Debatte

Die Sau auf der Dorfstraße, Teil 2

by Gunnar on 2. September 2010 · 37 comments

Herr Kaliban dokumentiert eine Art Gespräch, das zu führen er sich wider besseres Wissen hat hinreißen lassen. Schauplatz war ein, nun, soziales Netzwerk. Ist ein bisschen gerafft.

Horst*: Auf die Gefahr hin das manch einer das nicht gerne liesst, muss ich grösstenteils sagen das Sarrazins Gedanken durchaus ausgesprochen werden dürfen und sollten. Ich denke nicht das man von rassistischen thesen reden darf, das übertreibt die presse teils ja schon zu gerne und welche macht die printmedien haben, ist sicher kein geheimnis. Alles in allem spricht Sarrazin nur aus was viele Deutsche denken, und insbesondere die mangelhafte Integrationspolitik wird passend kritisiert. Ich wandere auch nicht nach beispielsweise America aus und weige mich dortige Sprache und dergleichen zu erlernen, sofern noch nicht getan. Darüber hinaus ist es erschrecken wie drastisch die Meinungsfreiheit (welche wir ja angeblich haben) beschnitten wird. Wenn man Menschen verbietet zu sagen was Sie denken…

Herr Kaliban: Seufz. Sarrazins Buch ist ein sicherer Bestseller, Spiegel und BILD drucken vorab Ausschnitte, Tausende von Medien berichten darüber, aber wenn ein paar Leute das nicht super finden, wird gleich “die Meinungsfreiheit beschnitten”.

Horst: Und ja ich spreche von Beschneidung der Meinungsfreiheit, wenn ich höre was Sigmar Gabriel für einen Dummfug von sich gibt, in Bezug auf Sarrazin, kann ich nur noch den Kopf schütteln. Wo ist das denn Meinungsfreiheit wenn man Menschen schlecht macht, weil Sie es wagen auszusprechen was Sie denken. Wo bleibt denn da die Toleranz? In unserem demokratischen Land möchte ich gefälligst auch aussprechen können was ich denke ohne gleich dafür verurteilt zu werden.

Herr Kaliban: Sarrazin diffamiert ganze Bevölkerungsgruppen, wird von der NPD dafür bejubelt, aber wenn sein Parteichef was dagegen sagt, ist das “intolerant”? Ich habe früher als Sozialarbeiter mit Flüchtlingen gearbeitet und durchaus eigene Erfahrungen mit muslimischen Migranten. Bestreite gar nicht, dass die schwierig zu integrieren sind, auch weil die Traditionen einiger Herkunftsländer mit unserer Gesellschaft nur schwer vereinbar sind. Daraus zu schließen, die seien genetisch dümmer, ist allerdings Blödsinn. Den Unsinn mit dem “jüdischen Gen” hat Sarrazin ja auch mittlerweile schon wieder zurückgenommen.

Freund von Horst: Du unterstellst Horst Meinungen, die er mit keinem Satz geschrieben hat, mal ganz abgesehen davon, das Deine Argumentation Quatsch ist. Niemand kann sich aussuchen, von wem er bejubelt wird.

Horst: schon interessant wie boniert manche menschen denken, ihre meinung steht über allem anderen…sehr bedenkliche sichtweise ..  p.s. was hat eine fremde kultur denn damit zutun, ob man bereit ist die sprache des landes zu lernen, in dem man lebt ?

