mache den Rest. Ich hab’s noch nicht über mich gebracht, ihr zu erzählen, dass Zombies Hirn essen, daher sage ich immer, wenn einer durchkommt, dass der ins Haus ginge, um da “Sachen kaputt zu machen”. Was dann wieder dazu geführt hat, dass ich komische Blicke geerntet habe, neulich bei Freunden im Garten, als das Goldkind auf die Terrassentür deutete und mit funkelnden Augen ankündigte, dass sie jetzt ein Zombie sei, ein böser obendrein und jetzt reinginge, um drinnen alles kaputt zu schlagen.

Naja, noch schauen sie, aber wenn die Zombiekalypse kommt, habe ich eine Tochter, die weiß, was zu tun ist.

Herr Kaliban guckt sich sein aktuelles Spiel ein bisschen genauer an.

Hm. Da ist doch was komisch in Deus Ex: Human Revolution.

Wir springen mal in die erste Zwischensequenz am Anfang des Spiels, in der Adam, das ist der Held, mit Megan Reed redet. Die Reed ist seine Kollegin und Ex-Freundin und das obligatorische Superchick, das man dieser Tage häufiger in Comicsspielenfilmen findet: der Nobelpreisträgerhirn-im-Supermodel-Körper-Typus.

Unhöflicherweise telefoniert er nebenbei.

Und liest Zeitung, auf einem Tablet oder sowas.

Doch halt, was steht denn da?

[blabla]terrorist attack on Sarif Industries. [blabla] in the attack was Dr Megan Reed.

Oh. Die aktuelle Zeitung berichtet schon von dem Überfall, der im Spiel erst in ein paar Minuten stattfindet. Adam hätte also alles verhindern können, hätte er bloß den Detroiter Journalisten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Denn kurz danach geschieht, was die Zeitungsmeldung vorausgesehen hat:

Ein Haufen muskulöser Cyberfritzen attackiert das Gebäude und schlachtet die Wissenschaftler hin. Megan wird getötet, Adam nur knapp gerettet, unter Einsatz von aufwändiger Schnickschnacktechnologie.

Hm.

Prophetische Redekteure? War das überhaupt keine Zeitung, sondern ein Planungsdokument der Terroristen? Wusste Adam Bescheid? Ist alles eine gigantische Verschwörung?

Oder hat da der Zwischensequenzenbauer bei Eidos Montral einfach nicht aufgepasst?

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Für Siri (ein Versuch)

by Gunnar on 12. September 2011 · 45 comments

Herr Kaliban hält eine leicht altväterliche Rede an seine Tochter, die das hier gottlob noch nicht lesen kann.

Zuerst das Wichtigste: Niemand sollte mit 16 Entscheidungen treffen, die auf das ganze Leben Auswirkungen haben. Mach also keine Experimente mit Feuerwaffen oder Tätowierungen oder Verhütungsmitteln.

Oder mit Drogen. Eine einzige Zigarette zu rauchen, beispielsweise, bedeutet folgendes: das ganze Leben lang ein Verlangen nach Zigaretten zu verspüren. Und wenn sich die Drogen gesellschaftlich schon nicht vermeiden lassen, arbeite mit einem Plan: Wenn Du zu trinken vorhast, wähle ein Getränk und bleibe dabei, den ganzen Abend.

Wähle früh dein Hobby und bleibe dabei — wenn du mit 40 noch das Hobby betreibst, dass du mit 16 begonnen hast, stehen die Chancen gut, dass du es dir jetzt lässig leisten kannst.

Sei höflich, das kostet nichts und sieht gut aus: Öffne Leuten die Türen, benutze den Warentrenner im Supermarkt, bleibe nicht am Ende von Rolltreppen stehen. Und: Trolle nicht in Foren oder Kommentarspalten.

Gib ausreichend Trinkgeld.

Vermeide die Verwendung von Emoticons außerhalb von Chats. Und meide ihre Verwender.

Wenn du wissen willst, ob jemand wirklich schlau ist, beantworte diese einfache Frage: Wie gut beherrscht er seine Muttersprache?

Verlasse dich nicht auf’s GPS auf Ampelfarben oder Vorfahrtsschilder, verlass dich auf deine Augen.

Das Leben ist eine Bühne, und du wirst nicht vermeiden können, Rollen zu spielen — aber such’ sie dir gut aus und lege sie so an, dass du nah an dir selbst bleibst. Zu viel Verstellung vergiftet die Seele. Vor allem anderen gilt das für die Liebe.

Verschwende deine Jugend, das ist besser als die Alternative.

Verlasse die Heimat früh, sonst bereust du das Zögern. Aber vergiss nie, dass niemand anderswo deine Sprache genau richtig spricht. Und halte immer die Option der Rückkehr offen.

