Medienmissbrauch

Liebe Content-Industrien,

ich habe durchaus Verständnis für Copyrights. Ich habe mein ganzes Berufsleben und auch privat als Blogger und Autor täglich das produziert, was heute so abwertend “Content” heißt. Und möchte nicht, dass Leute sich ohne zu fragen daran bedienen. Ich habe auch die dramatische Amiga-Zeit mitbekommen, als die Firma Thalion unterging, deren Spiele ich mochte, die aber wegen der Raubkopien keine Zukunft für sich mehr sah. Ich war dabei, als Anno 1602 in Deutschland im ersten Jahr gut das Fünffache von Starcraft verkaufte, weil Starcraft eben keinen Kopierschutz hatte und Anno immerhin einen schwachen. Ich stehe auf dem altmodischen Standpunkt, dass wenn man etwas nutzen möchte, auf dem ein Preisschild klebt (und für dessen Erschaffung jemand hart gearbeitet hat), man gefälligst zahlen möge.

Aber das ist die eine Ebene, die intellektuelle Ebene sozusagen.

Meine Lebenserfahrung lehrt mich etwas ganz anderes.

Vor langer Zeit, da kaufte ich regelmäßig CDs. Bis mir auffiel, dass sich gekaufte CDs in meinem Auto-CD-Player nicht mehr abspielen ließen, wegen des Kopierschutzes, gebrannte aber schon. Da ich im Auto Musik hören wollte, stieg ich um.

Dann kaufte ich Musik auf iTunes, bis mir irgendwann gleichzeitig iPod und PC crashten und sich die gekaufte Musiksammlung, wegen des Kopierschutzes, nicht mehr legal abspielen ließ, die gerippten Tracks aber weiterhin liefen. Ich kaufte dann Musik bei Amazon, DRM-frei, das löste das Problem.

Dann kaufte ich Serien auf iTunes, bis mir gestern auffiel, dass ich die Folgen nicht auf meine Xbox streamen kann, wegen des Kopierschutzes, im Netz herrenlos aufgefundene Filme aber schon. Ich kann mir jetzt ein Apple-TV kaufen oder wieder nach DRM-freien Quellen suchen, bin’s aber durchaus auch leid, durch immer neue Feuerreifen zu springen, während die Industrie mir weiterhin Steine in den Weg legt.

Liebe Entscheider der Content-Industrien, ich gehöre zur ersten Generation der Internet-User. Wir sind die Leute, die iTunes mit unserer Kaufkraft überhaupt erst möglich gemacht haben. Wir sind die Leute, die mit Flattr spenden, die über Paypal Serials für Software kaufen, die den Indies über die Humble Bundles ein bisschen Herzblut zurück geben, die die ganze App-Ökonomie am Leben halten.

Wir tun das nicht, weil wir nicht wüssten, wie ein Jailbreak funktioniert. Oder wo wir Keygens und Cracks und Serialz und Musik und ganze Filme finden. Wir tun das aus Überzeugung, weil wir für das, was wir konsumieren, gerne bezahlen. Ich würde erwarten, dass man uns für diese Haltung liebt. Aber nein, wir sind die Feinde, denen man widerstrebend gerade so viel Nutzungsrecht überlässt, damit ein Vertrag erfüllt werden kann.

So geht das nicht. Ich will mein Eigentum so nutzen, wie’s mir gerade gefällt, auf welcher Plattform auch immer. Und ich möchte, in einer globalisierten Welt, Werke dann kaufen können, wenn sie auf den Markt kommen und nicht erst dann, wenn ein Portfolio-Manager entscheidet, dass er mein Land jetzt endlich doch auch freischalten möchte, weil alle anderen Verwertungsketten erschöpft sind.

Johnny von Spreeblick hat das kürzlich noch ein bisschen hübscher gesagt: “Und wenn sich die Unterhaltungsbranche dann irgendwann mal dazu bequemen könnte, aus dem Erfolg von Megaupload etc. zu lernen und internationale Lösungen für Konsumenten anzubieten, statt ihre Energie in nicht minder schmutzige Lobbyisten-Arbeit in der Politik zu vergeuden, dann kommt vielleicht langsam mal was ins Rollen. Von mir aus kann dieser ganze Schrott wie Megaupload nämlich gerne aus dem Netz verschwinden, ich will weder beschissene Pornowerbung noch flackernde Download-Timer ertragen müssen und an solche Portale erst recht kein Geld zahlen, um den Film meiner Wahl sehen zu können, sobald er fertig produziert wurde. Ich lege gerne fünf oder zehn Euro im Monat aufs Trackpad, wenn ich davon ausgehen kann, dass die Produzenten einen Teil davon erhalten und der ganze Kram legal ist.”

