Die Bosheit der Welt

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Dear Zynga, we love you too

25. Januar 2012 · 9 comments

Hat sicher jeder schon anderswo gelesen, aber ich muss das nochmal bringen.

Folgende Botschaft verbreitete der iPhone-Entwickler Nimblebit kürzlich:

Interessant, dass eine Firma wie Zynga, mit massenhaft gutem Personal und mehr als ordentlicher Kapitalausstattung, bei ihrem Angriff auf den mobilen Spielemarkt erstmal nichts Besseres zu tun hat, als das “Spiel des Jahres” zu kopieren.

Ziemlich clever ist dafür die Reaktion von Nimblebit, die natürlich genau wissen, dass Konzepte nicht rechtlich schützbar sind und sich daher auf die David gegen Goliath-Nummer verlegen. Und das mit (bösen) Humor.

Nett auch die Anmerkung dazu auf Twitter:

Hintergrund: Zynga hatte (angeblich) vorher versucht, Nimblebit zu kaufen.

Die Episode wirft aber auch ein Schlaglicht auf den Social-Games-Zweig der Spieleindustrie, dem es offenbar sehr schwer fällt, den bestehenden (bekanntlich sehr gut funktionierenden) Konzepten etwas Neues, Innovatives hinzuzufügen. Die Facebook-Spiele von Zynga sind ja auch fast alle Iterationen von Farmville, das wiederum sehr, sehr nahe an MyFarm oder Happy Farm ist. Und das siegreiche Sims Social von EA, derzeit nahezu das einzige Facebook-Spiel, das den Ville-Spielen Paroli bieten kann, fühlt sich an, als hätte da ein sehr versiertes Team alle Erkenntnisse von Zynga re-engineered.

Liebe Content-Industrien,

ich habe durchaus Verständnis für Copyrights. Ich habe mein ganzes Berufsleben und auch privat als Blogger und Autor täglich das produziert, was heute so abwertend “Content” heißt. Und möchte nicht, dass Leute sich ohne zu fragen daran bedienen. Ich habe auch die dramatische Amiga-Zeit mitbekommen, als die Firma Thalion unterging, deren Spiele ich mochte, die aber wegen der Raubkopien keine Zukunft für sich mehr sah. Ich war dabei, als Anno 1602 in Deutschland im ersten Jahr gut das Fünffache von Starcraft verkaufte, weil Starcraft eben keinen Kopierschutz hatte und Anno immerhin einen schwachen. Ich stehe auf dem altmodischen Standpunkt, dass wenn man etwas nutzen möchte, auf dem ein Preisschild klebt (und für dessen Erschaffung jemand hart gearbeitet hat), man gefälligst zahlen möge.

Aber das ist die eine Ebene, die intellektuelle Ebene sozusagen.

Meine Lebenserfahrung lehrt mich etwas ganz anderes.

Vor langer Zeit, da kaufte ich regelmäßig CDs. Bis mir auffiel, dass sich gekaufte CDs in meinem Auto-CD-Player nicht mehr abspielen ließen, wegen des Kopierschutzes, gebrannte aber schon. Da ich im Auto Musik hören wollte, stieg ich um.

Dann kaufte ich Musik auf iTunes, bis mir irgendwann gleichzeitig iPod und PC crashten und sich die gekaufte Musiksammlung, wegen des Kopierschutzes, nicht mehr legal abspielen ließ, die gerippten Tracks aber weiterhin liefen. Ich kaufte dann Musik bei Amazon, DRM-frei, das löste das Problem.

Dann kaufte ich Serien auf iTunes, bis mir gestern auffiel, dass ich die Folgen nicht auf meine Xbox streamen kann, wegen des Kopierschutzes, im Netz herrenlos aufgefundene Filme aber schon. Ich kann mir jetzt ein Apple-TV kaufen oder wieder nach DRM-freien Quellen suchen, bin’s aber durchaus auch leid, durch immer neue Feuerreifen zu springen, während die Industrie mir weiterhin Steine in den Weg legt.

Liebe Entscheider der Content-Industrien, ich gehöre zur ersten Generation der Internet-User. Wir sind die Leute, die iTunes mit unserer Kaufkraft überhaupt erst möglich gemacht haben. Wir sind die Leute, die mit Flattr spenden, die über Paypal Serials für Software kaufen, die den Indies über die Humble Bundles ein bisschen Herzblut zurück geben, die die ganze App-Ökonomie am Leben halten.