Glück ist, trotz aller Versuche, nicht erforschbar. Glück ist freies Geld, guter Sex, ein Railgun-Treffer in Quake Live, eine Zwei in Sachkunde. Finde heraus, was dich glücklich macht und halte es fest, notfalls gegen alle Widerstände.

Niemand weiß, ob es Gott gibt, aber Religionen sind tröstlich, für die, die glauben können. Aber egal, was die Priester sagen: In die Hölle kommt nicht, wer Sex mit dem falschen Geschlecht hatte, sondern nur die, die anderen Menschen ihren Willen gewaltsam aufgezwungen haben.

Du bist nicht dumm: Wenn du etwas nicht verstehst, hat es der Lehrer nicht gut erklärt. Sei nicht zickig, aber verlange, was dir zusteht.

Erfolg jeder Art ist stets eine Frage von Präzision, vom gelungenen Witz über den Fernschuss in den Winkel bis zur gloriosen Markteinführung einer Software. Hoffe nicht auf den Zufallstreffer.

Sei nett zu deinen Eltern, versuche, ihnen möglichst früh zu verzeihen. Am Ende tust du es eh, es ist nicht nötig, all die Jahre zornig zu sein.

Wunder geschehen, Katastrophen passieren. Nicht alles ist vermeidbar, nicht alles ist planbar. Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Hake Niederlagen rasch ab, nimm Siege sportlich und mit Demut. Schon wenn du das schaffst, hast du mehr erreicht als zwei Drittel der anderen Leute.

Halte an Freundschaften fest, auch über lange Distanzen. Menschen, die dich mit 20 kannten, haben ein besseres Bild von dir als Menschen, die dich mit 40 kennen lernen.

Rede nicht (allzu) schlecht über andere, Lästereien machen schlechtes Karma. Gib keine ungefragten Ratschläge und sprich keine ungefragten Beurteilungen aus.

Bedenke bei der Partnerwahl folgende Gesetzmäßigkeiten: 1. Die für dich attraktivste Person ist, nach normalen Begriffen, ungefähr so attraktiv wie du. Vielleicht ein bisschen mehr. 2. Du wirst dich selten wirklich angezogen fühlen von Menschen, die dich ablehnen. Der Gelegenheit folgt die Fantasie folgt die Anziehung. 3. Frauen werden angezogen von Stärke, Männer von Verletzlichkeit. Außer, wenn es anders herum ist.

Und unabhängig davon: Vermeide asymmetrische Beziehungen.

Finde die Musik, die zu dir passt. Tipp: Die beste Musik erschließt sich nicht beim ersten Hören.

Versuche, ein paar Fertigkeiten wirklich gut zu beherrschen. Es gibt wenig im Leben, was mehr Spaß macht als das Gelingen schwieriger Tätigkeiten oder das Lösen kniffliger Aufgaben.

Tierliebe ist, wie das Rauchen von Haschisch, eine Frage der Dosierung. Ein bisschen macht dich möglicherweise zu einem besseren Menschen; zuviel macht dich merkwürdig.

Dissonanz ist wichtig, aber behalte Augenmaß: Niemand mag dich, weil du recht hast.

Sei kein Behalter. Das Aufheben von Sachen fesselt dich.

Das Multitasking kann deine Generation sicher besser als meine, aber bedenke, wie gut man ist, wenn man sich auf etwas voll konzentriert, sei es ein Gespräch, eine Aufgabe oder auch nur das Lesen eines Textes.

Versuche, mehr Fotos von Menschen als von Gebäuden zu schießen.

Wenn man ein Kind kriegt (und über das erste Jahr hinweg ist), wünscht man sich, man hätte es früher bekommen. Bedenke das bei deiner Lebensplanung.

Hab keine Angst. Probiere Dinge, die dich ängstigen. Iss exotische Lebensmittel, sprich fremde Leute an.

Finde eine Fahne, mit der in der Hand du die Barrikaden stürmen würdest. Schließ dich einer guten Sache an, kämpfe für ein Ideal. Vergieße Herzblut, immer wieder.

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Inspiriert von Mary Schmichs großartigem Text Advice, like youth, probably just wasted on the young, der später von Baz Luhrmann gewinnbringend vertont wurde.

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Zum Zustand der deutschen Spielekritik

by Gunnar on 7. September 2011 · 180 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Schmidt. Chris (34) ist seit 13 Jahren Fachjournalist für Computer- und Videospiele. Er war zuletzt stellvertretender Chefredakteur von GameStar und lange Jahre Kollege des Herrn Lott. Der folgende Text ist eine Langfassung des gestern auf SpOn erschienen Debattenbeitrags.

