Buch

Buchtipps im Dezember

by Gunnar on 13. Dezember 2011 · 12 comments

Herr Kaliban empfiehlt mal wieder ein paar Bücher, huschhusch im Schnellwaschgang.

Brandon Sanderson: Infinity Blade (Kindle: 1,99) Fantasy-Buch zum Spiel Infinity Blade von Chair/Epic. Solide, flüssig geschriebene Auftragsarbeit von meinem aktuellen Lieblings-Fantasy-Autor. Ist nicht lang, kostet aber auch nicht viel. Nettes Zwischendurchbuch.

Brandon Sanderson: The Alloy of Law (gebunden: 14,95) Dieses Buch spielt im Universum der Fantasy-Trilogie Mistborn, ist aber 300 Jahre später angesiedelt und daher keine klassische Fantasy mehr, sondern eher Steampunk. Clevere Idee, das habe ich so bei Fantasy-Serie noch nicht gesehen. Wie alle Sachen von Sanderson ist es clever ausgedacht und hält eine gute Balance zwischen Action und Weltbeschreibung. Die Figuren bleiben ein bisschen blass, aber egal. Man kann’s auch lesen, wenn man die Mistborn-Sachen nicht kennt.

Drew Magery: The Postmortal (div. Versionen: ab ab 11,99) Fieser Scifi-Thriller über eine Welt, in der eine Heilung für das Altern gefunden wurde und alle Menschen (oder jedenfalls die, die es sich leisten können) ewig leben. Magery spinnt den Grundgedanken hübsch aus und denkt alle Entwicklungen weiter: Todesschwadronen der Regierung, die Rentner töten, neue religiöse Kulte, Ressourcenknappheit et cetera. Geschrieben eher im Stile eines Tagebuchs.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini (div. Versionen, ab 12,99) Schirach ist Strafverteidiger in Berlin und erweckt den Eindruck, als sei ihm nichts Menschliches fremd. Seine bisherigen Werke waren Kurzgeschichtensammlungen, immer über Verbrechen, immer aus der Sicht des Anwalts, immer brillant geschrieben. Collini ist sein erster Roman, eigentlich, aber in Wirklichkeit ist es einfach nur eine lange Kurzgeschichte mit ein bisschen Nebenhandlung. Das macht aber nichts, ist trotzdem ein gutes Buch, in dem Schirach seine typischen Stärken ausspielt: Er kann nicht nur schön und präzise schreiben, er weiß auch, wovon er redet – wo andere Autoren sich das Feld über Recherche aneignen müssen, erzählt er eben aus seiner Welt.

Passig, Scholz, Schreiber: Das neue Lexikon des Unwissens (eBook und gebunden: ab 16,99) Sehr schönes Verschenkbuch. Die Autoren nähern sich in angenehm klarer und humorvoller Sprache aktuellen Phänomenen der Wissenschaft an und erklären kundig und nachvollziehbar, warum es für spezfische Probleme bislang keine Lösungen gibt. Liest sich so in einem Rutsch weg.

Alexander Steffensmeier: Liselotte bleibt wach (Hardcover: 14,95) Sensationell toll gezeichnetes Kinderbuch, bei dem auch Erwachsene immer wieder Spaß haben. Die detailreichen Bilder enthalten eine ganze Reihe von kleinen Gags, die an den Kindern vorbeigehen, dem geplagten vorlesenden Elternteil aber Freude machen. Sehr angenehm. Gibt aus der Serie noch eine Reihe weiterer Bücher, die auch alle schön sind. Weihnachtstipp für Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern von 3 bis 6jährigen.

Warbreaker

by Gunnar on 1. Oktober 2011 · 8 comments

Herr Kaliban hat schon wieder so Fantasy-Zeug gelesen.

Neulich empfahl ich mit ein paar dürren Worten die Mistborn Trilogy-Trilogie von Brandon Sanderson und nannte sie sehr schlau gebaut, mit einem sehr eigenen Magiekonzept und einer clever ausgedachten Welt. Nicht immer wahnsinnig inspiriert geschrieben, aber sensationell gutes Handwerk.