Wir tun das nicht, weil wir nicht wüssten, wie ein Jailbreak funktioniert. Oder wo wir Keygens und Cracks und Serialz und Musik und ganze Filme finden. Wir tun das aus Überzeugung, weil wir für das, was wir konsumieren, gerne bezahlen. Ich würde erwarten, dass man uns für diese Haltung liebt. Aber nein, wir sind die Feinde, denen man widerstrebend gerade so viel Nutzungsrecht überlässt, damit ein Vertrag erfüllt werden kann.

So geht das nicht. Ich will mein Eigentum so nutzen, wie’s mir gerade gefällt, auf welcher Plattform auch immer. Und ich möchte, in einer globalisierten Welt, Werke dann kaufen können, wenn sie auf den Markt kommen und nicht erst dann, wenn ein Portfolio-Manager entscheidet, dass er mein Land jetzt endlich doch auch freischalten möchte, weil alle anderen Verwertungsketten erschöpft sind.

Johnny von Spreeblick hat das kürzlich noch ein bisschen hübscher gesagt: “Und wenn sich die Unterhaltungsbranche dann irgendwann mal dazu bequemen könnte, aus dem Erfolg von Megaupload etc. zu lernen und internationale Lösungen für Konsumenten anzubieten, statt ihre Energie in nicht minder schmutzige Lobbyisten-Arbeit in der Politik zu vergeuden, dann kommt vielleicht langsam mal was ins Rollen. Von mir aus kann dieser ganze Schrott wie Megaupload nämlich gerne aus dem Netz verschwinden, ich will weder beschissene Pornowerbung noch flackernde Download-Timer ertragen müssen und an solche Portale erst recht kein Geld zahlen, um den Film meiner Wahl sehen zu können, sobald er fertig produziert wurde. Ich lege gerne fünf oder zehn Euro im Monat aufs Trackpad, wenn ich davon ausgehen kann, dass die Produzenten einen Teil davon erhalten und der ganze Kram legal ist.”

Geht in euch, ich bin den ganzen Ärger ein bisschen leid.

Herzlichst,

ein zahlender Kunde

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Das G8 und die Kindheit

15. Dezember 2011 · 10 comments

Aus einem (schon ein halbes Jahr alten) Brief eines Vaters an seine 10jährige Tochter, gefunden auf Zeit Online.

Zitat:

Liebe Marie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane, aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wie viel ist 172? Wie viel 56? Wie viel 28? Auf dem Weg nach Hause dann noch mal: 27 = 128, 182 = 324, 56 = 15625. Und noch mal. Und zur Sicherheit gleich noch mal.

Wir hätten so viel Sinnvolleres tun können auf unserem Heimweg! Den Bildern der Bären nachhängen und Bonbons lutschen zum Beispiel. In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum. Aber noch nicht mal an einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du sein solltest mit zehn Jahren.

Der Vater beklagt in dem langen Text die mangelnde Freizeit der aktuellen Gynasiastengeneration, den ansteigenden Schulstress, den Druck, der schon bei Kindern zu Burnouts führt.

Die Lage ist sicher nicht ganz so klar, wie der Autor sie darstellt, aber ein schönes und ehrliches Dokument eines berechtigten Anliegens der aktuellen Elterngeneration ist der Text auf jeden Fall. Ich habe keine schulpflichtigen Kinder, aber die Zustände, von denen mir Bekannte (die keine Streber-Eltern sind) aus bayrischen Schulen berichten, sind zumindest bedenklich. Eine Mutter erzählte mir, dass Aufgaben so gestellt seien, dass sie ohne Elternhilfe nicht lösbar wären, dass schon in der Grundschule Hausaufgaben mit Powerpoint an der Tagesordnung seien et cetera. Keine Ahnung, ob das ein Münchner Sonderfall ist, aber derlei Klagen hört man häufiger.

