Best of Kaliban

Fear and Loathing in Skyrim

by Gunnar on 21. Dezember 2011 · 13 comments

Der folgende Text wurde als Gastbeitrag für den Adventskalender von Polyneux geschrieben und sollte, so war der Plan, hier einfach nochmal veröffentlicht werden. Dann gefiel er mir nicht mehr, irgendwie, und ich fing an, an Sätzen und Abschnitten herumzubasteln. Jetzt erscheint er hier in einer deutlich veränderten Fassung. Texte sind eben eine Baustelle, ich drücke jetzt auf »Publish«, ehe ich nochmal von vorne anfange..

Ich habe dieses Problem mit virtuellen Welten.

Für mich funktionieren sie nicht, meistens.

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Das Spiel mit den Pflanzen

by Gunnar on 12. Dezember 2011 · 21 comments

Herr Kaliban und das Goldkindtm fahren mit der S-Bahn.

Goldkind: Papa, wollen wir zuhause was spielen?
Herr Kaliban: Klar.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln freundlich)
Goldkind: Das Spiel mit den Pflanzen?
Herr Kaliban: Hm.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln freundlich)
Goldkind: Papa?
Herr Kaliban: Nein, das hatten wir heute morgen schon.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln verständnisvoll)
Goldkind: Aber Papa, ich WILL das spielen!
Herr Kaliban: Nein, das hatten wir heute morgen schon.
Umsitzende Bahnfahrer: (lächeln verständnisvoll)
Goldkind: (doppelte Lautstärke) Aber Papa, ICH LIEBE ZOMBIES! ICH WILL DIE ZOMBIES!
Herr Kaliban: Pssst. Nicht so laut.
Umsitzende Bahnfahrer: (schauen entsetzt)
Goldkind: ZOMBIES! ZOMBIES! ZOMBIES!
Herr Kaliban: Komm, wir müssen raus. (steht auf, zieht das Goldkind hinter sich her)
Umsitzende Bahnfahrer: (blicken irritiert in die Runde)

Ah, und wieder einmal haben wir das Leben unserer Mitmenschen einen Tick surrealer gestaltet. Und dabei waren sie gar nicht dabei, als wir neulich im Kaufhaus an einem lebensgroßen Kaktus vorbeiliefen und das Goldkind fragte, ob der auch die roten Stacheln habe, um damit die Ballonzombies abzuschießen. Wir spielen nämlich, wie das popkulturell vorgebildete Publikum dieser Webseite schon geahnt hat, zuweilen Plants vs. Zombies! Wir machen das immer gemeinsam, sie sammelt die Sonnen und verbrennt Untote mit Paprikas, ich mache den Rest. Ich hab’s noch nicht über mich gebracht, ihr zu erzählen, dass Zombies Hirn essen, daher sage ich immer, wenn einer durchkommt, dass der ins Haus ginge, um da “Sachen kaputt zu machen”. Was dann wieder dazu geführt hat, dass ich komische Blicke geerntet habe, neulich bei Freunden im Garten, als das Goldkind auf die Terrassentür deutete und mit funkelnden Augen ankündigte, dass sie jetzt ein Zombie sei, ein böser obendrein und jetzt reinginge, um drinnen alles kaputt zu schlagen.

Naja, noch schauen sie, aber wenn die Zombiekalypse kommt, habe ich eine Tochter, die weiß, was zu tun ist.

Herr Kaliban guckt sich sein aktuelles Spiel ein bisschen genauer an.

Hm. Da ist doch was komisch in Deus Ex: Human Revolution.

Wir springen mal in die erste Zwischensequenz am Anfang des Spiels, in der Adam, das ist der Held, mit Megan Reed redet. Die Reed ist seine Kollegin und Ex-Freundin und das obligatorische Superchick, das man dieser Tage häufiger in Comicsspielenfilmen findet: der Nobelpreisträgerhirn-im-Supermodel-Körper-Typus.

Unhöflicherweise telefoniert er nebenbei.

Und liest Zeitung, auf einem Tablet oder sowas.

Doch halt, was steht denn da?

[blabla]terrorist attack on Sarif Industries. [blabla] in the attack was Dr Megan Reed.

Oh. Die aktuelle Zeitung berichtet schon von dem Überfall, der im Spiel erst in ein paar Minuten stattfindet. Adam hätte also alles verhindern können, hätte er bloß den Detroiter Journalisten mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Denn kurz danach geschieht, was die Zeitungsmeldung vorausgesehen hat:

Ein Haufen muskulöser Cyberfritzen attackiert das Gebäude und schlachtet die Wissenschaftler hin. Megan wird getötet, Adam nur knapp gerettet, unter Einsatz von aufwändiger Schnickschnacktechnologie.