War auch so, das sind sehr schön konstruierte Bücher, ordentlich geschrieben. Nicht so berauschende Blut-und-Sperma-Epen wie die A Song of Ice and Fire-Sachen von G. R. R. Martin, aber schon auch angenehm ab vom Standard, weil zum Beispiel der böse Herrscher…


SPOILER
bereits in Band 1 von 3 besiegt wird, unter großen Opfern der Helden, wonach ihnen aber klar wird, das der eigentlich gar nicht das Problem war. Oder weil das Magiesystem in der ersten Erklärung bereits völlig logisch klingt, man die ganze Bandbreite davon aber (wie die Helden selber) erst nach und nach erfährt: Es gibt gar nicht nur acht Metalle! Die Magie funktioniert ganz anders!

Ich bin dann ein bisschen auf dem Autor hängen geblieben und habe noch Elantris gelesen, sein erstes veröffentlichtes Buch. Das war auch ganz okay konstruiert, gefiel mir aber vom Stil und dem Setting her nicht. Da wollte ich den Herrn Sanderson schon wieder aufgeben, habe dann aber noch Warbreaker angefangen. Und das ist ja mal ein wirklich tolles Buch!

Warbreaker ist zwar ein blöder Name (der auch nahezu nichts mit dem Inhalt zu tun hat), aber das Buch hat alles, was ein Fantasy-Roman braucht: eine lebendige Welt (mit genügend fiktiver Historie eingestreut), ungewöhnliche Helden, ein abgefahrenes Magiesystem, Liebe und Hass und Einsicht und Verzweiflung und sogar den einen oder anderen Plot-Twist. Kann man lesen, als Fantasy-Fan sowieso, aber auch, wenn man dem Genre nur so mittelnah steht, immerhin kommen keine Elfen vor und auch keine axtschwingenden Zottelmonster.

Das Grundszenario ist dafür politisch interessant: Sanderson konstruiert ein politisches Dreieck aus einem großes Land, einer Mega-Militärmacht, einem kleinen Nachbarland, das von der ehemaligen Königsfamilie des großen Landes regiert wird und von Menschen mit ähnlicher Sprache bewohnt wird, und einem anderen kleinen Land, das offiziell nur eine Provinz des großen Landes ist, aber eine eigene Kultur und Sprache bewahrt hat. Ein bisschen so wie die Konstellation von China, Taiwan und Tibet.

Aber mehr will ich gar nicht erzählen, sonst muss ich noch so ein Spoiler-Ding einfügen. Kurz gesagt, das Buch ist lesbar. Was mich aber besonders fasziniert hat, ist wie konsequent der Autor mit diesem Werk umgeht: Auf einer eigenen Webseite gibt es Kapitelkommentare zum Nachlesen, gestrichene Szenen, alle Fassungen von “erster Wurf” bis “fertig für den Lektor”. Und die fertige Version als kostenloses E-Buch. Ich habe mich quer durch alle Fassungen gelesen und fand’s außerordentlich spannend, zu sehen, wie der Autor auf seinem Weg zum fertigen Buch den Text ändert, kürzt, hinzufügt, korrigiert. So ausführlich dokumentiert habe ich das noch nirgendwo gesehen. Sehr cool.

Ich lese übrigens gerade Buch 1 der Stormlight Archives von Sanderson, eine Serie, die angeblich auf zehn (!) Bände angelegt ist und find’s bislang auch gut. Dann habe ich aber alles Wesentliche von Sanderson durch und muss einen neuen Autor entdecken…

Eine Welt ohne Bücher

by Gunnar on 30. September 2011 · 23 comments

(c) Keller, Ernst, 1948Können Sie sich eine Welt ohne Bücher vorstellen, werden Leute in Interviews zuweilen gefragt. Und dann kommt unfehlbar immer die Antwort, dass das natürlich unvorstellbar sei. Es fallen dann gerne große Worte wie Eine Welt ohne Bücher wäre tot und leer oder Eine Welt ohne Bücher ist wie eine Welt ohne Liebe. Und es werden Erinnerungen an kuschelige Lesesituationen in der Kindheit wachgerufen. Mindestens das Ende des Abendlandes droht aber, wenn man aufhören würde, Papier mit Druckschwärze zu bespritzen*.

