Europawahl

Sorry, wir hatten den Kopf anderswo

by Gunnar on 9. Juni 2009 · 28 comments

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Sorry for losing touch, sorry for being complacent, sorry for taking you for granted, sorry for being predicatable, sorry for being negative. Mit diesen Slogans entschuldigte sich die englische Tageszeitung Evening Standard in einer Anzeigenkampagne bei ihren Lesern für jahrelange schlechte Arbeit. Löblich. Die miserablen Auflagenzahlen und das mangelhafte Leserfeedback mögen beim Erkenntnisprozess geholfen haben.

Die deutsche SPD ist in einer ähnlichen Situation: Wählerschwund, Meinungshoheit verloren, Europawahl-Kampagne in den Sand gesetzt, Spitzenpersonal unbeliebt. Nicht angekettete Mitglieder laufen weg, die Hochburg Hessen hat man der CDU geschenkt, die Kernkompetenz verschludert, den bärtigen Kandidaten erst gekürt, dann unehrenhaft demontiert — die Wahlniederlage ist mehr als verdient. Das Gedächtnis des Wählers ist nicht ganz so kurz, wie man in Berlin immer meint. Aber beginnt jetzt eine Runde der Selbstkritik? Versucht man, Fehler zu identifizieren und abzustellen? Schaut man, in welchen Bereichen die Partei sich von der Klientel allzu sehr entfernt hat? Ach, Pustekuchen.

“Natürlich haben wir auch inhaltlich diskutiert. Aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir auf dem richtigen Weg sind” sagt Müntefering. Die Nahles spricht von Mobilisierungsproblemen, Stiegler faselt von “Irrenden in der Arbeitschaft”. In der Zentrale kursiert hinter vorgehaltener Hand die Einschätzung, die eigene Wählerschaft habe vielleicht die Bedeutung der Wahl nicht so ganz überrissen, im Gegensatz zur gebildeteren Grünen-Basis. Der Tenor: Programm, Personal, Politik, alles prima. Nur der Wähler checkt’s halt (noch) nicht.

Ehrlich, eine Entschuldigung nach dem Vorbild des Evening Standard stünde der SPD gut an.

Ich habe da mal was vorbereitet:

Entschuldigung SPD

Europawahl: keine Analyse

by Gunnar on 7. Juni 2009 · 35 comments

Nur ein paar ungeordnete Gedanken zur heutigen Wahl:

### Die CDU fährt weiter ihre Linie, konsequent und treu: Augen zu, Fresse halten und hoffen, dass der Mutter-Merkel-Bonus und die Politik der Ruhigen Handtm reichen, um die Wahl zu gewinnen. So entfernt sie sich dauerhaft von der 40%-Marke, aber immerhin sind die Ergebnisse stabil. Erstaunlich allerdings, dass Seehofers Wischiwaschi-CSU wieder knapp die 50 Prozent in Bayern erreichte. Was sicher auch daran liegt, dass ihre Hauptkonkurrenz hierzulande die Freien Wähler (FW) sind, die allerdings ihre Stärken eher im Kommunalen haben und die deshalb nicht unbedingt erste Wahl für’s EU-Parlament sind. ###

### Das SPD-Desaster war vorauszusehen: Diese Partei ist mitverantwortlich für die Aktionen der schlechtesten Regierung seit ich denken kann, hat kein attraktives Personal und eiert bei jeder halbwegs wichtigen Frage zwischen Populismus und Panik. Und die Idee, den Europawahlkampf zu einer Art Bundestagstest zu machen, ist auch nicht die allerschlaueste gewesen. Ach, und nochwas: Diese hübsch gemalten, aber nachgerade schwachsinnigen Plakate, die ich als Wähler einer anderen Partei persönlich beleidigend fände, haben sicher nicht geholfen. ###

