Buch

lilith a snake in the grass jack l. chalkerIrgendwann, vor gut 15 bis 18 Jahren muss das gewesen sein, kaufte ich mir in Göttingen auf den Grabbeltischen der Gebrauchtbuchanbieter einen Roman mit dem albernen Namen “Lilith — eine Schlange im Gras”, Band 1 einer Scifi-Quadrologie namens “Die Beherrscher des Diamanten”. Keine Ahnung, warum, interessant sah das Ding von außen nicht gerade aus. Die Handlung ging so, dass in einer Ecke menschlichen Konföderation vier Planeten entdeckt werden, die man zwar betreten, aber nicht wieder verlassen kann — vor Ort ergreift ein benigner Mikroorganimus von einem Besitz, der allerlei positive Wirkungen hat, einen aber umbringt, wenn man die vier Planeten (den “Diamanten”) wieder verlässt. Logisch, dass die bravenewworldige Konföderationsregierung dort keine Kolonisten hinschickt sondern (Australien lässt grüßen!) Verbrecher, aber solche, die sich durch Kreativität ausgezeichnet haben und zu schade für’s Umerziehungslager sind. Eines Tages entdeckt die Konföderation einen menschlich wirkenden Superroboter, den irgendwer in höchste Militärkreise eingeschleust hat — und der dann zum Diamanten flieht. Darauf hin kommt raus, dass offenbar eine Alien-Rasse mithilfe der Herrscher des Diamanten (jeder Planet hat einen absolut regierenden “Lord”) einen Undercover-Krieg gegen die Menscheit führt. Die Konföderation klont ihren besten Killer viel Mal und schleust ihn auf den Diamanten-Welten ein. Und dann geht’s los.

Obwohl, Sekunde, es gibt noch die kleine Komplikation, dass die eingangs erwähnten Mikroorganismen (“Wardens”) den Menschen auf den Diamanten-Planeten quasi Superkräfte verleihen — wer willensstark ist, kann sozusagen mit seinen Wardens “reden” und so z.B. die Gestalt wechseln. Das macht die Lage für den eingeschleusten Killer auch nicht einfacher.

Die Serie ist von hierzulande nur mäßig bekannten Autor Jack L. Chalker verfasst und wurde Anfang der 1980er veröffentlicht. Von der deutschen Fassung (bei Goldmann erschienen), gibt es nur noch Restbestände, die englischsprachigen Versionen sind ebenfalls vergriffen, aber als Gebrauchtbücher noch erhältlich. Die Bücher leiden allerdings ein bisschen unter der scheußlichen Cover-Auswahl. Uh. Und der Lesespaß leidet ein wenig unter dem statisch-hilflosen Schreibstil und den devoten Frauenfiguren — die Geschichte selber ist aber sehr spannend, wenn man sich auf die Story erstmal eingelassen hat. Ich hab’s mit Vergnügen gelesen, wer auf Scifi mit Aliens und elaboraten Fremdweltkonzepten steht, ist nicht schlecht beraten, dem Zyklus eine Chance zu geben.

Um auf den Anfang dieses strukturlosen Textes zurück zu kommen: Jedenfalls hatte ich mir Anfang der 90er drei der vier Bände zusammen gesucht, immer mal wieder die Netze nach Band 4 ausgeworfen und irgendwann aufgegeben. Amazon verkaufte damals keine gebrauchten Bücher, Konkurrenten wie Booklooker waren noch nicht am Start. So vergaß ich dann meinen Wunsch, die Geschichte irgendwann mal zuende zu lesen. Bis neulich, als mir durch Zufall im Regal Band 3 wieder in die Hände fiel.

Schnell gekauft, schnell gelesen, Lücke geschlossen. Eine Freude, das Internet.

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Das Kaufen von Sachen

8. Juli 2009 · 8 comments

Irgendwann schreibe ich mal ein Buch darüber, wie Kaufentscheidungen fallen. Ich meine, okay, vermutlich gibt’s da schon Bücher drüber, aber die sind bestimmt von Amerikanern und deswegen für normale Menschen Verschwendung, weil die Amerikaner in ihren Sachbüchern immer auf zwei Seiten ihre coole These erklären und die restlichen 198 Seiten mit launigen Betrachtungen und beidbeinig hinkenden Vergleichen füllen. So. Oder auch so. Vielleicht sollte ich also statt des Kaufentscheidungsbuchs lieber eine Art Meta-Werk schreiben, sowas wie:

100 populäre amerikanische Sachbücher mit brauchbaren Thesen.
Zusammengefasst auf 200 Seiten.
Herausgegeben vom Verband der Anonymen Ungeduldigen.