Ich verstehe das nicht. Ich kann mir ganz leicht eine Welt ohne Bücher vorstellen. Diese mystische Überzeichnung, diese Überbetonung der Haptik, des Geruchs, des Blättergeräuschs, das geht mir mittlerweile gehörig auf den Zeiger. Das dient doch, wenn wir ehrlich sind, nur der eigenen Überhöhung als Kulturmensch. Ich besitze auch nach meinen letzten Aufräumaktionen noch gut 600 bis 700 Bücher und habe in meinem Leben bestimmt schon mehr als 1.000 Bücher gelesen, vielleicht auch 1.500. Aber das Buch als Gegenstand an sich ist doch nur selten wirklich toll. Ich besitze viele wunderschöne gebundene Werke mit kunstvollen Einbänden, aber die meisten meiner Bücher sehen so aus:

Ich bin eben nicht Heinrich Böll und habe nur Hochliteratur im Haus; ich lese überwiegend Taschenbücher oder Paperbacks. Massenware mit mäßigem Satz, brüchigen Rücken und abfärbender Druckerschwärze, die nach einmaligem Lesen schon scheiße aussieht. Die Dinger sind nicht mal besonders angenehm in der Hand zu halten. Da ist keine Romantik, nur Gebrauch. Eher wie Sex auf der Rückbank eines Kleinwagens als Liebesspiel bei Kerzenschein und Seidenlaken.

Von den Abendlanduntergangsbeschwörern wird offenbar die Kulturleistung des Geschichtenerzählens mit dem Trägermedium Buch verwechselt, mit voller Absicht oder auch ohne. Denn in der Tat: Eine Welt ohne Geschichten kann ich mir auch nicht vorstellen, Geschichten werden immer erzählt werden, egal ob auf Papier, Papyrus, flackernden Bildschirmen oder mündlich vorgetragen. Der Faszination einer guten Geschichte kann sich kaum jemand entziehen, auch die immer wieder beschworenen hirnfragmentierten Online-Junkies nicht, falls es die überhaupt in nennenswerter Anzahl gibt.

Nur dem Buch an sich, dem geht es als Massenmedium vielleicht in den nächsten Jahren an den Kragen, Ikea jedenfalls sorgt schon mal vor.

Und das ist möglicherweise schade, andererseits aber auch der Wandel der Welt, die Verbreitung der Schellackschallplatte ist ja auch ein bisschen zurück gegangen in den letzten Jahren. Wobei es natürlich jedermann frei steht, sich zu Dekozwecken oder aus Nostalgie, die Wohnung mit historischen Medienerzeugnissen einzurichten.

* Was, übrigens, ein durchaus nicht gerade umweltfreundlicher Prozess ist, der enorm Wasser verbraucht.

Weiterlesen: 1. Der obige Beitrag wurde angeregt durch einen Blogpost von Leander Wattig. 2. In einem Interview von Mossberg mit Jeff Bezos wird das Thema ebenfalls angeschnitten.

Chris Stöcker: Nerd Attack!

by Gunnar on 31. August 2011 · 9 comments

Herr Kaliban hat ein Buch verschlungen und muss der Welt das jetzt mitteilen.

Christian Stöcker ist Doktor der Psychologie, gebürtiger Würzburger und hat ein Buch über Second Life geschrieben — ist also gar nicht wie ich. Andererseits ist er doch ganz schön wie ich: Gamer, Journalist, Nerd, Vater, Twitterer, Großstadtbewohner. Wenigstens bloggt er nicht, sonst wäre das Profil ein bisschen arg typisch. Die Tatsache, dass er seinen Beruf nicht etwa in einer Spielezeitschrift ausübt, sondern beim ungleich relevanteren Medium Spiegel Online, macht ihn natürlich zu einem medialen Schwergewicht und war schon in der einen oder anderen Debatte sehr hilfreich, weil er kluge Abhandlungen zu kontroversen Themen geschrieben hat, etwa zu der Farce um den Deutschen Computerspielpreis, zur Computerspielsucht, zu Streetview, zum Netz an sich und viele andere. In einem seiner meistverlinkten Artikel prägte er den Begriff Generation C-64 für die mit Commodores Heimcomputer aufgewachsenen netzaffinen Unter-40jährigen, eine Wortschöpfung, in der sich viele von uns angenehm warm und weich aufgehoben fühlen.