Hm.

Prophetische Redekteure? War das überhaupt keine Zeitung, sondern ein Planungsdokument der Terroristen? Wusste Adam Bescheid? Ist alles eine gigantische Verschwörung?

Oder hat da der Zwischensequenzenbauer bei Eidos Montral einfach nicht aufgepasst?

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Für Siri (ein Versuch)

by Gunnar on 12. September 2011 · 47 comments

Herr Kaliban hält eine leicht altväterliche Rede an seine Tochter, die das hier gottlob noch nicht lesen kann.

Zuerst das Wichtigste: Niemand sollte mit 16 Entscheidungen treffen, die auf das ganze Leben Auswirkungen haben. Mach also keine Experimente mit Feuerwaffen oder Tätowierungen oder Verhütungsmitteln.

Oder mit Drogen. Eine einzige Zigarette zu rauchen, beispielsweise, bedeutet folgendes: das ganze Leben lang ein Verlangen nach Zigaretten zu verspüren. Und wenn sich die Drogen gesellschaftlich schon nicht vermeiden lassen, arbeite mit einem Plan: Wenn Du zu trinken vorhast, wähle ein Getränk und bleibe dabei, den ganzen Abend.

Wähle früh dein Hobby und bleibe dabei — wenn du mit 40 noch das Hobby betreibst, dass du mit 16 begonnen hast, stehen die Chancen gut, dass du es dir jetzt lässig leisten kannst.

Sei höflich, das kostet nichts und sieht gut aus: Öffne Leuten die Türen, benutze den Warentrenner im Supermarkt, bleibe nicht am Ende von Rolltreppen stehen. Und: Trolle nicht in Foren oder Kommentarspalten.

Gib ausreichend Trinkgeld.

Vermeide die Verwendung von Emoticons außerhalb von Chats. Und meide ihre Verwender.

Wenn du wissen willst, ob jemand wirklich schlau ist, beantworte diese einfache Frage: Wie gut beherrscht er seine Muttersprache?

Verlasse dich nicht auf’s GPS auf Ampelfarben oder Vorfahrtsschilder, verlass dich auf deine Augen.

Das Leben ist eine Bühne, und du wirst nicht vermeiden können, Rollen zu spielen — aber such’ sie dir gut aus und lege sie so an, dass du nah an dir selbst bleibst. Zu viel Verstellung vergiftet die Seele. Vor allem anderen gilt das für die Liebe.

Verschwende deine Jugend, das ist besser als die Alternative.

Verlasse die Heimat früh, sonst bereust du das Zögern. Aber vergiss nie, dass niemand anderswo deine Sprache genau richtig spricht. Und halte immer die Option der Rückkehr offen.

Glück ist, trotz aller Versuche, nicht erforschbar. Glück ist freies Geld, guter Sex, ein Railgun-Treffer in Quake Live, eine Zwei in Sachkunde. Finde heraus, was dich glücklich macht und halte es fest, notfalls gegen alle Widerstände.

Niemand weiß, ob es Gott gibt, aber Religionen sind tröstlich, für die, die glauben können. Aber egal, was die Priester sagen: In die Hölle kommt nicht, wer Sex mit dem falschen Geschlecht hatte, sondern nur die, die anderen Menschen ihren Willen gewaltsam aufgezwungen haben.

Du bist nicht dumm: Wenn du etwas nicht verstehst, hat es der Lehrer nicht gut erklärt. Sei nicht zickig, aber verlange, was dir zusteht.

Erfolg jeder Art ist stets eine Frage von Präzision, vom gelungenen Witz über den Fernschuss in den Winkel bis zur gloriosen Markteinführung einer Software. Hoffe nicht auf den Zufallstreffer.

Sei nett zu deinen Eltern, versuche, ihnen möglichst früh zu verzeihen. Am Ende tust du es eh, es ist nicht nötig, all die Jahre zornig zu sein.

Wunder geschehen, Katastrophen passieren. Nicht alles ist vermeidbar, nicht alles ist planbar. Mach dir nicht zu viele Sorgen.

Hake Niederlagen rasch ab, nimm Siege sportlich und mit Demut. Schon wenn du das schaffst, hast du mehr erreicht als zwei Drittel der anderen Leute.

