Dr. Pfeiffer

Der Professor hat’s auch nicht leicht

by Gunnar on 13. April 2010 · 6 comments

Die Kollegen von Stern.de knöpfen sich in ihrer lesenswerten Serie “Die größten Geißeln der Talkshows” meinen speziellen Freund Prof. Dr. Pfeiffer vor:

Der kurzzeitige Justizminister von Niedersachsen, Leiter des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (Spezialgebiet: die Erkundung von lukrativen staatlichen Geldquellen für Forschungsprojekte), propagiert unbeirrbar die These, dass “Killerspiele” unsere Jugend abstumpfen, verrohen und zu schrecklichen Dingen treiben können. Unter Fachkollegen ist er mit derlei Kausalitäten höchst umstritten. Zumal seine Kenntnisse der Computerspielewelt zu wünschen übrig lassen, wie ein Auftritt bei “Hart aber fair” mal belegte. Aber Pfeiffers knackiges Schlagwörterarsenal (“mediale Verwahrlosung”, “dramatische Einbußen an Sensibilität für die Leiden der Opfer” usw.) machen ihn unentbehrlich, wenn nach spektakulären Verbrechen die üblichen hastig zusammengetrommelte Quasselrunden quicke Erklärungen versuchen. Zwischentöne sind nur Krampf im Quotenkampf, davon profitiert er. (Quelle)

Bisschen boshaft, aber gut zusammengefasst. Wie erfreulich, dass nicht alle Medien die ganze Zeit auf eitle Stichwortgeber steil gehen, sondern wenigstens hin und wieder mal nach Substanz im Gesagten schauen.

Wenn’s nicht so traurig wäre, wäre es rührend — im “Kölner Aufruf” wendet sich die hilflose deutsche Mainstreampädagogik mit Macht gegen das Phänomen der “Killerspiele”, dem sie großäugig und haareraufend gegenübersteht und es einfach nicht begreifen kann. Wie es so ist mit unverständlichen Dingen, die der Zeitgeist einem noch kurz vor der Pensionierung in den Weg legt: Man wünscht sie sich weg und hofft, dass damit auch noch allerlei anderes verschwindet, die Jugendgewalt etwa, das Desinteresse der Kids an christlichem Liedgut, die Klingeltöne und die Tatsache, dass die eigene Enkelin den DVD-Rekorder bedienen kann, während man selber schon für den Projektor im Unterrichtsraum den Hausmeister rufen muss.

Den Text muss man sich in Ruhe zu Gemüte führen, es lohnt sich, zu analysieren, was da für eine Geisteshaltung am Werke ist. Ich zitiere ein paar Auszüge, erstmal zum Thema Krieg:


[…] Killerspiele entstammen den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee. […] Der „Spielraum“ unserer Kinder und Jugendlichen entspricht der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan. […] Games-Konzerne dienen […] als Teil des militärisch-industriell-medialen Komplexes dazu, mit „Spielen“ die künftigen Soldaten heranzuziehen. Das Alltagsleben wird vom Krieg durchdrungen, um Akzeptanz für die derzeitigen und künftigen Kriege zu schaffen. Diese Spiele sind somit massive Angriffe auf Menschenrechte, Völkerrecht und Grundgesetz. […]

Der Zusammenhang, der da hergestellt wird, ist perfide, denn er hat eine, wenn auch minimale, Unterfütterung im Realen — die US-Armee betreibt mit dem Spiel America’s Army Rekrutierung, das Spiel Full Spectrum Warrior wurde in einer spezielle Fassung zum Taktiktraining eingesetzt. Daraus aber weltverschwörerisch einen “Komplex” zu konstruieren, der die Kinder der Welt auf ihre Soldatenrolle vorbereiten soll, liegt von Sprache und Denkweise her irgendwo zwischen DKP und RAF. Aber es hat durchaus seinen Charme, am Ende einer Kette aus haltlosen Behauptungen die hehren Menschenrechte im Munde zu führen — damit hat man ja automatisch recht.