Geht in euch, ich bin den ganzen Ärger ein bisschen leid.

Herzlichst,

ein zahlender Kunde

Die Sonntagslinks werden verschoben, statt dessen ein saisonales Highlight, die kalibanischen Geschenktipps.

Alle Jahre wieder das Problem: Was schenkt man den Kerlen? Freunde, Brüder, Ehemänner — Jungs sind ja ein bisschen schwierig zu beschenken, sagt man. Oder vielleicht sagen das auch nur Frauen, die beim Schenken oft nicht nach dem männlichen Prinzip Ich schenke, was ich selber gerne hätte vorgehen, sondern Geschenke an Männer als Gelegenheit zum Upgrade begreifen. Der Typ hat keinen Schal und kauft sich auch keinen, weil es das uncool findet — zack, Weihnachten liegt ein 3-Meter-Trumm in dezentem Gelborange unter dem Baum. Seine elektrische Zahnbürste ist kaputt, zack, hier ist die neue. Er interessiert sich nicht für Philosophie, obwohl sie gerne einen Gesprächspartner hätte, an dem sie ihr Volkshochschulwissen ausprobieren kann — zack, das nächste Präsent ist Heidegger für Dummies. Oder so. Es folgen ein paar wirklich brauchbare Geschenke, darunter dieses Jahr auch solche, die Frauen oder Kindern auch gefallen. With love from Kaliban.

11Freunde: Geld schießt keine Tore, Geld kann aber einem dem Sport der Sporte wohlgesonnenen Herrn das vermutlich beste Fußballmagazin der Welt verschaffen. Die 11Freunde ist immer noch ein Geheimtipp, obwohl es sie schon ein paar Jahren gibt, ein rundum gelungenes Heft über Fußball aus der Sicht wahrer Fans.

[11 Freunde: 47 Euro]

Tender Bar: Tender Bar ist kein Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine erzählende Autobiographie eines eher gewöhnlichen Lebens. Das Buch hat traurige Stellen, lehrreiche Stellen, bezaubernde Stellen, spannende Stellen — alle vereint, alle brillant geschrieben. Pflichtbuch für Männer. Gefällt jedem, quer durch alle Altersstufen.

[Amazon: ab 9,90]

Frühstücksbrettchen: Diese Brettchen sind Unikate, bei denen sich die Platzierung der eingebrannten Figur immer nach dem Verlauf der Maserung des Akazienholzes richtet. Sehr schick.

[Pension für Produkte, ca. 14 Euro]

Taxi Driver Wisdom: Ein edel gebundenes Buch, schön gestaltet, mit allerlei fundamentalen Weisheiten darin, welche die Redakteurin angeblich echt von New Yorker Taxifahrern abgelauscht hat.

[Amazon: 11,95]

Macbook Decals: Aufkleber für Macs und andere i-Geräte gibt’s im Internet zuhauf zu kaufen, in freier Wildbahn sieht man die Dinger fast nie. Gutes Geschenk für den Mac-ianer, der schon alles hat.

[Etsy: ca. 8 Euro]

Penny Arcade-Poster: Das Birds are weird-Poster hing jahrelang in Herrn Kalibans Büro und wurde von Besuchern immer sehr bewundert. Kunstfreunde lassen es noch bei einem lokalen Shop für 70 Steine auf Holz aufziehen.

[Penny Arcade: ca. 11 Euro]

Smartphone-Hülle: Grundsätzlich sind Smartphones bei okayer Behandlung gar nicht so anfällig, aber wenn’s eine Hülle sein soll, dann doch gleich eine angemessen hübsche, aus Filz beispielsweise.

[Dawanda: 14,60]

Murder Mysteries: ein großartiges Buch, das auch Leuten Freude macht, die sonst mit Comics nix am Hut haben. Gaiman erzählt eine böse Geschichte über zwei Mord, einen in Los Angeles, einen im Himmel, deren Geschichten sich verschlingen.

