Irlandtagebuch

Ein paar Texte, die Anno 2005 auf einer Irland-Reise entstanden sind und in Einzelposts veröffentlicht wurden. Hier nett gesammelt und sanft nachbearbeitet for your reading pleasure. Den Text gibt’s übrigens auch bei iTunes als Mini-Hörbuch. Kostet nur 2,99 Euro.

Wilder Westen

Kein Wunder, dass Heinrich Böll nach seiner Irlandreise sofort ein Buch schreiben musste: Die Landschaft macht einen ganz schriftstellerisch. Das muss daran liegen, dass ihr das Prosaische, Berechenbare fehlt. An vielen Stellen ist Irland tatsächlich leer und wild; selbst da, wo Menschen leben, haben sie sich das Land nicht so untertan gemacht, wie man es aus Deutschland gewohnt ist — irische Landschaft wirkt so, als läge die Natur in Wartestellung und würde wenige Minuten nach Abreise der Menschen das Land überwuchern. Mühselig abgerungen wirken die Gärten mit ihrem gepflegten englischen Rasen, mühselig dem Wildwuchs abgerungen, der nur wenige Meter weiter lauert. Manche Gegenden sehen nach Siegen der Zivilisation aus, nach wohlgeordneten Kriegszügen gegen das Chaos und gut gegen Partisanenangriffe gesichertem Hinterland. Andere zeigen deutlich die Spuren verlorener Schlachten: aufgegebene Häuser, verfallen und nur noch als Steinskelett erhalten; zugewachsene Wege, verrostete Schilder.

Taub und stumpf sein muss derjenige, den das nicht inspiriert. Ein Wunder fast, dass Irland nicht noch mehr große Dichter hervorgebracht hat. Aber vielleicht darf man die Landschaft nur vorsichtig dosiert genießen, vielleicht verliert sie ihre anregende Wirkung, wenn man sich daran besäuft oder sie lange Jahre täglich zu sich nimmt. Vielleicht ist sie aber auch zu episch, um irgendetwas anderes zu schreiben als Tagebücher oder große, mächtige Werke mit historischem Bezug. Vielleicht ist man als Schriftsteller verloren, wenn man herkommt, um einen raffinierten kleinen Gesellschaftsroman oder ein satirisches Theaterstück zu konstruieren — vermutlich fehlt einem dafür hier der Bezugsrahmen, und man wäre mit einem Appartement in Berlin besser beraten.

Egal, ich bin ja nicht zum Schreiben hier, Gottseidank. Nur zum Dasein und Nichtstun, zum Ausspannen und Auftanken. Falls jemand mit eigenen Erinnerungen vergleichen mag: Was ich hier notiere, findet statt zwischen Sligo und Galway, zwischen West Coast und Roscommon statt, Schauplatz ist also der wilde irische Westen.

Die Küstengeborenen

Die Sonne scheint blass auf die Ufer des Lough Cullin, mühsam durch die Wolken wie ein unerfülltes Versprechen. Ein Wind bläst halbstark, als wolle er mehr, könne aber nicht. Er möchte mir die Mütze vom Kopf reißen, aber seine Bemühungen sind leicht abzuwehren, wie die eines Kindes. Ich stakse von Stein zu Stein auf das flache Wasser zu, wie Zähne liegen die Felsen im See, umweht und umspült. Balancierend suche ich nach sicherem Tritt, mit Jeans und Sturmjacke lehne ich mich in den Wind. Der Unterschied zwischen mir, dem Globaleuropäer, und den Küstengeborenen wird überdeutlich: Ein paar Schritte weiter plantschen irische Kinder im kühlen Wasser, trotzen in Badehosen dem Wetter. Ein absurder Gedanke geht mir durch die Stirn: Wissen die nicht, wie viel angenehmer und angemessener ihr Spiel wäre, fände es an der südfranzösischen Küste statt? Vermutlich waren sie aber noch nie am Mittelmeer und können deswegen nicht ermessen, wie merkwürdig es mir, dem müßigen Reisenden, vorkommt, ausgerechnet hier zu baden. Für mich ist Irland ein Ort, um zu wandern, Tee zu trinken und den Regen durch die Scheibe zu beobachten. Will ich Sonne, reise ich woanders hin.

Es dauert eine Weile, bis man sich von Klischees über Land und Leute trennen kann. Zumal, wenn man sich durch viele kurze Reisen einen reichlichen Grundstock an kleinen, handlichen Vorurteilen angelegt hat.