Halte an Freundschaften fest, auch über lange Distanzen. Menschen, die dich mit 20 kannten, haben ein besseres Bild von dir als Menschen, die dich mit 40 kennen lernen.

Rede nicht (allzu) schlecht über andere, Lästereien machen schlechtes Karma. Gib keine ungefragten Ratschläge und sprich keine ungefragten Beurteilungen aus.

Bedenke bei der Partnerwahl folgende Gesetzmäßigkeiten: 1. Die für dich attraktivste Person ist, nach normalen Begriffen, ungefähr so attraktiv wie du. Vielleicht ein bisschen mehr. 2. Du wirst dich selten wirklich angezogen fühlen von Menschen, die dich ablehnen. Der Gelegenheit folgt die Fantasie folgt die Anziehung. 3. Frauen werden angezogen von Stärke, Männer von Verletzlichkeit. Außer, wenn es anders herum ist.

Und unabhängig davon: Vermeide asymmetrische Beziehungen.

Finde die Musik, die zu dir passt. Tipp: Die beste Musik erschließt sich nicht beim ersten Hören.

Versuche, ein paar Fertigkeiten wirklich gut zu beherrschen. Es gibt wenig im Leben, was mehr Spaß macht als das Gelingen schwieriger Tätigkeiten oder das Lösen kniffliger Aufgaben.

Tierliebe ist, wie das Rauchen von Haschisch, eine Frage der Dosierung. Ein bisschen macht dich möglicherweise zu einem besseren Menschen; zuviel macht dich merkwürdig.

Dissonanz ist wichtig, aber behalte Augenmaß: Niemand mag dich, weil du recht hast.

Sei kein Behalter. Das Aufheben von Sachen fesselt dich.

Das Multitasking kann deine Generation sicher besser als meine, aber bedenke, wie gut man ist, wenn man sich auf etwas voll konzentriert, sei es ein Gespräch, eine Aufgabe oder auch nur das Lesen eines Textes.

Versuche, mehr Fotos von Menschen als von Gebäuden zu schießen.

Wenn man ein Kind kriegt (und über das erste Jahr hinweg ist), wünscht man sich, man hätte es früher bekommen. Bedenke das bei deiner Lebensplanung.

Hab keine Angst. Probiere Dinge, die dich ängstigen. Iss exotische Lebensmittel, sprich fremde Leute an.

Finde eine Fahne, mit der in der Hand du die Barrikaden stürmen würdest. Schließ dich einer guten Sache an, kämpfe für ein Ideal. Vergieße Herzblut, immer wieder.

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Inspiriert von Mary Schmichs großartigem Text Advice, like youth, probably just wasted on the young, der später von Baz Luhrmann gewinnbringend vertont wurde.

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Zum Zustand der deutschen Spielekritik

by Gunnar on 7. September 2011 · 195 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Schmidt. Chris (34) ist seit 13 Jahren Fachjournalist für Computer- und Videospiele. Er war zuletzt stellvertretender Chefredakteur von GameStar und lange Jahre Kollege des Herrn Lott. Der folgende Text ist eine Langfassung des gestern auf SpOn erschienen Debattenbeitrags.

[Eine kurze Einlassung von Herrn Lott findet sich am Ende dieses Beitrags.]

Ich habe mein Handwerk – das Testen von Computerspielen – vor 13 Jahren auf sehr gründliche Weise gelernt. Mein erster Chefredakteur reichte mir meine Texte gewöhnlich mit einer Reihe von Fragen zurück, die mit rotem Stift an den Rand des Blattes gesetzt waren: Wie funktioniert das Erfahrungssystem? Welche Fahrzeuge besitzt die dritte Kriegspartei? Wie verhält sich der Computergegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad? Ich fand zielsicher jede Passage aufgespießt, in der ich mich mit einem kurzen Satz durchzumogeln versucht hatte. Wer fair über Spiele urteilen will, so lernte ich, der muss ihre Funktionsweise gewissenhaft ausleuchten. Ich war ein guter Schüler. Als ich später selbst junge Redakteure anleitete, habe ich diese Akribie an sie weitergegeben. Das ist etwas, das ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren, bereue.

Wir haben das Falsche gelernt.

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Die GameStar ohne Chris?

by Gunnar on 28. Juni 2011 · 38 comments

Ach, es bleibt nichts bestehen in der schrumpfenden Welt der Printmedien. Die GEE ist quasi eingestellt, Christian Schmidt hat die GameStar verlassen, als nächstes erscheint vermutlich der SPIEGEL mit einem lila Rahmen.

