Ein Beitrag mit vielen Bildern, aber fast ohne Text, in welchem der Verfasser einmal mehr zu erkennen gibt, dass seine zur Schau getragene Progressivität größtenteils Fassade ist und er im Gegenteil grundsätzlich die Meinung vertritt, dass früher alles besser war. Fast alles. Zumindest aber die Computerspiele.
Best of Kaliban
Es folgt ein Beitrag von zweifelhafter Moral und falsch verstandenem pädagogischem Anspruch, der obendrein eine Aufforderung zu bösen Taten enthält. Schlimm.
Manchmal ärgere ich mich über die Untaten anderer Leute. Und dann muss ich an Henry Rollins denken, der mal vorgeschlagen hat, man möge den bösen Herrn Milosevic (den 2006 in seiner Zelle in Den Haag verstorbenen jugoslawischen Kriegsverbrecher) nicht einfach nur einsperren, sondern in der Haft gleich noch dazu zwingen, den ganzen Tag lang die Namen seiner Opfer in eine Steinwand zu ritzen. Oder Clinton für seine außerehelichen Eskapaden mit zehn Stockhieben zu bestrafen, öffentlich, im Garten des Weißen Hauses, was im Gegensatz zu dem absurden Tribunal des Kenneth Starr* sogar für positiven Chashflow gesorgt hätte (schon wegen der Übertragungsrechte), anstatt den Staat Millionen zu kosten.
Ich, der ich unter dem dünnen großstädtisch-linksliberalen Anstrich immer noch der konservative Bauernjunge aus dem Dorf bin, kann mit derlei simpler Schwarzweiß-Moral viel anfangen — und plädiere schon länger dafür, im Alltag einfach selbst böse zu sein. Nicht aus Selbstzweck und keinesfalls zu netten Menschen, nein, nur als Reaktion auf das Verhalten von Arschlöchern. Feuer mit Feuer bekämpfen, sozusagen. Rein pädagogisch. Als kleinen Ausdruck dieser Haltung überziehe ich Firmen, die mir dumm kommen, mit nervenaufreibenden Korrespondenzkriegen, schalte in den ersten Gang, um Drängler hinter mir zu ärgern und verwickele Leute, die mir in Menschenmengen auf dem Weg von da hinten nach hier vorne auf die Füße treten, in Diskussionen über die moralische Bewertung ihres Handelns. Zuweilen.
Meist stelle ich mir aber meine Reaktion nur vor.
Da muss jetzt anders werden. Wir guten Menschen müssen zu den bösen viel böser sein. Aber wir brauchen dazu Ideen, Konzepte für den täglichen Widerstand. Und wer wäre besser geeignet, sich sowas auszudenken, als ihr, liebe Kaliban-Leser, die ihr schon seit Jahren dieses vage unfreundliche Blog verfolgt, ohne mich ständig einen grantelnden alten Mann zu schimpfen.
Also los, wer hat Ideen für kleine, situationsbezogene Strafen im Alltag, mit denen man Leuten zeigen kann, dass sie sich wie Arschlöcher aufführen?
Ich dachte an sowas in der Art:
Situation: Depp drängelt sich nach Konzertbeginn durch die gepackte Menge, tritt meiner Frau auf den Fuß, bleibt so eng vor mir stehen, dass ich seine Föhnfrisur im Gesicht habe.
Böse Tat: Phiole mit rosa Farbe (auswaschbar) aus der Tasche ziehen, dem Depp heimlich auf die Jacke spritzen. Oder, als Variante, gespielt ungeschickt das eigene Bier dem Rempler überschütten: “Ey, was soll das! Mein Bier! Das bezahlst Du!”
Situation: Mit dem Postversand beauftragter teilstaatlicher Konzern wirft mir unaufgefordert kiloweise Werbung in den Briefkasten.
Böse Tat: Depot für die Broschüren ausfindig machen, mit billigem Spindschloss verschließen. Ist möglicherweise sogar im Interesse des Postboten.
