Vage Gedanken

Die E-Mail im Spiegel der Zeit

by Gunnar on 21. März 2013 · 2 comments

1998 hat man eine Mail geschickt und eine Stunde später angerufen, um zu fragen, ob der Adressat sie bekommen hat. Weil man der neuen Technik noch nicht traute.

2008 schickte man eine Mail und rief eine Stunde später an, um zu fragen, ob der Adressat sie bekommen hat. Weil man dem Spam-Filter nicht traute.

2012 schickte man eine Mail und funkte den Adressaten sicherheitshalber noch per Facebook, Twitter und Skype an. Mit der Nachricht „Du hast Post!“. Weil man dem Adressaten nicht traute.

2014 schickt man eine De-Mail. Hahaha!

2016 schickt man eine Mail und wird eine Stunde später von einem Roboter angerufen, der anhand der Stimmerkennung feststellen will, ob man wirklich der genannte Absender ist. Weil das System einem nicht traut. Und natürlich weil anonyme Postfächer 2015 verboten worden sind.

2026 schickt man eine Mail und wird eine Stunde später festgenommen wegen Benutzung terroristischer Infrastruktur.

Krankendings

by Gunnar on 18. Oktober 2012 · 5 comments

Jeden Morgen, wenn ich meine Tochter im Kindergarten abliefere, komme ich an der Klinik für Gesichtschirurgie und Dermatologie vorbei. Dort stehen immer Menschen vor der Tür, hastig an Zigaretten ziehend, von einem Bein auf andere tretend. Versehrte Menschen, mit Gesichtsverbänden, Ausschlag, Pflastern, wie die Opfer einer Seuche. Der Anblick ist ein bisschen bedrückend, aber wenn dann, zum Schichtwechsel, ein Geschwader junger, sportlicher Schwestern einrückt, mit gesunder Draußenbräune und einem fröhlichen “Morgen!” auf den geschminkten Lippen an den kranken Rauchenden vorbei joggt, dann…

…wird das Bild nachgerade deprimierend in seiner Tragikomik.

Oder auch nicht, vielleicht ist das nur die männertypische Aversion gegen Krankheit, Krankenhäuser und kranke Menschen, die da aus mir spricht. Angst vor der eigenen Sterblichkeit und so. Ich tendiere ja auch dazu, Arztbesuche aufzuschieben und Wehwehchen zwar laut zu beklagen, aber ansonsten zu ignorieren. Wir haben da im männlichen Zweig der Familie eine lange Tradition des Verschleppens harmloser Krankheiten, die dann durchs Ignorieren schlimmer werden. Krasseste Ausprägung: mein Urgroßvater, Wilhelm Lott, der am Blinddarm gestorben ist. Andererseits ist da auch das Gegenbeispiel meines Opas, der mit maßvollem Nikotin- und Alkoholkonsum 95 wurde. Und nie Medikamente genommen hat. Der Doktor verschrieb immer irgendwas, Oma holte es von der Apotheke, um es passiv-aggressiv auf die Kommode zu stellen, Opa schüttete das Zeug weg oder ließ es eintrocknen. Irgendwann kam der Arzt wieder, gratulierte zur guten Besserung und lobt die Wirkung des Medikaments. Opa nickte nur. Und konzentrierte sich aufs Überleben.

Ich hoffe mal, dass ich diese Zähigheit geerbt habe. Wir sprechen uns in 50 Jahren.

Wenn wenn wenn

by Gunnar on 25. Januar 2011 · 3 comments

Habe keine Zeit, was zu schreiben.

Wenn ich aber was schriebe, erläuterte ich all die Dinge, die von wahrhaft globalem Interesse sind.

Ich wählte Themen aus, von so unerhörter Brisanz, dass jeder darob in tiefe Nachdenklichkeit verfallen müsste.

Mein Ziel würde es sein, interdisziplinär arbeitend, komplexe Sachverhalte leicht verständlich darzustellen.

Selbstredend würde ich die weltanschaulich-politische Komponente nicht zu kurz kommen lassen; sowohl die Ungerechtigkeiten des Alltags als auch die Unzulänglichkeiten des kapitalistischen Systems fänden Erwähnung.

Jegliches, im Internet oder draußen in der Welt, anzutreffende Fehlverhalten prangerte ich so gnadenlos an, dass die betreffenden Widerlinge bestimmt ihren Hut nehmen müssten.

Mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln arbeitete ich an meinem Stil und feilte jeden Satz und jedes einzelne Wort so lange aus, bis mein Blogeintrag von jener prägnanten Prosa gekennzeichnet wäre, die mir bei anderen (Heidegger, v. Däniken, Nietzsche) so vorteilhaft aufgefallen ist.

Vielleicht würde ich auch der journalistisch-pseudoaktuellen Formen müde und versuchte mich statt dessen an klassischen Stilen; tiefer und tiefer versänke ich dann in die Qual der Wahl zwischen tausend Möglichkeiten verschiedener Erzähltechniken.

Packte mich der Ehrgeiz, böte ich auch alles auf, um mit den komplexesten Versmaßen im lyrischen Umfeld zu jonglieren.

Bestimmt. Habe aber keine Zeit.

[Alter Beitrag, bei mir selbst geklaut. Ahem.]

Fundstück zwischendurch

by Gunnar on 21. Januar 2011 · 3 comments

Ohne weitere Worte.

Living in Cokespace

by Gunnar on 1. Juli 2010 · 22 comments

Herr Kaliban wundert sich über die seltsame Langsamkeit, mit der die Zukunft eintrifft.

Anfang 2007* schrub ich folgendes:

Wenn ich, sagen wir, der Coca-Cola-Konzern wäre, dann würde ich ein Zehntel, ach ein Zwanzigstel, meiner Marketinggelder nehmen und Cokespacetm bauen, ein intelligent designtes, modulares und, vor allem, easy bedienbares Metaversum. So wie Second Life, nur eben richtig. Selbstverständlich wäre es kostenlos für jedermann, ich würde sogar Bauland und Apparments verschenken. Das Ziel müsste sein, die Schnittstelle für alles im 3D-Internet zu werden, der Mega-Hub, an den alles angedockt wird, was interaktiv sein will: »Hey, Sie wollen Call of Duty 8 spielen? Gehen/Fliegen Sie mit Ihrem Cokevatartm auf Ebene 5, Flur 3 von War City — dort ist der Eingang in die Call of Duty-Welt. Vergessen Sie nicht, Ihrem Cokevatartm in der Schleuse eine der dort bereit liegenden Uniformen anzuziehen. Und sich eine Waffe auszusuchen. Der Eintritt kostet 1 CokeCointm pro Stunde, die ersten zwanzig Minuten sind frei.« Oder: »Hey, Sie wollen ihre Xbox-Live-Achievments oder Fotos Ihrer Facebook-Freunde als Tapete auf Ihrer Wohnzimmerwand sehen? Drücken Sie das Importfeld.« Oder: »Hey, Sie wollen mit Ihrer Mutter sprechen? Öffnen Sie Ihre transportable VoIP-Blase — die schottet Sie von der Außenwelt ab und projiziert den Cokevatartm Ihrer Mutter neben Ihnen auf’s Sofa.

Ich erinnerte mich kürzlich wieder dran, weil in Cory Doctorows großartigem Roman For the Win (der unter anderem davon handelt, wie chinesische Goldfarmer in MMOs eine Gewerkschaft gründen) der führende Spiele-Publisher die Firma Coca-Cola Games ist. Das Buch ist übrigens großartig (gibt’s bei Amazon oder kostenlos als eBook) — nicht immer super erzählt, sprudelt aber vor Ideen und legt eine interessante Vision der nahen Zukunft vor. Pflichtlektüre, finde ich, vor allem für Leute, die sich mit Games beschäftigen.

Aber zurück zum Leben im Cokespacetm. Den Gedanken halte ich, die ausführende Firma jetzt Coca-Cola ist oder sonstwer irgendwer, grundsätzlich weiterhin für richtig. Was Facebook für das 2D-Internet ist, muss für das (Pseudo-)3D-Internet erst noch gebaut werden. Mit offenen APIs und idealerweise auch mit einer gewissen Marketingmacht. Hätte ich so 60 bis 70 Millionen in Cash, würde ich jetzt schon mal anfangen.

Lesen hier zufällig Milliardäre mit?

Was erlaube Horst?!

by Gunnar on 3. Juni 2010 · 17 comments

Herr Kaliban macht sich Gedanken über Politik.

