Habe keine Zeit, was zu schreiben.
Wenn ich aber was schriebe, erläuterte ich all die Dinge, die von wahrhaft globalem Interesse sind.
Ich wählte Themen aus, von so unerhörter Brisanz, dass jeder darob in tiefe Nachdenklichkeit verfallen müsste.
Mein Ziel würde es sein, interdisziplinär arbeitend, komplexe Sachverhalte leicht verständlich darzustellen.
Selbstredend würde ich die weltanschaulich-politische Komponente nicht zu kurz kommen lassen; sowohl die Ungerechtigkeiten des Alltags als auch die Unzulänglichkeiten des kapitalistischen Systems fänden Erwähnung.
Jegliches, im Internet oder draußen in der Welt, anzutreffende Fehlverhalten prangerte ich so gnadenlos an, dass die betreffenden Widerlinge bestimmt ihren Hut nehmen müssten.
Mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln arbeitete ich an meinem Stil und feilte jeden Satz und jedes einzelne Wort so lange aus, bis mein Blogeintrag von jener prägnanten Prosa gekennzeichnet wäre, die mir bei anderen (Heidegger, v. Däniken, Nietzsche) so vorteilhaft aufgefallen ist.
Vielleicht würde ich auch der journalistisch-pseudoaktuellen Formen müde und versuchte mich statt dessen an klassischen Stilen; tiefer und tiefer versänke ich dann in die Qual der Wahl zwischen tausend Möglichkeiten verschiedener Erzähltechniken.
Packte mich der Ehrgeiz, böte ich auch alles auf, um mit den komplexesten Versmaßen im lyrischen Umfeld zu jonglieren.
Bestimmt. Habe aber keine Zeit.
[Alter Beitrag, bei mir selbst geklaut. Ahem.]


Wie komme ich jetzt auf diese olle Kamelle? Nun, ich musste wegen Horst Köhler dran denken — hätte dem nicht auch klar sein müssen, dass die Medien ihn wegen seines rasanten Rücktritts und der vergleichsweise ausgesprochen lahmen Begründung kreuzigen würden? War ihm nicht klar, dass er in den Geschichtsbüchern als der Präsident stehen wird, der das eigene Ego über das Amt gestellt hat? Vermutlich doch nicht, sonst hätte er doch wohl den Arsch zusammengekniffen und noch ein paar Jahre lang Schiffe getauft. Vielleicht dachte er, mit der üblichen Egozentrik der Mächtigen, durch seinen Rücktritt beflügele er eine Debatte über die Bosheit der Medien, in deren Verlauf die Leitartikler reihenweise die Kritik an Super-Horst zurücknehmen würden? Vielleicht dachte er, es setze ein Heulen und Zähneklappern ein, es gäbe Mahnwachen und Demonstrationen und Online-Petitionen, in denen er zur Wiederkehr aufgefordert wird?

So. Und weil wir gerade beim Thema Demokratie sind — hey, es ist ja Europawahlkampf. Kriegt man aber nicht so mit, natürlich. Fünf Plakate, ein paar Twitter-Botschaften, Kundgebungen vor 15 Parteigängern — Europawahl verhält sich zu Bundestagswahl wie Spatzengeburtstag zu Hitchcocks “Die Vögel”.

