Amok

Martenstein gegen Pfeiffer

by Gunnar on 9. April 2009 · 20 comments

Ich selber habe als Kind sehr oft bei einem extrem brutalen, rassistischen Gewaltspiel mitgemacht, wo es nicht etwa darum ging, Fabelwesen zu besiegen, sondern Menschen mit einer anderen Hautfarbe zu erschießen. Es hieß “Cowboy und Indianer”.

Der Kolumnist Harald Martenstein geht im heute erschienenen Magazin der ZEIT ganz subjektiv und persönlich das Thema »Killerspiele« an. Und findet angenehm unverschraubte Worte. Auch für meinen alten Feind, den Prof. Dr. Pfeiffer:

Neuerdings behauptet Christian Pfeiffer, dass 4,9 Prozent der 15-jährigen Jungen in Deutschland in rechtsextremen Gruppen organisiert seien. Ich frage mich, mit welcher Wissenschaft man auf eine so genaue Zahl wie “4,9 Prozent” kommen kann. Insgesamt wären das 34.000 rechtsradikal organisierte Jugendliche. Der Geschäftsführer der Initiative “Schule ohne Rassismus” hat in der taz darauf aufmerksam gemacht, dass es nach Angaben des Verfassungsschutzes in Deutschland überhaupt nur 31.000 Mitglieder von rechtsradikalen Organisationen gibt. Möglicherweise sagt der Verfassungsschutz die Unwahrheit. Ich glaube eher dem Verfassungsschutz als Christian Pfeiffer.

Hübsch gesagt. Kompletter Text auch hier, bei zeit.de.

Angemessene Forderungen

by Gunnar on 21. März 2009 · 9 comments

Man muss es mal sagen: Was die Familien der Opfer von Winnenden in ihrem offenen Brief fordern, ist vielleicht teilweise naiv, aber mehr als angemessen.

Insbesondere das:

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.

Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Wenn davon wenigstens das, was leicht umzusetzen wäre, tatsächlich umgesetzt würde, wäre die Welt sicher ein besserer Ort. Und, vermutlich, gäbe es weniger Irrsinnstaten wie die von Winnenden.

Schützenfest

by Gunnar on 18. März 2009 · 18 comments

Mal ganz ehrlich, ich kann die Sportschützen im Grunde schon verstehen — die fühlen sich sicher so stigmatisiert wie wir Spieler: “Verdammt, jetzt sind wir schon wieder negativ in den Medien, weil ein Arschloch die Regeln gebrochen hat. Dabei gibt es Tausende und Abertausende von Sportschützen, die mit dem Hobby verantwortungsvoll umgehen. Sollen doch die Großkopferten lieber die ekeligen Killerspiele verbieten.”

Wobei allerdings der Verdacht naheliegt, dass in Wirklichkeit täglich Hunderte Schützen die Regeln zur Aufbewahrung von Waffen brechen und wir besser jeden Morgen dreiundzwanzig Avemaria als Dank beten sollten, dass nicht noch mehr passiert. Es ist ja mittlerweile einigermaßen belegt, dass Waffen im Haushalt irgendwie blöd sind — erhöhen nach einer US-Studie zum Beispiel signifikant die Selbstmordrate. Und auch Affektmorde passieren leichter, wenn man irgendwas zur Hand hat, was schießt. Wobei mir ohnehin unklar ist, warum man nicht Munition und Waffen stärker trennt: Waffen meinetwegen zuhause (die muss man ja vermutlich täglich bewundern), aber Munition nur im Schützenhaus.

Jedenfalls hat es mich ein bisschen gegruselt, als die SZ von heute die Möglichkeit aufzeigte, den Mann nicht zu belangen, weil er durch die Ereignisse schon genug getroffen sei. Das wäre eigentlich vertretbar, kein Mensch kann ermessen, wie Mutter und Vater K. sich fühlen müssen, aber die gesetzliche Strafe an sich hat mehrere Aspekte: Sie soll natürlich den Täter erziehen, aber sie soll auch eine Abschreckungswirkung auf andere mögliche Täter entfalten. Und auf die Gefahr hin, dogmatisch zu klingen — mir wäre es durchaus lieb, wenn Schützenbruder X. auf einen Kamillentee bei Schützenbruder Y. vorbeischneit, dessen offenen Waffenschrank sieht und mit Panik in der Stimme sagt: “Bist du verrückt, schließ den ab, dafür kannst du in den Knast kommen. Hast du nicht das mit dem Vater von Tim K. gelesen?”

Die Schuld der Medien an Winnenden

by Gunnar on 13. März 2009 · 35 comments

Es ist meine feste Überzeugung, dass die Tragödien von Winnenden und Emsdetten nie passiert wären, wenn das Fernsehen nicht im großen Stil über Columbine oder Erfurt berichtet hätte.