Herr Kaliban: Die letzte Frage zeigt ganz gut, wie die ganze Debatte funktioniert. Viele Menschen, auch ich, sehen mit Sorge, dass hierzulande Nebengesellschaften entstehen, dass unsere Kinder in manchen Schulen gegenüber den Migranten in der Minderheit sind, fürchten die Aggression, die von manchen Gruppen ausgeht. Et cetera. Das alles ist unbestritten. Und das darf man auch sagen, im toleranten Deutschland. Man darf auch von migranten größere Integrationsanstrengungen fordern. Alles Teil einer komplexen Debatte: einerseits gibt es unbestritten Familien, die sich der libertären Gesellschaft verweigern und hier gerne einfach so weiterleben würden, wie in, um ein Klischee zu nennen, Ostanatolien, nur mit mehr Konsum. Andererseits sind die Deutschkurse für Einwanderer überfüllt, die Nachfrage übersteigt das Angebot weit. Das ist leider nicht die Art von Thematik, die man mit zwei, drei prägnanten Halbsätzen darstellen kann. Und wirklich problematisch wird ja es erst, wenn man versucht, mit wissenschaftlich unhaltbaren biologistischen Argumenten eine Art Unausweichlichkeit herbeizuargumentieren. Aus dem Letzteren rührt der Widerstand gegen Sarrazin, kein Mensch greift ihn an wegen der Forderung nach besserer Integrationspolitik.

Aus dem Off: Plinnnngg!

Horst: Blablaallesganzanders

Herr Kaliban: Neeblubbachwasneenee

Das vollständige “Gespräch” ging noch ein bisschen länger, fürchte ich. Ohne dass irgendwer irgendwen in seiner Meinung ins Wanken gebracht hätte. Ich muss irgendwann lernen, mich aus sowas rauszuhalten. Ich bin wie ein Usenet-Zirkuspferd, das sofort losläuft, wenn die, äh, Flamewar-Musik einsetzt. Oder so.

* Name geändert

Update: Rasch noch ein brillanter Beitrag zum Thema: 8 Thesen zur Migrationsdebatte (zeit.de). Auszug:

Wo das Leben nicht konkret wird, da entsteht Platz für Ideologien. Deswegen zeigen sich in der aktuellen Debatte noch die Frontlinien des vergangenen Jahrhunderts. Da standen auf der einen Seite ausländerkritische, auch ausländerfeindliche rechte Politiker, die daran glaubten, die Fremden seien hier nur zu Gast, sie warnten vor Überfremdung. Auf der anderen Seite standen die Linken, die einen regelrechten Selbsthass auf die spießigen, nach wie vor faschistoiden Deutschen verspürten, denen man als Gegengift gar nicht genug Ausländer ins Land holen kann. Beide Gruppen, Ausländerfeinde wie Deutschenfeinde, hegten kaum ein wirkliches Interesse an den Ausländern, sie dienten ihnen als politische Waffe.

Viel besser kann man das nicht sagen.

Stürme in Wassergläsern

by Gunnar on 26. November 2009 · 52 comments

Ach, es sind lustige Tage derzeit für Leute, die Spielemagazine und Blogs lesen. Der einschlägig bekannte Herr Boris S. aus M. steht im Mittelpunkt eines kleinen Wirbelstürmchens aus Meinung und Gegenmeinung. Ich fasse die Geschehnisse mal rasch zusammen, okay? Also:

Erst schießt meinungsfreudige Herr Luibl, Chefredakteur eines bedeutenden Spielemagazins, eine Polemik in die Welt, in der es um “Embargos” geht, wobei Embargo hier für die Auflagen von Copyright-Inhabern steht, was den Veröffentlichungstermin von Informationen angeht. Boris Schneider-Johne, seines Zeichens Produktmanager für die Xbox 360 (und verdienter Ex-Chefredakteur lang vom Winde verwehter Spielemagazine), fühlt sich angesprochen, erklärt in einem Blog-Beitrag, warum er nicht Luibls Meinung teilt und impliziert am Rande etwas grobschlächtig mangelnde Professionalität (“Wieso seit Ihr schlau und die PR-Leute doof? Welche von diesen beiden Gruppen arbeitet professioneller und hat seinen Job wirklich in einer Ausbildung gelernt?“). Was wiederum den Herrn Luibl vergrätzt, weswegen er in den Kommentaren unfein sein Gemächt schwenkt (“Im Gegensatz zur dir, der damals wie heute im Stile eines jungen Klempners textet, besitze ich [… ] einen Magister Artium germanistischer Prägung plus journalistische Ausbildung”).

Sensationell.

