Vor ein paar Tagen hat die SZ, mit der mich eine Hassliebe verbindet, einen dieser Artikel über das böse Internet und den Untergang des Abendlandes online gestellt. Habe nur kurz drüber geschaut, die Klick-Bildergalerie “Die größten Selbstdarsteller im Netz” gesehen, dann bin ich wieder gegangen. Dann wider besseres Wissen nochmal quer gelesen, Halsaderschwellung bekommen und wieder gegangen. Dann nochmal ganz gelesen.
Es gäbe am Artikel ein, zwei, dreißig Dinge zu bekritteln, aber danach steht mir nicht der Sinn, eigentlich wiederholt er nur die üblichen Vorurteile. Wenn in ein paar Foren ein paar Leute irgendwas Blödes machen, ist es der rechtsfreie Raum im Internet, den man nicht dulden darf und die “Schwarmfeigheit” der anonymen User. Das kann man schon mal sagen, an vielen Stellen im Netz ist der Umgangston nicht sehr zivil. Aber immer so zu tun, als sei das ohne Präzedenz und ein reines Netzphänomen, das ist eine Verzerrung. Propaganda. Man erinnere sich an den Irrsinn der Titanic seinerzeit, die Sache mit der “Bestechung” der Fifa-Funktionäre. BILD veröffentlichte die Telefonnummer der Redaktion und ein paar Hundert oder Tausend Leser riefen an und wünschten der Titanic Übles (inklusive “Sie gehören ins KZ” und so). Ein Mob, im Schutze der Anonymität des Telefons, orchestriert von einem Boulevard-Medium. Wo war da die Debatte in den Qualitätsmedien, wo war der Aufschrei der SZ-Redaktion?
Jaja, man soll derlei Dinge nicht vergleichen, aber die Welt ist überall schlimm, wo Menschen ein bisschen in eine Richtung geschubst und von der Verantwortung für ihr Handeln befreit werden, das wurde ja schon hinreichend bewiesen. Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, ist das breite Netz geradezu überraschend zivil. Kein Grund, da immer gleich das Ende der Schöpfung auszurufen. “Wer zahlt für die Folgen versehentlich einberufener Facebook-Partys” barmt die SZ-Autorin scheinheilig, ohne einen Gedanken dran zu verschwenden, wer eigentlich dafür zahlt, wenn mal wieder drei Leute von einer Brücke springen, weil eine Lokalzeitung entgegen dem Konsens der Medien, Selbstmordschauplätze nicht zu erwähnen, eine Selbermördermeldung mit einem Foto garniert hat.
Aber das alles ist wie erwartet. Die Autorin, Alexandra Borchardt, immerhin CvD der Zeitung, ist halt in den 40ern und hat schon eine schöne Karriere in den Printmedien hinter sich, da greift die alte Douglas-Adams-Regel*: “Anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it.”
[EINSCHUB]
Das klingt, als würde ich denken, das Leute über 40 das Internet nicht verstehen. Aber ss geht nicht ums Verstehen. Es geht ums Nutzen und sich Wohlfühlen und Teilhaben.
Surfen und googeln und e-mailen und dropboxen und ein bisschen twittern, das ist nicht das Internet. Das können alle. Verständnis für dieses Medium mit all seinen Chancen und Problemen gewinnt man so nicht. Dazu hilft es, seinen Freundeskreis auf FB zu haben, Diskussionen bei Reddit zu führen, in Foren unterwegs zu sein, seine Infos aus einem 500 Quellen umfassenden RSS-Feed zu saugen, Wikipedia-Artikel zu schreiben, keine Ahnung, all das und mehr.
Meine vierjährige Tochter kommt nicht mehr auf die Idee, sich mit einem “Weiß ich nicht” zufrieden zu geben — wenn sie wissen will, was ein Ozelot ist und ich nur grob sagen kann, nun, das ist ein Tier, ein, äh, Raubtier mit Fell und so, dann sagt sie, “Papa, guck’s doch rasch auf dem iPad nach”. Das ist das, was das Adams-Zitat meint. Für meine Tochter gibt es keine Welt ohne Computer in der Hosentasche, ohne “Always On”, ohne Internet in ständiger Reichweite.