Erinnert sich noch jemand an Silvio Berlusconis kleinen Ausfall Anno 2003 im EU-Parlament, als er den Abgeordneten Martin Schulz beleidigt, indem er sagt, es werde in Italien gerade ein Film über KZs gedreht werden und er wolle Schulz “als Lagerführer vorschlagen”(*)? Man fragt sich, wie ein Staatsmann sowas Bescheuertes sagen kann, wo doch selbst dem Kassenwart der Piratenpartei in Hennef-Süd klar wäre, dass Nazi-Beschimpfungen immer gefährlich sind. Die Antwort erschließt sich teilweise, wenn man sich Berlusconi bei seinem Vortrag genau anguckt, er sagt sein Sätzlein nämlich und macht dann eine Pause — weil er auf das Gelächter wartet. Man sieht ihm an, dass er glaubt, er habe einen brillanten Witz gemacht (Schulz = Deutscher = Nazi = hahaha) und in der nächste Sekunde würde der Applaus losbrechen. Das hat dann nicht so funktioniert, wie er das gedacht hat — und hätte er vorher gewusst, wie humorlos Politiker und Medien reagieren würden, hätte er sich die Bemerkung vielleicht geschenkt. Vielleicht.

Wie komme ich jetzt auf diese olle Kamelle? Nun, ich musste wegen Horst Köhler dran denken — hätte dem nicht auch klar sein müssen, dass die Medien ihn wegen seines rasanten Rücktritts und der vergleichsweise ausgesprochen lahmen Begründung kreuzigen würden? War ihm nicht klar, dass er in den Geschichtsbüchern als der Präsident stehen wird, der das eigene Ego über das Amt gestellt hat? Vermutlich doch nicht, sonst hätte er doch wohl den Arsch zusammengekniffen und noch ein paar Jahre lang Schiffe getauft. Vielleicht dachte er, mit der üblichen Egozentrik der Mächtigen, durch seinen Rücktritt beflügele er eine Debatte über die Bosheit der Medien, in deren Verlauf die Leitartikler reihenweise die Kritik an Super-Horst zurücknehmen würden? Vielleicht dachte er, es setze ein Heulen und Zähneklappern ein, es gäbe Mahnwachen und Demonstrationen und Online-Petitionen, in denen er zur Wiederkehr aufgefordert wird?

Ehrlich gesagt, so richtig glaubhaft erscheint mir die Geschichte nicht — vielleicht haben die Verschwörungstheoretiker doch recht, und der wahre Grund ist ein anderer, das Euro-Desaster etwa, der geheime Sado-Maso-Keller im Kanzleramt, den Köhler versehentlich entdeckt hat oder die Tatsache, dass seine Praktikantin gedroht hat, ihre Schwangerschaft publik zu machen.

Man weiß es nicht. Und ich verstehe auch nicht recht was von großer Politik — aber könnte man in das Amt nicht endlich mal jemanden wählen, der irgendwie was darstellt, intellektuell, moralisch und als Mensch?

Existenzialismus

by Gunnar on 16. März 2010 · 5 comments

Ohne weitere Worte.

Sherlock Holmes tritt Ärsche, Baby

by Gunnar on 19. Mai 2009 · 34 comments

Äh. Uh. Bin ich nur schlicht altmodisch oder passt der Robert Downey Jr mal so ü-ber-haupt nicht in die Rolle des Sherlock Holmes? Ich habe immer gedacht, der Welt größter Detektiv müsste irgendwie, nun, intellektuell aussehen. Und nicht wie eine Mischung aus Callboy und Raufbold. Aber vielleicht irritiert mich auch nur der Gewaltgrad des Trailers.

Und immerhin hat Downey sicher den angemessenen Erfahrungshintergrund, um einen Opium-Süchtigen zu spielen.

Ach, die Schwan

by Gunnar on 9. Mai 2009 · 6 comments

Liebe Frau Prof. Dr. Gesine Schwan,

gesine schwanist ja nett, dass Sie bei dem Parteitag der Grünen auftreten. Ihre Rede soll toll gewesen und mit viel Applaus bedacht worden sein. Und der Auftritt hat sich ja auch gelohnt, Sie waren eben für 3.35 Sekunden in der Tagesschau. Soweit alles okay. Aber, liebe Frau Schwan, wenn ich ganz offen sein darf — mit dieser Frisur können Sie leider nicht Bundespräsidentin werden. Sogar Claudia Roth sah neben Ihnen nahezu manierlich aus.

So geht das nicht.

Klar, bei Politikern drückt die Niveaupolizei mal ein Auge zu, der Herr Wiefelspütz lebt ja auch noch. Aber bei einem so wichtigen Amt, in dessen Ausübung Sie auch auf Staatsoberhäupter anderer Länder treffen würden, da muss auf eine gewisse Mindestästhetik im Auftritt geachtet werden.

