Erziehung

Jeder nur seine Schuhe

by Gunnar on 13. Januar 2012 · 7 comments

Herr Kaliban kollidiert mit dem Goldkindtm.

Im Flur, kurz vor dem Abmarsch zum Kindergarten.

Goldkind: Meine Schuhe stehen falsch!
Herr Kaliban: Ja, ich habe sie dir schon hingestellt.
Goldkind: Die sollen da nicht stehen. Die gehören so! (stellt die Schuhe in Reih und Glied an den Rand)
Herr Kaliban: Ja, aber…
Goldkind: Wenn das schon meine Schuhe sind, soll die auch kein anderer anfassen!
Herr Kaliban:
Goldkind: Jeder soll überhaupt nur seine eigenen Schuhe anfassen!
Herr Kaliban: Zum einen wollte ich dir nur helfen, zum anderen nimmst du ja auch gerne mal das Spielzeug von anderen Kindern, oder?
Goldkind: Schuhe sind aber kein Spielzeug!

Nun, das ist natürlich richtig.

Ach, Gespräche mit Kindern sind vermintes Gelände.

Erziehungsratgeber

by Gunnar on 15. September 2010 · 14 comments

Ein Beitrag für werdende oder junge Eltern unter den Kaliban-Lesern. Falls es solche gibt.

Eines wissen alle Eltern auf der Welt: wie die Kinder anderer Leute erzogen werden sollten. (Alice Miller)

Wir hängen beim Erziehen unserer kapriziösen Tochter keinen grundsätzlichen Ideologien an. Wir glauben das alte Rezept “Liebe plus Vorbild”, an klare Regeln und Konsistenz. Und an Würde — wer seine eigene Würde nicht erniedrigt, indem er sich vom Kind herumkommandieren lässt und die Würde des Kindes wahrt, indem er ihm Raum zu eigenen Entfaltung lässt, der ist schon ziemlich auf dem richtigen Weg. Finden wir.

Unterstützend beim Bilden unserer eigenen Meinung waren einige Bücher, die ich schon lange mal empfehlen wollte, durch den Wust von Ratgeberliteratur zum Thema Erziehung blickt ja keiner mehr durch. Ich stehe allerdings der heutzutage üblichen Problematisierungspädagogik nicht allzu nahe und habe die für mich und meine Frau besten Ratschläge in eher altmodischeren Werken gefunden, zum Beispiel in denen von Emmi Pikler — die Dame hat sehr handfeste und empirisch fundierte Ansichten über die Entwicklung von Kleinkindern, insbesondere die Bewegungsentwicklung. Anspieltipp für den Pikler’schen Ansatz ist ein neueres Buch einer ihrer Schülerinnen: Magda Gerbers Dein Baby zeigt Dir den Weg. Von Piklers eigenen Büchern hat uns Friedliche Babys, zufriedene Mütter am meisten gebracht.

Eher speziell auf bestimmte Problematiken zugeschnitten sind die Bücher der Psychologin Christine Rankl: So beruhige ich mein Baby ist ein brillant und ziemlich witzig geschriebenes Buch mit handfesten Tipps für Eltern von Schreikindern; bei Einschlafen – (k)ein Kinderspiel geht’s um ewige Thema Schlafen.

Wer ein Kind in der Trotzphase hat, könnte zudem mal in Das Kinderbuch von Anna Wahlgren ‘reinlesen — das Buch ist insgesamt umstritten und nicht allzu lesbar geschrieben, aber das Kapitel über’s Trotzen ist ziemlich auf den Punkt.

Grundsätzlich gilt: Ratgeber sollten einem verstehen helfen, die eigenen Reaktionen und die des Kindes, mehr nicht. Schritt für Schritt befolgbare Patentrezepte gibt es nur wenige, hilfreiche Augenöffner hingegen viele. Zum Beispiel auch in (SCHLEICHWERBUNG!) meinem Buch Elterngeheimnisse: Tricks von Eltern für Eltern, das im Januar 2011 erscheint. Ahem.

Die Sache mit den Spangen

by Gunnar on 6. Juli 2010 · 11 comments

Herr Kaliban erlebt täglich was Neues mit dem Goldkindtm.

Dass ich hier mal sitzen würde, in Unterhosen und T-Shirt, im Schneidersitz vor der Sofakante, morgens um 6:17, eine buntperlige Holzkette um den Hals, während meine zweijährige Tochter um mich herumtänzelt, mir die Haare kämmt, Spangen anlegt und wie ein grummeliger alter Friseurmeister vor sich hin murmelt, “Du bist ganz wusselig, aber ich mach’ dich ‘ssick, ah, doofe Spang’ will nicht halten, halt’ doch, Spang” und so weiter, also das hätte ich mir vor zwei Jahren so noch nicht vorstellen können.