[Amazon: 10,99]

Verdammte Scheiße, schlaf ein: Ein als Kinderbuch getarntes Werk für geplagte Eltern sehr kleiner Kinder. Netter Gag als Mitbringsel. Gibt’s auch auf Englisch.

[Amazon: 9,99]

You are not so smart: Cleveres Buch darüber, wie das eigene Gehirn einen betrügt, indem es quasi die Geschichtsschreibung des Lebens verändert. Aufschlussreich und intelligent.

[Amazon: 16,80]

Chocri-Schokolade: Chocri ist ein Online-Shop, bei dem man Schokolade aus einem Zutaten-Baukasten selber individualisieren kann. Schmeckt gut, sieht gut aus, sicherer Tipp.

[Chocri: ab ca. 5 Euro]

Kindle: Die Kindle-i-sierung greift in meinem Bekanntenkreis rapide um sein, alle Käufer (auch ich) äußern auch Monate danach große Zufriedenheit mit dem Ding. Kann also so schlecht nicht sein, denke ich, auch wenn der eine oder andere anfangs Bedenken hat, weil der Kindle nach Plastik und nicht nach Druckereichemikalien riecht.

[Amazon: ab 99 Euro]

Akkuratus2: Viele Kinderbücher sind ästhetisch unerträglich, eine Ausnahme sind die Akkuratus-Bücher von Klett. Die wenden sich an Zweijährige, sind aber trotzdem so gezeichnet, dass normale Erwachsene davon keine Hirnblutungen bekommen.

[Amazon: 9,90]


Disclaimer: Angegebene Preise ohne Gewähr und Versandkosten. Verfügbarkeit bis Weihnachten habe ich auch nicht überprüft.

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Buchtipps im Dezember

13. Dezember 2011 · 12 comments

Herr Kaliban empfiehlt mal wieder ein paar Bücher, huschhusch im Schnellwaschgang.

Brandon Sanderson: Infinity Blade (Kindle: 1,99) Fantasy-Buch zum Spiel Infinity Blade von Chair/Epic. Solide, flüssig geschriebene Auftragsarbeit von meinem aktuellen Lieblings-Fantasy-Autor. Ist nicht lang, kostet aber auch nicht viel. Nettes Zwischendurchbuch.

Brandon Sanderson: The Alloy of Law (gebunden: 14,95) Dieses Buch spielt im Universum der Fantasy-Trilogie Mistborn, ist aber 300 Jahre später angesiedelt und daher keine klassische Fantasy mehr, sondern eher Steampunk. Clevere Idee, das habe ich so bei Fantasy-Serie noch nicht gesehen. Wie alle Sachen von Sanderson ist es clever ausgedacht und hält eine gute Balance zwischen Action und Weltbeschreibung. Die Figuren bleiben ein bisschen blass, aber egal. Man kann’s auch lesen, wenn man die Mistborn-Sachen nicht kennt.

Drew Magery: The Postmortal (div. Versionen: ab ab 11,99) Fieser Scifi-Thriller über eine Welt, in der eine Heilung für das Altern gefunden wurde und alle Menschen (oder jedenfalls die, die es sich leisten können) ewig leben. Magery spinnt den Grundgedanken hübsch aus und denkt alle Entwicklungen weiter: Todesschwadronen der Regierung, die Rentner töten, neue religiöse Kulte, Ressourcenknappheit et cetera. Geschrieben eher im Stile eines Tagebuchs.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini (div. Versionen, ab 12,99) Schirach ist Strafverteidiger in Berlin und erweckt den Eindruck, als sei ihm nichts Menschliches fremd. Seine bisherigen Werke waren Kurzgeschichtensammlungen, immer über Verbrechen, immer aus der Sicht des Anwalts, immer brillant geschrieben. Collini ist sein erster Roman, eigentlich, aber in Wirklichkeit ist es einfach nur eine lange Kurzgeschichte mit ein bisschen Nebenhandlung. Das macht aber nichts, ist trotzdem ein gutes Buch, in dem Schirach seine typischen Stärken ausspielt: Er kann nicht nur schön und präzise schreiben, er weiß auch, wovon er redet – wo andere Autoren sich das Feld über Recherche aneignen müssen, erzählt er eben aus seiner Welt.