Das bewohnte Grab

Ein Bild, das mir so typisch erscheint, dass es auf Jahre hinaus meine Erinnerung an Irland prägen wird: Wir sind auf einem dieser Friedhöfe, liebenswert in seiner Vernachlässigung. Grabsteine und keltische Kreuze stehen krumm, Inschriften sind vielfach verwittert. Modern und uralt mischt sich in unbekümmerter Selbstverständlichkeit; so schön die alten Kreuze, so hässlich die neuen Steine aus schwarzem Marmor. Ausgeblichene Plastikblumen kämpfen einen vergeblichen Kampf gegen das Vergessen, Gras überwuchert den ganzen Platz, Wege sind nur noch zu erahnen.

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht vor dem Zweck dieses Ortes und touristischem Entdeckergefühl gehen wir gemessen über den Friedhof, lesen jede Schrift, weisen uns auf ungewöhnliche Lebensalter oder Todesdaten hin. In der Mitte liegt ein umzäuntes Massengrab, für zwei Dutzend Menschen, die wohl bei einem Bootsunglück gestorben sind, who were accidentally drowned nennt es der schlichte Stein. Dahinter nun das Bild, von dem ich eingangs sprach: Das einstmals prächtigste Grab hat eine unkrautbewachsene, von einem Steinkranz eingefasste Platte. Darauf verweilt, an den Rand geschmiegt und gelassen kauend, ein Schaf. Schwarzgesichtig, krummhörnig schnappt es von Zeit zu Zeit nach nahen Grasbüscheln und wirft uns schräge Blicke zu, ohne Beunruhigung. Es lebt in dem festen Bewusstsein, hier, auf diesem Friedhof, auf diesem Grab, an der richtigen Stelle zu sein. Nicht einmal auf das fragende Blöken anderer Schafe von benachbarten Wiesen geruht es zu antworten. Erst als wir zu nahe herankommen, verliert es seine Nonchalance und bereitet halbherzig die Flucht vor. Wir zucken zurück, als das geruhsame Bild vom Schaf auf dem Grab durch unsere Anwesenheit zerstört zu werden droht und wenden uns ab. Als wir aus der Ferne einen Blick zurück werfen, ist alles wieder so, wie wir es vorgefunden haben. Schaf und Grab in ihren korrekten Positionen.

Der Tanz auf den Straßen I

Irische Straßen sind nicht, wie ihre Vettern in Deutschland, Orte des sportlichen Vergleichs, sondern Stätten der Begegnung. So schmal sind viele Wege, dass zwei Autos, die aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander treffen, einen kleinen Tanz aufführen müssen: zurück, zur Seite, vor, weiter. Der freundliche Handgruß des anderen ist die Belohnung für eigene Rücksicht, der eigene Gruß das Akzeptieren der Regeln. Überhaupt scheint Tempo kein Wert an sich zu sein, als Deutscher ist man überrascht von der Gelassenheit und Rücksicht der irischen Fahrer. Wann immer man dennoch riskant überholt, geschnitten oder bedrängt wird, verrät ein Blick aufs Nummerschild: Es war ein Engländer, Franzose oder Italiener.

Gelungen auch die irische Beschilderung der großen Straßen, nicht einmal fahren wir in die Irre, nicht einmal erleben wir das in Deutschland typische Ach, da hätten wir abbiegen müssen, oder?, das aus unübersichtlicher Verkehrsführung stammt. Übertrieben wird nur mit den Warnungen: Wir zuckeln durch eine Serpentine, da sehen wir vor uns auf die Fahrbahn gemalt das Wort SLOW. Ein bisschen langsamer geht es weiter, dann kommt die Steigerung VERY SLOW, übrigens ohne, dass sich die Straße wesentlich verändert hätte. Natürlich ignoriert man als erfahrener Autofahrer so etwas und fährt ungebremst weiter. Dann eine nochmalige, gänzlich unerwartete Steigerung: DEAD SLOW! Das beeindruckt uns immerhin so, dass wir abbremsen. Und, tatsächlich, es folgt eine knifflige Kurve.

Noch schöner die temporären Gefahren: Vor einer Baustelle warnt erst ein Schild SLOW, dann noch eines, dann MAJOR ROADWORKS AHEAD, dann ein PREPARE TO BRAKE, dann ein Piktogramm mit einem schleudernden Wagen, dann TEMPORARY SURFACE, dann NO ROAD MARKINGS, und schließlich ist man doch in ein paar Sekunden an der betreffenden Stelle vorbei, weil da eben doch nichts war außer neuem Straßenbelag, der aber besser ist als der alte, also im Grunde sogar noch ungefährlicher.
Beobachtung am Rande: Es gibt in Irland offenbar nur generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen, so was wie 50/60 in Städten, 100 auf Nationalstraßen, 80 auf schmaleren Straßen. Man verzichtet generell auf die deutsche Unsitte, vor jeder Kurve, jeder Ausfahrt, jeder Baustelle den Verkehr auf 70, 50, 30 runterzuregeln. In Irland steht da schlicht ein SLOW-Schild (oder mehrere), und das war’s. Hält sich auch jeder einigermaßen dran, nervt nicht. Da hat die Polizei natürlich nicht mehr ganz so viele Gelegenheiten mit Blitzern die schwindsüchtigen Verwaltungshaushalten der Kommunen aufzubessern.