Situation: Arschloch parkt rücksichtlos in einer Einfahrt bzw. zu eng an meinem Auto bzw. halb auf einem anderen Parkplatz.
Böse Tat: Aufkleber mit der Aufschrift “Ich parke wie ein Vollpfosten” auf die Beifahrertür kleben. Kann ruhig schwer zu entfernen sein.
Situation: Mitglieder einer konservativen Partei veranstalten Kampagne gegen _________ (Asylrecht, die Türkei, doppelte Staatsbürgerschaft).
Böse Tat: Zum Stand in der Innenstadt gehen, den Damen und Herren lautstark, aber mit ehrlicher Empfindung in der Stimme, gratulieren (“Super! Endlich sagt’s mal einer! Die NPD ist ja schon viel zu lasch geworden! Als nächstes sind die Polen dran!”) und verfassungsfeindlichen Publikationen nachempfundene Flugblätter verteilen, auf denen die exakt im wortlaut gleichen Forderungen erhoben werden.
Hm. Obwohl. Gilt das Letzte schon als “böse”? Aber hey, ihr wisst sicher noch Besseres.
Anregungen bitte in die Kommentare.
P.S. Das mit dem Bösesein habe ich auch schon mal vor der Kamera geübt. Gelingt mir schon ganz gut, finde ich. Vielleicht sollte ich gleich eine Partei gründen. Oder eine Jugendbewegung Altherrenfront.
Ich bin ein bisschen Schweiz-affin, immerhin ist mein großartiger Bruder Schweizer und meine Mutter irgendwie auch. Mit so einem familiären Blick betrachtet man die schrulligen Eigenarten anderer Länder ein Stück wohlwollender, vermutlich würde es helfen, wenn wir alle mehr Verwandte im Iran oder in Nordkorea hätten. Dann würde man denken, ach, die Atombombe, alles nicht so schlimm, sind ja trotzdem nette Leute, die gerne Halma spielen. Oder so.
Früher hat mir mein Schweizer Stiefvater nicht etwa alles über die herrliche Landschaft und die schönen Hotels der Schweiz erzählt, worauf die meisten Schweizer ja recht stolz sind. Nein, er hat mir gerne die "wehrhafte Schweiz" vorgeführt, hat mir gezeigt, wo die Panzersperren durch die Täler verliefen, hat auf die Berge gedeutet, in deren schroffen Wänden sich schwach die Tore der Kavernen der Armee abzeichneten, die dort Material lagerte, hat mich stolz auf die Bunker aufmerksam gemacht, deren schmale Fensterschlitze sich gegenüber lagen, um sich gegenseitig Feuerschutz geben zu können, hat mich in den vollausgerüsteten Atomschutzkeller geführt, mit dem jedes Schweizer Haus ausgestattet ist.
Falls mal die Russen kommen. Oder die Ösis.
Das klingt für deutsche Ohren alles reichlich bizarr, aber ich erfinde nichts. Wer mir nicht glaubt, möge dieses Buch eines Schweizer Majors lesen, es heißt Der totale Widerstand. Eine Kleinkriegsanleitung für jedermann und beschreibt ausführlich, wie man als Schweizer nach dem Einmarsch des Feindes und der zu erwartenden Niederlage der Schweizer Armee Widerstand zu leisten hat. Sehr aufschlussreich. Und erstaunlich konkret. Ich zitiere:
Erfahrungsgemäss setzt erfolgreiche Kleinkriegsbekämpfung eine mehrfache zahlenmässige Überlegenheit an Infanterie voraus. Ferner hat nur gute Infanterie auf die Dauer Erfolg. Diese zahlenmässig starke Infanterie kann auch durch noch so grosszügigen Einsatz modernster schwerer Mittel (Panzer Flugzeuge) nicht ersetzt werden, denn im Kleinkrieg vermögen Maschinen den Menschen am wenigsten zu ersetzen.