Passig, Scholz, Schreiber: Das neue Lexikon des Unwissens (eBook und gebunden: ab 16,99) Sehr schönes Verschenkbuch. Die Autoren nähern sich in angenehm klarer und humorvoller Sprache aktuellen Phänomenen der Wissenschaft an und erklären kundig und nachvollziehbar, warum es für spezfische Probleme bislang keine Lösungen gibt. Liest sich so in einem Rutsch weg.

Alexander Steffensmeier: Liselotte bleibt wach (Hardcover: 14,95) Sensationell toll gezeichnetes Kinderbuch, bei dem auch Erwachsene immer wieder Spaß haben. Die detailreichen Bilder enthalten eine ganze Reihe von kleinen Gags, die an den Kindern vorbeigehen, dem geplagten vorlesenden Elternteil aber Freude machen. Sehr angenehm. Gibt aus der Serie noch eine Reihe weiterer Bücher, die auch alle schön sind. Weihnachtstipp für Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern von 3 bis 6jährigen.

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Warbreaker

1. Oktober 2011 · 8 comments

Herr Kaliban hat schon wieder so Fantasy-Zeug gelesen.

Neulich empfahl ich mit ein paar dürren Worten die Mistborn Trilogy-Trilogie von Brandon Sanderson und nannte sie sehr schlau gebaut, mit einem sehr eigenen Magiekonzept und einer clever ausgedachten Welt. Nicht immer wahnsinnig inspiriert geschrieben, aber sensationell gutes Handwerk.

War auch so, das sind sehr schön konstruierte Bücher, ordentlich geschrieben. Nicht so berauschende Blut-und-Sperma-Epen wie die A Song of Ice and Fire-Sachen von G. R. R. Martin, aber schon auch angenehm ab vom Standard, weil zum Beispiel der böse Herrscher…


SPOILER
bereits in Band 1 von 3 besiegt wird, unter großen Opfern der Helden, wonach ihnen aber klar wird, das der eigentlich gar nicht das Problem war. Oder weil das Magiesystem in der ersten Erklärung bereits völlig logisch klingt, man die ganze Bandbreite davon aber (wie die Helden selber) erst nach und nach erfährt: Es gibt gar nicht nur acht Metalle! Die Magie funktioniert ganz anders!

Ich bin dann ein bisschen auf dem Autor hängen geblieben und habe noch Elantris gelesen, sein erstes veröffentlichtes Buch. Das war auch ganz okay konstruiert, gefiel mir aber vom Stil und dem Setting her nicht. Da wollte ich den Herrn Sanderson schon wieder aufgeben, habe dann aber noch Warbreaker angefangen. Und das ist ja mal ein wirklich tolles Buch!

Warbreaker ist zwar ein blöder Name (der auch nahezu nichts mit dem Inhalt zu tun hat), aber das Buch hat alles, was ein Fantasy-Roman braucht: eine lebendige Welt (mit genügend fiktiver Historie eingestreut), ungewöhnliche Helden, ein abgefahrenes Magiesystem, Liebe und Hass und Einsicht und Verzweiflung und sogar den einen oder anderen Plot-Twist. Kann man lesen, als Fantasy-Fan sowieso, aber auch, wenn man dem Genre nur so mittelnah steht, immerhin kommen keine Elfen vor und auch keine axtschwingenden Zottelmonster.

Das Grundszenario ist dafür politisch interessant: Sanderson konstruiert ein politisches Dreieck aus einem großes Land, einer Mega-Militärmacht, einem kleinen Nachbarland, das von der ehemaligen Königsfamilie des großen Landes regiert wird und von Menschen mit ähnlicher Sprache bewohnt wird, und einem anderen kleinen Land, das offiziell nur eine Provinz des großen Landes ist, aber eine eigene Kultur und Sprache bewahrt hat. Ein bisschen so wie die Konstellation von China, Taiwan und Tibet.

