Textprobleme

Das Schreiben von Artikeln, seit langem nicht mehr mein Hauptberuf, ist ein Geschäft voller Unwägbarkeiten: Mal schreibt man einfach nur ein Wort hin, dann nimmt einen der magische Flow bei der Hand und schwimmt mit einem raus aufs Meer, die Zeit bleibt stehen, und man erwacht zwei Stunden später mit einem Pulitzer-Preis-verdächtigen Werk auf der Festplatte. Das ist, nun, der seltene Fall. Normalerweise schreibt man ein paar Absätze, findet ein paar Sätze gut, andere so mittel und beginnt den ersten von vielen Überarbeitungsgängen, an deren Ende dann etwas Brauchbares steht, vielleicht. Den Prozess nannten wir früher “aus Bronze Gold machen” oder, bei der Redigatur untalentierter freier Autoren, auch despektierlich “aus Scheiße Bronze machen”. Ahem.

Naja, ich jedenfalls schrub neulich einen Artikel für die lobenswerte WASD, das war eine reine Qual, wie sie mir kaum je passiert ist. Vier Anläufe, vier halbe Artikel mit unterschiedlichen Angriffen aufs Thema, aber kein Ansatz wollte funktionieren. Jedes Mal war nach der Mitte klar, dass man es so nicht schlüssig zuende bringen kann. Am Ende, weit nach dem versprochenen Abgabetermin, war es nur noch ein Rückzugsgefecht und der Versuch, aus Dreck wenn schon nicht Bronze, dann wenigstens, sagen wir, Blech zu machen.

Das Resultat ist irgendwann in der WASD nachlesbar (falls der Herausgeber es nicht noch heimlich unter den Tisch fallen lässt, um den Qualitätsdurchschnitt seines Magazins zu halten), ich aber sitze hier mit einem Haufen halber Artikel und einem leicht eingedellten journalistischen Selbstbewusstsein.

Eine ganz hübsche Passage, die es nicht in den Artikel geschafft hat, möchte ich wenigstens hier verwerten. Das zugrunde liegende Ereignis muss in den Achtzigern passiert sein, ich kam drauf, weil ich für den Artikel über die Macht von Metaphern beim Game-Design nachdachte. Also:

Ich habe vor vielen Jahren mal an einem Rollenspiel teilgenommen, 50 Menschen in einem Raum, keine Regeln außer einer knappen Vorgeschichte: „Der König ist gestorben. Ihr seid die Versammlung, die den Nachfolger aus ihrer Mitte wählt.“ Man konnte sich dann noch eine Rolle frei auswählen, sofern sie in das Fantasy-Setting passte, Herr der Diebesgilde, Sprecher der Hobbitgemeinden, so was in der Art. Der Spielleiter schenkte einem dann passend zur Rolle Spielgeld und Einflusspunkte, los konnte es gehen. Den Rest machten wir selber. Es folgten vier Stunden Gespräche zwischen Impro-Comedy und Schauspielschule, das ganze Chaos zusammengehalten dem Wissen, dass am Ende eine Abstimmung stehen würde. Wir logen, schworen, bestachen, bezircten, drohten. Ganz wie im richtigen Wahlkampf. Am Ende gab es einen schwachen König, fast handlungsunfähig durch all die Versprechen, die er abgeben musste, um sich Stimmen zu sichern, aber auf jeden Fall der Mann, der für die unterwegs entstandenen Bündnisse das kleinste Übel war.

Dann brach noch die Revolution aus, aber das war möglicherweise meine Schuld, weil ich die Hobbits aufgewiegelt hatte, das tut hier nichts zur Sache.

Sehr realistisches Resultat übrigens, fast wie bei einer richtigen Wahl.

Das beschriebene Rollenspiel fand auf dem STARD statt, einem längst vergessenen Rollenspiel-Con der frühen Pionierzeit. Ich meine mich zu erinnern, dass der Spielleiter Hadmar Wieser* war, aber ich würde da meinem Gedächtnis nicht vertrauen. Jedenfalls war es eine coole Erfahrung, zu sehen, aus wie wenig man ein interessantes Spiel machen kann: Neben der sehr starken Ausgangssituation (“Wählt den König”) gab es fast nichts, schon gar kein Regelwerk. Alles passierte nur in den Köpfen der Spieler.

So, nun ist wenigstens noch ein Blogbeitrag rausgesprungen bei dem Desaster.

Freies Schreiben

by Gunnar on 20. Oktober 2011 · 10 comments

Herr Kaliban gerät ins Mäandern.