Diese Generation ist auch das Thema seines Buches: Chris erzählt, detailiert und unaufgeregt, am Beispiel seiner eigenen Biografie unsere Geschichte. Von der Faszination des C-64, die uns alle zu Gamern und Raubkopierern machte, über die Prägung durch das frühe, zunächst nur über Uni-Rechner erreichbare, Internet bis hin zu den Themen dieser Tage, Netzneutralität, Wikileaks, Privacy et cetera. Er streift das Phänomen der Cracker-Groups, die Anfänge des CCC, die erste Internet-Blase, den Kampf der EFF, den Aufruhr um Napster und beschreibt sowohl Ereignisse als auch Debatten akribisch, ohne in den journalistenüblichen Kulturpessimismus oder Lobo-eske Technikgläubigkeit zu verfallen. Wobei er natürlich schon, wie die meisten Menschen mit seiner Historie, die Zukunft hauptsächlich als Chance begriffen sehen möchte. Er zieht grundlegende Linien ein, um vom C-64 her die Entstehung der aktuellen Landkarte unserer digitalen Welt zu erklären – und steckt dabei en passant den kulturellen Bezugsrahmen für meine Generation ab.

Selten habe ich mich beim Lesen eines Buchs so verstanden gefühlt.

Es dürfte aber auch für jeden anderen ein lesenwertes Buch sein: Es ist informativ, aber nicht trocken; beschreibend, aber nicht analysefrei; Stellung beziehend, aber nicht verbohrt. Wenn alle Menschen außerhalb unserer Nerd-Kreise das lesen würden, verstünde man uns besser.

Ich jedenfalls hab’s schon mal meinen Eltern geschenkt, mal sehen, was daraus wird.

Das Werk heißt mit komplettem Namen Nerd Attack!: Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook – Ein SPIEGEL-Buch, bei Amazon kostet’s 14,99 (gedruckt) oder 11,99 (Kindle-E-Book). Und ja, ich möchte diesen Link als Kaufbefehl verstanden wissen.

Update: Das ist mal eine hübsche Art, dieses Buch zu besprechen.

Neulich, auf Facebook, empfahl der von mir kultisch verehrte Warren Spector[*] seinen Freunden ein Buch oder vielmehr einen Autor, nämlich Walter Tevis:

Ich habe kurzentschlossen Queen’s Gambit gekauft und gelesen und wollte meiner geneigten Leserschaft kurz an dieser Stelle mitteilen, dass Tevis’ kurzer, aber knackiger Schachroman in der Tat sehr lesbar ist. Es geht darin um Beth, ein Waisenkind, das vom Hausmeister des Heims Schach lernt, sich zu einem Wunderkind entwickelt und schließlich um die Weltmeisterschaft spielt. Dieser Plot klingt erstmal nach Pathos und Tränendrüse; Tevis zeigt aber auch sehr klar Beths andere Seite, ihre Angst, ihre Einsamkeit, ihre Abhängigkeit von Benzos und Alkohol. Und er beschreibt das Schachspiel in solcher Schönheit, dass ich stante pede wieder anfgefangen habe, zu spielen — nach über 15 Jahren Abstinenz.

Also, das Ding kann man gefahrlos kaufen oder auch verschenken, die Originalfassung kostet bei Amazon gebraucht nur knapp vier Euro, eine deutsche Version gibt’s leider nicht.

P.S. Wer mehr auf Billard als auf Schach steht, kann sich auch an Tevis’ The Hustler (dt. Haie der Großstadt) versuchen, das soll noch besser sein. Ist die Geschichte eines Billardspielers und wurde übrigens auch sehr großartig und Oscar-prämiert verfilmt, genau wie die Fortsetzung, Die Farbe des Geldes.

Paradoxon vom Falsch-Positiven

by Gunnar on 11. Mai 2010 · 62 comments

Der folgende Text ist ein ganz hübscher Auszug aus Cory Doctorows Buch Little Brother, in der Fan-Übersetzung von Christian Wöhrl. Die Geschichte erzählt den Kampf von ein paar 17jährigen Schülern gegen die US-Heimatschutzbehörde, die nach einem Terroranschlag versucht, ganz Amerika in eine Art Polizeistaat zu verwandeln. Ist eher ein Jugendbuch und literarisch nicht allzu anspruchsvoll, aber flott geschrieben und kostenlos. Gibt’s auch als halbwegs okayes (Fan-)Hörbuch, gelesen von Fabian Neidhart.

