Deutschland

Wir sind Bundestrainer

by Gunnar on 18. Juni 2010 · 17 comments

Herrn Kaliban nerven am deutschen Fußball vor allem die Diskussionen der Fans.

Ein paar willkürlich und eher zufällig ausgewählte Aussagen aus dem SpOn-Forum zum Serbien-Spiel (Zusatzinfo für Fußballabstinenzler: das von eben, das wir 0:1 verloren haben):

Keine Ahnung, welches Spiel diese Leute gesehen haben, aber auf meinem Bildschirm lief ein Match, in dem eine engagierte deutsche Mannschaft durch sehr kleinliches Abpfeifen harmloser Situationen (was in einer Gelbflut und einer roten Karte für Klose gipfelte) schwer aus dem Tritt gebracht wurde. Und auch deshalb ein Gegentor kassierte, weil Badstuber sich, Sekunden nach der roten Karte, wohl keine Grätsche gegen den durchgebrochenen Krasic getraut hat. Wie überhaupt die Deutschen, eigentlich ja ein robustes Team, oft merkwürdig körperlos agierten, was sicher auch etwas mit den 19 Freistößen zu tun hat, die gegen Deutschland gepfiffen wurden. Vielleicht hätte Spanien einen Schiedsrichter, der angeblich in 17 Ligaspielen 11 rote Karten verteilt hat, gar nicht erst zur WM schicken sollen.

Aber wurscht, ob man in der Schiedsrichterleistung oder der Harmlosigkeit der Deutschen oder der Cleverness der Serben den Grund für die Niederlage sehen mag, es ist doch wohl ein bisschen albern, immer gleich in die unterste Kiste zu greifen und das eigene Team mit Häme und Beschimpfungen zu überziehen. Und das nur eine Woche nachdem man dieselbe Mannschaft wegen ein paar Treffern gegen ein B-Team in den Himmel gejubelt hat. Siehe exemplarisch dazu die Bemerkung einer Bekannten auf Facebook soeben:

Grmpf. Das ist wie im Vereinsfußball: Man ist Fan einer Mannschaft oder eben nicht. Ist man’s, dann in guten wie in schlechten Zeiten. Ich als Anhänger von, eh, Hannover 96, darf mit Fug und Recht behaupten, dass das nicht immer leicht ist. Aber so ist es eben. Wem das zu anstrengend ist, der möge Brasilien adoptieren oder Bayern-Fan werden. Ahem.

Wo lernt man Minister?

by Gunnar on 30. November 2009 · 25 comments

A politician’s success is measured by his ability to get elected. If he’s good at that, he doesn’t have to be good at anything else. (David Gerrold)

Augen zu, Musik spielt, Augen auf — wir haben eine neue Familienministerin und eine neue Arbeitsministerin. Verloren bei der Reise nach Jerusalem hat der Herr Jung, treuer Vasall und Diener seines Herrn Roland Koch, aber nicht für seinen scharfen Intellekt bekannt. Tja. So kommt das.

Was sich der Herr Jung wohl hauptsächlich zuschulden hat kommen lassen, ist das, was schon einigen Verteidigungsministern das Genick gebrochen hat — die mangelnde Beherrschung eines komplexen (*) und eigensinnigen Apparats mit 3320 Angestellten (Soldaten, Beamten, Zivilisten).

Wobei sich mir eine alte Frage neu aufdrängt — wie funktioniert das eigentlich, die Führung eines Ministeriums? Jeder, der auch nur Personalverantwortung für drei Mitarbeiter hat, weiß, dass “Führen”, wenn man es denn ernst meint, eine ziemlich knifflige Aufgabe ist. Natürlich abstrahiert das nach oben hin und wenn man 5000 Leute “führt”, dann führt man eigentlich wieder nur die fünf der nächstunteren Hierarchieebene. Schon klar. Dennoch: Wer in der Wirtschaft eine große Abteilung oder gar ein Unternehmen leiten will, der muss sich in aller Regel zuvor an kleineren Einheiten bewiesen haben. Und macht im Laufe der Zeit normalerweise reihenweise Seminare, Change Management und Strategisches Management und Innovationsmanagement und Selbstmanagement et cetera pp, in denen er/sie seine Vorstellungen von Führung theoretisch unterfüttert, während er sie in der Praxis am lebenden Subjekt ausprobiert. Dr. Kristina Köhler hingegen, Diplom-Soziologin und seit eben Chefin des Familienministeriums, ist im Job nicht über “Wissenschaftliche Hilfskraft” hinausgekommen. Und die Erfahrungen etwa als Kreisvorsitzende einer Rasselbande wie der Jungen Union Wiesbaden werden sich auf die Führung einer großen Behörde allenfalls begrenzt anwenden lassen. Was macht die junge Dame also? Und was macht der Apparat mit ihr? Liegt die Macht bei den Staatssekretären — und die Ministerin unterschreibt nur? Gibt’s einen standardisierten Einführungskurs “Ministerienmanagement für Anfänger”? Verlangt man etwa wirklich, dass der/die neue Minister(in) die Prozesse durchschaut? Oder ist das irgendwie eh alles egal, weil man die paar Jahre schon irgendwie übersteht?