Aber ich schweife ab, das mit dem Buch zur Kaufentscheidung fiel mir ein, weil ich gerade diesen Prozess so deutlich an mir selber beobachtet habe. Irgendwie ist die Kaufentscheidung wie eine Hürde — diese liegt je niedrig oder hoch, je nach Preis, Entfernung bis zum Kaufort, Leichtigkeit des Kaufvorgangs et cetera. Das ist die Hindernisseite. Über diese Hürde kommt man mit Treppenstufen, sozusagen die Motivationsseite. Treppenstufen lassen sich aus allem Möglichen bilden — Geld, das einem ein Loch in die Tasche brennt, sensationelle Testwertungen, Image des Herstellers, Zufriedenheit mit dem Vorgängerprodukt und so weiter. Ich persönlich funktioniere ziemlich über Empfehlungen von echten und falschen Freunden. Meine Entscheidung für Staffel 1 von Doctor Who (Who?) fiel zum Beispiel so: Stufe 1 war meine Neigung zu Scifi, Stufe 2 die Empfehlung von Frau S., Stufe 3 der Hinweis von Herrn M., dass Steven Moffat, der Autor der großartigen Serie Coupling auch bei Doctor Who mitgeschrieben habe, Stufe 4 schließlich war, naja, die Bereitschaft von Frau S., mir die Staffel zu borgen. Beim Buch White Tiger (grandios!), das nur ein paar Euro kostet, lag die Hürde niedrig — da reichten zwei flache Stufen: 1. die Empfehlung von Kollege Chris, 2. die von Kollege Heiko. Schnell gekauft, nicht bereut.

So. Und jetzt paraphrasiere ich das Bild von den Hürden und Stufen noch ein paar tausend Zeichen lang, dann kommen zahllose schwurbelige Beispiele und historische Referenzen, dann gebe ich mich als Amerikaner aus und fertig ist der Bestseller.

Ich bin praktisch schon reich.

Äh. Uh. Bin ich nur schlicht altmodisch oder passt der Robert Downey Jr mal so ü-ber-haupt nicht in die Rolle des Sherlock Holmes? Ich habe immer gedacht, der Welt größter Detektiv müsste irgendwie, nun, intellektuell aussehen. Und nicht wie eine Mischung aus Callboy und Raufbold. Aber vielleicht irritiert mich auch nur der Gewaltgrad des Trailers.

Und immerhin hat Downey sicher den angemessenen Erfahrungshintergrund, um einen Opium-Süchtigen zu spielen.

Ach, ich habe es schon wieder getan. Soll ich doch nicht. Ist ja auch eine Schande, bereits gelesene Bücher nochmal zu lesen, wenn ungelesene stapelweise herumliegen. Aber es ist so passiert — zum einen habe ich dieses miserable Gedächtnis (nach durchschnittlich acht Jahren habe ich von einem Buch alles vergessen, es bleibt nur das vage Gefühl, es zu kennen), zum anderen ist da manchmal diese unerklärliche Unlust, sich auf Neues einzulassen. Letzteres ist sicher eine Alterseinscheinung, die im Laufe der Jahre bestimmt progressiv schlimmer wird und am Ende dazu führt, dass meine Tochter irgendwann für mich das programmieren muss, was in 15 Jahren statt eines Videorecorders in unserem Wohnzimmer steht.

gap cycle stephan r donaldsonAber ich fasele. Ich wollte doch von einem Buch erzählen. Also. Das Buch, das ich mittlerweile schon zum dritten Mal gelesen habe, ist This Day all Gods die aus der Gap-Serie von Donaldson. Ist der letzte Band einer Space Opera, Science Fiction also, aus fünf Bänden. Die Reihe hat zwei Handlungsstränge, einmal geht es (eher im Kleinen) um die Polizistin Morn Hyland, die von einem irren Piraten gefangengehalten und gequält wird, dazu kommt ein eher episch angelegte Part, wo die Geschichte von Warden Dios erzählt wird, der ist sozusagen Befehlshaber der (privaten) Erdstreitkräfte, hält seinen Chef, den Tycoon Holt Fasner, begründet für schlimmer als Hitler und versucht, dessen Karriere mit einer kniffligen Intrige zu beenden. Und dann sind da noch die Amnion, absurde Außerirdische, die Menschen durch Injektion einer Flüssigkeit zu einem der ihren mutieren lassen können, was an gewisse Urängste rührt und sie weitgehend unbeliebt macht.