1998, Anfang Mai, ich war gerade einen Monat bei der GameStar, stellte Jörg L. einen blonden Jüngling ein, ausgerechnet aus der Konkurrenzstadt Nürnberg, wo die mächtigen Computecs damals residierten. Der junge Mann, Christian Schmidt hieß er, übernahm von mir die Betreuung der Rubrik der Budget-Spiele, eine dankbare Aufgabe für Neu-Redakteure, weil man dort ohne Wertungsdruck seine Spielewissen verbreitern konnte. Aber der Herr Schmidt brachte ohnehin schon ein immenses Wissen mit, eine normale Jugend kann er nicht gehabt haben, so viele Spiele kannte er aus eigener Anschauung. Dieses brennende Interesse am Medium hat er sich dann über die Jahre erhalten, quasi als einziger der mir bekannten Redakteure — wir alle haben uns zwar noch fortgebildet, aber uns irgendwann privat auf ein Genre kapriziert. Manche hingen auf WoW, andere auf Battlefield, ich reihe noch immer Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, nur der Chris, der brachte es fertig, letztes Jahr Montags in der Redaktion zu erscheinen, einen Kurztest zu einem der Redaktion unbekannten Nischending namens Armada 2526 abzugeben und zu verkünden, er habe den Titel privat am Wochenende gespielt und dann nebenbei rasch noch den Test geschrieben. Chris war unser Experte für alles, was nicht Mainstream war: Rundenstrategie, Adventures, Wimmelbildspielchen und anderes Kleinzeug aber auch Story-Shooter, Rollenspiele und Echtzeitstrategie. Er testete eine Reihe von Meilensteinen (Deus Ex, Bioshock, Warcraft 3, System Shock 2), war der Hauptkolumnenschreiber und verantwortlich für das Kronjuwel des Magazins, die Reports. Seine Karriere lief nicht ganz gerade, zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, begann ein Studium, kehrte zurück, betreute Sonderhefte, wurde dann Leitender Redakteur und schließlich Stellvertretender Chefredakteur.

Und jetzt, jetzt ist er weg.

Mal sehen, wo er wieder auftaucht, die Spiele werden ihn nicht loslassen, nehme ich an.

So. Und warum gebe ich mir so eine Mühe, das Ausscheiden eines einzelnen Redakteurs zu bereden? Nun, weil Chris meiner bescheidenen Meinung nach der beste Autor und Spiele-Analyst der ganzen verdammten deutschsprachigen Spielejournaille ist. Und der GameStar mächtig fehlen wird.

Ich nehme mir mal die Freiheit, für Christians gut zwölf Jahre Games-Journalismus einen virtuellen Schrein zu erreichten und präsentiere hier einige seiner schöneren Werke. Also, wir beginnen leichtfüßig mit seinem ersten Auftritt in “Raumschiff GameStar”:

Nun zu schwererer Kost, hier sind zwei Essays über gute Anfänge und gute Enden von Spielen: Richtig anfangen / Richtig aufhören

Jetzt wieder was Lustiges, Chris’ vernichtende Kritik an den Bugs von Gothic 3:

Und wieder Gravitas: Nutze den Tod ist ein Essay über den Tod in Videospielen.

Nun Minecraft, das meistgesehene Testvideo der GS-Redaktion, mit fast 800.000 Views auf Youtube.de und GameStar.de:

Und jetzt endlich ein richtiger Spieletest: Amnesia: The Dark Descent Obwohl, es ist kein typischer GameStar-Test, Chris macht hier ein Experiment mit subjektiver Erzählweise, sehr unüblich in der konservativen deutschen Spieletesterei.

Und jetzt wieder ein Video, eine kundige Historie über die Diablo-Serie. Chris hat noch weit bessere Historien-Videos gemacht, die sind nur leider nicht online.

Wir schließen mit einer polemischen Kolumne gegen die Spielehasser von BILD.

Das reicht erstmal.

Obwohl, so richtig vollständig ist das hier nicht, wenn man nicht wenigstens ein Expertengespräch gesehen hat, Schmidts und Grafs Impro-Comedy:

Hm. Mir fielen noch mehr schöne Schmidt-Werke ein, aber der Beitrag hier ist eh schon überladen.

Also, Chris, alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für all die Jahre als geschätzter Kollege.

Update: Chris hat sich hier, im GSPB von den Lesern verabschiedet.

Eine (allzu) kurze Liebeserklärung an die Science Fiction.

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Thannhäuser-Tor.

