dorf

Früher, zu Schulzeiten, da haben wir alle den Sascha beneidet.

Sascha war der einzige Sohn von Eltern mit viel Sinn für Konsum. Er kam aus einer klassischen Mittelschichtsfamilie, Mutter war Hausfrau, der Vater hatte einen ordentlich bezahlten Bürojob. Das Heim: ein kleines Flachdachhaus in dem neueren Teil unseres Dorfes mit rundherum ein bisschen Garten. Alles ganz bescheiden, aber die Familie Wolk* hatte es mit Schnickschnack: Sie erwarb als erste im Dorf einen Videorekorder der Geschmacksrichtung Video 2000, ergänzte dann um Betamax und legte mit VHS nach. Sascha hatte als erster einen VC-20 (dann rasch den C-64 hinterher), als erster einen Akustikkoppler (den Schritt haben wir anderen übersprungen), als erster einen eigenen Fernseher. Et cetera.

Das Haus der Wolks war vollgestopft mit Unterhaltungselektronik, Jahrzehnte bevor das zum Standard wurde. Nicht gepaart mit Geschmack allerdings, das Ganze — Stil und Sinn hatten die Wolks nicht zu bieten, alle freien Wände waren mit Regalen voller Videokassetten bedeckt. Jeder Spielfilm im Fernsehen wurde aufgenommen und archiviert, quer durch Genres und Vorlieben, angetrieben von kleinbürgerlicher Sammelleidenschaft. Und immer ordentlich, oft mit auf den Tapes angebrachten Schnippseln aus TV-Zeitschriften.

Im Wohnzimmer hingen selbst gemalte Bilder an den Wänden, grobe Seeschlachten aus dem Malen nach Zahlen-Programm. Dennoch, für die Bewunderung von uns Dorfkindern hat es allemal gereicht. Der Sascha, der aus dem Neid ein ruhiges, selbstverständliches Selbstbewusstsein saugte, brachte es sogar bis zum Klassensprecher. Erst spät, in unseren harmlosen kleinen Rebellenphasen, fiel uns auf, wie schrecklich leer der Typ eigentlich war. Und wie armselig die Wohlstandwurstigkeit seiner Eltern. Die ihren Höhepunkt übrigens fand, als eine neue Anlage gekauft wurde. Stereoanlage zum Hinstellen, einen so genannten Turm im so genannten Rack, Mittelpunkt des Wohnzimmers. In goldbraun, wie man es damals gerne hatte. Geordert aus dem allmächtigen Quellekatalog. Was den Wolks aber dann doch irgendwie peinlich gewesen sein muss, daher hatten sie die Schildchen mit dem Schriftzug der Quelle-Hausmarke Universum abgeknibbelt und, ahem, selbstgemalte Philips-Logos drangebappt. Die mit Verve und Ich-bin-im-Recht-Tonfall vorgebrachte Begründung »Sind auch ja original Philips-Bauteile drin« machte die Sache nicht besser, zumal Philips ja nun auch nicht die Krachermarke ist — kann man gleich Lidl-Sachen mit Tchibo-Logos überkleben. Aber so waren die Wolks, damals.

Und so waren wir, seinerzeit in den 80ern auf dem Dorf.

* Name natürlich geändert