Wenn wir nur 30.000 Mann Kleinkriegstruppen aufzustellen, beziehungsweise nach der Niederlage im grossen Krieg beizubehalten vermögen (nicht einmal 10 % der Armee!) ist der Gegner gezwungen, dauernd mindestens 100.000 bis 150.000 Mann (gleich 8-12 Divisionen) im Lande zu belassen, um den Kleinkrieg nur einigermassen niederzuhalten. Grobe Erfahrungszahlen: Pro Quadratkilometer besetztes Gebiet 2 Mann Besetzungsmilitär. Für Kleinkriegsbekämpfung (Säuberung): Fünffache Obermacht an «Menschen» Voraussetzung! Da nicht nur die Schweiz besetzt sein wird, benötigt der Gegner anderswo noch viel mehr Okkupationstruppen. Weil er gleichzeitig noch mit einer Weltmacht im Kampfe liegt, sind unsere Chancen, im Kleinkrieg bestehen zu können, gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Wir wollen sein ein einig Volk von Kriegern. Don’t fuck with the Swiss, I say.
Eine kurze Ereiferung, in welcher der Autor in eindringlicher Weise beschreibt, wie traumatisch es für ihn war, seinen Account bei Xbox Live zu kündigen.
Die Xbox 360 und ich, wir stehen grundsätzlich auf gutem Fuß. Ich verwende sie dieser Tage als primäre Spieleplattform und gucke sogar DVDs mit ihr, seit mein DVD-Player in den Siebten Kreis der Maschinenhölle hinabgestiegen ist, diese spezielle Hölle für Geräte, die kurz nach der Garantiezeit kaputtgehen. Und das großartige Xbox Live nutze ich gefühlt seit Anbeginn aller Zeit. Mit Abo und automatischer Abbuchung. Nun aber, in der Besinnlichkeit des Jahreswechsels, fiel mir in der Rückschau ein, dass ich 2009 eigentlich gar nicht mehr auf Xbox Live Multiplayer betrieben habe. Und auch sonst keine der Funktionen in Anspruch genommen habe, welche die kostenlose “Silber”-Variante von der elitären “Gold”-Version unterscheiden.
Naja, dachte ich mir, da kann ich ja einfach mal 60 Euro sparen und den kostenpflichtigen Account kündigen oder herabstufen oder sowas. Die entsprechende Funktion suchte ich, der schlichten Logik des Konsumenten folgend, innerhalb von Xbox Live, in den Einstellungen für meine Mitgliedschaft. Dort z.B., wo man auch das Gegenteil tun kann, nämlich das Abo verlängern. Wie dumm von mir. Das wäre ja zu einfach. Natürlich kann man einen so folgenschweren Schritt ausschließlich vermittels eines Anrufs bei der Hotline durchführen. Da meine Erfahrungen mit Hotlines im Allgemeinen nicht so sind, dass ich mich dieser Tortur freiwillig aussetzen möchte (und andere Leute speziell mit der Microsoft-Hotline so ihre Erlebnisse hatten), suchte ich nach einer alternativen Möglichkeit.
Microsoft selber gibt auf xbox.com den Link www.xbox.com/live/accounts an, hinter dem sich angeblich Informationen verbergen sollen. Der führt aber erstmal zur Login-Schranke. (Anmerkung: Ich wechsele an dieser Stelle meiner Erzählung aus dramaturgischen Gründen aus dem Präteritum ins Präsens.) Grmpf. Wo sind meine Daten nochmal, die habe ich seit Jahren nicht benutzt? Ah, hier, eingegeben, weiter. Nun bin ich auf meiner “Kontozusammenfassung”.
Nichts Spektakuläres hier zu sehen. Ich nutze mal besser die Site-Suche. Keine brauchbaren Informationen. Gar keine. Wie kann das sein*? Ich gehe zurück zum Konto und mit der bewährten Sherlock Holmes-Methode (“Wenn man alles Unmögliche ausschließt, muss das, was übrig bleibt, und sei es auch noch so unwahrscheinlich, die Wahrheit sein”) schaffe ich es, herauszufinden, dass sich das Gesuchte unter dem Tarnnamen “Mitgliedschaftsstufe” verbergen muss. Aha. Doch auch hier kann ich eigentlich nur wählen, ob ich meine Gold-Mitgliedschaft monatlich, jährlich oder quartalsweise zahlen möchte. Nichts zu sehen von Kündigung, Downgrade oder… halt!… wenn man genau hinschaut, sieht man, dass in der Zeile “Automatische Verlängerung: EIN” das Wort “EIN” verlinkt ist. Das muss es sein.