Darüber würde ich gerne mal einen Artikel lesen, von einem der Großjournalisten bei SZ, SPIEGEL oder ZEIT. Mit so eingestreuten Gesprächsfetzen aus Interviews mit altgedienten Ministerialen.

Eine Geschichte über zwei Konkurse

by Gunnar on 2. September 2009 · 14 comments

Auch, wenn’s nach Schleichwerbung für meinen Arbeitgeber aussieht — wer sich im weitesten Sinne für Spieleentwicklung interessiert, sollte den Bericht von Kollege Christian Schmidt über den Untergang der Firma Ascaron lesen.

Da wäre zunächstmal der Artikel selber, namens Die Akte Ascaron, der bei gamestar.de, aber auch in etwas lesbarerer Form in der letzten Ausgabe von GameStar veröffentlicht wurde. Im aktuellen Heft sowie online finden sich weiterhin Stellungnahmen der ehemaligen Ascaron-Mitarbeiter Marc Oberhauser sowie Peter Luber dazu, die ein paar Dinge nochmal aus anderer Richtung beleuchten (und nicht vollständig mit Christians Interpretation übereinstimmen). Und abschließend, quasi “online-exklusiv” gibt’s noch das Essay von Franz Stradal. Danach hat man ein ganz ordentliches Bild, auch wenn es natürlich über Ascaron noch mehr zu erzählen gäbe.

Christian hatte die knifflige Aufgabe, aus der dünnen verfügbaren Faktenlage (Verkaufszahlen, öffentliche Äußerungen, beobachtbare Ereignisse u.a.) und einer Reihe notwendigerweise subjektiv gefärbter Erzählungen Betroffener eine möglichst sachgetreue Innenansicht einer Firma zu basteln. Das Ganze ist nicht nur ein Glanzstück des Spielejournalismus, sondern auch ein Lehrstück über das Entwickeln von Spielen in Deutschland, über Eitelkeiten, Management-Unfähigkeit und die unzerbrechliche Liebe von Spielern.

Lesenswert.

Eigentlich sollte dieser Beitrag ein Teil der Donnerstagslinks von heute morgen werden, er ist aber ein bisschen länger geraten und hat eine eigene Überschrift verdient.

Es geht um diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Haller, der in der Journalistenzeitschrift Message über die Blogosphäre schreibt. Ich zitiere mal zum Einstieg das Intro:

Viele Blogger sehen sich als die neuen Journalisten: diskussionsoffen und realitätsnah. Die Recherchearbeit aber überlassen sie lieber den Mainstream-Medien – und erregen sich über deren Fehler.

Herr Haller macht sich da einer Ungenauigkeit schuldig, was aber auch am Selbstverständnis der Bloggerszene selber liegt — weil die, berauscht von Recherche eines Bildblog oder der Präzision des Spiegelfechters oder der schieren Zahl der Grimme-Preise, sich ständig als die Zukunft des Journalismus ausgibt, wird gerne vergessen, dass es allenfalls um Meinungsjournalismus geht. In Blogs entstehen kaum Reportagen, klassische Recherchestücke, tiefe Berichte — in Blogs schreiben Leute mehr oder minder fundiert ihre Meinung, Kolumnen, Glossen und Kommentare, um bei den Fachtermini des Redaktionswesens zu bleiben. Das ist der interaktiven Form angemessen, das lässt sich nebenberuflich leisten, das hat seinen Wert. Das beliebte und auch bei Haller wieder vorkommende Contra-Argument “Die faulen Blogger machen nix selber, sondern setzen immer auf den etablierten Medien auf” geht da voll ins Leere. Es kann auch nicht das Ziel eines Blogs sein, tiefer zu recherchieren als ein Spiegel-Reporter, es ist viel wichtiger, die Aussagen der etablierten Medien zu hinterfragen, internationale Quellen zu vergleichen und vielleicht aufzuzeigen, dass die Stoßrichtung bestimmter deutscher Medien bei bestimmten Themen vielleicht eher durch Weltanschauung als durch Faktenkenntnis geprägt ist.