Der Tanz auf den Straßen II

Der Zustand vieler Straßen mag übrigens der Grund dafür sein, dass schnelle Autos selten sind. Die für das Münchener Umland typischen Z4s, SLKs oder Porsches haben wir in Irland gar nicht gesehen, fette SUVs kommen zwar vor, sind aber selten. Zugegeben, mit einem sportlich gefederten Boxster möchte ich auch nicht über die Landstraßen jagen. Vielleicht ist das Land aber auch nach Jahrhunderten der Armut in einer Nachholphase und hat es noch nicht geschafft, die neu- und altreichen Yuppieklassen heranzubilden, die in Deutschland die Straßen in Rennbahnen verwandeln.

Gottseidank.

Andererseits könnte der Zustand der Straßen perfekt sein: In entlegenen Gegenden ist dennoch kein Rasen möglich, weil die schwarzfüßigen Schafe bedenkenlos und ohne Rücksicht die Straßen überqueren. Keine Ahnung, mit welchem Ziel die unterwegs sind – und wie die Besitzer hinterher eigene und zugelaufene auseinander halten. Gerne grasen die Tiere auch vom grasbestandenen Straßenrand und drängen sich dabei aus Futterneid gegenseitig auf die Fahrbahn; wer da nicht acht gibt, riskiert Schaf- und Menschenleben.

Am konsequentesten aber ist ein schwarzbrauner Ziegenbock, der kurz hinter Achill Sound mitten in einer Kurve auf dem sonnenwarmen Asphalt ein Nickerchen halten will. Als unser Wagen knarrend vor ihm zum Stehen kommt, wirft er uns nur einen kurzen, wiederkäuenden Blick zu. Und bleibt so hartnäckig sitzen, dass wir mit zwei Rändern in den Graben müssen, um ihn zu umkurven. Erst als wir schon fast vorbei sind, springt er auf und rennt wie angestochen davon. Mit unbekanntem Ziel, querfeldein.

Und nun zum Wetter

Was ich über das irische Wetter sagen kann, entspringt einem winzigen Erfahrungsausriss, kaum aussagekräftiger als es zwei Standbilder für einen Film sind. Hier, im Westen und jetzt, Anfang August, ist es mild. Weder wird es so kalt, dass man mehr als eine leichte Jacke bräuchte, noch so heiß, dass eine lange Hose unangemessen wäre. Die Sonne kämpft sich täglich mindestens einmal durch die mächtigen Wolkenlandschaften, die den Himmel beherrschen, für eine Viertelstunde oder einen ganzen Nachmittag. Der Regen aber siegt genauso oft, kommt leicht, mittel oder schwer, und endet so überraschend, wie er gekommen ist. Vorläufig. Manchmal bleibt er aber auch, als Drohung im Hintergrund den ganzen Tag, die ganze Woche. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell an die Unbeständigkeit, vielleicht, weil sie so gut zu Landschaft passt. Allgegenwärtig ist nur der Wind, Baumkronen in Ruhe zu sehen bleibt ungewöhnlich, die Oberflächen der Seen kräuseln sich ständig. Wie der Regen will der Wind aber nicht übertreiben, er deutet nur ständig seine Macht an, versucht aber keine Tyrannei. Ein Wetter zum Fußballspielen, zum Wandern, zum Zuhausebleiben, zum auf der überdachten Veranda ein Buch lesen. Nicht jedermanns Sache im Sommer, aber mir gefällt es eigentlich.