Ich zittere ein wenig vor Aufregung, als ich klicke. Es folgt ein kleiner Text der Machart “Wir opfern morgen Satan vier Kätzchen, weil Sie uns mit dieser Kündigung dazu gezwungen haben” und ein paar Reihen Bildchen mit Xbox Live-Werbung. Ist es getan? Ich klicke sicherheitshalber ein bisschen herum. Hm. Wenn ich zurück in die “Zusammenfassung” gehe, wird mir immer noch “Automatische Verlängerung: EIN” angezeigt. Ich wiederhole den Vorgang. Und nochmal. Nichts. Das “EIN” ist immun. Ich laufe ein wenig im Kreis, schreie ein bisschen vom Balkon in den Innenhof, nehme zwei Herztabletten. Dann probiere ich es nochmal. Diesmal fällt mir auf, dass sich unter der Werbung, rechts, am Ende der Seite, ein kleiner, blasser, durch nichts hervorgehobener Button an den Rand duckt. “Weiter” steht darauf. Ah, ich war noch nicht fertig mit dem Ausschalten der Verlängerung. Ich klicke auf “Weiter”. Es kommt eine Seite, die mir weitere Vorzüge von Xbox Live darbietet. In bunten Bildern. Ich klicke auf “Weiter”. Es kommt eine Seite, die mir weitere Vorzüge von Xbox Live darbietet. In bunten Bildern. Ich klicke auf “Weiter”. Es kommt eine Seite, die mir weitere Vorzüge von Xbox Live darbietet. In bunten Bildern. Ich klicke auf “Weiter”. Auf Seite 4 schließlich entlässt mich der gnadenlose Microsoft-Vertrieb aus seinen Klauen und bestätigt, dass meine “Gold”-Mitgliedschaft enden wird, nicht jetzt, aber in wenigen Monaten, wenn mein im Voraus gezahltes Geld aufgebraucht ist.
Kann ich auch sofort aufhören, den Service zu nutzen und mein Geld zurückbekommen? Wie, sagen wir, bei einem Zeitschriftenabo?
Das HTML schweigt.
Im Nachgang schickt mir Microsoft dann noch eine surreale Mail, in einer Sprache, die so ähnlich wie Deutsch klingt:
Sehr geehrte(r) Herr Kaliban, Ihr Abonnement für Xbox Live 12-monatige Gold-Mitgliedschaft läuft am Donnerstag, 8. April 2010 ab. Um eine mögliche Unterbrechung Ihres Abonnementdiensts zu vermeiden, erneuern Sie bitte Ihr Abonnement bis zum Donnerstag, 8. April 2010. Um eure Xbox LIVE-Mitgliedschaft zu verlängern, stattet ihr der Webseite www.xbox.com/extendmembership einen Besuch ab und folgt den Anweisungen. [...]
Falls Sie Ihr Abonnement bereits verlängert haben, möchten wir uns hierfür bei Ihnen bedanken.
Vielen Dank, dass Sie sich für Microsoft Online Services entschieden haben.
Xbox LIVE-Team
Huh? Habe ich mich nicht eben mit voller Absicht GEGEN die Verlängerung dieses Services entschieden? Und was denn nun, “Du” oder “Sie”? Der verwirrte Verfasser vermutet offenbar, ich hätte meine Mitgliedschaft wohl versehentlich gekündigt. Logisch eigentlich, Microsoft kann ja, bei all den Steinen, die sie einem in den Weg legen, nicht annehmen, es sei mir gelungen, absichtlich zu kündigen. *Seufz*
Liebe Damen und Herren aus Redmond und Unterschleißheim, so wird nichts mit der Weltherrschaft. Wer will, dass der Kunde ihn achtet und auf Meinungsäußerungen qua länglicher, von negativen Schwingungen durchzogener Blogeinträge verzichtet, der muss auf seine Systemchen ein klitzekleines bisschen Liebetm draufstreuen. Anders geht das nicht mehr, heutzutage, in der facebookisierten Weitertratschgesellschaft.
