Deppen

Böse sein für Fortgeschrittene

by Gunnar on 12. Februar 2010 · 28 comments

Es folgt ein Beitrag von zweifelhafter Moral und falsch verstandenem pädagogischem Anspruch, der obendrein eine Aufforderung zu bösen Taten enthält. Schlimm.

evil insideManchmal ärgere ich mich über die Untaten anderer Leute. Und dann muss ich an Henry Rollins denken, der mal vorgeschlagen hat, man möge den bösen Herrn Milosevic (den 2006 in seiner Zelle in Den Haag verstorbenen jugoslawischen Kriegsverbrecher) nicht einfach nur einsperren, sondern in der Haft gleich noch dazu zwingen, den ganzen Tag lang die Namen seiner Opfer in eine Steinwand zu ritzen. Oder Clinton für seine außerehelichen Eskapaden mit zehn Stockhieben zu bestrafen, öffentlich, im Garten des Weißen Hauses, was im Gegensatz zu dem absurden Tribunal des Kenneth Starr* sogar für positiven Chashflow gesorgt hätte (schon wegen der Übertragungsrechte), anstatt den Staat Millionen zu kosten.

Ich, der ich unter dem dünnen großstädtisch-linksliberalen Anstrich immer noch der konservative Bauernjunge aus dem Dorf bin, kann mit derlei simpler Schwarzweiß-Moral viel anfangen — und plädiere schon länger dafür, im Alltag einfach selbst böse zu sein. Nicht aus Selbstzweck und keinesfalls zu netten Menschen, nein, nur als Reaktion auf das Verhalten von Arschlöchern. Feuer mit Feuer bekämpfen, sozusagen. Rein pädagogisch. Als kleinen Ausdruck dieser Haltung überziehe ich Firmen, die mir dumm kommen, mit nervenaufreibenden Korrespondenzkriegen, schalte in den ersten Gang, um Drängler hinter mir zu ärgern und verwickele Leute, die mir in Menschenmengen auf dem Weg von da hinten nach hier vorne auf die Füße treten, in Diskussionen über die moralische Bewertung ihres Handelns. Zuweilen.

Meist stelle ich mir aber meine Reaktion nur vor.

Da muss jetzt anders werden. Wir guten Menschen müssen zu den bösen viel böser sein. Aber wir brauchen dazu Ideen, Konzepte für den täglichen Widerstand. Und wer wäre besser geeignet, sich sowas auszudenken, als ihr, liebe Kaliban-Leser, die ihr schon seit Jahren dieses vage unfreundliche Blog verfolgt, ohne mich ständig einen grantelnden alten Mann zu schimpfen.

Also los, wer hat Ideen für kleine, situationsbezogene Strafen im Alltag, mit denen man Leuten zeigen kann, dass sie sich wie Arschlöcher aufführen?

Ich dachte an sowas in der Art:

Situation: Depp drängelt sich nach Konzertbeginn durch die gepackte Menge, tritt meiner Frau auf den Fuß, bleibt so eng vor mir stehen, dass ich seine Föhnfrisur im Gesicht habe.
Böse Tat: Phiole mit rosa Farbe (auswaschbar) aus der Tasche ziehen, dem Depp heimlich auf die Jacke spritzen. Oder, als Variante, gespielt ungeschickt das eigene Bier dem Rempler überschütten: “Ey, was soll das! Mein Bier! Das bezahlst Du!”

Situation: Mit dem Postversand beauftragter teilstaatlicher Konzern wirft mir unaufgefordert kiloweise Werbung in den Briefkasten.
Böse Tat: Depot für die Broschüren ausfindig machen, mit billigem Spindschloss verschließen. Ist möglicherweise sogar im Interesse des Postboten.

Situation: Arschloch parkt rücksichtlos in einer Einfahrt bzw. zu eng an meinem Auto bzw. halb auf einem anderen Parkplatz.
Böse Tat: Aufkleber mit der Aufschrift “Ich parke wie ein Vollpfosten” auf die Beifahrertür kleben. Kann ruhig schwer zu entfernen sein.