Aber mehr will ich gar nicht erzählen, sonst muss ich noch so ein Spoiler-Ding einfügen. Kurz gesagt, das Buch ist lesbar. Was mich aber besonders fasziniert hat, ist wie konsequent der Autor mit diesem Werk umgeht: Auf einer eigenen Webseite gibt es Kapitelkommentare zum Nachlesen, gestrichene Szenen, alle Fassungen von “erster Wurf” bis “fertig für den Lektor”. Und die fertige Version als kostenloses E-Buch. Ich habe mich quer durch alle Fassungen gelesen und fand’s außerordentlich spannend, zu sehen, wie der Autor auf seinem Weg zum fertigen Buch den Text ändert, kürzt, hinzufügt, korrigiert. So ausführlich dokumentiert habe ich das noch nirgendwo gesehen. Sehr cool.

Ich lese übrigens gerade Buch 1 der Stormlight Archives von Sanderson, eine Serie, die angeblich auf zehn (!) Bände angelegt ist und find’s bislang auch gut. Dann habe ich aber alles Wesentliche von Sanderson durch und muss einen neuen Autor entdecken…

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Eine Welt ohne Bücher

30. September 2011 · 23 comments

(c) Keller, Ernst, 1948Können Sie sich eine Welt ohne Bücher vorstellen, werden Leute in Interviews zuweilen gefragt. Und dann kommt unfehlbar immer die Antwort, dass das natürlich unvorstellbar sei. Es fallen dann gerne große Worte wie Eine Welt ohne Bücher wäre tot und leer oder Eine Welt ohne Bücher ist wie eine Welt ohne Liebe. Und es werden Erinnerungen an kuschelige Lesesituationen in der Kindheit wachgerufen. Mindestens das Ende des Abendlandes droht aber, wenn man aufhören würde, Papier mit Druckschwärze zu bespritzen*.

Ich verstehe das nicht. Ich kann mir ganz leicht eine Welt ohne Bücher vorstellen. Diese mystische Überzeichnung, diese Überbetonung der Haptik, des Geruchs, des Blättergeräuschs, das geht mir mittlerweile gehörig auf den Zeiger. Das dient doch, wenn wir ehrlich sind, nur der eigenen Überhöhung als Kulturmensch. Ich besitze auch nach meinen letzten Aufräumaktionen noch gut 600 bis 700 Bücher und habe in meinem Leben bestimmt schon mehr als 1.000 Bücher gelesen, vielleicht auch 1.500. Aber das Buch als Gegenstand an sich ist doch nur selten wirklich toll. Ich besitze viele wunderschöne gebundene Werke mit kunstvollen Einbänden, aber die meisten meiner Bücher sehen so aus:

Ich bin eben nicht Heinrich Böll und habe nur Hochliteratur im Haus; ich lese überwiegend Taschenbücher oder Paperbacks. Massenware mit mäßigem Satz, brüchigen Rücken und abfärbender Druckerschwärze, die nach einmaligem Lesen schon scheiße aussieht. Die Dinger sind nicht mal besonders angenehm in der Hand zu halten. Da ist keine Romantik, nur Gebrauch. Eher wie Sex auf der Rückbank eines Kleinwagens als Liebesspiel bei Kerzenschein und Seidenlaken.

Von den Abendlanduntergangsbeschwörern wird offenbar die Kulturleistung des Geschichtenerzählens mit dem Trägermedium Buch verwechselt, mit voller Absicht oder auch ohne. Denn in der Tat: Eine Welt ohne Geschichten kann ich mir auch nicht vorstellen, Geschichten werden immer erzählt werden, egal ob auf Papier, Papyrus, flackernden Bildschirmen oder mündlich vorgetragen. Der Faszination einer guten Geschichte kann sich kaum jemand entziehen, auch die immer wieder beschworenen hirnfragmentierten Online-Junkies nicht, falls es die überhaupt in nennenswerter Anzahl gibt.

Nur dem Buch an sich, dem geht es als Massenmedium vielleicht in den nächsten Jahren an den Kragen, Ikea jedenfalls sorgt schon mal vor.

Und das ist möglicherweise schade, andererseits aber auch der Wandel der Welt, die Verbreitung der Schellackschallplatte ist ja auch ein bisschen zurück gegangen in den letzten Jahren. Wobei es natürlich jedermann frei steht, sich zu Dekozwecken oder aus Nostalgie, die Wohnung mit historischen Medienerzeugnissen einzurichten.