* Ist ja klar, Microsoft verwendet in der eigenen Sprache das Wort “Kündigung” nicht, sondern spricht immer nur von der “Nichtverlängerung der Mitgliedschaft”. Da kann die Suche ja nichts finden.
Ich erwähnte neulich schon mal Formspring, eine Seite, wo jeder Hinzkunz einen Account anlegen und sich Fragen stellen lassen kann. Ist möglicherweise nur was für Leute, die gerne Fragebögen ausfüllen oder gerne Fragebögen lesen. Ganz aber ganz unterhaltsam sein, wenn man’s halbwegs ernst nimmt (wie Sascha) oder aufteufelkommraus witzig ist (wie Fabu).
Ich bin natürlich gegen Verlockungen neuer Webseiten nahezu immun (habe ja auch von 1876 bis 2009 nicht getwittert), würde das Prinzip aber gerne mal testhalber ins Blog aufnehmen: Wer mag, stellt eine Frage (in den Kommentaren), ich übernehme die Frage in dieses Posting und beantworte sie liebevoll. Wenn nur 2.5 Fragen gestellt werden, ist mir die Sache peinlich und ich muss verschämt diesen Eintrag löschen. Wenn mehr als 529 Fragen gestellt werden, entwickele ich ein Überlastungssyndrom, in dessen Folge mein rechtes Ohr explodiert. Beides könnt ihr nicht wollen.
Also: I declare this bazaar open.
Ich fahre am frühen Morgen eine dreispurige Straße entlang. In München. Wenn man das Gezuckel im Berufsverkehr überhaupt “fahren” nennen möchte. Komme an eine Ampel, verzichte auf’s Durchrasen bei Dunkelgelb und komme zum Stehen. Greife zum iPhone, um mit dem Feedreader die morgendliche Dosis SEO-Blogs zu lesen. Dumme Angewohnheit, jaja, aber ich bin offenbar nicht alleine damit — rechts, im kleinen Seat, feilt sich eine mittelalte Dame intensiv die Nägel. Links, im nagelneuen 911, stochert sich ein Mann in den Sechzigern, mit Wellen im grauen Haar und Halstuch, in den Zähnen herum und liest dabei die Aufschrift auf einer Medikamentenpackung, die von da, wo ich sitze, verdächtig nach einem Prostatamittel aussieht. Ist der Firma Porsche eigentlich klar, dass ihre Kernklientel keineswegs die dynamischen 40jährigen Querdenker aus dem Management sind, von denen sie immer faseln, sondern durchweg geföhnte ältere Herren?
Dann hupt jemand. Wir schrecken auf, unterbrechen das Lesen, des Feilen, das Stochern und fahren los. Ich denke noch kurz über die relative Undistinguiertheit des Zahnreinigens beim Autofahren nach, wobei mir dieses uralte PC-Spiel einfällt, das einem bei der endlosen Installation mit zehn Disketten zwischendurch immer so kleine Lebenshilfetipps eingespielt hat, unter anderem “Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mal drüber nachzudenken, wie Sie diese ekelhafte Angewohnheit loswerden, diese Sache, die Sie immer im Auto machen, wenn Sie allein sind. Ja, wir haben Sie gesehen.“, da kommt schon die nächste Ampel und diesmal rutsche ich am Porschefahrer vorbei und komme neben einem Geschäftsmann im Mercedes Kombi zu stehen. Und, argh!, der pult auch in den Zähnen, professionell, mit so einem Zahnreinigungszahnstocher samt Puschel dran. Die machen das alle. Offenbar ist in den Autos der oberen Klassen das Zahnpflegeset als Zubehör erhältlich.