### Die Grünen haben sich in diesem Wahlkampf außer dem bekloppten WUMS-Akronym und den Äußerungen von Claudia Roth eigentlich nichts Substanzielles zuschulden kommen lassen. Haben sich obendrein ausdrücklich auf Europa bezogen. Und ein, zwei Positionen klingen sogar sinnvoll und zukunftsfähig. Der Wähler mag sowas. Allerdings sind die Grünen eine Partei ohne natürlichen Koalitionspartner. Pech. ###

### Die FDP rast wie ein ICE von Sieg zu Sieg — die Gründe dafür entziehen sich meiner Deutungskraft. Ich kann nur mutmaßen, dass die fortlaufende Missachtung marktliberaler Positionen durch die Merkel-CDU massenhaft enttäuschte Unternehmer und BWLer aus der Union in die Arme der FDP treibt. ###

### Die Linke steht. Und wankt nicht. Klare Positionen, unerfüllbare Forderungen, eigentlich machen sie das gar nicht schlecht. Dennoch stagniert die Linke bloß, obwohl diese Krisenzeiten sie eigentlich begünstigen müssten — vermutlich schadet es der Linken doch, dass sie in den Ländern und den Kommunen Skandälchen auf Skandälchen produziert. ###

### Die absurde Piratenpartei hat unter Twitter-Usern laut einer total unrepräsentativen Umfrage 55 Prozent geholt. Klassische Protestwähler-Stimmverschwendung. Aber 0,7 Prozent bundesweit (wenn die Hochrechnung stimmt) sind für eine gerade eben gegründete Partei gar nicht übel, das bedeutet allein für Bayern 22.000 Stimmen. In den deutschen Großstädten liegen sie stabil über 1,2 %. Stimmen offenbar, die vermutlich direkt von Grünen und Linken entliehen sind. Naja, bei der Bundestagswahl sind sie wieder verschwunden, nehme ich an. ###

Sonntags- und Europawahltagslinks

by Gunnar on 7. Juni 2009 · 12 comments

Weil heute Wahl ist, gibt’s ein paar Links zu diesem Thema vorab — die übliche Mixtur von Nutzwert, Quatsch und Sonstigem folgt eine Drehung des Scrollrädchens weiter unten.

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass es generell gut wäre, überhaupt zu wählen. Denn: Wer nicht wählt, wählt rechts. Berlusconi und seine neofaschistischen Freunde freuen sich über jede fehlende Gegenstimme. Außerdem erhöht eine hohe Wahlbeteiligung die Schwelle, über die die schändliche CSU (Christliche Spielekiller-Union) springen muss, um wieder unseren Freund Bernd P. ins Parlament schicken zu können. Wer noch unentschlossen ist, möge sich auf Kandidatenwatch informieren oder den beliebten Wahl-O-Mat anschmeißen. Wer überhaupt nicht recht im Bilde ist, was das mit diesem Europazeugs auf sich hat, kann sich in einem schönen Schnellkurs auf Stand bringen lassen.

Ich mag keine Wahlempfehlung abgeben, möchte aber darauf hinweisen, dass erstaunlicherweise die Redaktion der FTD sich mit ihrer weit aus dem Fenster lehnt.

So. Und jetzt husch ins Lokal. Wer schon war, darf sich die restlichen Links angucken:

VIDEO: Der unsterbliche Magnum-Vorspann in der, nunja, Star Wars-Fassung. ###

VIDEO: Ein Bericht von Panaroma über das Schönen der offiziellen Arbeitslosenzahlen. ###

VIDEO: Lobo und Sixtus spielen ihr übliches Spielchen, diesmal mit Twitter. Huh. ###

SERVICE: Sie haben keine Ausrede mehr und müssen Ihrem Professor, Chef, Lektor endlich das Dokument schicken, dass Sie nicht fertig haben? Schicken Sie einfach ein kaputtes File! ###

SERVICE: Schnapp: Drei kostenlose Sherlock Holmes-Hörbücher zum Download. Gelesen von Deef, dem Gefühlskonservenbetreiber. ###