Wollte mich gerade popcornkauend im Sessel niederlassen, um den fortschreitenden Glaubenskrieg zu verfolgen, da legt Boris, offenbar befeuert durch die Debatte, nach und veröffentlicht eine längliche Anklage gegen Spieletests an sich, insbesondere aber die Praxis der Wertungsvergabe in Prozenten. Ich zitiere: “I am not a number! sollte jedes Videospiel schreien. Dummerweise hat man sich aber ein Publikum rangezüchtet, das nur auf diesen Wert schaut. Das Internet kann sich um die Leute, die die Zahlen sehen wollen, viel besser, aktueller und unprofessioneller kümmern. Denn die Journalisten, die nicht nur Elektronen verschicken, sondern echtes Papier bedrucken wollen, sollten doch an sich selbst den Anspruch haben, was besseres abzuliefern als die ganzen Webseiten.” Dazu hat der Herr Luibl auch was zu sagen und tut das in den Kommentaren, zusätzlich springt die Frau Fröhlich, Chefredakteurin eines anderen Spielemagazins, in die Bresche und entgegnet Boris in einer gefällig verfassten Kolumne, Spiele seien anders als Filme und bräuchten Wertungen wegen der vergleichbaren “Features”: “Das Feature unterscheidet Spiele von Theaterstücken, TV-Serien, Kinokomödien und Romanen. Es umgibt uns, es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen. Und es ermöglicht Einordnung und Bewertung. Wertungen haben seit jeher die fantastische Eigenschaft, dass man die Hosen runterlassen und sich festlegen muss – besser als x, schlechter als y. Und zwar um so-und-so-viel. Das gilt für Bundesligaspielernoten in der Bild am Sonntag genauso wie eine prozentgenaue Spielspaß-Wertung. Zu einer Dragon-Age-Bewertung im sensiblen Bereich zwischen 75 und 95 Punkten gehört Spielzeit, Erfahrung und Mut – erheblich mehr Mut jedenfalls als für die Aussage “MIR macht das Spiel Spaß”. Oder: “Für MICH ist das nix”. Populärwissenschaftlich formuliert: keine Wertung, keine Eier.”

Woah.

Mir brennen die Kommentare auf der Zungenspitze, da ich weder Boris noch Petras Meinung teile, verzichte aber auf eine detaillierte Schritt-für-Schritt-Auseinandersetzung mit den Texten der Kollegen. Ich möchte allerdings trotzdem eine (grundsätzlich private, von den Meinungen meines geschätzten Arbeitgebers unabhängige) Zeugenaussage zur Sache machen:

Diese Debatte um Sinn und Unsinn von Wertungen geht meines Erachtens in voller Fahrt am Kern der Sache vorbei — bis auf eine kleine, vokale, forenerfahrene Minderheit von Hardcore- und Ex-Hardcore-Gamern ist, das zeigen Gespräche mit echten Spielekäufern und Magazinlesern, niemand so wirklich daran interessiert, ob Heft X oder Webseite Y nun eine 89 oder eine 8.7 vergeben hat, auch wenn man die 100er Skala* an sich grundsätzlich schätzt. Die Wertung ist letztendlich bloß eine Art Wasserstandsmarke, um sich abzusichern, dass das betreffende Werk generell zum Kreis potenziell kaufenswürdiger Dinge gehört. Und ein bisschen auch eine Konsistenzprüfung für das vergebende Medium — wer abseits gängiger Kriterien und unnachvollziehbar wertet, mag irgendwann von der Abteilung “relevant” in die Schublade “kurios” wandern. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die “EDGE” hat’s auch überlebt, dass sie Baphomets Fluch 3 10 von 10 Punkten gegeben hat. Jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass Wertungen oder meinetwegen Metawertungen im Wesentlichen von Redakteuren und Pressevertretern und Trollen ernst genommen werden, wobei “ernst nehmen” hier im Sinne von “Anlass für eine potenzielle Flamewar-Kriegserklärung” verwendet wird. Viele Leute kaufen, das ist der Fluch eines gereiften Marktes, eh nur noch die Top 5 der Charts, da bekommt man eigentlich nie ein so richtig schlechtes Stück Software. Die Frage, die man in Wirklichkeit von einem Spieletest beantwortet haben möchte, ist: Ist dieses Spiel was für mich? Dazu muss man, da hat Petra nicht unrecht, schon die Features aufarbeiten und einordnen. Dazu muss man aber auch, da hat Boris nicht unrecht (“Erzählt, was das Spiel mit Euch angestellt hat. Welche Emotionen es auslöst, wie euer Bauch und euer Kopf reagierten. Beschreibt die Technik, in Relation zur Handlung, aber nicht als lange Frameratenoptimierungswüste.”) versuchen, die Seele des Spiels zu erfassen und die eigene emotionale Erfahrung als Richtwert mitzuliefern.