Vielleicht ist es nur Zufall, vielleicht bin ich aber auch der Einzige, der seine Zähne zuhause putzt und hin und wieder blicken Leute mit einem Schaudern zu mir ins Auto und fragen sich, warum ich da mit einem Handy oder dem Radio ‘rumfummele, anstatt mir die Zähne zu säubern.

Der Spaziergang, der mit diesem niedlichen Foto begann, endete übrigens in Tränen. Und das wegen einer Sache, auf die man in den Elternratgebern nie vorbereitet wird: Wir passierten gerade den Taxistand am Prinzregententheater, da klingelte die Taxirufsäule, weil ein Taxi bestellt wurde. Die Säule, deren Schicksal es ist, die Aufmerksamkeit von abgestumpfen Taxifahrern erregen zu müssen, begleitete das Klingeln mit einem aufgeregten gelben Lichtsignal. Das Goldkindtm hat nun aber seit jeher eine Schwäche für alles, was Blaulicht ähnelt und blieb bei diesem Anblick sofort wie angewurzelt stehen. Und wartete auf das nächste Lichtsignal. Und wartete. Und wartete. Aber offenbar brauchte niemand in Bogen- oder Haidhausen ein Taxi. Ich wollte gerne nach Hause, und es entfaltete sich ein verzweifelter Dialog:
Goldkind: “Blink! Tüta! Taxi!”
Herr Kaliban: “Hey, das Blinken ist weg. WEG! Und wir gehen nach Hause!”
Goldkind: “Blink weg?”
Herr Kaliban: “Jaja: weg. Morgen kommt wieder ein Blink, versprochen. Los, wir gehen heim.”
Goldkind: (hält sich an einem Zaun fest, zeigt zum Taxistand) “Blink! Tüta! Angucken!”
Herr Kaliban: “Komm, wir gucken das ein andermal an. Kommt Zeit, kommt Blink.”
Goldkind: (zunehmend verzweifelt) “BLINK! BLINK! Angucken!”
Herr Kaliban: “Das Blinken hat aufgehört. Es ist WEG!”
Goldkind: “Blink weg?”
Herr Kaliban: (zieht am Goldkind) “Genau: weg. Komm, willst du eine Brezn?”
Goldkind: (hält mit Armen und Beinen einen Laternenmast umklammert) “BLINK! Angucken! Tüta! Taxi!”
Und so weiter. Noch Stunden später, nach dem Essen und dem Baden und dem Eincremen und dem Verlesen der Zoo-Abenteuer von “Bobo Siebenschläfer” (6x) und dem Kuscheln und dem Füttern der rothaarigen Puppe und dem Streicheln der Tigerkatze und dem Hören von “So ein schöner Tag” (3x) und dem Ringkampf um die Herrschaft über das iPhone und dem Verlesen der Supermarkt-Abenteuer von “Bodo Siebenschläfer” (4x) und all den anderen Sachen kam das Thema “Blink!” immer wieder auf den Tisch. Das Kind ist offenbar in seinem Innersten getroffen.
Nächstes Mal nehmen wir beim Spaziergang einen Umweg.
Also, manchmal muss meine Frau, die’s auch nicht leicht hat mit dem Goldkindtm und so, ein bisschen Dampf ablassen. Dann geht sie einkaufen. Und ich muss mit.
Wir stürmen in die Stadt, entern Laden 1 von der zweistelligen Liste. Methodisch arbeiten wir uns von unten nach oben hoch, Stockwerk für Stockwerk, Regal für Regal. Wobei das Wort “wir” ein bisschen unexakt ist — meine Frau prüft jedes Ausstellungsstück händisch auf Kaufbarkeit, während das Goldkind und ich nach so 35 Nanosekunden die Lust verlieren und lieber ein bisschen auf der Kaufhausetage umherstreifen. Dabei driften wir in die Nähe der Männersachen, mein Brieftaschenextraktionsalarm klingelt vorsorglich, aber ich bin grundsätzlich immun gegen Kauflust, wenn meine Frau dabei ist. Ich bin einer der letzten Alleinkäufer, Lordsiegelbewahrer des bröckligen Restes männlicher Automonie, der in dieser Gesellschaft noch möglich ist. Wenn ich schon öffentliches Sackkratzen, abendlichen Dosenbierkonsum und Metal-Mitgröhlen beim Frühstück als Dispositionsmasse dem Konzept Ehe opfern musste, will ich wenigstens eigenständig und unbeeinflusst entscheiden, womit ich mich in der Öffentlichkeit lächerlich mache.
