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Blöd, dass Mord verboten ist

by Gunnar on 31. Mai 2010 · 20 comments

Wer als Erstes an die Wand gestellt wird, wenn die Revolution doch noch kommen sollte.

Wir haben Freitagmorgen, knapp 9:00, verhaltener Sonnenschein, ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Die Lyonel-Feininger-Straße ist ein bisschen unübersichtlich, da nehme ich statt der Fahrbahn immer den Bürgersteig, der ist drei Meter breit, übersichtlich und mangels angrenzender Wohnhäuser auch immer frei. Ich nähere mich einer Ausfahrt, bremse ein bisschen ab, da dreht ein geföhnter Herr in einem silbernen BMW Z4 Cabrio von der Gegenseite der Straße mit quietschenden Reifen in die Ausfahrt ein, kurbelt hektisch am Lenker und zieht voll auf den Bürgersteig. Nicht den Bürgersteig touchierend oder sowas, nein, er biegt einfach auf den Fußgängerweg ein, als sei der eine Fahrbahn. Dort kommt er zum Stehen, — zwei, drei Meter vor mir. Ich reiße an den Bremsen, gerate ins Schlittern, bekomme das Rad knapp links an dem Wagen vorbei. Der Schwung und der Schreck tragen mich weiter, erst nach zehn Metern drehe ich mich um, um dem Fahrer des Z4 irgendwas hinterher zu schreien. Und sehe, wie der Typ (übrigens sonnengebräunt und gepflegt dreitagebärtig) seelenruhig aus dem Auto heraus einen Brief in den Briefkasten wirft. Da geht mir der Sinn seines Manövers erst auf: Der hat den Stunt nur veranstaltet, um an den Postkasten zu kommen, ohne auszusteigen.

Danach wendet er und fährt dahin zurück, wo er hergekommen ist — vermutlich ist das einfach seine tägliche Fahrt zum Briefkasten.

Ich stehe konsterniert und schaue nur. Wie scheiße kann man sein?

Ah, dass man im echten Leben nicht ständig in den Rucksack greifen und seine BFG* hervorziehen kann, ist manchmal frustrierend, wirklich.

Was Gott tun müsste

by Gunnar on 22. März 2010 · 16 comments

Vorhin, auf dem Mittleren Ring, fahre ich auf der Geradeaus-Spur gutgelaunt auf die grüne Ampel zu, da zieht aus der Schlange der für’s Linksabbiegen anstehenden Wagen ein Golf raus, direkt vor mich auf meine Spur. Ich bremse. Er kriecht mit 4 Km/h auf die Ampel zu, die wird gelb und dunkelgelb, da gibt er Vollgas, prescht drüber und biegt mit quietschenden Reifen und ausgesprochen gegen die StVO links ab. Rammt fast den letzten der Linksabbieger, hupt frech und ist verschwunden. Ich stehe bei Rot und schaue staunend hinterher.

Was für Stunts Leute abziehen, nur um ein paar Sekunden Ampelstehzeit zu sparen. Irre. Kann Gott die bitte sofort bestrafen, etwa durch Herbeimaterialisieren einer Polizeistreife? Aber Gott ist einem leider in derlei Situationen keine Hilfe, wie schon Calvin wusste:

Muss eben doch endlich die Frontraketenwerfer einbauen, von denen ich schon so lange träume.

Gefahren im Straßenverkehr

by Gunnar on 29. Oktober 2009 · 7 comments

Ich fahre am frühen Morgen eine dreispurige Straße entlang. In München. Wenn man das Gezuckel im Berufsverkehr überhaupt “fahren” nennen möchte. Komme an eine Ampel, verzichte auf’s Durchrasen bei Dunkelgelb und komme zum Stehen. Greife zum iPhone, um mit dem Feedreader die morgendliche Dosis SEO-Blogs zu lesen. Dumme Angewohnheit, jaja, aber ich bin offenbar nicht alleine damit — rechts, im kleinen Seat, feilt sich eine mittelalte Dame intensiv die Nägel. Links, im nagelneuen 911, stochert sich ein Mann in den Sechzigern, mit Wellen im grauen Haar und Halstuch, in den Zähnen herum und liest dabei die Aufschrift auf einer Medikamentenpackung, die von da, wo ich sitze, verdächtig nach einem Prostatamittel aussieht. Ist der Firma Porsche eigentlich klar, dass ihre Kernklientel keineswegs die dynamischen 40jährigen Querdenker aus dem Management sind, von denen sie immer faseln, sondern durchweg geföhnte ältere Herren?