Letzteres gelingt den einschlägigen Medien nicht immer, denke ich. Ist auch eine Frage von Skill. Aber hey, meine Meinung ist auch nur ein weiterer Flötenton im dissonanten Konzert der “Insider” — schließlich bin ich wie Boris ebenfalls nur ein Ex-Spielemagazinchefredakteur. Mich würden diesbezüglich die Ansichten der geschätzten Mitlesenden interessieren: I declare this bazaar open.

* Nachtrag: Anders als gerne behauptet wird, ist die böse 100er-Skala keine Erfindung der deutschen Spieleredakteure, sondern wird auch in anderen Bereichen eingesetzt, die nicht leicht zu objektivieren sind: Filme wären zu nennen. Oder, und das ist das schönere Beispiel, die breit akzeptierte TWA-Wertung von Wein, wo die Tester übrigens auch den mathematischen Durchschnitt nicht ausschöpfen, sondern sich auf den interessanten Bereich von 80+ konzentrieren.

Weil die Debatte um Urheberrecht, Kostenlos-Kultur et cetera neulich hier auch Thema war, verlinke ich rasch zwischendurch zwei (relativ) aktuelle Beiträge mit sehr unterschiedlichen Standpunkten:

Im Netz der Piraten: “Die Ideologen eines »befreiten Wissens« mögen der Meinung sein, die elitäre »etablierte« Kunst könne so leicht durch das unlektorierte Mitteilungsbedürfnis der Nutzermassen ersetzt werden wie der professionelle Journalismus durch Jedermann-Reporter; YouTube-Filmchen seien ohnehin kurzweiliger als großes Kino. Welche intellektuelle Finsternis droht uns, wenn sie sich irren? Dem Heidelberger Appell ist deshalb uneingeschränkt zuzustimmen: Die Freiheit von Literatur, Kunst und Wissenschaft ist ein hohes Verfassungsgut. Zu dieser Freiheit gehört das Recht des Urhebers, nicht im Internet enteignet zu werden. Verlieren wir diese Freiheit, setzen wir unsere kulturelle Zukunft aufs Spiel.” [Quelle: Zeit.de]

Die Mär von der Generation Kostenlos: Es erscheint kurzfristig einfacher, gegen die eigenen Kunden zu wettern und so laut zu lamentieren, dass man hofft, die Politiker mögen mit schärferen Gesetzen zu Hilfe kommen, damit alles so bleibt wie es ist . Aber das Einzige, was man damit mittel- bis langfristig erreicht ist, einen unüberwindbaren Graben zwischen sich und seine Kunden zu ziehen, die zu recht eine tiefe Abneigung entwickeln. [Quelle: Netzwertig.com]

Ich kommentiere das nicht weiter, in my humble opinion greifen beide Standpunkte ein bisschen kurz. Aber zu dem Thema hat eh jeder seine Meinung, ist so ein klassisches Lager-Thema, wo man sich für ein Ufer entscheiden muss.

Ich wollte mal ein neues Format ausprobieren und habe Björn vom Agitpopblog zu einem Gespräch gebeten. Wir kamen auf den aktuellen Fall mit der erstinstanzlichen Verurteilung der Pirate Bay-Typen und dann gab ein Wort das andere…

[click to continue…]