Naja, das ist alles ganz gefällig erzählt, ein bisschen langatmig vielleicht, aber durchaus spannend — doch was die Serie in meinen Augen wirklich bemerkenswert macht, ist die Art wie Donaldson den Plot konstruiert und mit dem Thema Kommunikation umgeht. Denn: Anders als in manch anderen Scifi-Epen, wo der Captain mal eben von der Brücke aus eine Echtzeit-VoiP-Verbindung in den Andromeda-Nebel herstellt, weiß man hier nicht, was am anderen Ende der Galaxis passiert. Nachrichten reisen per Drohne oder Raumschiff. Das führt zu allerliebsten Verwicklungen, wenn die Leute auf der Erde Bruchstücke von den Ereignissen im Sektor der Amnion mitbekommen, die Geschehnisse (die der Leser genau kennt) falsch interpretieren und ungünstige Aktionen in Gang setzen, die wiederum von den Leuten im Sektor der Amnion falsch aufgefasst werden und so weiter. Das macht die ganze Sache komplex, aber Donaldson hält die Bälle ganz gut in der Luft.

Langer Rede kurzer Sinn: Das kann man lesen. Wenn man Scifi mag, natürlich. Gibt’s sogar auf Deutsch, jedenfalls Restbestände.

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Spaß mit Literatur

20. April 2009 · 9 comments

Kleines Ratespiel: Wer weiß, aus welchem Buch (oder wenigstens: von welchem Autor, aus welchem Genre, aus welchem Jahr) das folgende Zitat stammt? Einige Namen/Wörter sind verändert, damit es nicht allzu offensichtlich ist.

“Es herrschte eine ungeheure Aufregung im Reich der B. Selbst in den Tagen der Revolution war der Aufruhr nicht so groß gewesen. Es war nicht einer der B., der nicht von einem heiligen Zorn der Empörung befallen war und von glühendem Verlangen, den alten Todfeinden mit ganzer Kraft zu begegnen. Und doch traten weder Verwirrung noch Unordnung ein, es war geradezu erstaunlich, wie rasch die Regimenter sich gesammelt hatten und wie gut jeder wußte, was seine Pflicht war und wodurch er sich nützlich machen konnte.
Allerdings war es die höchste Zeit. Als auf den Ruf der Königin die Freiwilligen vortraten, die sich als erste zu der Verteidigung des Eingangs hergaben, kamen die ersten Botschafter zurück, die ausgesandt worden waren und nun meldeten, dass die H. nahten. Es trat eine furchtbare Ruhe der Erwartung ein. Mit gefaßtem Ernst und bleich vor Stolz standen die ersten Soldaten hart am Eingang in drei geschlossenen Reihen. Keiner sprach mehr, es war totenstill umher.”


Hier klicken für die die Antwort
Das Buch heißt: “Die Biene Maja” und ist von Waldemar Bonsels. Wurde veröffentlicht im Jahr 1912. Ist ein Kinderbuch.
Das Zitat stammt aus Kapitel 16: “Die Schlacht der Bienen und Hornissen”
Klingt im Original leicht anders, als in den Zeichentrickfilmchen unserer Jugend, oder?


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OMFG, der liest Bücher (Teil 2)

11. April 2009 · 13 comments

Fortsetzung des Beitrags von gestern.