Dann hupt jemand. Wir schrecken auf, unterbrechen das Lesen, des Feilen, das Stochern und fahren los. Ich denke noch kurz über die relative Undistinguiertheit des Zahnreinigens beim Autofahren nach, wobei mir dieses uralte PC-Spiel einfällt, das einem bei der endlosen Installation mit zehn Disketten zwischendurch immer so kleine Lebenshilfetipps eingespielt hat, unter anderem “Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mal drüber nachzudenken, wie Sie diese ekelhafte Angewohnheit loswerden, diese Sache, die Sie immer im Auto machen, wenn Sie allein sind. Ja, wir haben Sie gesehen.“, da kommt schon die nächste Ampel und diesmal rutsche ich am Porschefahrer vorbei und komme neben einem Geschäftsmann im Mercedes Kombi zu stehen. Und, argh!, der pult auch in den Zähnen, professionell, mit so einem Zahnreinigungszahnstocher samt Puschel dran. Die machen das alle. Offenbar ist in den Autos der oberen Klassen das Zahnpflegeset als Zubehör erhältlich.

Vielleicht ist es nur Zufall, vielleicht bin ich aber auch der Einzige, der seine Zähne zuhause putzt und hin und wieder blicken Leute mit einem Schaudern zu mir ins Auto und fragen sich, warum ich da mit einem Handy oder dem Radio ‘rumfummele, anstatt mir die Zähne zu säubern.

Deutsche Wertarbeit

by Gunnar on 29. Juni 2009 · 25 comments

Schmale Straße mit Randbewuchs, unübersichtliche Kreuzung. Ich rolle vorsichtig voran, muss dann aber doch etwas plötzlicher als gedacht bremsen, weil von rechts auf dem Radweg ein Fahrrad mit einem krampfig über den Lenker gebeugten Kurier heranschießt. Es folgt ein leiser Schlag, wie ein Händeklatschen, ein kaum hörbares Knirschen — eine Frau ist mir von hinten draufgeschwebt.

Wir steigen aus, begutachten den Schaden — nichts zu sehen bei beiden Wagen, nicht einmal ein Kratzer. Alter Passat auf neuen BMW und kein Schaden? Das ist deutsche Wertarbeit, denke ich noch und beruhige die aufgelöste Fahrerin.

Pustekuchen: Die Prüfung hinterher ergibt 2.500 Euro Schaden bei mir, wenigstens, und Totalschaden bei ihr. Absurd.

Offenbar wird bei modernen Autos der Teil direkt unter der Stoßstange aus Porzellan-Preziosen der Ming-Ära hergestellt.

Ich fahre den Ring entlang, quasi auf Autopilot. Mein Stoffwechsel ist am Ende des Arbeitstages auf 45 Prozent, höhere Hirnfunktionen sind abgeschaltet. Aber es ist der Weg, den ich hundertmal pro Jahr fahre, also ordne ich mich korrekt ein, halte Abstand, bremse vorausschauend. Aber natürlich bin ich in diesem Zustand nicht vorbereitet auf den Skoda voller Deppen, der kurz vor’m Abbiegen auf meine Spur zieht und mir voll den Weg abschneidet.

Mein Nebennierenmark prüft kurz meinen Allgemeinzustand, hält mein Überleben für fraglich und schießt mir eine Dosis Adrenalin ins Blut. Ah! Das befähigt mich, zu bremsen, in den Wagen der Deppen rüberzuschauen, geistreich “Ey!” zu rufen und die Arme zu einer dieser “Was soll das?!”-Gesten auszubreiten, wie man sie oft bei unschuldig bestraften Fussballspielern sieht. Einer der Deppen, der hinten links auf der Rückbank, schaut zurück, sieht, dass ich nur ich bin und nicht etwa eine bewaffnete Türkengang, bei schwarzen BMWs weiß man ja nie, und zeigt mir den Finger. Der Depp neben ihm hüpft zu irgendeiner Musik auf und ab, die Deppenmädels vorne schunkeln hin und her. Surreal. Ich, und da schaltet mein Hirn in Zeitlupe, ich sehe alles mit Max Payne-artiger Klarheit, werde erfasst von dieser kalten Wut, die schon viele Männer im Straßenverkehr zu Mördern gemacht hat. Mein Wagen ist jedoch mangelhaft ausgestattet, leider, mit einem sanften Antippen des Auslösers für die vorderen Maschinengewehre ist die Situation nicht zu lösen.