Ich sah Spock sterben, allein im Strahlenhagel des Reaktors. Ich erinnere Citadel; ich war der Avatar der Maschinengottheit. Ich erlebte Ashs Verrat im Auftrag von Weyland-Yutani, der unser aller Schicksal besiegelte. Ich lernte die Nacht zu fürchten, damals im Jahr 802.701. Ich ging an John Sheridans Seite, als er, ein alter Mann, ein letztes Mal die leere Raumstation besuchte. Ich folgte Hiro und Y.T auf ihrer Reise durch die Realität und das Metaversum, die meine Synapsen explodieren ließ. Ich schaute Rama hinterher, als es unser Sonnensystem verließ und alle seine Geheimnisse mit sich nahm. Ich sah die Flecken auf den Lippen der Mentaten, das Blau der Augen Ibads. Ich reiste mit dem Doktor zum Ende der Zeit und erriet die wahre Identität des Gesichts von Boe. Ich nahm Teil an der Revolte von Luna, die Mikes Ende war. Ich kämpfte auf der Ringwelt gegen die Flood und floh mit James Raynor vor den Truppen der Terranischen Liga. Ich starb wie alle anderen in den engen Gängen des Space Hulks, als die Genestealer kamen. Ich traf allein die Entscheidung, Kaidan zu opfern, um Ashley zu retten. Ich schluckte das Gegenmittel zu den Maskonen und sah, endlich, das wahre Elend der Welt. Ich erforschte die Biologie der Chtorr auf der Suche dem Grund für ihre Anwesenheit. Ich stand am Tisch, als Han zuerst schoss. Ich sah den Wahnsinn der Clans auf dem Alpha-Mond. Ich hörte GlaDOS singen. Ich spielte Azad gegen den Imperator und ahnte nicht, dass auch ich nur eine Figur in einem Spiel war. Ich schützte die Königin der Krabbler und nahm die Verantwortung für den Tod ihrer Spezies auf mich. Ich verlor mich in den Geschichten auf dem Körper des illustrierten Mannes. Ich war dabei, als im Serenity Valley unser Traum von der Freiheit endete, trotz aller Tapferkeit. Ich erblickte das Funkeln in Starbucks Augen nach ihrer Rückkehr. Ich war in London, als die Raketenbomben einschlugen und die Proles um ihre Leben liefen. Ich liebte Siri von Maui-Covenant für ihren Mut, ihre Opferbereitschaft und ihre Schönheit. Ich reiste auf den Schiffen der Queng Ho, als die Emergents hinterrücks ihre Gehirne mit dem Virus infizierten.

Aber all diese Momente werden verloren sein… in der Zeit, so wie… Tränen im Regen.

[*] [**]

Wochentagsvegetarier

by Gunnar on 25. Mai 2010 · 24 comments

Herr Kaliban isst kein Fleisch. Außer, wenn er will. Es gibt Leute, die schimpfen ihn inkonsequent.

Ich achte auf ausgewogene Ernährung, trinke zwischendurch aber doch immer mal wieder drei Bier auf einer Party oder pfeife mir im Meeting zehn Kekse rein. Ich mache ein bisschen Sport, lasse aber fast jeden zweiten Fitnessstudio-Termin faulheitsbedingt aus und nehme bei einem Hauch von Regenwolke statt des Fahrrads das Auto zur Arbeit. Ich rauche nicht, will aber nicht ausschließen, auf der nächsten Silvesterfeier einen Zigarillo zu paffen. Ich esse kein Fleisch, mag aber bei Fisch nicht neinsagen und würde beim Abendessen mit Freunden einen selbstgeschmorten Rinderbraten durchaus nicht ablehnen. Ich schaue kein Fernsehen und weiß nicht mal, wie die Stimme von Lena Meyer-Landrut klingt, kann aber doch mal einen hirnlosen Abend vor “Schlag den Raab” verbringen.

Ich finde mich dabei grundsätzlich ganz gut: lebe bewusster als sie meisten Leute, ohne ständig als Streber aufzufallen. Ein bisschen frustiert mich allerdings, dass mein Verhalten ständig mit Hohn und Spott überkübelt wird: Raucher, Flimmerkistenfreunde und Schokoladensüchtige nennen mich schwach, weil ich nicht komplett entsage; Sesselsitzer finden mein halbherziges Sporttreiben affig und prophezeien feixend ein baldiges Ende meines Elans; kurzatmige Fleischsemmelfetischisten verstehen nicht, warum ich nicht nur noch Tofu und Bambussprossen zu mir nehme — wenn schon, denn schon, sagen sie.

