Bioterror

Das Kind als Schablone

by Gunnar on 18. März 2008 · 13 comments

Ach, wenn man Kinder kriegt, dann nimmt man sich ja immer viel vor: Nicht so werden wie die eigenen Eltern, den eigenen Menschenhass verstecken und die eigenen Süchte und die eigenen Ängste. Ihm die Liebe zu gutem Essen vermitteln, zu guten Büchern, zum richtigen Fußballclub. Toleranz lehren, zur Selbstständigkeit erziehen, loslassen können, aber trotzdem behüten. Et cetera. Wenn man Mitte/Ende 30 ist, liegt das eigene Leben nämlich auf einigermaßen stabilen Schienen: Die Partnerfrage ist weitestgehend gelöst, der Beruf gefunden, der Plan, als Rocksänger berühmt zu werden, der ist dann doch im Morast des eigenen Wesens versunken. Da hat man Zeit zum Nachdenken und fühlt sich irgendwann irgendwie bereit für ein Kind. Und wenn sich eines ankündigt, schnappt man stante pede über: Bücher, Kurse, Webseiten — jeder Tropfen Wissen wird aufgesogen. Man steckt Monatsgehälter in den Ausbau des rosafarbenen oder hellblauen Kinderzimmers und meldet das Kleine schon mal prophylaktisch für Geigenunterricht, Karatekurs und das Medizinstudium an. Und gute 20 Jahre voller Überbehütung, guten Ratschlägen und Besserwisserei später wundert man sich, warum das doch so talentierte Kind neurotische Züge zeigt, das Abi abgebrochen hat und überdies dem Marihuana-Abusus fröhnt.

Vermutlich ist es irgendwie gesünder, wenn man ein Kind mit Anfang 20 bekommt. Da hat man noch so vieles nicht erlebt, noch so vieles im eigenen Leben zu erledigen, dass das Kind einfach nur dabei ist, Teilnehmer am Elternleben anstatt Hauptdarsteller in der Mitte der Bühne. Seinerzeit in meinem Studium, 1895 muss das gewesen sein, spielten während jedes Seminars Kleinkinder im Raum, ganz selbstverständlich mitgebracht von ihren studierenden Müttern. Alles einigermaßen unaufgeregt und unideologisch, meilenweit entfernt von der Hysterie 39jähriger Bogenhausener Mütter mit altphilologischem Abschluss, die Kita-Mitarbeiter mit exakten Anweisungen in den Alkoholismus treiben und im Freundinnenkreis die Rangordnung nach den Leistungen des eigenen Kindes festlegen: Unser Kleiner konnte ja schon mit elf Monaten “Mama, ich möchte ein Biowurstbrot” sagen. Und die Große will jetzt unbedingt bei den Tennis-Vereinsmeisterschaften antreten. Ach, süß, wie ehrgeizig sie ist. Uh.

Also, wir haben uns vorgenommen, möglichst so zu sein, wie wir gewesen wären, hätten wir Marleen vor zehn Jahren bekommen. Nur ein bisschen gereifter.

Fragt mich in zehn Jahren nochmal, wie’s geklappt hat.