SITE: Putpat.tv ist möglicherweise tatsächlich die Zukunft des Musikfernsehens. Ist noch im Beta-Test. Bewerbungen möglich. ###

SITE: Blindsearch ist ein Blindtest dreier Suchmaschinen: Blindsearch sucht, zeigt drei Ergebnisse an, bittet um die Meinung, welche die beste ist. Cool. ###

TEXT: Hier ist die Geschichte des Typen, der den Twitter-Vogel entworfen hat und höchstens sechs Dollar dafür bekam. ###

ARTIKEL: Was die Art, wie man sein Glas hält, über einen Menschen verrät. ###

LISTE: Drüben, bei Amy&Pink gibt’s eine ganz hübsche Liste von WordPress-Themes, falls sich jemand der Anwesenden für sowas interessiert. ###

BILD: Die Voraussetzungen für Zufriedenheit im Beruf. ###

BILD: Killerspiele-Alarm! Gottseidank ist die Polizei sensibilisiert! ###

BILDER: Der Künstler Simon Schubert macht Papierarbeiten. Er faltet Gemälde, sozusagen. Angucken! ###

BILDER: Zehn hübsche Umbauten von Videospielkonsolen. ###

BILDER: Eine große Sammlung reichlich absurder Casemods. ###

GAME: Escape from ASCII Island ist ein gelungenes Textadventure. Und eine Art Hommage an die Monkey Island-Serie. ###

GAME: Zum neuen Konsolenspiel inFamous gibt’s auch ein ganz nettes Flash-Spielchen. ###

posselt bernd csuUm kurz meine liebevolle Berichterstattung zum EU-Parlamentskandiaten Bernd Posselt (CSU) zu vervollständigen, möchte ich daraufhinweisen, dass die schiere Absurdität der Entität Bernd Posselt mittlerweile auch den Machern der ZDF-Sendung “Neues aus der Anstalt” aufgegangen ist. Die machen das auch ganz bodenständig, halten einfach das Plakat hoch, lassen es wirken, das Publikum tobt.

Anzuschauen hier, ab Minute 19:00 etwa.

Für alle neuen und alten Fans des gemütlichen, irgendwie auch lustig aussehenden Herrn P. eine Info: Das ist immerhin der Mann, “der Gabriele Pauli als ‘Türken-Gabi’ verunglimpft und US-Präsident Barack Obama empfohlen hatte, die Türkei als 51. Bundesstaat in die USA aufzunehmen”, wie Michael Spreng schreibt.

Der Spott trifft keinen falschen, da bin ich sicher.

The Abgeordneter from Hell, Teil 3

by Gunnar on 19. Mai 2009 · 10 comments

Bernd Posselt plakat parodie

Bernd Posselt, Münchens laute Stimme an Brüssels Büffet

So, einen noch, dann höre ich auf, über die Plakate von Bernd Posselt (CSU) zu lästern, das hatte ich hier und hier ja schon ausreichend getan. Ahem. Aber das Bild rechts, das ich bei der Hopfen-Post gefunden habe, ist einfach zu schön: Offenbar haben ein paar findige Menschen, möglicherweise Ästheten wie ich, einige der Plakate von Bernd Posselt gehackt oder wie immer man das bei Plakaten nennt.

Wow. Gute Arbeit.

Aber ich will auch nicht verschweigen, dass der Herr Abgeordnete darauf ziemlich souverän reagierte, mit der Aussage, er gehe selten zu den Buffets der Lobbyisten, denn: “Die Pfunde, mit denen ich wuchere, habe ich mir ehrlich in bayerischen Wirtshäusern und Münchner Biergärten erarbeitet”

Stammleser erinnern sich vielleicht an meine Polemik namens The Abgeordneter from Hell, wo ich mich in einigermaßen boshafter Weise über ein CSU-Plakat ausgelassen habe, auf dem ein (recht feister) Abgeordneter Bernd Posselt ohne Aussage oder Statement dem Betrachter entgegen lächelt. Einfach in der sicheren Überzeugung, allein durch die Macht des Phänotypischen die Wähler zu fangen.