Meine Frau und ich gehen schon länger gemeinsam zu Poetry Slams und Lesebühnen und irgendwann ist ihr aufgefallen, dass 40 Prozent der Texte davon handeln, dass der Vortragende in seinem WG-Zimmer sitzt und jetzt einen Text schreiben muss, ihm aber nichts einfällt. Solche Texte winden sich dann eine Weile und kommen meist nicht auf den Punkt. Das ist ein bisschen wie diese Reportagen in auf Hochglanzpapier gedruckten Magazinen, die immer damit anfangen, dass der Journalist seine Anreise zum Ort der Reportage beschreibt. Das interessiert natürlich niemanden außer ihm und seiner Mutter, aber Wurscht, das muss rein, das hat noch immer funktioniert, wenn einem sonst kein guter Einfall gekommen ist. Außerdem kann man den Text dann ja mit der Abreise beenden, dann hat man eine hübsche elliptische Form und wird vom Textchef gelobt. Der Textchef ist zwar Kettenraucher und Menschenhasser und findet elliptische Formen an sich affektiert, aber er hat den Glauben an die aktuelle Redakteursgeneration schon lange verloren und lobt deshalb bei hoffnungslosen Fällen auch einfach mal für den Versuch, nicht nur für’s Gelingen.

So ist das bei Journalisten.

Bei Poetry Slammern heißt das dann oft beschönigend freies Schreiben.

Freies Schreiben, das ist wie wenn man auf ein Blatt kotzt und hinterher versucht, mit dem Erbrochenen ein schönes Bild zu malen. Man fängt immer mit einem Wort an und schaut dann, wohin einen das freie Assoziieren bringt. In den meisten Fällen kommt man ziemlich weit, man muss das Werk aber hinterher wegwerfen, weil sich mit Erbrochenem eben nur so mittelgut malen lässt.

Ich musste meiner Frau übrigens irgendwann versprechen, dass ich niemals so tief sinken würde, einen Text über’s Schreiben zu schreiben. Ich habe das versprochen.

Aber es war natürlich gelogen.

Also, hey, freies Schreiben. Wir beginnen völlig willkürlich mal mit dem Fremdwort aus dem vorvorletzten Satz.

Hier: Assoziieren.

Das bringt mich nämlich auf die Psychiatersprache, die ich ständig höre, weil meine Frau und ihre beste Freundin Psychiater sind. Psychiater haben, wie alle Berufe, eine Fachsprache, aber das Schöne ist, dass sie lauter allgemeinverständliche Ausdrücke verwenden. Ich meine, hey, ich rede mit Kollegen über Clippings, tailored messenging, placed stories und verwende Abkürzungen wie CCU, ARPPU, DAU, MAU, CPL und so weiter. Meine Frau hingegen, die hört mir zu, wenn ich einen doofen Witz mache, beugt sich dann vor, zieht eine Augenbraue hoch und unterstellt mir eine Assoziative Lockerung. Oder erinnert mich daran, dass ich mal wieder aufräumen müsste, in dem sie mir hinwirft, ich habe, naja, damals vor ihrer Zeit bekanntermaßen ja auch in einem Zustand trockener Verwahrlosung gelebt. Und dieses Gefühl, das man hat, wenn einem mal wieder auffällt, dass die Welt Gemeinheiten speziell für einen selber bereit hält, etwa den Hundehaufen, der von Gott direkt unter meinen Schuh platziert wurde, das nennen Psychiater Bedeutungserleben.

Aber wir wollen nochmal zur trockenen Verwahrlosung zurückkommen, weiß jeder, was der Unterschied zwischen trockener und feuchter Verwahrlosung ist? Nun, bei feuchter Verwahrlosung gibt’s Schimmel.

Bei genauerem Hinüberlegen bin ich mir übrigens nicht sicher, ob ich damals, vor meiner Frau, nicht auch schon hin und wieder die Grenze zur feuchten Verwahrlosung überschritten hatte, erstaunlicherweise können ja Pizzakartons auch schimmeln. Ich habe immer vor Frauenbesuchen alles hektisch in Mülltüten geworfen, was verzichtbar oder unrettbar verloren schien und den Rest in Schränke gestopft. Dann das Fenster aufgerissen, um die Schimmelsporen, den Biergeruch und den Restkippenqualm zu vertreiben. Dann sich an den Computer setzen, eine Uni-Arbeit vortäuschen und nach dem Eintreten der besuchenden Frau entschuldigend die Arme ausbreiten, schief grinsen und sagen, ach, man sei gar nicht zum Aufräumen gekommen vor lauter Arbeit und bitte das Chaos zu entschuldigen.

Ich nannte das männersauber. Der Zustand des männersauber ist eine delikate Illusion, die nur bei geschlossenen Schränken aufrecht zu erhalten ist.