joe abercrombie the blade itselfThe Blade Itself (Joe Abercrombie)
Fantasy-Roman (Teil 1 der “First Law”-Trilogie)
Hm. Also. Drei Helden, drei Handlungsstränge, die nichts miteinander zu tun haben und sich erst später verflechten — der Barbar Logen, der um sein Überleben kämpft, der eitle junge Adelige Jezal, der unbedingt Fechtmeister werden will, der verkrüppelte Inquisitor Glokta, der pragmatisch seinen Weg geht. Alles beginnt im Kleinen, im Persönlichen, doch am Ende geht es um das Überleben des Mittlereren Reiches und den Kampf gegen das Böse schlechthin, aber bis zum Schluss ist eigentlich nie alles so, wie es scheint. Der Autor, der Engländer Abercrombie, schreibt hauptberuflich Drehbücher, was man dem Buch durchaus anmerkt — viele Szenen sind ziemlich bildhaft angelegt, vor allem dann, wenn’s mit Schwert und Fäusten zur Sache geht. Dazu kommen großartig überdrehte Charaktere (die allerdings samt und sonders nicht zur Identifikation taugen) und ein ordentlicher Schuss Humor. Eine Mischung, die in der Mainstream-Fantasy seinesgleichen gar nicht erst zu suchen braucht.
Fazit: Pflichtkauf für Fantasy-Fans, die auf Elfen und Zwerge verzichten können. Auf deutsch heißt das Buch “Kriegsklingen” und ist bei Heyne erschienen.

shaun tan the arrivalThe Arrival (Shaun Tan)
Comic
Die Geschichte handelt von einem Mann, der in ein fremdes Land emigriert (wobei er seine Familie zurücklässt) — und sich dort zurechtfinden muss, ohne die Sprache zu kennen oder die Gebräuche zu verstehen. Die gesamte Erzählung entfaltet sich in den einfarbigen Bildern, Bildunterschriften oder Sprechblasen gibt es keine. Der Autor Tan arbeitet damit die eigene Familiengeschichte auf, sein Vater ist unter ähnlichen Umständen in die USA gekommen.
Fazit: Die Zeichnungen sind grandios, die Figuren liebenswert, die Geschichte ist zeitlos relevant. Tolles Buch.

marvel 1602 neil gaimanMarvel 1602 (Neil Gaiman
Comic (Sammelband)
Absurd — Gaiman siedelt eine Reihe von Marvel-Helden (aus dem Earth-616-Universum) im Elisabethanischen Zeitalter an: Wir treffen auf die X-Men (die hier Witchbreed heißen), Daredevil, “Peter Parquah” (bevor er zu Spiderman wird), Doc Strange, die “Four of the Fantastick” und eine ganze Reihe von anderen Helden. Die haben alle im dieser Epoche eigentlich nichts zu suchen, denn das “Zeitalter der Helden” hätte erst im 20. Jahrhundert beginnen sollen. Da aber die Erde von der Apokalypse bedroht ist (woran unabsichtlich ein Superheld schuld ist), tauchen die Helden schon Anno 1602 auf — und müssen zusammenarbeiten, um die Welt zu retten. Eine spannende Geschichte, die umso besser wird, je mehr von den zahllosen Insider-Jokes man versteht und je intimer man das Marvel-Universum kennt.
Fazit: Das alles ist smart erzählt, hübsch gezeichnet und clever arrangiert. Gaiman eben. Man kann ihn nicht genug loben.

oliver uschmann murp hartmut und ich verzetteln sichMurp! (Oliver Uschmann)
Roman (Band 4 der “Hartmut und ich”-Serie)
Die Geschichte von Hartmut und dem Ich-Erzähler, die lustig begann und mit “Wandelgermanen” einen schwer lesbaren Seitensprung ins Surreale unternahm, setzt sich hier schleppend fort. Uschmann will uns offenbar was sagen, eine Botschaft nahebringen, predigen gegen die Fremdbestimmung des kleinen Mannes durch den Terror der Politisch Korrekten, der Öko-Esser, Antiautoritär-Erzieher und Jutetaschen-Träger. Das ist nicht nur abgeschmackt, das ist seit dem Jahr 2000 auch nicht mehr witzig. Weil der Autor aber so an seine Botschaft glaubt, versteckt die eine Hauptfigur ständig Zettel mit kleinen Essays, die die andere Hauptfigur dann findet und liest — wir haben es hier eigentlich mit einer Kolumnensammlung zu tun, um die mühsam eine Art Roman gestrickt ist. Kann das gutgehen? Nein, und das tut es auch nicht. Auch wenn die Essays teilweise brillant sind, die ganze Attitüde, die ganze Form, der ganze Plot, das ist alles kaum erträglich. Ich musste etwa bei zwei Dritteln aufgeben, obwohl ich gerne noch gewusst hätte, wie Uschmann das alles zu einem sinnvollen Ende führen will.
Fazit: Wäre der Autor, der immerhin fortwährend beweist, dass er schreiben und beobachten kann, bei einer leichteren Form geblieben und nicht ins Lager der selbstverliebten Weltverbesserer gewechselt, wäre ich sicher weiterhin ein Fan seiner Bücher. So leider nicht.