Situation: Mitglieder einer konservativen Partei veranstalten Kampagne gegen _________ (Asylrecht, die Türkei, doppelte Staatsbürgerschaft).
Böse Tat: Zum Stand in der Innenstadt gehen, den Damen und Herren lautstark, aber mit ehrlicher Empfindung in der Stimme, gratulieren (“Super! Endlich sagt’s mal einer! Die NPD ist ja schon viel zu lasch geworden! Als nächstes sind die Polen dran!”) und verfassungsfeindlichen Publikationen nachempfundene Flugblätter verteilen, auf denen die exakt im wortlaut gleichen Forderungen erhoben werden.

Hm. Obwohl. Gilt das Letzte schon als “böse”? Aber hey, ihr wisst sicher noch Besseres.

Anregungen bitte in die Kommentare.

P.S. Das mit dem Bösesein habe ich auch schon mal vor der Kamera geübt. Gelingt mir schon ganz gut, finde ich. Vielleicht sollte ich gleich eine Partei gründen. Oder eine Jugendbewegung Altherrenfront.

Ich fahre den Ring entlang, quasi auf Autopilot. Mein Stoffwechsel ist am Ende des Arbeitstages auf 45 Prozent, höhere Hirnfunktionen sind abgeschaltet. Aber es ist der Weg, den ich hundertmal pro Jahr fahre, also ordne ich mich korrekt ein, halte Abstand, bremse vorausschauend. Aber natürlich bin ich in diesem Zustand nicht vorbereitet auf den Skoda voller Deppen, der kurz vor’m Abbiegen auf meine Spur zieht und mir voll den Weg abschneidet.

Mein Nebennierenmark prüft kurz meinen Allgemeinzustand, hält mein Überleben für fraglich und schießt mir eine Dosis Adrenalin ins Blut. Ah! Das befähigt mich, zu bremsen, in den Wagen der Deppen rüberzuschauen, geistreich “Ey!” zu rufen und die Arme zu einer dieser “Was soll das?!”-Gesten auszubreiten, wie man sie oft bei unschuldig bestraften Fussballspielern sieht. Einer der Deppen, der hinten links auf der Rückbank, schaut zurück, sieht, dass ich nur ich bin und nicht etwa eine bewaffnete Türkengang, bei schwarzen BMWs weiß man ja nie, und zeigt mir den Finger. Der Depp neben ihm hüpft zu irgendeiner Musik auf und ab, die Deppenmädels vorne schunkeln hin und her. Surreal. Ich, und da schaltet mein Hirn in Zeitlupe, ich sehe alles mit Max Payne-artiger Klarheit, werde erfasst von dieser kalten Wut, die schon viele Männer im Straßenverkehr zu Mördern gemacht hat. Mein Wagen ist jedoch mangelhaft ausgestattet, leider, mit einem sanften Antippen des Auslösers für die vorderen Maschinengewehre ist die Situation nicht zu lösen.

Ich zeige auf den Mittelfinger-Deppen, greife in meine Jacketttasche, entnehme meiner Brieftasche den Presseausweis und zeige ihn deutlich dem glotzenden Deppen, wohlweislich darauf achtend, dass das Wort “Presse” verdeckt ist. Auf ein paar Meter Entfernung sieht ein Ausweis aus wie der andere, Foto, Schrift, Wappen et cetera, ein gewöhnlicher Straßendepp wird ja wohl einen Presseausweis nicht von einer Zivilbullen-ID unterscheiden können. Mit der anderen Hand lege ich vier Finger über mein Gesicht, so dass ich wie durch Gefängnisgitter schaue. Dann zeige ich wieder auf den Deppen und setze einen genervt-herrischen Gesichtausdruck auf. Er versteht. Schaut nach vorne, sagt etwas zu seinen Mitdeppen, die daraufhin das Schunkeln einstellen. Jetzt fahren sie ganz zivil vor mir her und gucken nicht mehr zurück. An der nächsten Kreuzung biegen sie abrupt ab.

Pwnd! Brain beats Mittelfinger.

Aber huh, keine Ahnung, warum mir der Ärger diese absurde Reaktion eingegeben hat. In einem anderen, mindestens genauso plausiblen Hosenbein der Zeit hätten die Deppen gebremst, die zwei Kerle wären ausgestiegen und breitbeinig auf meinen Wagen zugestapft, um mich zu fragen, was, ey, Alter, mein Problem sei und wieso ich mit einem Presseausweis zu winken geruhe. Aber das ist nur einer Parallelwelt und damit einem ganz anderen Herrn Kaliban passiert, puh.

Ach, die Gefahren des Straßenverkehrs sind weithin unterschätzt.

vollpfosten