* Was, übrigens, ein durchaus nicht gerade umweltfreundlicher Prozess ist, der enorm Wasser verbraucht.

Weiterlesen: 1. Der obige Beitrag wurde angeregt durch einen Blogpost von Leander Wattig. 2. In einem Interview von Mossberg mit Jeff Bezos wird das Thema ebenfalls angeschnitten.

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Chris Stöcker: Nerd Attack!

31. August 2011 · 9 comments

Herr Kaliban hat ein Buch verschlungen und muss der Welt das jetzt mitteilen.

Christian Stöcker ist Doktor der Psychologie, gebürtiger Würzburger und hat ein Buch über Second Life geschrieben — ist also gar nicht wie ich. Andererseits ist er doch ganz schön wie ich: Gamer, Journalist, Nerd, Vater, Twitterer, Großstadtbewohner. Wenigstens bloggt er nicht, sonst wäre das Profil ein bisschen arg typisch. Die Tatsache, dass er seinen Beruf nicht etwa in einer Spielezeitschrift ausübt, sondern beim ungleich relevanteren Medium Spiegel Online, macht ihn natürlich zu einem medialen Schwergewicht und war schon in der einen oder anderen Debatte sehr hilfreich, weil er kluge Abhandlungen zu kontroversen Themen geschrieben hat, etwa zu der Farce um den Deutschen Computerspielpreis, zur Computerspielsucht, zu Streetview, zum Netz an sich und viele andere. In einem seiner meistverlinkten Artikel prägte er den Begriff Generation C-64 für die mit Commodores Heimcomputer aufgewachsenen netzaffinen Unter-40jährigen, eine Wortschöpfung, in der sich viele von uns angenehm warm und weich aufgehoben fühlen.

Diese Generation ist auch das Thema seines Buches: Chris erzählt, detailiert und unaufgeregt, am Beispiel seiner eigenen Biografie unsere Geschichte. Von der Faszination des C-64, die uns alle zu Gamern und Raubkopierern machte, über die Prägung durch das frühe, zunächst nur über Uni-Rechner erreichbare, Internet bis hin zu den Themen dieser Tage, Netzneutralität, Wikileaks, Privacy et cetera. Er streift das Phänomen der Cracker-Groups, die Anfänge des CCC, die erste Internet-Blase, den Kampf der EFF, den Aufruhr um Napster und beschreibt sowohl Ereignisse als auch Debatten akribisch, ohne in den journalistenüblichen Kulturpessimismus oder Lobo-eske Technikgläubigkeit zu verfallen. Wobei er natürlich schon, wie die meisten Menschen mit seiner Historie, die Zukunft hauptsächlich als Chance begriffen sehen möchte. Er zieht grundlegende Linien ein, um vom C-64 her die Entstehung der aktuellen Landkarte unserer digitalen Welt zu erklären – und steckt dabei en passant den kulturellen Bezugsrahmen für meine Generation ab.

Selten habe ich mich beim Lesen eines Buchs so verstanden gefühlt.

Es dürfte aber auch für jeden anderen ein lesenwertes Buch sein: Es ist informativ, aber nicht trocken; beschreibend, aber nicht analysefrei; Stellung beziehend, aber nicht verbohrt. Wenn alle Menschen außerhalb unserer Nerd-Kreise das lesen würden, verstünde man uns besser.

Ich jedenfalls hab’s schon mal meinen Eltern geschenkt, mal sehen, was daraus wird.

Das Werk heißt mit komplettem Namen Nerd Attack!: Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook – Ein SPIEGEL-Buch, bei Amazon kostet’s 14,99 (gedruckt) oder 11,99 (Kindle-E-Book). Und ja, ich möchte diesen Link als Kaufbefehl verstanden wissen.

Update: Das ist mal eine hübsche Art, dieses Buch zu besprechen.

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Der Kindle und ich

3. August 2011 · 26 comments

Herr Kaliban hat ein neues technisches Gerät, mit dem man aber nicht spielen kann. Tragisch.