Naja, jedenfalls schienen sich die Bilder von ziemlich unordentlich aber immerhin nicht feucht verwahrlost im Frauenkopf und naja, angemessen aufgeräumt, man kann ja den Boden sehen in meinem Kopf deckungsgleich zu sein, daher kam ich damit immer einigermaßen durch bei den Mädchen.

Oder vielleicht auch nicht, vielleicht ist die Tatsache, dass sie nicht schreiend weggelaufen sind, auch noch kein wirkliches Indiz.

An dieser Stelle ist übrigens mein Zeitkontingent für sinnlose Schreibübungen aufgebraucht. Dumm, dass man für derlei Texte nie ein Ende findet, weil sie naturgemäß endlos mäandern könnten. Ich schreib’s daher einfach knallhart in Großbuchstaben hin:

ENDE

Lieber Stefan Hauck, Textchef der “Bild am Sonntag”,

in der heutigen Ausgabe ihres, auch liebevoll BAMS genannten, Revolverblättchens schreiben Sie in einem Text über den “Sturz” von Jürgen Klinsman (“Klinsi”):

“Ein bisschen überraschend vielleicht fängt dieser Text mit Helmut Schmidt an, dem Alt-Bundeskanzler, der sein Leben nutzt, um viele kluge Dinge zu sagen, zum Beispiel über das Rauchverbot und die chinesische Außenpolitik. Ein weniger kluger Satz von Herr [Helmut] Schmidt liegt 29 Jahre zurück und lautet: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.”

Mal abgesehen davon, dass ein Anfang, der so holperig, so umständlich und so Ich-der-Autor-erkläre-euch-Deppen-mal-wie-ich-euch-überrasche daherkommt, jedem Volontär um die Ohren gehauen worden wäre: Das ist obendrein Blödsinn, Herr Textchef. Der Satz von Schmidt ist natürlich sogar sehr klug, nicht nur, weil er griffig ist und Schmidts Haltung hübsch zeigt, sondern auch weil er auf die korrekte Bedeutung von des Wortes “Visionen” hindeutet:

“Visionen” sind, wenn man die deutsche Sprache und nicht so ein pseudomodernes Management-Denglisch einsetzen will, Herr Textchef, immer noch “religiöse Erscheinungen” oder “Halluzinationen”.

Nur die fortschreitende Verstumpfung unserer Muttersprache durch Leute in Wirtschaftszweigen, die keine eigene Fachsprache entwickelt haben, deswegen mit Neid nach Amerika gucken und einfach ohne Sinn und Verstand englische Wörter und Konstruktionen in deutschen Satzstrukturen nageln, hat es ermöglicht, dass der Begriff “Vision”, der im Englischen auch sowas wie “Ziel” bedeuten kann, im Deutschen mittlerweile im Sinne von “richtungweisende, erneuernde Zukunftsvorstellung” einsetzbar ist. Das gilt aber nur für die Einzahl.

Und Sie, Herr Textchef, sollten doch das Streben haben, Deutsch korrekt zu verwenden.

Sogar in der BILD.

Textideen from Hell

by Gunnar on 25. Februar 2009 · 7 comments

Der grassierende Wortspielwahnsinn in der Werbung wird mich noch in den Wahnsinn treiben. Wenn dabei Englisch und Deutsch gemischt wird, finde ich’s besonders schmerzhaft.

eilights[Aus einem Werbe-Newsletter-Spam-Zeug-Dings]

Zählen für Österreicher

by Gunnar on 19. Februar 2009 · 4 comments

alpentrio-tirol1

Ohne Worte. Gefunden bei meinem Kollegen Marcus.

Ich wollte früher immer Fantasy-Romane schreiben, weil ich erkannt hatte, dass man für Fantasy nicht recherchieren muss. Keine Ahnung, wie eine Phaserkanone funktioniert? Macht nichts. Polizeiarbeit — ein Buch mit siebzehn Siegeln? Egal. Ein paar absurde Länder, deren Kulturen irgendwie so Mixturen aus dem keltischen Irland, Sparta und dem Hof des Kalifen von Bagdad sind, die kann sich jeder ausdenken. Und ein obskures Magiesystem ebenso — in Harry Potter etwa verhalten sich die Zauberstäbe unlogischerweise wie Schusswaffen: Wer aus der Deckung ballert, gewinnt, allen Expelliarmus!-Rufen zum Trotz. Und — hat’s die Gelddruckmaschine etwa verlangsamt? Also. Fantasy, das isses.