»Wenn du jemals auf die Schnapsidee kommen solltest, einen automatischen Terrordetektor zu bauen, dann solltest du erst mal eine bestimmte Mathematik-Lektion lernen. Sie heißt „Paradoxon vom Falsch-Positiven“, und sie ist ein Prachtstück.

Nimm an, es gibt diese neue Krankheit, sagen wir, Super-AIDS. Nur einer von einer Million Menschen bekommt Super-AIDS. Du entwickelst einen Test, der eine Genauigkeit von 99 Prozent hat. Damit meine ich, er liefert in 99 Prozent der Fälle das korrekte Ergebnis: „ja“, wenn der Proband infiziert ist, und „nein“, wenn er gesund ist. Dann testest du damit eine Million Leute.

Einer von einer Million Leuten hat Super-AIDS. Und einer von hundert Leuten, die du testest, wird ein „falsch-positives“ Ergebnis generieren – der Test wird ergeben, dass der Proband Super-AIDS hat, obwohl er es in Wahrheit nicht hat. Das nämlich bedeutet „99 Prozent genau“: ein Prozent falsch.

Was ist ein Prozent von einer Million?

1.000.000/100 = 10.000

Einer von einer Million Menschen hat Super-AIDS. Wenn du wahllos eine Million Leute testest, wirst du wahrscheinlich einen echten Fall von Super-AIDS ausfindig machen. Aber dein Test wird nicht genau eine Person als Träger von Super-AIDS identifizieren. Sondern zehntausend Leute.

Dein zu 99 Prozent genauer Test arbeitet also mit einer Ungenauigkeit von 99,99 Prozent.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven. Wenn du etwas wirklich Seltenes finden willst, dann muss die Genauigkeit deines Tests zu der Seltenheit dessen passen, was du suchst. Wenn du auf einen einzelnen Pixel auf deinem Bildschirm zeigen willst, dann ist ein spitzer Bleistift ein guter Zeiger: Die Spitze ist viel kleiner (viel genauer) als die Pixel. Aber die Bleistiftspitze taugt nichts, wenn du auf ein einzelnes Atom in deinem Bildschirm zeigen willst. Dafür brauchst du einen Zeiger – einen Test –, der an der Spitze nur ein Atom groß oder kleiner ist.

Das ist das Paradoxon vom Falsch-Positiven, und mit Terrorismus hängt es wie folgt zusammen: Terroristen sind wirklich selten. In einer 20-Millionen-Stadt wie New York gibt es vielleicht einen oder zwei Terroristen. Vielleicht zehn, allerhöchstens. 10/20.000.000 = 0.00005 Prozent. Ein zwanzigtausendstel Prozent.

Das ist wirklich verdammt selten. Und jetzt denk dir eine Software, die alle Bankdaten, Mautdaten, Nahverkehrs- Daten oder Telefondaten der Stadt durchgrasen kann und mit 99-prozentiger Genauigkeit Terroristen erwischt. In einer Masse von 20 Millionen Leuten wird ein 99 Prozent genauer Test zweihunderttausend Menschen als Terroristen identifizieren. Aber nur zehn davon sind wirklich Terroristen. Um zehn Schurken zu schnappen, muss man also zweihunderttausend Unschuldige rauspicken und unter die Lupe nehmen.

Jetzt kommt’s: Terrorismus-Tests sind nicht mal annähernd 99 Prozent genau. Eher so was wie 60 Prozent. Manchmal sogar nur 40 Prozent genau.

Und all das bedeutete, dass die Heimatschutzbehörde zum Scheitern verdammt war. Sie versuchte, unglaublich seltene Ereignisse – eine Person ist ein Terrorist – mit unpräzisen Systemen zu erkennen.

Kein Wunder, dass wir es schafften, so ein Chaos zu verbreiten.«

Das Phänomen, das Doctorow hier so anschaulich beschreibt, wirkt vor allem bei medizinischen Problemen: Die flächendeckenden Mammografien etwa, mit denen Brustkrebs entdeckt werden soll, stehen im Verdacht, durch Strahlenbelastung und die große Zahl an Fehldiagnosen mehr Schaden anzurichten als zu vereiteln. Jede zweite Frau, die regelmäßig an Brustkrebs-Screenings teilnimmt, erhält irgendwann die Krebsdiagnose, obwohl nur jede achte bis zehnte Frau daran erkrankt.

