Bogenhausen

Unter Reichen

by Gunnar on 27. März 2010 · 17 comments

Ein kurzer Beitrag, in welchem der Verfasser eines seiner Lebenstraumata aufarbeitet: den immer noch ausbleibenden siebenstelligen Lottogewinn.

Unsere Wohnung ist an einer Bundesstraße gelegen und hat einen Blick auf einen verrotteten Siebzigerjahrebau mit grünen Fensterrahmen. Einerseits. Andererseits liegen die Tempel der Reichen in Altbogenhausen nur einen Schwarzgeldkofferwurf entfernt. Ich muss also nur ein paar Straßen weitergehen, um mich — je nach Stimmung — entweder als Bewohner einer vornehmen Gegend zu fühlen oder von den in Regimentsstärke die Parkplätze bevölkernden Porsches ans eigene Normalverdienertum erinnert zu werden.

Naja.

Wenn ich besonders mutig bin, wage ich mich in den Supermarkt der Reichen, Schönen und schön Reichen: die Feinkostapotheke Käfer. Dort trifft man die kariert pullunderige Jeunesse Dorée Münchens, die Champagner für den Abend einkauft, in der Sonne von St. Tropez verbrannte hagere Endfünfzigerinnen in Begleitung des Körbe schleppenden Hauspersonals, in der Langeweile der 20-Zimmer-Villa füllig gewordene Ehefrauen auswärts übernachtender CEOs, die Hände voller 8-Euro-Schokoladentafeln, strickjackige ältere Herrn mit Luxushunden, geliftete Geschäftsführerinnen, perfekt unrasierte Agenturbosse und ihre italienischen Liebhaber und so weiter.

Und, manchmal, trifft man dort Leute, die sich offenkundig verirrt haben, wie den bedauernswerten Familienvater, der sich eine kleine runde Himbeertarte einpacken lässt, dann das Preisschild sieht und erschrocken nachfragt: “Hier steht 29 Euro! Auf dem Schild in der Auslage hieß es doch 5 Euro?!” Worauf der perfekt geschulte Verkäufer anmutig den Kopf schräg legt und “5 Euro ist der Preis für ein Stück” entgegnet. Der Familienvater wird bleich, winkt nach seinen Kindern und verlässt geschlagen den Schauplatz.

Ich fühle mit ihm.

Wenn sie das Reden liessen

by Gunnar on 19. September 2008 · 3 comments

Ging vor ein paar Stunden beim Babylüften die Prinzregentenstraße entlang, näherte mich dem magischen 50-Meter-Kreis um den Käfer. 50 Meter, das ist ungefähr die maximale Entfernung, die das Käfer-Publikum zu Fuß zu gehen bereit ist, daher trifft man in diesem Radius zuweilen diese Leute. Zwei weibliche Exemplare dieser Leute schnatterten an mir vorbei und mir fiel plötzlich das Gedicht Höhere Töchter im Gespräch wieder ein, von Erich Kästner, den ich, wie sehr regelmäßige Leser dieser Seite vielleicht wissen, ganz besonders verehre. Ich hatte hier eigentlich den kompletten Text eingeklebt, aber Björn wies mich freundlich drauf hin, dass der Sohn von Kästner mit einem freundlichen Anwalt vor ein paar Jahren eine Abmahnwelle quer durchs Internet losgetreten hat, die auch, um nur ein Beispiel zu nennen, die Erich-Kästner-Schule in Hamburg nicht verschont hat. Uh. Also fehlt hier das Gedicht. Ich komme in 36 Jahren, wenn der Urheberschutz abgelaufen ist, vielleicht noch mal drauf zurück. Grmpf.

Es gibt dazu übrigens auch einen ganz netten Song auf der CD zu einem leicht obskuren Projekt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kästner-Gedichte mit billig instrumentiertem Sprechgesang zu unterlegen. Oder so.