Irgendwann habe ich sogar mal ein Anfangskapitel geschrieben, das in meiner Erinnerung großartig ist — es behandelte den Aufbruch des rothaarigen Helden (Anti-Klischee!) im strömenden Regen (Atmosphäre!) zu einem Treffen mit dem König (Erwartungshaltung aufbauen!) –, aber das ist auch schon seit mehr als zwanzig Jahren verschollen. Vermutlich besser so. Abgesehen von diesem Kapitel habe ich immer nur Karten gemalt und mir Schlachten und Kriegszüge überlegt. Meine große Geschichte von dem Freibeuter Ryan etwa kam nie weiter als bis zu dem Angriff der Orks der Nordmarschen auf das Land Dawn (quasi meine Version von Rohan), der nur von den Entsatztruppen der Herren von Cargh gestoppt werden konnte, die in der Stunde der Not erstmals die Tore zu ihrer von Bergen umschlossenen Hochebene öffneten.

Oder so.

Das Kartenzeichnen und Schlachtenausdenken fand ich dann so anregend, dass ich nie dazu gekommen bin, mir irgendwelche Figuren und Handlungsstränge zu überlegen. Was mich zu der Frage bringt, ob da draußen noch mehr Leute wie ich sind, die Fantasy hauptsächlich wegen der Beschreibungen der Waffengänge konsumieren. Die wie ich die Kapitel mit dem Krieg um Minas Tirith 15 Mal intensiv durch- und die Wanderung Frodos durch Mordor nur anderthalb Mal quergelesen haben. Ich hatte schon immer eine Schwäche für die Fantasy-Spielart, die so Geschichtsbuch-mäßig daherkommt und mit einer leicht präteziösen Ernsthaftigkeit ihre Historie abhandelt.

Vielleicht ist das meine Marktlücke: Ich pfeife auf Handlung sowie Dialog und schreibe einfach ein Fantasybuch namens Die Geschichte des großen Krieges. Reihe Gefecht an Gefecht, jeweils mit ausführlichem Kartenmaterial. Klar habe ich dann schon auf Seite 4 alle weiblichen Leser vergrault, aber es müste doch mit dem Teufel zugehen, wenn das 16jährigen Jungs nicht gefallen würde. Ha!

Oh so tired

by Gunnar on 24. August 2008 · 8 comments

Ich liege auf dem Sofa, in einer Art Wachkoma, wie Treibsand hält mich diese tiefe Erschöpfung umfangen, die ich, wie jedes Jahr, zusammen mit 346 Visitenkarten und amtlichen Kopfschmerzen von der Games Convention mitgebracht habe.

Meine Gedanken wandern mit der Geschwindigkeit von Gletschern. Fetzen: Facebook nervt mit seinen Versuchen, mich zu Facebook-konformen Aktivitäten zu zwingen; Leipziger Taxifahrer sind offensichtlich kollektiv lebensmüde; die FDP-Wahlplakate für den Bayern-Wahlkampf sind peinlich, aber natürlich nicht so peinlich wie die der REPse, die den ihrer Klientel angemessen doppeldeutigen Slogan der Heimat zuliebe blau wählen auf ihre Aushänge drucken.

Uh.

Mein Arm ragt im Liegen über das Sofa hinaus, ich höre ein Mauen, dann schiebt die Tigerkatze ihren Kopf in meine Handfläche. Streichelt sich sozusagen selber. Ich bin aber zu kraftlos, um mitzumachen. Nach drei Versuchen gibt sie auf.

Ich sollte irgendwas tun, am Sonntag nachmittag — Spazierengehen mit dem Baby, endlich Braidtm weiterspielen, meinen Koffer ausfräumen* oder ein Geschichtlein für den kleinen Wettbewerb vom NZZ Folio schreiben. Es geht aber nicht. Mein Hirn kann allenfalls 4.5 Prozent meiner potenziellen Maximalleistung aktivieren, das reicht nicht für mehr als Sofakoma und sinnloses Gedankenkreisen. Mir fällt von irgendwoher ein, dass der Satz Cornelius parkte den SLK in der Garage, schaltete alle Lampen des Hauses auf Hangarbeleuchtung — bei schlechter Laune hasste er Dämmerlicht — und fütterte seine Kois mit Flocken aus feingemahlenen Hartz-IV-Empfängern eigentlich gut genug ist, um ihn für eine etwaige spätere Verwendung aufzuschreiben, doch irgendwas stimmt daran nicht. Fünfzehn Gletscherminuten später weiß ich es — in “Microserfs” kommt ein ähnlicher* vor. Ach Mist. Möglicherweise stammen die meisten meiner coolen Sätze aus Popliteraturbüchern und ich weiß es nicht mehr und halte mich für originell. Nunja.

Dieser Text führt nirgendwo hin. Demnächst Kohärenteres an dieser Stelle.