Ich, die Schirme und Vernor Vinge

by Gunnar on 18. März 2010 · 11 comments

Herr Kaliban erzählt was über das Ding auf seinem Nachttisch.

Meine Untergang schreitet rapide voran, schon bald bin ich möglicherweise für die reale Welt verloren. Auf der Arbeit sitze ich an einem Windows-PC, wenn ich nicht gerade in Meetings auf das flackernde Bild eines Beamers schaue. Im Auto wechsele ich zwischen Straße und Navi-Touchscreen, außer an Ampeln, da checke ich rasch Mails mit dem iPhone. Zuhause klappe ich das Macbook auf, um mich meinen diversen Web-Projektchen zu widmen, wobei schwer zu entscheiden ist, ob ich meine Aufmerksamkeit nun meinen Facebook-Aktivitäten***, meinem Twitter-Account*, meinen Blogs**, den Geheimnis-Seiten** oder dem Geheimprojekt widmen soll. Wenn ich davon genug habe, entspanne ich mich am Fernseher mit einem Xbox-Spiel. Oder daddele ein bisschen DS auf der Couch.

Uh. Meine Welt besteht aus Bildschirmen.

Ich habe nur eine Sache zu meiner Verteidigung zu sagen: Immerhin ist es mir bislang gelungen, den Kauf eines Kindle zu vermeiden. Irgendwie. Also lese ich noch echte Bücher. Und das, welches gerade auf meine Nachtisch liegt, wollte ich hier mal rasch empfehlen:

vernor vinge a deepness in the sky Es heißt A Deepness in the Sky, wurde verfasst von Vernor Vinge* und ist generell großartig. Vinge schreibt Science Fiction der alten Schule — da geht es um den Weltraum, um klug ausgedachte Alien-Rassen und weitreichende Entwürfe möglicher Zukünfte. Vinge ist nicht der ganz große Erzähler, aber er entwirft ein hochspannendes Universum. Ich beschreibe mal kurz die groben Zusammenhänge, okay? Also, die Sonne des Planeten Arachnia heißt On/Off, aus dem bizarren Grund, dass sie immer 35 Jahre lang Hitze und Licht abstrahlt und dann 215 Jahre lang ausfällt. Die Bewohner von Arachnia, freundliche Spinnenwesen, deren Kultur der Europas zu Anfang des 20. Jahrhunderts ähnelt, gehen also alle naselang für längere Zeit in eine Art Winterschlaf. Als sie diesmal aufwachen, sind zwei menschliche Flotten in ihrem Orbit: die gewieften Händler der Queng Ho, die Beziehungen eröffnen wollen und die faschistoiden Emergents, denen es eher um Eroberung geht. Noch bevor sich die Leute den Arachniden vorstellen können, geraten sie aneinander und löschen sich in einer Weltraumschlacht nahezu gegenseitig aus. Die Emergents gewinnen, müssen aber mit den überlebenden Queng Ho kooperieren, denn die Technologie der Arachniden (die von der ganzen Lichtshow im All nichts bemerkt haben) ist noch lange nicht so weit, den Menschen und ihren schwer beschädigten Schiffen helfen zu können. Die sitzen also im Sonnensystem, beuten Asteroiden aus und warten, dass die Spinnen endlich den Computer, die Atomkraft und den Raketenantrieb entwickeln. Die Handlung erzählt in zwei Strängen die Geschehnisse bei den Menschen und bei den Arachniden.

Der fabulierfreudige Herr Vinge jongliert eine Vielzahl von Charakteren souverän, beschreibt die Technik glaubhaft und macht aus der ganzen absurden Sache generell eine spannende Geschichte, die auch große ethische Fragen nicht schamhaft umgeht. Toll. Nicht ganz so orginell wie der danach spielende Vorgängerroman A Fire Upon The Deep*, aber meiner bescheidenen Meinung nach besser erzählt. Empfehlenswert für jeden, der bei der Erwähnung von Scifi nicht sofort die Straßenseite wechselt.

Kann man bei Amazon kaufen, ab 2 Euro 65

Der kleine weiße Fisch

by Gunnar on 17. März 2010 · 12 comments

Eine wahre Geschichte über das Goldkindtm.