Es kommt alles zusammen: Erst fällt mir beim Einräumen auf, dass von den ca. 900 Büchern, die wir beim Umzug in die neue Wohnung mühsam geschleppt haben, nur 600 ins Regal passen und etwa 300 in die Kategorien “Lese ich nie wieder” und “Gehört das uns?” fallen, was in der überhasteten Entsorgung von 250 Büchern in Ebay, Amazon, Altpapier und Oxfam resultiert. Dann hebe ich mir abends beim Lesen im Bett einen Bruch, als ich G.R.R Martins gewichtiges neues Werk* (geschätztes Gewicht: etwa so viel wie eine mittelgroße Ziege) aufschlagen will.

Ich beschließe, dass der Erwerb von Büchern auf ein Minimum reduziert werden muss und dass man diesen neuen Technologien ja mal eine Chance geben kann. Und schleiche eine Weile, mit dem Haushaltsgeld in der Hosentasche klimpernd, um Kindle, Nook Oyo und all die anderen Elektrotintengeräte herum, auf denen man angeblich Bücher lesen können soll. Irgendwann wird der Liebe meines Lebenstm mein Geschleiche zu viel, sie gibt den Schwiegereltern einen Tipp, ein Geburtstag kommt und, huh, wir haben einen Kindle im Haus.

Das Ding ist schmuck verpackt, das macht man ja heute, in der Post-iPod-Ära, mit Technik so. Wenn man’s in die Hand nimmt, anschaltet und mal einfach so zu benutzen versucht, hat man aber erstmal ein erstaunliches Steinzeit-Gefühl: Kein Touch? Keine Farbe? Mit einem 5-Wege-Button durch Menüs holpern? Und wer hat die komische GUI erfunden?
Das vergeht aber schnell, wenn man erstmal anfängt, zu lesen. Das geht nämlich sehr gut, vermutlich, weil das Gerät genau dafür gebaut wurde. Man liest und blättert und liest und versinkt in der Geschichte und irgendwie vergisst man, dass man da nicht in einem richtigen Buch liest, mit Duft und Umschlagtextur und Blättergefühl, sondern auf einer schnöden Bildschirmmaschine. Und das ist ja schon mal ganz ordentlich.

Kurzum: Ich laufe mit dem Ding jetzt gut zwei Wochen herum, nutze es täglich, vor allem im Bett vor’m Einschlafen und in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, und mag es nicht mehr missen. Man braucht allerdings noch eine dieser Hüllen mit Lampe dran, weil der Screen ja nicht von sich aus leuchtet, das war mir irgendwie entgangen.

Irritierendes Detail: Der Kindle hat einen eigenen Stromanschlussstecker (Mini-USB), der aussieht wie der vom iPad, weshalb ich schon zwei Mal mit dem falschen Stecker unterwegs war.

Angenehmes Detail: In der Tat scheint eine Batterieladung Wochen zu halten, weil die E-Tinte offenbar nur beim Umblättern Energie verbraucht, nicht beim Anzeigen. Und das, obwohl ich immer die Lampe anhabe und notorisch vergesse, den WLAN-Empfang zwischendurch auszuschalten.

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Buchtipps, Schnelldurchlauf

2. August 2011 · 5 comments

Da ich schon ewig nicht mehr Bücher vorgestellt, in der Zwischenzeit aber weiter gelesen habe, haben sich stapelweise empfehlenswerte Bücher bei mir angesammelt. Ich arbeite jetzt mal schnell ein paar ab, okay?

The Windup Girl — smarter Scifi-Roman ohne Raumschiffe und Aliens, dafür aber einer glaubhaften Projektion der Zukunft auf der Erde. Interessant und detailreich geschrieben, leider von der Handlung und den Personen her nicht so der Bringer. Trotzdem lesenswert.

Kollaps — bisschen zu dickes Sachbuch, das sich mit der Frage beschäftigt, warum Gesellschaften untergehen. Mit Beispielen von den Maya und dem modernen Montana. Gut argumentiert, interessant geschildert. Kann man lesen, wenn man viel Zeit hat.

The Name of the Wind — brillant geschriebene Fantasy-Trilogie, von der es leider erst zwei Teile gibt. Interessante Magie, interessante Welt, interessante Personen, vielleicht alles ein bisschen unglaubhaft von der Motivation der Charaktere her, aber ansonsten ein Highlight im Genre.