Aran und Achill

Ein Tipp: Wenn es einen schon, aus welchen Gründen auch immer, nach dem irischen Westen verschlagen hat, sollte man schönes Wetter abpassen und von Galway nach Inishmore übersetzen, der größten der Aran Islands. Dort zeigt sich, wenn man ein bisschen Mühe mit Radfahren oder Wandern auf sich nimmt, Irland von einer seiner schönsten Seiten: steile Klippen, brausende Wellen, saftige Wiesen, malerische Wege, schroffe Felsen und ein unglaublicher, unglaublicher Himmel. Ist einem das zu touristisch oder kommt man aus anderen Gründen da nicht hin: Die zweitbeste Lösung ist der Atlantic Drive, eine Küstenstraße von Cloghmore nach Dooega auf Achill Island. Schönes Wetter abwarten, Picknickkorb einpacken und hinfahren. Es gelten ähnliche Attribute wie bei der Beschreibung der Aran Islands weiter oben, nur dass die insgesamt spektakulärer sind, nicht nur punktuell schön wie Achill Island. Beides ist in seiner harten Schönheit aber eine Grenzerfahrung, die auch hartgesottene Großstädter zur Inneren Ruhe finden lässt. Nehme ich an.

Freundlichkeit und Segelohren

Ein bekanntes Vorurteil über Iren lautet, dass sie bedingungslos (gast)freundlich sind. Von meiner ersten Irlandreise vor rund zwölf Jahren kann ich das nicht voll bestätigen, zu deutlich steht mir ein unangenehmer, dicker, rotgesichtiger Herbergsvater vor Augen, mit dem ich in irgendeine blöde Diskussion geraten war. Und ein Artikel in der Irish Times, der sich vehement über die unangenehme Zunahme von deutschen Gästen in den Pubs von Galway, Cork und Tralee beschwerte. Kam bei mir nicht gut an, zumal ich kurz vor der Lektüre noch ein möglicherweise typischer deutscher Gast in einem der zahllosen Galwayer Pubs war.
Diesmal kommen mir die Leute sehr nett vor, nicht aufdringlich, sondern einfach normal freundlich*. Wobei man ja aus Bayern weiß, dass es so was wie „normal freundlich“ nicht per se gibt. Vielleicht ist aber auch nur meine Haltung gelassener und mein Englisch besser als früher. Wer weiß das schon. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist, dass man in Irland wenig schöne Menschen sieht. Wie in England sind die Leute blass, irgendwie grobgesichtig, und erstaunlich häufig gibt es den prototypischen Iren mit heller Haut, Pickeln, Sommersprossen, schlechten Zähnen, rotem Haar und enormen Segelohren. Und dicke Mädchen. Die gerne beschworenen keltischen Schönheiten, mit kräftigem Kastanienhaar und grünen funkelnden Augen? Mir haben sie sich nicht gezeigt. Um ganz sicher zu sein, macht man den Franzosen-Test: Wenn man eine Gruppe schöner junger Menschen entdeckt, rasch hingehen und lauschen. Mit ziemlicher Sicherheit wird man Satzfetzen eines französischen Gesprächs aufschnappen…

* Als wir im Dubliner B&B beichten, dass wir im Bad den Handtuchhalter abgerissen haben, lächelt die Hauswirtin nur und sagt ah, it’s like Fawlty Towers here
.

In the Middle of Nirgendwo I

Je nach eigener Position ist unser Leben im irischen Cottage ein Traum oder ein Alptraum. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Geschirrspüler, kein Kaffeevollautomat, auf so was meint man verzichten zu können, als moderner gehetzter Mensch. Kann man natürlich nicht wirklich lange, aber egal. Für die wenigen Tage kommt man sich sehr unabhängig vor. Im Cottage aber ist die Isolation verschärft: keine Nachbarn, kein zu Fuß erreichbares Dorf, keine Shopping-Meilen, keine Post*, keine ins Haus gebrachte Tageszeitung. Gäbe es nicht das aus Dublin mitgebrachte Auto, man wäre schlicht verloren. Das Auto wächst vom simplen Fortbewegungsmittel zum Rettungsring, zur einzigen Verbindung mit der Zivilisation. Auch wenn man die vier, fünf Kilometer nach Curry, einem Kaff mit zwei Pubs, einer Kirche und einem regelmäßigen Viehmarkt, auch laufen könnte. Man beginnt, das Auto zu idealisieren und sich um sein Wohlergehen zu sorgen: Hat es genügend Sprit? War das nicht ein komisches Geräusch? Sieht der Reifen nicht ein bisschen schlaff aus?
Die Stille aber ist erstaunlich vollkommen. So absolut, dass man sie nicht mit Musik stören mag. Die Bücher gewinnen eines tagesdefinierende Wirkung: Ich lese Frisch, Gerrold, Böll, McCourt, Kästner, Cadwell/Thomason, ohne stilistische Ordnung, alles hintereinander weg, im Rausch. Das einzige mitgebrachte Magazin ist am zweiten Tag ausgelesen, das Internet nicht verfügbar, keine Tageszeitung zur Hand – die ganze schwarzweiße Konkurrenz* des Buches schlicht nicht am Start, das Buch wächst dadurch, fesselt mehr als gewohnt. Wir ertappen uns dabei, Ausflüge um Stunden aufzuschieben, um Kapitel und Abschnitte zuende lesen zu können.