Was mich aber fast noch mehr aufregt: Der Autor zeigt ganz korrekt die (durchaus vorhandene) Relevanz großer US-Blogs auf…

“[…] ist die Huffington Post, ein von Arianna Huffington eingerichteter Gemeinschaftsblog, der für seine Nachrichtenauswahl journalistische Qualitätskriterien reklamiert – und inzwischen mit mehr als 25.000 Links (laut Technorati) als Amerikas einflussstärkster Blog gilt.”

….vergisst aber beim gern genommenen Vorzeigebeispiel Huffington Post zu erwähnen, dass Frau Huffington auch mal eben einen sechsstelligen Dollarbetrag in ihr Projekt pumpen kann, weil ihr Ex-Ehemann auf ein paar Ölmillionen sitzt.

Das ist ein bisschen so, als würde in Deutschland die nicht völlig unbekannte und gar nicht schlecht vernetzte Journalistin Doris Schröder-Köpf sich von ihrem Mann ein paar Gazprom-Schecks borgen, um ein, huh, total UNABHÄNGIGES Politblog zu starten. Nennen wir es Schröder|Berlin. Für das dann natürlich neben ein paar engagierten Individualisten auch, sagen wir, etablierte Berlin-Beobachter wie Prantl, Osang, Hofmann schrieben. Hätte das Ding die Aufmerksamkeit der Mainstream-Journaille? Sicher. Wäre es das wichtigste und größte deutsche Blog? Klar.

Wäre es die Zukunft des Journalismus? Natürlich nicht.

Aber egal, ich bin ja bloß neidisch, weil meine Frau keine Ölmagnatin ist und ich folglich nicht das Spielgeld habe, um die Blogosphäre in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Aber weiter im Text, nachdem wir nun wissen, dass in den USA alles besser ist, kommt Herr Haller auf Deutschland zu sprechen:

“Vor zwei Jahren ergab eine international vergleichende Studie, dass in der deutschen Bloggerszene eine ausgeprägte Selbstbezüglichkeit vorherrsche. Mehr als in anderen Ländern würden hier die Blogger häufiger über das schreiben, was andere Blogger gesagt haben. […] Man denkt dabei an eine um Selbstfindung bemühte, sich krampfhaft abgrenzen wollende Gegenwelt, wie man sie eher von jugendlichen Peergroups kennt. […] Längst existiert in der Bloggerszene auch eine abgehobene, sich wechselseitig zitierende, mitunter eitel bekrittelnde Elite (auch wenn man dort diesen Begriff nicht mag), die sich ihre Themen und Thesen wie Bälle zuspielt.”

Das ist natürlich nicht falsch — die elende Selbstbezüglichkeit der so genannten A-Blogger geht mir schon lange auf die Nerven. Die lesen sich gegenseitig, saugen Pseudo-Bedeutung aus der Interverlinkung. Ich hab’s schon mal erwähnt: Das Blog von Boris Schneider-Johne ist in der Bloggerszene unbekannt und unverlinkt, macht aber mehr laut Alexa mehr Traffic als die Flaggschiffe Basicthinking oder Spreeblick. Weiß keiner, weil Boris nicht auf Bloggerkongressen über die Zukunft des Mediums spricht, sondern vor allem an sich und seine Leser denkt. Aber das ist ja alles auch nicht so wichtig. Man darf halt nur nicht den Fehler begehen, die Leutchen, die auf jedem Podium sitzen, für die deutsche Bloggerszene zu halten.

Ach, und ich muss auch noch mal auf die journalistischen Qualitätskriterien zurückkommen, das ist so ein Mythos, mit dem gerne versucht wird, Blogs in die Amateurecke zu stellen — seien wir doch mal ehrlich, wenn man sich im deutschen Journalismus an allgemein anerkannte Qualitätskriterien halten würde, hätte selbst ein Leitmedium wie SpOn pro Tag ein Drittel weniger Geschichten.

Und die gedruckte BILD dürfte gar nicht mehr erscheinen.

Aber egal, der Beitrag ist, bei aller Kritik, ziemlich interessant — ich empfehle den Download der ganzen Ausgabe von Message als PDF.

Passend zum Thema (via SN): Why I blog von Andrew Sullivan