Also, entweder Sie überlegen sich das mit den Haaren nochmal. Oder eine Todesschwadron der Militanten Ästheten wird Sie, im Falle eines Wahlsieges in der Bundesversammlung, irgendwo abfangen, auf das Damenklo führen und die Sache auf die harte Tour erledigen. Ich sage nur: Haarschneidemaschine, Perücke, Klebstoff.

Uh. Die Bilder in meinem Kopf.

Kurz vorweg: Es kann sicher nicht schaden, die ePetition gegen Internetzensur zu unterzeichnen. Nervt allerdings ein wenig, rein von der Methodik her. Aber Demokratie muss ja ein bisschen schmerzhaft sein, sonst wirkt sie nicht.

wahlSo. Und weil wir gerade beim Thema Demokratie sind — hey, es ist ja Europawahlkampf. Kriegt man aber nicht so mit, natürlich. Fünf Plakate, ein paar Twitter-Botschaften, Kundgebungen vor 15 Parteigängern — Europawahl verhält sich zu Bundestagswahl wie Spatzengeburtstag zu Hitchcocks “Die Vögel”.

Aber in diesem Zusammenhang kam mir gerade die sensationelle Idee, eine Partei zu gründen. Aber nicht einfach so eine normale, nein, heutzutage muss man kreativ sein, Ressourcen zerstören um Neues zu schaffen, um-die-Ecke-denken und all sowas. Also: Meine Partei funktioniert nicht wie alle anderen nach dem Motto: “Elitäre Gruppe mit starken persönlichen Interesse an Macht, Reichtum, Redezeit sucht beeindruckbare breite Masse mit Stimmrechten”. Meine Partei rekrutiert auch keine Mitglieder. Meine Partei rekrutiert Kandidaten — jeder, der will, kommt auf unsere Liste. Andere haben Wähler und Mitglieder, wir haben Kandidaten. Hunderttausende. Millionen.

So. Nun hat man natürlich nichts davon, Kandidat zu sein, wenn man auf dem Listenplatz 457.389 steht. Also verlosen wir die Plätze im Parlament, die wir gewinnen, unter den Kandidaten. Das ist sicher verfahrenstechnisch schwierig, weil das so bestimmt nicht vorgesehen ist, aber irgendein Schlupfloch wird sich finden lassen (wenn die CDU ihre Parteispenden an der Steuer vorbeikriegt, schaffen wir es auch, Zufallskandidaten nach Straßburg zu schicken). So hat jeder Wähler eine kleine, aber reelle Chance auf einen lukrativen Sitz im EU-Parlament, vier Jahre easy street bei vollen Bezügen. Das ist so fair, so zwingend, so eklatant logisch, dass wir gar kein Parteiprogramm mehr brauchen. Aus einem gewissen Vollständigkeitsdenken heraus würde ich aber natürlich ein paar Forderungen aufstellen, die zur ungewöhnlichen Kandidatenkür passen: Weniger Verschwendung, mehr gesunder Menschenverstand, mehr direkte Demokratie, mehr Kontrolle der Nebenjobs von Abgeordneten et cetera.

Bundesweit fünf Prozent sollten zu schaffen sein. Das wären so zehn Gewinner. Die sicher mehr Bezug zum normalen Volk haben als die Nasen, die von den etablierten Parteien als Belohnung für Jahre der Gefügigkeit entsendet werden. Und möglicherweise bessere Arbeit machen.

Super Plan. Aber was habe ich eigentlich davon? Hm. Schönheitsfehler.

Kein Vergleich

September 27, 2008

Ich habe nicht wirklich eine Ahnung, wie es sich anfühlen würde, wenn meinem eigenen Kind etwas Schlimmes passierte. Aber ich vermute, es ist so ähnlich wie das heulende Elend, das ich heute auf der hastigen Autofahrt in die Tierklinik empfunden habe, mit unserem jämmerlich wimmernden Kater Zorro auf dem Rücksitz, der sich bei einem Sturz […]

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Okondor oder so

Juni 17, 2008

Hm. Überzeugende Spontantheorie der Kollegen G. und M.: Das 1:0 gegen Polen bei der WM (ihr entsinnt euch, Flanke Odonkor, Tor Neuville) war keineswegs eine Sternstunde des deutschen Fußballs, vielmehr ein Tiefpunkt. Denn: Auch ein 0:0 hätte zum Weiterkommen gereicht. Und ohne den Treffer wäre der Mythos um die “Fähigkeiten” eines David Odonkor oder die […]

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