Meine Tochter hat ein neues Bilderbuch. Es heißt “Kleiner weißer Fisch”. Darin geht es um einen kleinen weißen Fisch, der auf dem ersten Bild weinend gezeigt wird, weil er seine Mama verloren hat. Auf den folgenden Bildern trifft er allerlei bunte Meerestiere (Hummer, Seestern, Krake et cetera) und der nebenstehende Vorlesetext fragt jedesmal “Ist das die Mama vom kleinen weißen Fisch?”, worauf in der angedachten Choreografie das auf dem Schoß sitzende Kind “Neeeein” kräht, worauf man selber “Richtig, denn der Hummer ist ja ROT, nicht weiß” entgegnet. Kinder lieben solche Rituale. Auf der letzten Seite findet der Fisch dann seine Mama. Natürlich.

Meine gerade mal zweijährige Tochter hat das erste Mal die Geschichte aufmerksam verfolgt. Beim zweiten Lesen am nächsten Tag frage ich wieder “Ist das die Mama vom kleinen weißen Fisch”, worauf das Gör mich anguckt wie einen Neanderthaler, auf die letzte Seite blättert, auf die Fischmama deutet und “Nein, die ist doch hier” sagt. In diesem “Das müsstest du doch eigentlich selber wissen”-Tonfall.

Seufz.

Da steht uns noch einiges bevor.

Nick Hornby: Juliet, naked

by Gunnar on 30. September 2009 · 7 comments

Eine hoch subjektive und keinen konventiellen Literaturkritikregeln folgende Kurzbesprechung des Buches Juliet, naked von Nick Hornby. Mit länglicher Einleitung.

Ich habe, glaube ich, nahezu das gesamte Oeuvre von Herrn Hornby gelesen, chronologisch korrekt nach Erscheinen geordnet. Ich fand Fever Pitch, die Liebeserklärung eines Fußballfans an seinen Club, sensationell frisch und echt und schön und groß und überhaupt. Dann kam das fantastische High Fidelity, eine Jungs-Mädchen-Story, die so viel Wahrheit über Männer enthält, dass ich lange gefordert habe, man möge Frauen das Lesen dieses Buches verbieten. Dann About A Boy, ein nett zu lesendes, aber eher lauwarmes Büchlein über einen unreifen Müßiggänger, der sich in eine alleinerziehende Mutter verliebt. Da dachte ich, nun, einen Ausrutscher kann man sich nach zwei guten Büchern schon mal erlauben.

Aber Pustekuchen: Von da an wurden die Bücher von Mal zu Mal schlechter. How To Be Good drehte nach starken Beginn auf der Mitte in den Schwachsinn; A Long Way Down (wo sich vier potenzielle Selbstmörder zufällig auf dem gleichen Dach mit dem gleichen Plan treffen) und Slam (in dem ein 15jähriger Junge Tony Hawk als imaginären Freund hat) hatten eigentlich großartige, aber so mittelmau umgesetzte Grundideen, die dann nicht über mehr als 100 Seiten getragen haben.

juliet_naked_von_nick_hornbyMittlerweile hatte ich Herrn Hornby schon abgeschrieben. Dann kam Juliet, Naked und ich hab’s nicht mehr gekauft, sondern nur mal so aus Neugier im Buchladen reingelesen. Und hey, ehe ich mich versah, war ich bei Seite 50 und gut unterhalten. Dann musste ich’s natürlich kaufen. Die Geschichte geht so: Duncan, Anfang 40, ist einer von diesen halb in der Pubertät hängengebliebenen Männern, die keiner braucht. Er lebt in einer öden Beziehung mit Annie, hat kaum Freunde und auch sonst nicht viel vorzuweisen. Seine Haupterrungenschaft ist eine von allerlei Spinnern frequentierte Webseite über einen Sänger aus den frühen Achtzigern, der nach vier Platten unter vage mysteriösen Umständen untergetaucht ist und seither keine Musik mehr veröffentlicht hat. Dann kommt eine Art Werkedition seines bekanntesten Albums heraus, und Duncan verfasst auf seiner Seite eine euphorische Kritik. Seine Freundin findet die Scheibe öde, was Duncan, nach eigener Auffassung Experte für dieses Thema, quasi als Blasphemie auffasst und einen ordentlichen Streit vom Zaun bricht. Seine Freundin stellt eine Gegenmeinung auf die Seite, der seit 20 Jahren verschollene Musiker liest sie und meldet sich bei ihr — was sie ihrem Freund verschweigt. Von da an geht’s bergab für Duncan und Annie.