spielmacher winnie forsterComputer- und Video-Spielmacher (Winnie Forster) Sachbuch/Lexikon
Kein richtiges Buch, sondern eine Art Lexikon mit 1.500 Einträgen. Winnie führt in alphabetischer Ordnung und gewohnter Faktensicherheit handelnde Personen und Firmen auf und widmet den wichtigeren ein paar Absätze, den unwichtigeren Kurzeinträge. Toll zum Stöbern und Nachschlagen und als Recherchestartpunkt. Wer das durcharbeitet, ist ein ganzes Stück schlauer.
Fazit: Pflichtkauf für Spielejournalisten. Für interessierte Laien ist das alles vermutlich ein bisschen zu viel.

heinz strunk die zunge europasDie Zunge Europas (Heinz Strunk)
Roman
Sieben Tage im Leben des erfolglosen Gag-Schreibers Markus Erdmann, der in einer hoffnungslosen Beziehung lebt und jeden Sonntag seine senil werdenden Großeltern besucht. Ihn interessiert eigentlich nichts, nicht Sex, nicht Geld, nicht Ruhm, er brütet in seinem bedeutungslosen Dasein vor sich hin, bis er Janne im Zug trifft.
Soweit, so belanglos — Strunk interessiert sich nicht für seine Handlung, nicht für seine Hauptfigur und im Grunde auch nicht für den Leser. Alles, was dieses Buch ausmacht, findet nebenbei statt, in humorigen Einschüben, in denen der Held stellvertretend für den Autor die Welt beobachtet und zynisch kommeniert. Das ist durchaus witzig, trägt aber das Buch nicht — hier wäre es (wie bei Uschmann) besser gewesen, der Autor hätte auf die Romanform verzichtet und einfach ein Bündel Kolumnen vorgelegt.
Fazit: Macht über weite Strecken fast alles falsch, was der Vorgänger “Fleisch ist mein Gemüse” richtig macht. Ich konnte es nicht zuende lesen, weil mich die Figuren so kalt gelassen haben.

kathrin passig sie befinden sich hierSie befinden sich hier (Kathrin Passig)
Hörbuch
Die von mir wegen ihres großartigen Lexikon des Unwissens, ihres Blogs und ihres Twitter-Feeds hochverehrte Frau Passig hat, obwohl eigentlich eher Journalistin und Sachbuchautorin, Anno 2006 den hochrenommierten, aber auch meistens von schwerer Verquasung bedrohten Bachmann-Preis gewonnen. Mit ihrem literarischen Debüt, einer Ich-Erzählung aus der Sicht eines Mannes, der sich im Schnee verirrt hat und dabei ist, zu erfrieren. Dieses Stück gibt es nur als Mitschnitt der Lesung auf CD, als Kurzhörbuch sozusagen, denn die Story ist nach 23 Minuten erzählt.
Fazit: Coole Geschichte. Schlau komponiert, schlau geschrieben. Hörenswert.

Soweit. Erstmal. Ich hätte noch so fünf bis zehn erwähnenswerte Bücher, die reiche ich bei Gelegenheit nach.

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OMFG, der liest Bücher! (Teil 1)

10. April 2009 · 8 comments

Ich wollte schon lange mal wieder ein paar Kurzrezensionen zu kürzlich gelesenen Büchern aufschreiben, hab’s aber immer vor mir hergeschoben. Jetzt sind’s so viele, dass ich sie auf zwei Postings aufteilen muss. Rest folgt morgen oder Montag. Los geht’s im subjektiven Schnelldurchlauf:

Tannöd (Andrea Maria Schenkel) Krimi
Tatsachen: Dutzendfach preisgekröntes Werk, erzählt einen (bis heute ungelösten) historischen Mord auf einem einsamen Hof in einem bayrischen Dörflein nach. Gruselig: Der Mord wurde ein paar Tage lang nicht bemerkt, weil der Mörder offenbar noch auf dem Hof geblieben ist und das Vieh versorgt hat.
Meinung: Ganz ehrlich, das ist kein Roman, nicht mal eine Kurzgeschichte, nur eine Montage leidlich authentisch wirkender Texte, mal subjektiv, mal pseudo-historisch. Liest man so in 40 Minuten runter, ist durchaus spannend und streckenweise toll geschrieben, macht aber nicht recht satt. Mehr Hype als Substanz.
Insgesamt: Typisches Verschenkbuch, muss man nicht selber haben.