In meinem Leben (ich bin ja auch über 40) begann das Internet erst, als ich schon im Studium war. Meine erste E-Mail-Adresse war caliban@liteline.mcnet.de, um sie abzurufen, musste ich mich bei einer Mailbox einwählen. Ich habe volles Verständnis für Leute, die nicht mehr alles mitmachen müssen, mich stört nur die Glorifizierung des Alten (“Guten Journalismus gibt’s nur in Print”, “Eine Welt ohne Bücher aus Papier wäre eine verarmte Welt”, blabla) und die Verleumdung des Neuen (“Twitter ist nur weißes Rauschen”; “Auf FB schreiben Leute nur über die Pizza, die sie gerade essen”; “die User wollen alles umsonst, das ist das Ende der Kunst” und so weiter).
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Viel ärgerlicher als all die oft gelesene Behauptungen, Verkürzungen und Pauschalisierungen (der Klassiker, die Urheberrechtskritiker pauschal “Urheberrechtsgegner” zu nennen, ist auch wieder dabei) ist ein Zitat einer Passauer Professorin, Barbara Zehnpfennig, das sich im Artikel findet:
Denn vollkommene Transparenz zerstöre, vor allem wenn sie mit großem Zeitdruck verbunden ist, die Schutzräume, in denen Demokratie erst gedeihen kann: Diskretion und Diplomatie, die Zeit zum Reifen von Überzeugungen, der öffentliche, von Medien gebündelte Diskurs.
Schön gesagt, aber ist nun wirklich das ungefilterte Denken der Eliten.
Genau so hätten sie’s gern. Keine Mitbestimmung, keine Transparenz, nur der Klüngel und die Hinterzimmer. Und die großen Zeitungen als ideologischer Türwächter, die der ungewaschenen Bevölkerung die Sache so oder so erklären. Die schöne alte Welt, in der Journalisten saftige Geheimnisse erzählt kriegen (und sie nicht weiter erzählen), in der Politiker unenttarnt Mätressen unterhalten können, in der Bauprojekte nach Nase und Gegengefallen vergeben werden.
Da möchte man doch schreien. Transparenz ist die einzige Waffe, die wir haben, gegen die Leute, die das Land schädigen, um des eigenen Egos und des eigenen Vorteils willen. Gegen die Leute, die uns zu einer internationalen Lachnummer machen, weil unser Bundestag es nicht für nötig hält, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren (denn da wäre ja, oh Graus, eine Erweiterung des Straftatbestandes der Abgeordnetenbestechung nötig). Gegen die Leute, die sich den Staat zu eigen machen und das Wohl des Volkes der Ratio der Wahlkämpfe unterordnen.
Aber nun. Das ist natürlich alles kein Problem, die SZ sorgt sich lieber um raubkopierende Jugendliche und Facebook-Partys und um die Diskretion in der Demokratie.






1998, Anfang Mai, ich war gerade einen Monat bei der GameStar, stellte Jörg L. einen blonden Jüngling ein, ausgerechnet aus der Konkurrenzstadt Nürnberg, wo die mächtigen Computecs damals residierten. Der junge Mann, Christian Schmidt hieß er, übernahm von mir die Betreuung der Rubrik der Budget-Spiele, eine dankbare Aufgabe für Neu-Redakteure, weil man dort ohne Wertungsdruck seine Spielewissen verbreitern konnte. Aber der Herr Schmidt brachte ohnehin schon ein immenses Wissen mit, eine normale Jugend kann er nicht gehabt haben, so viele Spiele kannte er aus eigener Anschauung. Dieses brennende Interesse am Medium hat er sich dann über die Jahre erhalten, quasi als einziger der mir bekannten Redakteure — wir alle haben uns zwar noch fortgebildet, aber uns irgendwann privat auf ein Genre kapriziert. Manche hingen auf WoW, andere auf Battlefield, ich reihe noch immer Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, nur der Chris, der brachte es fertig, letztes Jahr Montags in der Redaktion zu erscheinen, einen Kurztest zu einem der Redaktion unbekannten Nischending namens Armada 2526 abzugeben und zu verkünden, er habe den Titel privat am Wochenende gespielt und dann nebenbei rasch noch den Test geschrieben. Chris war unser Experte für alles, was nicht Mainstream war: Rundenstrategie, Adventures, Wimmelbildspielchen und anderes Kleinzeug aber auch Story-Shooter, Rollenspiele und Echtzeitstrategie. Er testete eine Reihe von Meilensteinen (Deus Ex, Bioshock, Warcraft 3, System Shock 2), war der Hauptkolumnenschreiber und verantwortlich für das Kronjuwel des Magazins, die Reports. Seine Karriere lief nicht ganz gerade, zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, begann ein Studium, kehrte zurück, betreute Sonderhefte, wurde dann Leitender Redakteur und schließlich Stellvertretender Chefredakteur.