[Eine kurze Einlassung von Herrn Lott findet sich am Ende dieses Beitrags.]

Ich habe mein Handwerk – das Testen von Computerspielen – vor 13 Jahren auf sehr gründliche Weise gelernt. Mein erster Chefredakteur reichte mir meine Texte gewöhnlich mit einer Reihe von Fragen zurück, die mit rotem Stift an den Rand des Blattes gesetzt waren: Wie funktioniert das Erfahrungssystem? Welche Fahrzeuge besitzt die dritte Kriegspartei? Wie verhält sich der Computergegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad? Ich fand zielsicher jede Passage aufgespießt, in der ich mich mit einem kurzen Satz durchzumogeln versucht hatte. Wer fair über Spiele urteilen will, so lernte ich, der muss ihre Funktionsweise gewissenhaft ausleuchten. Ich war ein guter Schüler. Als ich später selbst junge Redakteure anleitete, habe ich diese Akribie an sie weitergegeben. Das ist etwas, das ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren, bereue.

Wir haben das Falsche gelernt.

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Das Goldkind und das Gewaltmonopol

by Gunnar on 14. August 2011 · 13 comments

Ein Dialog zwischen Herrn Kaliban und dem Goldkindtm, der als typisches Beispiel für das Versagen von elterlicher Logik gelten kann.

Goldkind: Wir müssen ein Gewehr kaufen.
Herr Kaliban: WIE BITTE?
Goldkind: Ja, in einem Baumarkt oder so.
Herr Kaliban: Wozu brauchen wir denn ein Gewehr?!?
Goldkind: Falls ein Fuchs kommt.

Hm. Man könnte jetzt auf drei Linien argumentieren: a) gegen das Gewehr an sich, b) über das Gewaltmonopol oder c) über das Beispiel des Fuchses. Ich entscheide mich für die falsche Linie.

Herr Kaliban: Vor einem Fuchs muss man keine Angst haben, der ist ganz klein und tut Menschen nichts.
Goldkind: Es könnte ja ein ganz kräftiger Fuchs sein. Oder ein Bär. Oder ein Löwe.

Nach dem Versagen von c) versuche ich es mit b).

Herr Kaliban: Wir wollen nicht auf Tiere schießen. Das darf man nicht.
Goldkind: Papa, es geht nicht darum, auf eine Maus zu schießen, die ist ja klein und tut nichts. Aber ein Bär oder ein Fuchs, die wollen einen ja fressen, auf die darf man schon schießen.

Grundsätzlich interessant, wie kindliche Logik funktioniert: Aggressoren verlieren offenbar alle Rechte. Ich schiebe diesen mild beunruhigenden Gedanken beiseite und wende mich wieder dem Dialog zu. In einem Musterbeispiel von uncleverer Gesprächsführung gebe ich Linie b) kurz auf, um Argument a) auch noch mal in Stellung zu bringen.

Herr Kaliban: Erstens schießen wir erst auf Bären, wenn die uns wirklich was tun wollen. Und zweitens ist ein Gewehr gefährlich.
Goldkind: Wieso gefährlich?
Herr Kaliban: Nun, damit kann man Leute verletzen oder töten. Wenn man damit einen Bären totschießen kann, geht das ja auch mit Menschen. Das ist kein Spielzeug, sowas dürfen nur Jäger haben oder Polizisten.
Goldkind: Aber wenn man jetzt in einer Stadt wäre, voller kräftiger Füchse, wo keine Menschen sind, wo die beispielsweise alle ausgestorben sind, wo man also mit dem Gewehr keine Menschen treffen kann, da könnte man schon ein Gewehr haben, oder?
Herr Kaliban:

Ähja, nun, Will Smith in I am Legend, der ungefähr in der gleichen Situation war (nur eben mit Monstern, nicht mit “kräftigen Füchsen”), hat ja auch ein Gewehr. Was soll man da sagen?

Goldkind: Stimmt doch, oder?
Herr Kaliban: Man kann in Baumärkten gar keine Gewehre kaufen, geh jetzt schlafen.

Seufz. Wie soll das noch werden?

Die GameStar ohne Chris?

by Gunnar on 28. Juni 2011 · 38 comments

Ach, es bleibt nichts bestehen in der schrumpfenden Welt der Printmedien. Die GEE ist quasi eingestellt, Christian Schmidt hat die GameStar verlassen, als nächstes erscheint vermutlich der SPIEGEL mit einem lila Rahmen.