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Euro-Krise und so

27. Oktober 2011 · 11 comments

Ausnahmsweise mal eine Artikelkomplettübernahme aus einem anderen Blog: Herr Yglesias vom American Progress Action Fund (das ist ein liberaler Think Tank) schreibt folgendes über die Euro-Krise:

Euro armageddon is approaching, but it’s too boring and complicated to explain” is an excellent headline. But if you’re not a resident of an EU country, I think that what you need to know about this is actually pretty simple.
Just imagine a situation where something’s gone wrong and there’s more than one way to fix it. Like a bunch of friends are driving down to a vacation in three different cars, and one car runs out of gas while the other suffers a flat tire. You could all pack into one car. Or you could siphon gas out of one of the cars that has gas, and fill the empty car’s tank. Or you could remove the tire from the gas-less car and use it to replace the flat. Or you could call AAA and wait for a tow truck. Or someone could walk to the local gas station. There are lots of ways you could resolve the problem, some of them better than others and all of them impacting the interests of different people in different ways. The issue you’re going to have isn’t that the problem is “too hard to solve” it’s that getting everyone to agree on one particular solution is difficult.
That’s why normally human institutions are arranged into hierarchies. If a military convoy was in some kind of jam, the highest-ranking officer just picks a solution. In the White House, they’d have a bunch of meetings and then Barack Obama would pick. But Europe doesn’t have a good process for making decisions. So since each possible option has various downsides, they keep not picking any particular option even though not-really-deciding is basically worse for everyone. And “everyone” in this case includes non-EU folk like you and me who suffer from the general panic.

[Obligatorische Copyright notice: "This material [article] was created by the Center for American Progress Action Fund” (online), oder genauer: bei Herrn Yglesias.]

Und wo wir grad’ bei dem Thema sind, was ich, als Gefährliches-Halbwissen-im-Schädel-Laie mit 20 Jahre zurückliegendem VWL-Semester, an der ganzen Griechenland-Klamotte überhaupt nicht verstehe, ist folgendes:

Wo ist eigentlich das Problem mit einem Schuldenschnitt Griechenlands?

Ich meine, wer griechische Staatsanleihen gekauft hat, hat doch dafür schon immer höhere Zinsen erlöst als, sagen wir, der Käufer luxemburgischer Staatsanleihen.

Und was sind denn diese höheren Zinsen anderes als eine Kompensation des Risikos?

Wer also jetzt meckert, dass er Geld verliert, hat sich doch einfach aus Zinsgier überkauft. Oder verstehe ich da was grundlegend falsch?

Herr Kaliban regt sich über Politiker auf. Mal wieder.

Erinnert sich noch jemand an 1992? Da war der Höhepunkt der Asyldebatte, Worte wie “Überfremdung” waren in aller Munde; und die rechten “Republikaner” hatten ihre große Stunde, sie waren eben mit fast 11 Prozent in den Landtag von Baden-Württemberg eingezogen. Im August gab es ausländerfeindliche Krawalle in Rostock (vielleicht ganz gut zur Auffrischung: eine SpTV-Sendung von damals), und die Politik war in Panik. Die Kohl-Regierung sah ihr Heil in der Eindämmung der Asylbewerberzahlen und offenbarte Abgründe. Der Spiegel schrieb in Ausgabe 46/1992:

Im Kreis seiner Mitarbeiter im Kanzleramt offenbarte Kohl, woran er denkt: Wenn sich bald über 700 000 Asylbewerber in Deutschland drängten und wenn die erforderlichen Grundgesetzänderungen mit der SPD nicht zu machen seien, dann werde er sich so verhalten, “als ob” die einschlägigen Grundgesetz-Artikel geändert worden wären.

Und Weigel von der CSU sekundierte mit der Drohung, falls das alles nicht anders ginge, müsse man eben den “Gesetzgebungswege mit hohem verfassungsrechtlichen Risiko” beschreiten.

Ich saß da, mit meinem jugendlichen Demokratieenthusiasmus und wartete, dass der Blitz einschlüge. Führende Politiker sprachen offen vom Bruch der Verfassung und davon, sich einfach so nicht an geltendes Recht zu halten, dafür gab es keinen Präzedenzfall. Mal abgesehen von dem Deutschen Herbst und der RAF-Sache. Ich nahm an, dass jetzt eben die Verfassungspolizei ausrücken würden, um die Spitze der CDU/CSU festzunehmen, aber nichts geschah. Mein handfestes Vertrauen in die Demokratie sank um 20 Punkte, aber das Leben ging weiter.

Es folgen Skandale auf Skandale, aber etwas Vergleichbares geschah nicht mehr. Bis dieser Tage: Die Polizei schickt, gegen geltendes Recht, schlecht programmierte trojanische Pferde auf die Rechner von Verdächtigen und was sagen die zuständigen Politiker?