055328789301lzzzzzzzRendezvous with Rama (Arthur C. Clarke) Sci-Fi
Tatsachen: Spielt 2077. Ein, uh, Objekt, dringt ins Sonnensystem ein — ein metallischer Zylinder, 60 km lang, 20 dick. Ist offenbar eine Art Raumschiff, aber nix genaues weiß man nicht. Captain Norton muss hinfliegen und nachgucken.
Meinung: Typisches Hard-SF-Buch — faszinierende Prämisse, logisch ausgearbeitet. Mit starken Augenmerk auf die Technik und das Abenteuer des Fremden. Ein aufregender, halbwegs komplexer Plot oder auch nur ausgefeilte Charaktere findet man in dieser Spielart der Science Fiction meistens eher nicht. Ist auch bei “Rama” so. Macht aber nichts, das Buch liest sich schnell weg, ist jede Minute spannend und öffnet ein Fenster in eine aufregende Welt, in der man gerne noch verweilen möchte.
Insgesamt: Guter Einstieg in das Werk von Clarke. In einer SF-Sammlung Pflicht.

glattauer darumDarum (Daniel Glattauer) Krimi
Tatsachen: Der Journalist Haigerer erschießt willkürlich einen Menschen, nur so. Er stellt sich, aber niemand glaubt ihm, dass er der Täter ist.
Meinung: Gute Idee, ganz gefällig geschrieben, aber zu viel Buch für die Idee. Der Roman schleppt sich so dahin, während man darauf wartet, dass der Autor einem verrät, warum der Mörder die Tat überhaupt begangen hat. Die Auflösung ist dann aber lange nicht so aufregend, wie man gehofft hätte.
Insgesamt: Nicht gerade schlecht, aber auch nichts besonderes. Die späteren Bücher des Autors (etwa Gut gegen Nordwind) sind deutlich, deutlich besser.

Old Mans War John ScalziOld Man’s War (John Scalzi) Sci-Fi
Tatsachen: Die Menschheit führt Krieg im All, im ganz großen Stil — mit Hunderten anderer Rassen kämpft man um kolonisierbare Planeten. Neue Rekruten holen sich die Weltraumtruppen von der Erde, wer 75 wird, hat das Recht, in die Armee einzutreten und dort einen neuen Körper zu bekommen.
Meinung: Erstaunlich, dass es in diesem Jahrtausend ein Autor wagt, zu schreiben, wie Robert A. Heinlein in den 60ern — die Helden sind harte Jungs, haben ausreichend Sex, ein bisschen Selbstzweifel, aber am Ende treten sie den Aliens in den Arsch. Für’s Vaterland. Die Aliens sind zahlreich, haben größtenteils schlechte Laune, verhalten sich aber oftmals einfach wie Menschen. Die Technik ist absurd forgeschritten, aber das gute, alte Kampfmesser ist immer noch im Einsatz. Nett. Bunt. Laut. Es gibt auch eine deutsche Übersetzung, die, dafür hat Heyne Prügel verdient, “Krieg der Klone” heißt.
Insgesamt: Abenteuer-Sci-Fi ohne großen Anspruch. Gut lesbar, aber letzten Endes trotz einiger guter Ideen nur Fastfood.

Axel Dammler - Verloren im NetzGerade frisch erschienen: das neue Buch von Axel Dammler, es heißt Verloren im Netz und geht der Frage nach, ob das Internet Kinder süchtig macht.

Axel ist Jugendforscher und Geschäftsführer bei iconkids&youth und ziemlich renommiert, hat aber eine leichte, pragmatische Art, mit Jugendthemen umzugehen. Ich habe ein paar Mal mit ihm gearbeitet, finde seine Arbeit generell gut und möchte auch dieses Buch empfehlen, obwohl mir der Part mit den Online-Rollenspielen eher zu flach ist.