Aber man lernt ja nie aus.

The Goldkind unleashed

by Gunnar on 3. April 2009 · 8 comments

Andere Kinder können im zarten Lebensalter von zwölf Monaten schon ein bisschen krabbeln, sich vielleicht auch schon mal ins Stehen hochziehen. Keinesfalls sollten sie in der Lage sein, selbstständig ihre Schuhe aus dem Regal zu holen, sie zu Papa zu bringen und sich dann auffordernd auf Papas Schoß zu drängen, damit die Dinger angezogen werden und der Spaziergang endlich losgehen kann. Auch sollten sie in der Werkzeugbenutzung noch nicht so weit fortgeschritten sein, mithilfe von gestapelten Büchern ihre Reichweite auf die drittunterste Regalebene auszudehnen. Oder Xboxen an- bzw. auszuschalten.

Wir haben ein Monster erschaffen, möglicherweise.

Wir haben vermutlich nur noch wenige Monate, bis sie endgültig das Regime in unserem Haushalt übernimmt. Wenn auf diesem Blog statt weltweiser Betrachtungen nur noch Bildchen von Prinzessin Lilifee erscheinen, dann wisst ihr, dass es soweit ist.

Ab wann kann man die Biester noch mal in den Kindergarten abschieben?

Das Kind als Schablone

by Gunnar on 18. März 2008 · 13 comments

Ach, wenn man Kinder kriegt, dann nimmt man sich ja immer viel vor: Nicht so werden wie die eigenen Eltern, den eigenen Menschenhass verstecken und die eigenen Süchte und die eigenen Ängste. Ihm die Liebe zu gutem Essen vermitteln, zu guten Büchern, zum richtigen Fußballclub. Toleranz lehren, zur Selbstständigkeit erziehen, loslassen können, aber trotzdem behüten. Et cetera. Wenn man Mitte/Ende 30 ist, liegt das eigene Leben nämlich auf einigermaßen stabilen Schienen: Die Partnerfrage ist weitestgehend gelöst, der Beruf gefunden, der Plan, als Rocksänger berühmt zu werden, der ist dann doch im Morast des eigenen Wesens versunken. Da hat man Zeit zum Nachdenken und fühlt sich irgendwann irgendwie bereit für ein Kind. Und wenn sich eines ankündigt, schnappt man stante pede über: Bücher, Kurse, Webseiten — jeder Tropfen Wissen wird aufgesogen. Man steckt Monatsgehälter in den Ausbau des rosafarbenen oder hellblauen Kinderzimmers und meldet das Kleine schon mal prophylaktisch für Geigenunterricht, Karatekurs und das Medizinstudium an. Und gute 20 Jahre voller Überbehütung, guten Ratschlägen und Besserwisserei später wundert man sich, warum das doch so talentierte Kind neurotische Züge zeigt, das Abi abgebrochen hat und überdies dem Marihuana-Abusus fröhnt.

Vermutlich ist es irgendwie gesünder, wenn man ein Kind mit Anfang 20 bekommt. Da hat man noch so vieles nicht erlebt, noch so vieles im eigenen Leben zu erledigen, dass das Kind einfach nur dabei ist, Teilnehmer am Elternleben anstatt Hauptdarsteller in der Mitte der Bühne. Seinerzeit in meinem Studium, 1895 muss das gewesen sein, spielten während jedes Seminars Kleinkinder im Raum, ganz selbstverständlich mitgebracht von ihren studierenden Müttern. Alles einigermaßen unaufgeregt und unideologisch, meilenweit entfernt von der Hysterie 39jähriger Bogenhausener Mütter mit altphilologischem Abschluss, die Kita-Mitarbeiter mit exakten Anweisungen in den Alkoholismus treiben und im Freundinnenkreis die Rangordnung nach den Leistungen des eigenen Kindes festlegen: Unser Kleiner konnte ja schon mit elf Monaten “Mama, ich möchte ein Biowurstbrot” sagen. Und die Große will jetzt unbedingt bei den Tennis-Vereinsmeisterschaften antreten. Ach, süß, wie ehrgeizig sie ist. Uh.

Also, wir haben uns vorgenommen, möglichst so zu sein, wie wir gewesen wären, hätten wir Marleen vor zehn Jahren bekommen. Nur ein bisschen gereifter.

Fragt mich in zehn Jahren nochmal, wie’s geklappt hat.