Aber warum eigentlich? Ist es nicht typisch für diese Zeit, kleine Widersprüche (Bio essen und kalifornischen Rotwein trinken, etwa) easy auszuhalten? Wäre es nicht ganz hilfreich, wenn mehr Leute wenigstens teilzeit auf Fleisch verzichten würden? Warum verlangen eigentlich gerade die Gar-nicht-Entsager, dass alle anderen vollständig konsequent sind? Ist es der gelbnasige Neid auf die, die wenigstens ein bisschen was erreichen und sich nicht komplett gehen lassen? Oder ist es, ahem, vielleicht so, dass gerade die Flexitarier und die Partyraucher und die Quasi-Sportler besonders unerträgliche Zeitgenossen sind? Weil sie, um ein gewagtes Bild zu verwenden, unentwegt Diavorträge veranstalten, obwohl sie auf dem Weg Zu Einem Besseren Lebentm eigentlich doch nur bis zu ersten Raststätte gekommen sind?

Hm.

Äh.

Gut möglich.

Ich muss da mal mein eigenes Kommunikationsverhalten überprüfen. Vielleicht. Vielleicht sind aber auch einfach nur alle anderen Leute doof.

P.S. Zum Thema “Teilzeitvegetarier” gibt’s einen ganz netten Vortrag von Graham Hill:

Unter Reichen

by Gunnar on 27. März 2010 · 16 comments

Ein kurzer Beitrag, in welchem der Verfasser eines seiner Lebenstraumata aufarbeitet: den immer noch ausbleibenden siebenstelligen Lottogewinn.

Unsere Wohnung ist an einer Bundesstraße gelegen und hat einen Blick auf einen verrotteten Siebzigerjahrebau mit grünen Fensterrahmen. Einerseits. Andererseits liegen die Tempel der Reichen in Altbogenhausen nur einen Schwarzgeldkofferwurf entfernt. Ich muss also nur ein paar Straßen weitergehen, um mich — je nach Stimmung — entweder als Bewohner einer vornehmen Gegend zu fühlen oder von den in Regimentsstärke die Parkplätze bevölkernden Porsches ans eigene Normalverdienertum erinnert zu werden.

Naja.

Wenn ich besonders mutig bin, wage ich mich in den Supermarkt der Reichen, Schönen und schön Reichen: die Feinkostapotheke Käfer. Dort trifft man die kariert pullunderige Jeunesse Dorée Münchens, die Champagner für den Abend einkauft, in der Sonne von St. Tropez verbrannte hagere Endfünfzigerinnen in Begleitung des Körbe schleppenden Hauspersonals, in der Langeweile der 20-Zimmer-Villa füllig gewordene Ehefrauen auswärts übernachtender CEOs, die Hände voller 8-Euro-Schokoladentafeln, strickjackige ältere Herrn mit Luxushunden, geliftete Geschäftsführerinnen, perfekt unrasierte Agenturbosse und ihre italienischen Liebhaber und so weiter.

Und, manchmal, trifft man dort Leute, die sich offenkundig verirrt haben, wie den bedauernswerten Familienvater, der sich eine kleine runde Himbeertarte einpacken lässt, dann das Preisschild sieht und erschrocken nachfragt: “Hier steht 29 Euro! Auf dem Schild in der Auslage hieß es doch 5 Euro?!” Worauf der perfekt geschulte Verkäufer anmutig den Kopf schräg legt und “5 Euro ist der Preis für ein Stück” entgegnet. Der Familienvater wird bleich, winkt nach seinen Kindern und verlässt geschlagen den Schauplatz.

Ich fühle mit ihm.

Warum ich so selten abwasche

by Gunnar on 19. März 2010 · 12 comments

[Zeichnung: Alichemy * Ausrede: Herr Kaliban]

Pogorausch und die weinende Milch

März 15, 2010

Es ist einer dieser Texte, die ganz harmlos beginnen, mit einer schlichten Beobachtung, und dann irgendwie abdrehen. Ahem.

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Als das A von EA noch für “Arts” stand

Februar 22, 2010

Ein Beitrag mit vielen Bildern, aber fast ohne Text, in welchem der Verfasser einmal mehr zu erkennen gibt, dass seine zur Schau getragene Progressivität größtenteils Fassade ist und er im Gegenteil grundsätzlich die Meinung vertritt, dass früher alles besser war. Fast alles. Zumindest aber die Computerspiele.

Früher, da war man nicht Fan von Studios oder …

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