Tim Hunter

Tim Hunter ist ein normaler, 12jähriger Junge in England, der seine Mutter verloren hat. Er trägt eine Brille und hat schwarze Haare. Nebenbei ist er der potenziell mächtigste Magier der Welt und wird daher von ein paar irren Zauberern unter die Fittiche genommen, damit er nicht der Dunklen Seite anheim fällt. Als erstes schenken ihm die Magier eine Eule als Schoßtier, dann beginnt eine wilde Reise in die Welt der Magie.

Kommt das jemandem bekannt vor? Klingt das wie eine schlechte Harry Potter-Kopie? Ist es aber nicht, Neil Gaiman erfand Tim Hunter bereits Anfang der Neunziger für eine Comic-Miniserie — Harry Potter Band 1 hingegen erschien erst 1997. Wenn man Übles denken wollte, könnte man Frau Rowling vorwerfen, sie hätte sich bei Herrn Gaiman inspirieren lassen. Gaiman wischte das Thema aber selber vom Tisch: “I wasn’t the first writer to create a young magician with potential, nor was Rowling the first to send one to school.”*

Das alles ist übrigens schon eine alte Sache, das Gaiman-Zitat stammt aus dem Jahr 2000. Ich kam nur grad drauf, weil ich in einer Sekunde der Muße in meinen Comics gestöbert und die Books of Magic mal wieder zur Hand genommen habe. Die Geschichte selber hat dann mit den Potter’schen Pubertätserlebnissen nicht allzu viel zu tun — Tim Hunter wird von DC-Recken wie dem kettenrauchenden Trenchcoat-Träger John Constantine unterichtet (anstatt auf ein Magierinternat mit lauter gleichaltrigen Mädchen gehen zu dürfen), trifft Königin Titania vom Elfenland, pflegt enge Bekanntschaft mit einem Succubus und erschafft en passant einen Haufen Parallelwelten, was die ohnehin komplexe Handlung weiter erschwert.

Ist nicht direkt mein Lieblings-Gaiman, aber durchaus lesenwert. Hier kaufbar.

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Telebücher

10. April 2008 · 5 comments

Wie alt ich bin, wird mir immer mal wieder vor Augen geführt, wenn das Gespräch auf eBay und Amazon kommt und ich zugeben muss, dass ich schon Kunde bei telebuch.de (sensationeller Name!) war, bevor Herr Bezos die Klitsche kaufte und daraus Amazon Deutschland machte. Und das gleiche bei alando.de, bevor es zu eBay Deutschland wurde und seine drei quirligen Gründer, die Herren Samwer, zu Gründerlegenden und Berufsinvestoren. Strange. Aber auch total irrelevant, zugegeben.

Um diesen Beitrag dafür wenigstens mit ein bisschen Nutzwert anzureichern, werfe ich rasch einen Buchtipp unter’s Volk. Also:

Stieg Larsson: Verblendung hat zwar einen sinnlosen deutschen Titel und einen eher holperigen Stil, macht aber ansonsten alles richtig, was ein Krimi so richtig machen kann — Spannung ohne (zu) viel Action, kein Übermaß an zerstückelten Leichen, angenehm gegen den Strich gebürstete Figuren (feuerköpfiger Reporter plus dysfunktionale Hackerin), durchdachte Handlung um Familienbande und Wirtschaftskriminalität. Eine Handlung zudem, für die sich der Autor gebührend Zeit lässt. Tolles Buch. Bildet mit den (noch besseren) Nachfolgebänden Verdammnis und Vergebung eine Art Trilogie. Die besten Krimis, die ich seit vielen Jahren gelesen habe, was aber möglicherweise nicht allzu viel heißt, weil mich Krimis gemeinhin kalt lassen. Andererseits aber doch viel heißt, denn ich lege Krimis gerne auch mal nach ein paar quergelesenen Seiten weg.

Traurig übrigens, dass der Autor erst spät im Leben mit dem Schreiben begonnen und nach Abfassen dieser drei Bücher stante pede das Zeitliche gesegnet hat. Womit ich nicht sagen will, dass ich in der Lage wäre, Trauer über den schon Jahre zurückliegenden Tod eines mir persönlich komplett unbekannten Menschen zu empfinden, so empathisch ist allenfalls Mahatma Ghandi. Ich tu’ mir nur ganz egoistisch selber leid, weil ich gerne noch mehr Bücher von Larsson gelesen hätte.