Das sind Nachahmungstaten, das funktioniert wie bei Selbstmördern: Wenn in der Zeitung steht, es sind von einer bestimmten Brücke zwei gesprungen, stürzen sich morgen drei weitere von derselben Brücke. Deshalb gibt es eine Art stillschweigende Übereinkunft bei Tageszeitungen, in solchen Fällen ohne konkrete Ortsnennung, ohne Fotos oder gleich gar nicht zu berichten.

Diese breitgetretene, detailversessene, voyeuristische Berichterstattung, die fast alle Medien (exemplarisch aber natürlich BILD*) betreiben, dient ja nicht mehr der Information, sondern einzig der Erregung der Zielgruppe. Und glorifiziert die Täter, indem sie das grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit auf sie richtet. Nach ihrem Tod werden sie so dann doch noch zu Stars, sie, die sie so oft die Underdogs in ihrem Umfeld waren. Das bereitet den Boden für Nachahmer, die sich auch im Leben zu kurz gekommen wähnen, und ebenfalls nach einem Weg suchen, der ungerechten Welt ihre Demütigungen heimzuzahlen.

Denn, seien wir ehrlich, diese Fälle sind ja keine Amokläufe. Amokläufer handeln im plötzlichen Irrsinn, in Umnachtung und wissen hinterher nicht mehr, was sie getan haben. Emsdetten und Winnenden und Erfurt und Columbine und Blacksburg, das alles sind erweiterte Suizide von ausgegrenzten jungen Menschen. Von jungen Menschen allerdings, die zufällig oder durch Planung Zugriff auf Waffen haben und ausreichend Hass und Wahn, aus dem Selbstmord eine mörderische Inszenierung zu machen. Ohne die realen Vorbilder aus dem Fernsehen ist diese Spielart von Suizid nur schwer vorstellbar. Und so wird auch Winnenden wieder eine Legende erzeugen und in irgendeinem sozial erniedrigten Jugendlichen den Boden für eine Mordtat bereiten.

Mehr zum Thema in einem älteren Beitrag: Amok.

* Das “Minutenprotokoll” des Amoklaufs als Klickstrecke. Unfassbar.

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Mini-Linkliste: Nachtrag: Einen der besten Artikel zur Thematik hat Johnny von Spreeblick geschrieben. Ihm geht’s hauptsächlich um die Sendung Hart aber Fair (die ihren Namen schon lange nicht mehr verdient hat), aber er schneidet da eine grundsätzliche Problematik an. Ebenfalls lesenswert: Hanno, der sich der Sache satirisch nähert und und wie immer Florian Rötzer und der Spiegelfechter, der zudem eine ähnliche Meinung vertritt wie ich. Hörenswert: der Vortrag von Dr. Huisken.

Amok, Winnenden und die Medien

by Gunnar on 11. März 2009 · 83 comments

Der Professor-Pfeiffer-Ehrenpreis in der Kategorie “Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden” geht an Süddeutsche.de, die es als erste Quelle geschafft hat, eine Querverbindung zu Computerspielen herzustellen:

Eine ehemalige Mitschülerin von Tim K., sagt hingegen unter Tränen: “Tim war schon immer sehr verschlossen. An den ist niemand rangekommen. Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt.” [SZ]

Hat ein bisschen gedauert, aber hey, wir alle wussten doch, dass das kommen würde. Ist auch noch ein bisschen schwach, aber das kann man ausbauen.

Die beste Gelegenheit dazu hat heute abend Frank Plasberg, der sich beim ähnlich gelagerten Thema Emsdetten schon ordentlich den Ruf als seriöser Journalist ruiniert hat. Plasberg lädt denn auch natürlich Prof. Dr. Christian Pfeiffer zu Hart aber Fair ein, dazu Tom Westerholt, den Experten des WDR, der seinerzeit ausführlich im TV erklärt hat, wie man bei Counter-Strike die Waffen aus der gegnerischen Basis klaut. Vielleicht blenden sie auch noch, als Gegenpart, einen stammelnden 15jährigen ein.

*Seufz*.

Update: Das SZ-Zitat oben steht ein bisschen im Gegensatz zu dem, was die FAZ recherchiert hat. Aussagen aus dem Umfeld sind eben ein schwieriges Geschäft:
„Er war halt schlecht in der Schule“, versucht der 19-jährige Thomas eine Erklärung. Zumindest sei er in den vergangenen Jahren „mehr ein Einzelgänger geworden“. Sein wichtigstes Hobby jedoch habe er nie aufgegeben: „Tischtennis war seine Leidenschaft“, sagt Tomas. Mit Computern hatte er dagegen nicht viel am Hut. Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert.“ [FAZ]

Update II:Weil ich diesen Beitrag jetzt zwei Tage alleine gelassen habe (war unterwegs), die Diskussion aber schon viel weiter ist, verweise ich auf die gewohnt saubere Arbeit der Kollegen von GameStar, die eine Presseschau und eine Faktensammlung online gestellt haben. Ich selber melde mich zu dem Thema im Laufe des Wochenendes noch einmal, denke ich. Generell finde ich aber, dass die Medien einigermaßen ausgewogen berichten. Mit Ausnahme der üblichen Verdächtigen, natürlich.