Ich zeige auf den Mittelfinger-Deppen, greife in meine Jacketttasche, entnehme meiner Brieftasche den Presseausweis und zeige ihn deutlich dem glotzenden Deppen, wohlweislich darauf achtend, dass das Wort “Presse” verdeckt ist. Auf ein paar Meter Entfernung sieht ein Ausweis aus wie der andere, Foto, Schrift, Wappen et cetera, ein gewöhnlicher Straßendepp wird ja wohl einen Presseausweis nicht von einer Zivilbullen-ID unterscheiden können. Mit der anderen Hand lege ich vier Finger über mein Gesicht, so dass ich wie durch Gefängnisgitter schaue. Dann zeige ich wieder auf den Deppen und setze einen genervt-herrischen Gesichtausdruck auf. Er versteht. Schaut nach vorne, sagt etwas zu seinen Mitdeppen, die daraufhin das Schunkeln einstellen. Jetzt fahren sie ganz zivil vor mir her und gucken nicht mehr zurück. An der nächsten Kreuzung biegen sie abrupt ab.

Pwnd! Brain beats Mittelfinger.

Aber huh, keine Ahnung, warum mir der Ärger diese absurde Reaktion eingegeben hat. In einem anderen, mindestens genauso plausiblen Hosenbein der Zeit hätten die Deppen gebremst, die zwei Kerle wären ausgestiegen und breitbeinig auf meinen Wagen zugestapft, um mich zu fragen, was, ey, Alter, mein Problem sei und wieso ich mit einem Presseausweis zu winken geruhe. Aber das ist nur einer Parallelwelt und damit einem ganz anderen Herrn Kaliban passiert, puh.

Ach, die Gefahren des Straßenverkehrs sind weithin unterschätzt.

Schwach wie Akku leer

by Gunnar on 16. Dezember 2006 · 9 comments

Wer schreibt, bleibt. Wer spricht, nicht*. Eigentlich. Ausnahmsweise gibt’s mich aber auch mal zu hören: Meine “Highlights des Jahres”, unvorbereitet und unkohärent in Johnnys Mikro gesprochen, finden sich mitten im gestrigen Podcast vom Spreeblick. Wer mag, kann ja mal hinklicken und hinhören.

Andere Sache: Gestern war der Tag der leeren Batterien. Erst Auto, dann Handy. Blöde Kombination. Mich kommt dann immer ein so hilfloser Ärger an, weil ich dafür nicht mal irgendwem anders die Schuld geben kann. Eine Klage gegen Auto- und Mobilfunkindustrie hätte vermutlich wenig Erfolg: Das Handy hatte ich nämlich aus Lässigkeit (ach, zwei Striche reichen noch bis morgen) vorsätzlich nicht aufgeladen. Das Auto habe ich verlassen, ohne vorschriftsgemäß den Schalter für das Licht in die Nullstellung zu drehen. Und bin für gut acht Stunden nicht zurückgekehrt. War ein Mietwagen, ein Fabrikat von einem bekannten Stuttgarter Hersteller, der, im Gegensatz zu einem bekannten Münchener Hersteller, offenbar auch in neueren Versionen nicht dieses Licht einbaut, das sich automatisch beim Entfernen des Zündschlüssels* abschaltet. Naja, Ausreden. Ich hätte ja das durchdringende Piepen bemerken können, mit dem mich der freundliche Wagen auf seine Not aufmerksam zu machen suchte. Habe ich aber nicht. Und wer nicht hören mag, muss, nun, doof ‘rumstehen.
Was ich dann auch getan habe. Eine ganze Weile lang. Weil der Notdienst des besagten Stuttgarter Autobauers es trotz zahlreicher “Machenwirschon” und “Kommtgleichwer” in vier Telefonaten bei prekärer Akkusituation zweieinhalb Stunden lang nicht geschafft hat, einen Überbrücker zu schicken. Wobei ich in der Wartezeit zwei freundliche Angebote von Besitzern der hilfreichen Kabel-Motor-Kombi abgelehnt habe, weil die Hilfe ja “gleich”, “sofort” beziehungsweise “in den nächsten zehn Minuten” kommen sollte. Argh.