1998, Anfang Mai, ich war gerade einen Monat bei der GameStar, stellte Jörg L. einen blonden Jüngling ein, ausgerechnet aus der Konkurrenzstadt Nürnberg, wo die mächtigen Computecs damals residierten. Der junge Mann, Christian Schmidt hieß er, übernahm von mir die Betreuung der Rubrik der Budget-Spiele, eine dankbare Aufgabe für Neu-Redakteure, weil man dort ohne Wertungsdruck seine Spielewissen verbreitern konnte. Aber der Herr Schmidt brachte ohnehin schon ein immenses Wissen mit, eine normale Jugend kann er nicht gehabt haben, so viele Spiele kannte er aus eigener Anschauung. Dieses brennende Interesse am Medium hat er sich dann über die Jahre erhalten, quasi als einziger der mir bekannten Redakteure — wir alle haben uns zwar noch fortgebildet, aber uns irgendwann privat auf ein Genre kapriziert. Manche hingen auf WoW, andere auf Battlefield, ich reihe noch immer Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, nur der Chris, der brachte es fertig, letztes Jahr Montags in der Redaktion zu erscheinen, einen Kurztest zu einem der Redaktion unbekannten Nischending namens Armada 2526 abzugeben und zu verkünden, er habe den Titel privat am Wochenende gespielt und dann nebenbei rasch noch den Test geschrieben. Chris war unser Experte für alles, was nicht Mainstream war: Rundenstrategie, Adventures, Wimmelbildspielchen und anderes Kleinzeug aber auch Story-Shooter, Rollenspiele und Echtzeitstrategie. Er testete eine Reihe von Meilensteinen (Deus Ex, Bioshock, Warcraft 3, System Shock 2), war der Hauptkolumnenschreiber und verantwortlich für das Kronjuwel des Magazins, die Reports. Seine Karriere lief nicht ganz gerade, zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, begann ein Studium, kehrte zurück, betreute Sonderhefte, wurde dann Leitender Redakteur und schließlich Stellvertretender Chefredakteur.

Und jetzt, jetzt ist er weg.

Mal sehen, wo er wieder auftaucht, die Spiele werden ihn nicht loslassen, nehme ich an.

So. Und warum gebe ich mir so eine Mühe, das Ausscheiden eines einzelnen Redakteurs zu bereden? Nun, weil Chris meiner bescheidenen Meinung nach der beste Autor und Spiele-Analyst der ganzen verdammten deutschsprachigen Spielejournaille ist. Und der GameStar mächtig fehlen wird.

Ich nehme mir mal die Freiheit, für Christians gut zwölf Jahre Games-Journalismus einen virtuellen Schrein zu erreichten und präsentiere hier einige seiner schöneren Werke. Also, wir beginnen leichtfüßig mit seinem ersten Auftritt in “Raumschiff GameStar”:

Nun zu schwererer Kost, hier sind zwei Essays über gute Anfänge und gute Enden von Spielen: Richtig anfangen / Richtig aufhören

Jetzt wieder was Lustiges, Chris’ vernichtende Kritik an den Bugs von Gothic 3:

Und wieder Gravitas: Nutze den Tod ist ein Essay über den Tod in Videospielen.

Nun Minecraft, das meistgesehene Testvideo der GS-Redaktion, mit fast 800.000 Views auf Youtube.de und GameStar.de:

Und jetzt endlich ein richtiger Spieletest: Amnesia: The Dark Descent Obwohl, es ist kein typischer GameStar-Test, Chris macht hier ein Experiment mit subjektiver Erzählweise, sehr unüblich in der konservativen deutschen Spieletesterei.

Und jetzt wieder ein Video, eine kundige Historie über die Diablo-Serie. Chris hat noch weit bessere Historien-Videos gemacht, die sind nur leider nicht online.

Wir schließen mit einer polemischen Kolumne gegen die Spielehasser von BILD.

Das reicht erstmal.

Obwohl, so richtig vollständig ist das hier nicht, wenn man nicht wenigstens ein Expertengespräch gesehen hat, Schmidts und Grafs Impro-Comedy:

Hm. Mir fielen noch mehr schöne Schmidt-Werke ein, aber der Beitrag hier ist eh schon überladen.

Also, Chris, alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für all die Jahre als geschätzter Kollege.

Update: Chris hat sich hier, im GSPB von den Lesern verabschiedet.

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet

September 8, 2010

Eine (allzu) kurze Liebeserklärung an die Science Fiction. Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Thannhäuser-Tor. Ich sah Spock sterben, allein im Strahlenhagel des Reaktors. Ich erinnere Citadel; ich war der Avatar […]

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Wochentagsvegetarier

Mai 25, 2010

Herr Kaliban isst kein Fleisch. Außer, wenn er will. Es gibt Leute, die schimpfen ihn inkonsequent.

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