Der Amerikaner an sich

Amerika, du brauchst es blutig?

by Gunnar on 10. März 2010 · 21 comments

Ein kurzer Beitrag über die Unterschiede von amerikanischen und europäischen Computerspielern. Oder das, was Spiele-Marketiers dafür halten.

Der Amerikaner, das weiß man ja, der braucht’s derb. Simple Plots, blatante Werbung, einfache Botschaften, grelle Farbe und immer ordentlich auf die Fresse. Der Europäer, völlig gegensätzlich, kann die Möglichkeit, dass die Welt nicht schwarzweiß sein könnte, besser aushalten, bevorzugt seine Geschichten subtil, mit Nebenbedeutungs-Unterströmungen, in gedämpften Grautönen und irgendwie sophisticated.

Jaja, ich habe auch keine Erklärung dafür, wie die Amis Futurama erfinden konnten, Mass Effect, die Wired und Six Feet Under, während die Europäer die BILD-Zeitung, den Big Brother-Container und, äh, Crysis auf dem Kerbholz haben.

Jedenfalls müssen die im ersten Absatz zitierten Zerrbilder stimmen, sonst käme ein internationales Unternehmen wie Ubisoft sicher nicht auf die Idee, ihr Spiel Siedler 7 in zwei so unterschiedliche Versionen anzubieten.

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America, America

by Gunnar on 21. November 2009 · 14 comments

Ein paar ungeordnete Gedanken über Amerika an sich, mehr so aus Touristensicht.

*** In Europa würde niemand auf die Idee kommen, zu einer beigen Anzughose ein hellbaues Hemd, ein navyfarbenes Sakko und goldene Manschettenknöpfe zu tragen. An der Ostküste scheint es die Businessuniform für über 50jährige Geschäftsleute zu sein. *** Amerikanische Frauen gibt es in drei Geschmacksrichtungen: die, die doppelt so laut reden wie Europäerinnen, die, die ihre Mimik so übertreiben als spielten sie Pantomime und die, die beides tun. *** Absurderweise isst man in Boston, aber auch anderswo Chips zum Sandwich. Mittags. Wirklich. *** Irish Pubs sind auf der ganzen Welt gleich. Die werden offenbar zentral in einer Fabrik in Irland hergestellt. ***

Hm. Ich habe immer so Vorurteile, die sich dann auf Reisen bestätigen. Andererseits bin ich natürlich im Ausland auch so typisch deutsch, dass ich vielleicht sogar selber schuld bin, wenn Leute so typisch amerikanisch in meiner Gegenwart sind. Heisenbergsche Unschärfe und so.

Das Kaufen von Sachen

by Gunnar on 8. Juli 2009 · 8 comments

Irgendwann schreibe ich mal ein Buch darüber, wie Kaufentscheidungen fallen. Ich meine, okay, vermutlich gibt’s da schon Bücher drüber, aber die sind bestimmt von Amerikanern und deswegen für normale Menschen Verschwendung, weil die Amerikaner in ihren Sachbüchern immer auf zwei Seiten ihre coole These erklären und die restlichen 198 Seiten mit launigen Betrachtungen und beidbeinig hinkenden Vergleichen füllen. So. Oder auch so. Vielleicht sollte ich also statt des Kaufentscheidungsbuchs lieber eine Art Meta-Werk schreiben, sowas wie:

100 populäre amerikanische Sachbücher mit brauchbaren Thesen.
Zusammengefasst auf 200 Seiten.
Herausgegeben vom Verband der Anonymen Ungeduldigen.

Aber ich schweife ab, das mit dem Buch zur Kaufentscheidung fiel mir ein, weil ich gerade diesen Prozess so deutlich an mir selber beobachtet habe. Irgendwie ist die Kaufentscheidung wie eine Hürde — diese liegt je niedrig oder hoch, je nach Preis, Entfernung bis zum Kaufort, Leichtigkeit des Kaufvorgangs et cetera. Das ist die Hindernisseite. Über diese Hürde kommt man mit Treppenstufen, sozusagen die Motivationsseite. Treppenstufen lassen sich aus allem Möglichen bilden — Geld, das einem ein Loch in die Tasche brennt, sensationelle Testwertungen, Image des Herstellers, Zufriedenheit mit dem Vorgängerprodukt und so weiter. Ich persönlich funktioniere ziemlich über Empfehlungen von echten und falschen Freunden. Meine Entscheidung für Staffel 1 von Doctor Who (Who?) fiel zum Beispiel so: Stufe 1 war meine Neigung zu Scifi, Stufe 2 die Empfehlung von Frau S., Stufe 3 der Hinweis von Herrn M., dass Steven Moffat, der Autor der großartigen Serie Coupling auch bei Doctor Who mitgeschrieben habe, Stufe 4 schließlich war, naja, die Bereitschaft von Frau S., mir die Staffel zu borgen. Beim Buch White Tiger (grandios!), das nur ein paar Euro kostet, lag die Hürde niedrig — da reichten zwei flache Stufen: 1. die Empfehlung von Kollege Chris, 2. die von Kollege Heiko. Schnell gekauft, nicht bereut.

So. Und jetzt paraphrasiere ich das Bild von den Hürden und Stufen noch ein paar tausend Zeichen lang, dann kommen zahllose schwurbelige Beispiele und historische Referenzen, dann gebe ich mich als Amerikaner aus und fertig ist der Bestseller.

Ich bin praktisch schon reich.

Amerika, du weisst es besser

by Gunnar on 10. November 2008 · 4 comments

Irgendwann muss ich mal die ganzen Geschichten aus der Spieleindustrie aufschreiben, all die surrealen Begegnungen mit Programmierern, die Redaktionskonferenzen, die Treffen mit Lesern, die Erlebnisse auf Messen. Mache ich vermutlich doch nicht, aber ich nehm’s mir zumindest mal vor.

Hier mal als Teaser eine kurze Episode, die mir neulich beim Kaffee der Kollege C. erzählt hat:

Wir hatten, damals noch bei der PC Games in Nürnberg, Besuch von zwei amerikanischen Entwicklern, die uns ein Spiel vorgeführt haben. Danach gingen wir noch was trinken. Auffallend: Die Amis waren die ganze Zeit ziemlich einsilbig, beteiligten sich kaum am Gespräch und wirkten bedrückt. Wir fragen, was ihr Problem sei.

Die entrüstete Antwort: »Wie könnt ihr bloß feiern, wo doch 60 Kilometer weiter bereits Krieg herrscht?«

Verblüffung auf unserer Seite — Krieg? Huh? Der Balkankonflikt ist doch schon lange vorbei, außerdem sind das ein bisschen mehr als 60 Kilometer. Ein paar Fragen und Antworten später kam es ans Licht, die Entwickler dachten an Beirut. Das sie mit (dem in der Tat nahegelegenen) Bayreuth verwechselt hatten. Argh.