brecht

Radiotheorie = Twittertheorie?

by Gunnar on 30. Januar 2009 · 2 comments

brecht1Ich hab’s irgendwann schon mal erwähnt, aber man kann es nicht oft genug tun — es ist erstaunlich, wie hellsichtig sich heute Passagen aus der Radiotheorie von Berthold Brecht lesen, die kurz nach der Erschaffung der Welt, also zwischen 1927 und 1932, entstanden ist.

Brecht sah mit Erstaunen den Aufstieg des Radios zum Massenmedium — “[das Radio ist eine der] Erfindungen, die nicht bestellt sind. […] Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit.” stellte er fest und beobachtete (fast als würde er über das moderne Bloggen sprechen) “Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.”. Brecht störte die Einbahnstraßenhaftigkeit des Radios, er hatte keine Verwendung für einen weiteren Kanal, der einfach Inhalte transportiert, die man auch anderswo und anderswie zum Empfänger bringen könnte. Er forderte folgerichtig: “Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.”

Wir ersetzen mal zum Spaß “Rundfunk” durch “Internet” — und schon könnte die Aussage aus den 90er Jahren stammen. Jetzt ist das irgendwie alles da — Twitter und die Blogs (die eigentlich zusammengehören als in sich irgendwie unvollständige Bruchstücke eines Ganzen), Wikipedia, Indymedia, Facebook, das Wasser im Kanal fließt in beide Richtungen. Brecht ging es allerdings nicht darum, dass Blogger ihre kleinen Erlebnisse aufschreiben oder Twitterer ihre Verfolger mit Beiträgen wie “Ich finde am Marienplatz kein Taxi. #FAIL” anöden, sondern um die Herstellung von Gleichgewicht, von Gegenöffentlichkeit: “Den Mächten der Ausschaltung durch eine Organisation der Ausgeschalteten begegnen.”

Tragisch ist nur, dass die Forderung theoretisch zwar erfüllt, das weiße Rauschen ist aber so laut geworden ist, dass man vieles, ach so vieles, nicht mehr so recht hört.

Und dass die “Mächte der Ausschaltung”, also die Obrigkeit, durch die Mächte der Verdoofung, also die Konzerne, ersetzt worden sind, die ziemlich effizient arbeiten.