Aber erst in den nächsten Sätzen wird deutlich, wo der Feind wirklich steht — im eigenen Lager. Klar sind die Spiele direkt vom Teufel inspirirert, aber wenn die FALSCHEN PÄDAGOGEN nicht wären, würde man der Plage schon Herr werden:


[…]Mit Nebelbegriffen wie „Medienkompetenz“ und „Rahmungskompetenz“ wird pseudo-wissenschaftlich suggeriert, dass Kinder und Jugendliche mit Killerspielen sinnvoll „umgehen“ könnten, ohne seelischen und körperlichen Schaden zu nehmen. Die Spiele sind aber gerade so angelegt, dass dies nicht möglich ist.[…]

Hier wird pauschal jeder unter Generalverdacht gestellt, der sich dem Thema mit weniger Ideologie nähert. Und die “körperlichen Schäden” werden den Spielen gleich mit unterstellt. Aber weiter:

[…]Verantwortlich sind also nicht Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, denen die Bewältigung der Folgen immer zugeschoben wird. Verantwortlich sind Hersteller und Kriegsindustrie; die inflationäre Verbreitung der Spiele ist politisch gewollt und wird von „Wissenschaft“ und Medien bereitwillig vorangetrieben.[…]

Aha. Eine komplette und durchgängige Absage an Individualverantwortung, schuld ist das System. Und im Zweifel die gesichtslose Kriegsindustrie, die alles und jeden instrumentiert, um unsere Kinder zu unbarmherzigen Killern zu machen. Da kann Familie X ihre Kinder noch so demütigen oder verwahrlosen lassen, da kann die Schule noch so viele frustrierte Außenseiter produzieren, schuld sind nie die Beteiligten und schon gar nicht die überforderten Pädagogen. Das ist natürlich eine Haltung, mit der man abends gut einschlafen kann.

Der Aufruf endet mit ein paar grammatikalisch fragwürdigen Aufrüttelzeilen wie Wir lassen nicht zu, dass neue Feindbilder geschaffen und Fremdenfeindlichkeit verbreitet wird, womit den Spielen nebenbei auch noch Ausländerhass unterstellt wird. Und der Forderung nach dem Verbot von Herstellung und Verbreitung von “Killerspielen”, nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene.

Wow.

Die Unterzeichner sind ein paar Professoren, Religionslehrer, einer der Bürgermeister von Erlangen, Leiterinnen von Frauenhäusern und Kindertagesstätten, katholische Theologen, ein Vertreter von attac, ein Feuerwehrmann, Prof. Dr. Christian Pfeiffer und seine Schwester Regine Pfeiffer, Manfred Spitzer, ein paar Altlinke (wie die Initiatorin und Ökofeministin Maria Mies), eine Reihe pensionierter Weltverbesserer (wie die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang oder der Ex-Manager Willy Wahl) und ein paar Privatpersonen.

Insgesamt tendenziell ältere Leute, die dem ganzen Thema “neue Medien” nicht sehr nahestehen. Kaum jemand dabei, der sein Geld in der freien Wirtschaft verdient. Relativ viele Menschen von den Rändern des Bildungsapparats, allerdings niemand aus der Jugendarbeit. Irritierend ist ein bisschen, dass sich das ganze Ding liest, als sei es von einer Gruppe übriggebliebener K-Grüppler aus den Siebzigern verfasst, Pfeiffer (der politisch eher im Mainstream liegt) aber trotzdem unterzeichnet hat. Dass die ganze Argumentation Humbug und von seiner Forschung so weit weg ist wie Ziegenzucht von der Erschlüsselung des Humangenoms, dürfte ihm sicher klar sein.

Aber was so richtige Kreuzzügler sind, die nehmen eben jeden mit, der eine Waffe tragen kann.