Kann's ja hinterher wieder umtauschen, wenn's ihr nicht gefällt. Ahem.
Aber weiter — mit halbem Ohr belausche ich im Vorbeigehen zwei Pärchen, ich bin Journalist, müssen Sie wissen, und immer am Menschlichen interessiert.
Mitgehörtes Gespräch Nr. 1:
Mann: "Ich probiere die Hose nur schnell an."
Frau: "Bist du sicher, das du nicht eher so 'ne ausgewaschene willst?"
Mann: "Nein. Ich will die hier."
Frau: "Was ist mit der hier? Ist auch gut."
Mann: „Nein. Ich will die hier.“
Frau: "Aber…"
Mann: (verschwindet in der Umkleide, kommt nach vier Minuten wieder raus, kauft die Hose)
Frau: (schaut verständnislos)
Mitgehörtes Gespräch Nr. 2:
Mann: "Hm. Die Jacke oder die?"
Frau: "Das kann ich nicht für dich entscheiden. Ich sage nur, die da passt zu deinen restlichen Klamotten."
Mann: "Hm."
Frau: "Ich gehe jetzt in die Damenabteilung."
Mann: "Äh. Halt. Wegen der Jacke…"
Meine Vorurteile bestätigen sich: Männer sind entweder wie ich Typ 1, also total zielstrebig und zackzack – was, zugegeben, in ganz seltenen Fällen zu dunkelblauen Fehlkäufen oder jahrzehntelanger Markentreue ("Ich kaufe nur Schuhe von Mephisto, die stehen mir immer") führt. Oder, Typ 2, irgendwie zu lange unter Mutters Fittichen gewesen und deshalb dauerhaft geschmacksunsicher. Das sind dann die Typen, die ausschließlich von Frauen eingekleidet werden. Wobei es von einkleidenden Frauen auch wieder zwei Typen gibt. Typ 1 staffiert den Kerl aus wie ein Model, damit andere Frauen Herzattacken vor Neid bekommen. Typ 2 hingegen achtet streng darauf, den Mann so anzuziehen, dass er von anderen Frauen für einen kompletten Dorftrottel gehalten wird. Um die Möglichkeit eines Ehebruchs gleichsam im Keim zu ersticken.
Jaja, Women are from Omicron Persei 7, men are from Omicron Persei 9 (*).
Altersweiser Ratschlag: Wer sich um eine Stelle in der Spieleindustrie oder den angrenzenden Feldern bewirbt, der darf ruhig ein bisschen forscher sein. Mit Standardanschreiben nach Lehrbuch fällt man in der Masse nicht auf.
Also, jedenfalls erzähle ich auf Nachwuchsveranstaltungen immer angehenden Spiele-Entwicklern, dass sie sich in ihren Bewerbungen was trauen sollen. Und nehme als Beispiel immer meine eigene Geschichte: Ich hatte mich bei GameStar und ein paar anderen Heften Anno 1997 erfolglos beworben und die Karriere im Spielejournalismus schon nahezu abgeschrieben. Da kam plötzlich der PC-Player-Redakteur Volker Schütz in den Spieleladen in Kassel, in dem ich damals jobbte. Ich fasste mir ein Herz und fragte den jungen Mann, was wohl mit mir falsch sein könnte, da mich die Spielepresse nicht einstellen wolle. Volker entgegnete: »War deine Bewerbung originell?« Ich musste zerknirscht einräumen, dass ich ziemlich gestelzten Bewerbungsquatsch verfasst hatte. Wie ich halt dachte, dass man es machen müsse. Wegen Seriösität und so.