* Jawohl, keine Post, kein Briefkasten. Als gestern in unserer Abwesenheit die Gaslieferung kam, legte der Fahrer die Rechnung unter einen Stein in eine Kuhle in der Hauswand.

In the Middle of Nirgendwo II

Die Landschaft atmet kühle, torfgewürzte Luft, die unsere Lungen morgens immer wieder überrascht. Grün ist die rundumher dominante Farbe, alles saftig, kräftig, lebendig, a riot of growth*. Das Häuschen selber steht mit seinen dicken, kühlen Wänden trutzig mitten in der Landschaft, die nahe Straße ist eigentlich nur ein Feldweg, mit einer Frequenz von drei Autos, zwei Traktoren pro Tag. Links grenzt eine leere Weide an, rechts ein verwahrloster Friedhof, der Drumahillian Cemetary (in den keltischen Namen schwingt Altertum, Magie und Elfenglaube mit, selbst in den profansten Wörtern). Eine winzige Ruine duckt sich gegenüber in das Grün, eine Erinnerung und durch begonnene Arbeiten am Dach ein Versprechen. Alte Kastanien und Birken und Ahorne umstehen das Grundstück, auf dem Armeen von Disteln und Brennnesseln um die Vorherrschaft ringen. Nahe der winzigen Terrasse scheint der Kampf zugunsten der Disteln entschieden, im unwegsamen Hinterland nahe der Baumgrenze aber halten die Nesseltruppen gewaltige Reserven vor. Nur die Sense könnte dem Krieg Einhalt gebieten, aber die Sense ist alt, angeschlagen und vor allem stumpf. Und ein Schleifstein? Nicht in Sicht. Also bleibt alles so, wie es ist.

* Ein Zitat von David Gerrold. Der hat mit Irland übrigens nichts zu tun. Ich zitiere ihn nur gerne.

Sheep Nation

Schafe, Schafe, Schafe, wie aus dem Samenbeutel eines gigantischen Sähmannes mit ausholendem Armschwung über das Feld geworfen So zufällig und doch gleichmäßig ordnen sie sich auf der Wiese, dass es nachgerade verwunderlich ist, dass sich kein Muster ergibt. Perfekt, wie durch osmotische Bewegung verteilt, belegen sie den verfügbaren Platz. Hat vermutlich was mit Abgraseffizienz zu tun, die Tiere sind ja bekannt für ihre Rasenmäherqualitäten. Wenn man an den Weidezaun geht und ein bisschen laut ist, drehen sich absurderweise alle um, die in Hörweite sind. Und gaffen stumm, während ihre Unterkiefer wiederkäuende Seitwärtsbewegungen machen.
Keine Ahnung, wie viele Schafe in Irland auf einen menschlichen Einwohner kommen, hätte ich gerade Internetzugang als ich das notiere, würde ich nachschauen. Vermutlich fällt die Volks-/Viehzählung aber zugunsten der Schafe aus, so sehr bestimmen sie mancherorts das Bild. Hübsch sind sie übrigens, mit ihren schwarzen Gesichtern und schwarzen Beinen. Für Schafe, jedenfalls.

Wir sehen auf unseren Spaziergängen schockweise Nutzvieh, von Schafen über Kühe, Ziegen, Esel, Pferde bis hin zu Pfauen, Hühnern, Enten, Gänsen. Und Hunde, massenhaft. Und, immerhin, eine einzelne magere Katze. Ist wohl kein Katzenland, das Irland. Wildtiere begegnen uns selten, das spektakulärste ist eine Bande Hasen, die unserem ungeschulten Blick erst nach und nach auffallen: einer, nein zwei, nein drei, huch fünf, schließlich sechs. Ist ja, zugegeben, irgendwie auch der Witz bei Wildtieren, dass sie nicht jeder doofe Tourist mit bloßem Auge sofort entdeckt. Weiß schon. Ich erwähne die Hasen überhaupt nur, weil ich mir die sich bei ihrem Anblick aufdrängende Frage nicht selber beantworten kann: Warum haben die Biester, die sich doch mit einer ganzen Latte an Fressfeinden herumschlagen müssen, diesen auffälligen weißen Puschel? Ist der nicht arg signalhaft, wenn man gerade hakenschlagend auf der Flucht ist?

(c) 2005 – 2009 Gunnar Lott