Deutsch

Jerry Cotton, der Film

by Gunnar on 1. März 2010 · 9 comments

Es folgt eine Art Rezension eines aktuellen Kinofilms — eine Beitragsart, bei welcher der Verfasser weder mit Erfahrung noch Expertise aufwarten kann. Daher möge man ihm den mäandernden Stil verzeihen. Dafür ist der Text Spoiler-frei.

jerry_cotton_teaserIch sach’ mal, grundsätzlich stehe ich dem deutschen Film eher wohlwollend gegenüber — Deutsch ist nun mal meine Muttersprache, und auch ein mittelmäßiger deutscher Schauspieler klingt echter als ein amerikanischer Großmime. Der zuweilen in deutschen Filmen (“Sieben Zwerge”, “Schuh des Manitu” etc.) manifestierte Holzhammerhumor hingegen, nun, das ist eine andere Geschichte. Habe daher immer einen Bogen um Streifen gemacht, die den Eindruck erweckten, sie würden in Sachen Witz den Bogen zurück zu “Otto: der Film” schlagen wollen. Einen leisen Verdacht, der neue Jerry Cotton könnte in diese Kategorie fallen, hegte ich nach Ansicht des Trailers (siehe unten), in dem Christian Ulmen einen klamaukigen Auftritt hat. Außerdem dachte ich, dass sich Jerry Cotton, der Held der unzähliger stereotyper Heftromane (von denen ich vor so 25 Jahren ein paar Dutzend gelesen habe), nicht besonders für eine Parodie eignet, weil’s der Figur an Eigenheiten fehlt. Ich meine: FBI-Agent, harter Bursche, fährt einen roten Jaguar, schießt gut, hat einen Kollegen, fertig. Gibt doch nicht viel her, oder?

Ich wäre also vermutlich nicht freiwillig in den Film gegangen. Aber dann hat man mir netterweise Karten für die Premiere geschenkt. Und da ich seit Spiderman 2 nicht mehr wichtig genug war, um auf eine Erstaufführung eingeladen zu werden, dachte ich: Nix wie hin. Auf Premieren gibt’s bekanntlich immer Frei-Popcorn.

Zeitsprung: Okay, ich sitze. Der Film beginnt mit einem grafisch sensationell gemachten Vorspann. Es folgt eine eher überspannte James-Bond-Szene, in der sich Tramitz durch eine Horde Ganoven prügelt. Dann eine hübsche Anspielung auf Heftromane. Dann ein paar mild anstrengende Wortwitze. Und Ulmens Vollkontaktklamauk. Ich dachte mir, ah, das ist zwar möglicherweise ein Film für doofe Leute, aber immerhin besetzt und geschnitten für die cleveren Freunde der doofen Leute, damit doofe und clevere Leute zusammen ins Kino gehen können.

25469_335352862410_217011387410_4013836_8270934_nUnd dann? Dann nimmt die Handlung Fahrt auf, und der Film zeigt deutlicher, wo er hin will: Weg von der Parodie und Hommage an B-Movies und Heftromane, hin zur für sich stehenden Action-Komödie. Wirft einem eine schräge Bösewichter-Figur nach der anderen entgegen, die alle auf bekannten Stereotypen aufsetzen, aber dennoch einen ganz eigenen Charme mitbringen. Lässt den Ulmen gnadenlos so lange die typische Ulmen-Nummer abziehen, bis man sich gewöhnt hat. Und plötzlich steht Tramitz als Cotton, der unterkühlt den stoischen, unerschütterlichen Helden gibt, im Zentrum eines bunten Wirbels aus quasi Austin Power’scher Absurdität und wirkt in seiner ganzen Überzogenheit fast normal. Da fällt dann alles irgendwie an seinen Platz, man kommt in den Rhythmus — und der Film funktioniert. Erstaunlicherweise halten nicht einmal die Traumsequenzen (sonst gerne ein sicherer Stimmungsstopper) die Handlung auf, die mit Wucht einem Showdown zustrebt, der fairerweise auch echt showdownig in Szene gesetzt ist — ich fühlte mich kurz wohlig an einen Videospiel-Bosskampf erinnert. Wow.

Puh. Langer Rede kurzer Sinn: stilsicherer Film, der knapp die Balance zwischen Klamauk und Spannung hält. Toll gefilmt, sauberes Handwerk, schöner Soundtrack. Kann man sich sehr gut angucken, auch, wenn man sich vielleicht nicht für altbackene Heftromane interessiert.

Ich jedenfalls war großartig unterhalten. Und meine Frau auch, obwohl die sonst eher der Typ für polnische Melodramen mit französischen Untertiteln ist.

P.S: Einen Vorgeschmack gibt’s auch, aber der Film ist in my humble opinion besser als der Trailer verspricht:

Lieber Stefan Hauck, Textchef der “Bild am Sonntag”,

in der heutigen Ausgabe ihres, auch liebevoll BAMS genannten, Revolverblättchens schreiben Sie in einem Text über den “Sturz” von Jürgen Klinsman (“Klinsi”):

“Ein bisschen überraschend vielleicht fängt dieser Text mit Helmut Schmidt an, dem Alt-Bundeskanzler, der sein Leben nutzt, um viele kluge Dinge zu sagen, zum Beispiel über das Rauchverbot und die chinesische Außenpolitik. Ein weniger kluger Satz von Herr [Helmut] Schmidt liegt 29 Jahre zurück und lautet: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.”

Mal abgesehen davon, dass ein Anfang, der so holperig, so umständlich und so Ich-der-Autor-erkläre-euch-Deppen-mal-wie-ich-euch-überrasche daherkommt, jedem Volontär um die Ohren gehauen worden wäre: Das ist obendrein Blödsinn, Herr Textchef. Der Satz von Schmidt ist natürlich sogar sehr klug, nicht nur, weil er griffig ist und Schmidts Haltung hübsch zeigt, sondern auch weil er auf die korrekte Bedeutung von des Wortes “Visionen” hindeutet:

“Visionen” sind, wenn man die deutsche Sprache und nicht so ein pseudomodernes Management-Denglisch einsetzen will, Herr Textchef, immer noch “religiöse Erscheinungen” oder “Halluzinationen”.

Nur die fortschreitende Verstumpfung unserer Muttersprache durch Leute in Wirtschaftszweigen, die keine eigene Fachsprache entwickelt haben, deswegen mit Neid nach Amerika gucken und einfach ohne Sinn und Verstand englische Wörter und Konstruktionen in deutschen Satzstrukturen nageln, hat es ermöglicht, dass der Begriff “Vision”, der im Englischen auch sowas wie “Ziel” bedeuten kann, im Deutschen mittlerweile im Sinne von “richtungweisende, erneuernde Zukunftsvorstellung” einsetzbar ist. Das gilt aber nur für die Einzahl.

Und Sie, Herr Textchef, sollten doch das Streben haben, Deutsch korrekt zu verwenden.

Sogar in der BILD.