Hornby ist in diesem Buch zurück bei seinen Anfängen: Juliet, Naked ist eine Fangeschichte wie Fever Pitch, eine Musikgeschichte wie High Fidelity — und man glaubt direkt zu merken, dass ihm das Schreiben leicht von der Hand gegangen ist. Die Beobachtungen passen, die Figuren sind plausibel, die Dialoge klingen echt. Verbohrte Männerfiguren sind offenbar Hornbys besondere Stärke — Duncan könnte, wenn man die extremen Ausprägungen seines Fan-Seins ein bisschen abschleift, jeder von uns sein. Annie ist ein bisschen idealisierter, aber in ihrer Frustration über ihr kinderloses Leben ebenfalls glaubhaft. Die Handlung plätschert nur so vor sich hin, ohne wilde Wendungen, bleibt aber interessant. Das Finale ist dann leider ein bisschen unbefriedigend, aber das stört den Gesamteindruck nicht.

Dreikommafünf von fünf Punkten, würde ich sagen, wenn ich was sagen müsste.

Hinweis: Die Werke von Herrn Hornby gibt’s (mit Ausnahme des neuesten) als Taschenbuchausgaben bei Amazon für Kleingeldbeträge zwischen 0,98 und 9,95 Euro. Fever Pitch bekommt man auch als günstige (ab 5,49) Hörbuchedition, gelesen von Peter Lohmeyer.

Oliver Uschmann: Fehlermeldung

by Gunnar on 25. Juli 2009 · 5 comments

oliver uschmann fehlermeldung Huch, der Uschmann (über dessen Werk ich mich schon ein paar Mal lobend und weniger lobend geäußert habe), der Uschmann also, hat ein neues Buch geschrieben, das diese Woche erschienen ist. Und als hätte er sich meine Kritik an seinem letzten Werk “Murp!”, er mische zu viel Weltverbesserei in die Roman-Form, zu Herzen genommen, schenkt er sich diesmal die Romanhandlung und geht gleich volle Kanne ins Dozieren. Uschmann nimmt sich fünf prototypische, nur leicht überdrehte Männerfiguren (u.a. Bernd, den planenden Pedanten oder Manuel, von Beruf Sohn und Tauchlehrer), erzählt Szenen aus ihren Leben und zeigt an ihnen typische Probleme von Männern in heutiger Zeit — Bindungsangst, Lebensangst, Angst vor Ärzten, nicht erwachsen werden wollen, Selbstüberschätzung, you name it. Das tut er mit Akribie und einer so Inspektor-Colombo-artigen Beobachtungsgabe, dass jeder sich oder zumindest einen seiner falschen Freunde darin erkennen kann. Doch Uschmann wäre nicht Uschmann, wenn er es bei der Analyse beließe — nach jeder Diagnose schlägt er Lösungen für die festgestellten typischen Männerfehler vor.

Das mit den Lösungen bleibt ein bisschen sehr an der Lebensberatungsbuch-Oberfläche (Nutzen Sie Ihren Verstand! Kriegen Sie Ihre Finanzen in den Griff!), aber unrecht hat er nun auch wieder nicht. Und die Analysen sind so treffend und auf den Punkt, dass man den Teil mit den Ratschlägen auch überblättern kann, ohne das Gefühl haben zu müssen, man bekäme vielleicht zu wenig Buch für sein Geld.

Insgesamt ein gelungenes Werk, das sich easy wegliest und einen nicht dümmer macht. 3.5 von 5 Punkten würde ich sagen, wenn ich’s nicht affig fände, Bücher nach Punkten zu bewerten. Ist übrigens von GTVH, um die 250 Seiten stark und kostet 16 Euro 95.

Eine lang unterbrochene Geschichte

Juli 15, 2009

Irgendwann, vor gut 15 bis 18 Jahren muss das gewesen sein, kaufte ich mir in Göttingen auf den Grabbeltischen der Gebrauchtbuchanbieter einen Roman mit dem albernen Namen “Lilith — eine Schlange im Gras”.

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Das Kaufen von Sachen

Juli 8, 2009

Irgendwann schreibe ich mal ein Buch darüber, wie Kaufentscheidungen fallen. Oder ein anderes. Oder auch gar keins. Ach.

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