Kurzum, mehr war nicht nötig — ich versuchte es bei der nächsten Gelegenheit nochmal, legte dem seriösen, aber halbwegs flott formulierten Anschreiben einen “Test” bei, der im typischen Spielehefte-Layout gestaltet war und mich (mit allerlei Witzchen) bewertete, als sei ich ein Spiel. Und zack! gab es zwei, drei Zusagen. Ich entschied mich für GameStar und dann begann meine Karriere. Bei meinem Freund Niklas war es nicht unähnlich: Der schickte als Bewerbung auf einen Praktikumsplatz eine aufwändig gestaltete Medikamentenpackung mit der Aufschrift »Praktikant Forte — einzusetzen bei innerbetrieblicher Überlastung« an eine Werbeagentur und wurde vom Fleck weg engagiert.
Ich nehme an, dass dieses Prinzip zumindest für alle Medienberufe gilt — wenn man sehr mutig oder originell daherkommt, wird man zumindest eingeladen, weil der Personaler oder Manager einfach wissen will, was das für ein Typ ist, der sich da bewirbt. Und sei es nur zur Abwechslung und wegen des Kuriositätswertes, denn langweilige Bewerbungsgespräche mit ängstlichen oder oder pseudocoolen Aspiranten hat man genug.
Tim Schafer, LucasArts-Veteran und Designer von legendären PC-Spielen wie Day of the Tentacle, hat’s auch so gemacht, wie er auf seiner Webseite darlegt — er hat sich mit einer Art Beschreibung eines Adventure-Spiels beworben, komplett mit krude gezeichneten Bildchen. Lesenswerte Geschichte, angereichert mit Scans der vorangegangenen Ablehnungsschreiben.
Wenn unsere Tochter, das Goldkindtm, nach ihrem Mittagsschlaf aufsteht, dann wachsen ihr Engelsflügel — lauten Meinungsäußerungen abhold, schwebt sie durch die Räume, hat für Kater&Mutter&Vater immer ein Lächeln, beteiligt sich an Spielen, hebt Dinge auf, die ihr runter fallen, freut sich über Kleinigkeiten, erprobt ihre Sprachfertigkeiten an neuen Sätzen, singt, tanzt, wirft Kusshände, badet in überirdischem Licht. Und so weiter.
Außer manchmal.
Manchmal steht sie nach dem Mittagsschlaf auf und hat eine Laune wie Sauron bei Sonnenschein. Dann bekommt sie minutenlange Wutanfälle, wenn man ihr das Messer entwindet, mit dem sie auf den Kater losgehen wollte. Dann lehnt sie Nahrung, Getränke, Musik und Spielzeug ab. Dann experimentiert sie vornehmlich mit den psychoakustischen Eigenschaften von zerbrechlichen Gegenständen. Tritt Löcher in die Wand. Bekommt eine grüne Hautfarbe. You get the picture.
Es ist uns nicht gelungen, herauszufinden, wo der Schalter ist, mit dem Gott bei ihr zwischen den Modi umschaltet. Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.
*Seufz*.

Wenn wir nur 30.000 Mann Kleinkriegstruppen aufzustellen, beziehungsweise nach der Niederlage im grossen Krieg beizubehalten vermögen (nicht einmal 10 % der Armee!) ist der Gegner gezwungen, dauernd mindestens 100.000 bis 150.000 Mann (gleich 8-12 Divisionen) im Lande zu belassen, um den Kleinkrieg nur einigermassen niederzuhalten. Grobe Erfahrungszahlen: Pro Quadratkilometer besetztes Gebiet 2 Mann Besetzungsmilitär. Für Kleinkriegsbekämpfung (Säuberung): Fünffache Obermacht an «Menschen» Voraussetzung! Da nicht nur die Schweiz besetzt sein wird, benötigt der Gegner anderswo noch viel mehr Okkupationstruppen. Weil er gleichzeitig noch mit einer Weltmacht im Kampfe liegt, sind unsere Chancen, im Kleinkrieg bestehen zu können, gar nicht so schlecht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