American Vampire — böser Vampir-Comic, bei dem Stephen King Co-Autor ist. Ziemlich fiese Geschichte über einen neuen Vampir, eben den amerikanischen, der noch viel härter und gemeiner als die verweichlichten europäischen Vampire ist. Alles ganz clever erzählt und okay gezeichnet, aber nicht recht mein Fall.

Mistborn Trilogy — sehr schlau gebaute Fantasy-Trilogie, mit einem sehr eigenen Magiekonzept und einer clever ausgedachten Welt. Nicht immer wahnsinnig inspiriert geschrieben, aber sensationell gutes Handwerk. “Genrefans greifen zu”, würden Spieleredakteure jetzt schreiben.

Outliers — fantastisches Sachbuch, das sehr nachvollziehbar erklärt, warum bestimmte Menschen erfolgreich sind, nämlich meist aufgrund besonderer Umstände. Unter anderem mit dem berühmten Beispiel, dass früher in der kanadischen Eishockey-Mannschaft hauptsächlich Leute spielten, die in den ersten drei Monaten des Jahres geboren sind. Warum ist das so? Weil sich die Scouts Jahrgänge anschauen — und vom Jahrgang 1992 sind eben die Januarkinder fast ein Jahr älter als die Dezemberkinder, was sich im körperlichen Reifungsprozess bemerkbar macht.

Mogworld — der erste Roman vom Zero Punctuation-Macher Yahtzee Croshaw ist zwar ganz kurzweilig, aber leider eine stellenweise superere, aber meistens ziemliche alberne “Fantasyfiguren entdecken, dass sie in einem Computerspiel leben”-Geschichte.

Neulich, auf Facebook, empfahl der von mir kultisch verehrte Warren Spector[*] seinen Freunden ein Buch oder vielmehr einen Autor, nämlich Walter Tevis:

Ich habe kurzentschlossen Queen’s Gambit gekauft und gelesen und wollte meiner geneigten Leserschaft kurz an dieser Stelle mitteilen, dass Tevis’ kurzer, aber knackiger Schachroman in der Tat sehr lesbar ist. Es geht darin um Beth, ein Waisenkind, das vom Hausmeister des Heims Schach lernt, sich zu einem Wunderkind entwickelt und schließlich um die Weltmeisterschaft spielt. Dieser Plot klingt erstmal nach Pathos und Tränendrüse; Tevis zeigt aber auch sehr klar Beths andere Seite, ihre Angst, ihre Einsamkeit, ihre Abhängigkeit von Benzos und Alkohol. Und er beschreibt das Schachspiel in solcher Schönheit, dass ich stante pede wieder anfgefangen habe, zu spielen — nach über 15 Jahren Abstinenz.

Also, das Ding kann man gefahrlos kaufen oder auch verschenken, die Originalfassung kostet bei Amazon gebraucht nur knapp vier Euro, eine deutsche Version gibt’s leider nicht.

P.S. Wer mehr auf Billard als auf Schach steht, kann sich auch an Tevis’ The Hustler (dt. Haie der Großstadt) versuchen, das soll noch besser sein. Ist die Geschichte eines Billardspielers und wurde übrigens auch sehr großartig und Oscar-prämiert verfilmt, genau wie die Fortsetzung, Die Farbe des Geldes.

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Literarischer Schwanzvergleich

25. November 2010 · 39 comments

Ein schon seit 2009 im Umlauf befindliches Facebook-Mem hat mich mal wieder erreicht: Die Sache mit den sechs Büchern und der BBC.

Also, das war so: Die BBC veröffentlichte angeblich irgendwann einen Kanon von hundert wichtigen und/oder populären Büchern und erwähnte, dass die meisten Leute davon allenfalls sechs gelesen haben. Und alle Leute sollten eintragen, welche Bücher sie davon gelesen hatten. Doch wie das bei Memes halt so ist: Eigentlich war’s gar nicht die BBC, sondern der Guardian und die Zahl “sechs” stand nirgends. Aber egal. Die intellektuellen Blogger kamen alle auf einen Haufen Nennungen, shoulderclapping all around, das Meme ging um und um und um. Ich hatte übrigens fast 50 ganz oder teilweise gelesene Bücher auf der Liste, aber das würde ich nie erwähnen, weil das ja Angeberei wär. Und hey, “gelesen” heißt nicht “behalten” und schon gar nicht “verstanden”.

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