“Das ist eine Frage, die unter Juristen umstritten ist. Das Landgericht Landshut sagt, es sei nicht erlaubt. Die bayerische Staatsregierung sagt, es sei erlaubt. Man kann ja auch anderer Auffassung sein als ein Landgericht.” (Innenminister Friedrich, CSU, Quelle: FAZ)

Ah, wenn eine Behörde anderer Aufassung ist als ein Landgericht, dann muss sie sich nicht an dessen Vorgaben halten? Das ist ja hübsch.

Wo bleiben Gottes Blitze? Warum ist die Verfassungspolizei noch nicht unterwegs, um Friedrich und Uhl festzunehmen?

Ich mag unglaublich naiv sein, aber ich begreife nicht, was Politiker dazu treibt, sich implizit oder explizit, durch Taten oder Worte, gegen geltendes Recht zu stellen. Klar, es gibt Zwänge, wenn Behörden oder Lobbyisten Druck machen. Klar, man hat Angst vor den Wählern. Aber das Gesetz ist doch immer ein sicherer Boden, auf den man sich zurückziehen kann. Und dann breitet man die Arme aus und sagt, tja, sorry, das Gesetz, sie wissen schon, das gilt auch und besonders für uns Politiker.

Ich kann verstehen, warum die Regierung unter der Hand Panzer verkauft, da macht man Industrievertreter und Verbündete glücklich, was gehen einen da abstrakte Exportrichtlinien an. Aber wo ist eigentlich der Lustgewinn bei der Inneren Sicherheit, warum sind so viele Politiker (durchaus nicht nur aus der Union) allzu leicht bereit, Bürgerrechte zu opfern, für nichts als einen imaginären Gewinn an Sicherheit. Ist da eine mächtige Lobby am Werk, ist das irgendwo ein psychologisches Problem, bringt das unmittelbar Wählerstimmen?

Mir ist das alles unbegreiflich. Man sollte die Herren in den hohen Ämtern vielleicht doch besser präventiv überwachen, das scheinen ja aus Verfassungssicht unsichere Kantonisten zu sein.

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Siri

5. Oktober 2011 · 17 comments

Bisschen blöd, dass der Clou an Apples nächster iPhone-Iteration jetzt Siri heißt.

So wie meine Tochter.

Da wähle ich nun schon extra einen Namen, der in den Top 500 der deutschen Vornamen-Charts nicht auftaucht und dann kommt Apple um die Ecke und macht auf einen Schlag die von ihnen neulich gekaufte Nischenfirma so berühmt, dass jetzt das Internet voller Siri-Erwähnungen ist.

In zehn Jahren wird sie mit lauter 9jährigen Mädchen auf dem Schulhof stehen, die sie fragen, ob sie auch nach der Sprachsoftware benannt worden ist, die damals, Ende 2011 in Geek-Kreisen so viel Furore gemacht hat. Und sie wird ihre Augen zum Himmel drehen und die mangelnde Voraussicht ihrer Eltern verfluchen.

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Logorama

3. Oktober 2011 · 0 comments

Sinnvoller Vorschlag. [Internetfundstück, Quelle unbekannt.]

Absurd. Gestern dachte ich noch “Hey, wir haben doch damals, bei GamePro, dieses verrückte Video gemacht, in dem Henry mit Priesterkragen aus alten Indizierungsbegründungen vorliest. Das würde ich gerne noch mal sehen.” — und heute graben die Kollegen das Ding aus den Archiven aus und stellen’s noch mal auf Youtube.

Ist auch, in der Tat, immer noch lustig. Und hey, großartige Musik bei Commando.

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Ob das die Bahndirektion weiß?

24. August 2011 · 1 comment

[Gesehen am Bahnhof Höxter. Das Ding links im Bild ist übrigens ein Automat, der jetzt sicher in seinen Gefühlen verletzt ist.]

Hintergrund: Die Bahn will angeblich Stellen streichen, die Gewerkschaft bringt sich in Stellung.

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Börsendollars

8. August 2011 · 0 comments

„Börsenpanik vernichtet 2,5 Billionen Dollar“. Warum hab ich eigentlich noch nie gelesen: „Börsenblase erzeugt 2,5 Billionen Fantasiedollar“

[Quelle]