Das traf bei den Lesern auf geteiltes Echo, einige fanden es witzig, andere schimpften mich “oberflächlich”. Ein besonders erregter Anonymus, vielleicht ein Funktionsträger der sehr Jungen Union, verstieg sich zu der atemlosen Beleidigungsfolge “dümmlich, primitiv, unlogisch, widerlich, kindisch”. Es meldeten sich aber auch zwei Bekannte zu Wort, die das Plakat ähnlich bizarr empfunden haben wie ich.

Wir sind auch nicht die einzigen. Und ich habe, handyfotografiert von meinem Kollegen Trille, sogar einen handfesten Beweis, dass wir nicht allein sind — offenbar fallen die Posselt-Plakate auch anderen Menschen auf:

Spanische Touristen wundern sich über CSU-Plakat.

Der bayrische Mann im Mittelpunkt.

Das Bild zeigt eine Gruppe fassungsloser spanischer Touristen vor dem Plakat. Erst sind sie unsicher, ob das ernst gemeint sein kann. Dann: Entsetzen. Dann: aufgeregtes gegenseitiges Fotografieren vor und neben dem Gesicht des Abgeordneten from Hell.

Jaja, Bernd Posselt, Münchens Stimme in Europa.

The Abgeordneter from Hell

by Gunnar on 24. April 2009 · 34 comments

wahlplakat csu

Mit diesem überlebensgroß aufgeblasenen Porträt des Herrn Posselt, der trotz aller Fotografenkünste aussieht, wie von Gerhard Haderer gezeichnet, wirbt die CSU im Europawahlkampf. Und nur damit — dem Plakat fehlt jede Sachaussage, jeder Hinweis auf politische Forderungen, Haltungen, Erfahrungen. Einfach nur: CSU und Bernd Posselt. Nun mag es sein, dass aufmerksamere Beobachter der Politikszene und des Europaparlamentes um die enormen Verdienste des Bernd Posselt wissen, möglich, dass dieser Name und dieser Schnurrbart sofort Glöckchen der Sympathie klingeln lassen, dass alle automatisch denken, ach, der Posselt, das ist doch der gute Mensch, der uns seit Jahren würdig in allerlei Ausschüssen und Sub-Ausschüssen vertritt und der erst letztes Jahr Franz Josef Strauß bei einer Wortmeldung im EU-Parlament einen “großen bayrischen Europäer” genannt hat.

Andererseits ist es, und da bin ich vielleicht ein bisschen gemein, wenn man nichts über Bernd Posselts sicher vor Intelligenz und Wortwitz sprühende Reden weiß, so, dass man von diesem Bild ausgeht und versucht, auf dessen Grundlage Rückschlüsse auf die Person dahinter zu ziehen. Und wenn man nichts als dieses Bild hat, das weniger einen Mann zeigt als vielmehr einen menschlichen Schwamm, einem Wiedergänger der Wildecker Herzbuben, einen bavarischen Amöboid, dann fällt es schwer an die Entschlossenheit, die Tatkraft, die Disziplin, den funkelnden Intellekt dieses Menschen zu glauben. Dann fallen einem frei assoziiert eher Wörter wie Wirtshaus, Kalbshaxe und Vetternwirtschaft ein. Dann wundert man sich, warum die Wahlplaketausdenker der CSU nicht mehr auf Typografie und weniger auf Porträtfotografie gesetzt haben.

Aber egal. Was geht es mich an? Ich will den Herrn P. ja eh nicht wählen, ich will möglicherweise nicht einmal seine Konkurrenten wählen, irgendwie habe ich mit dem ganzen Wählen-Zeugs nur so mittelmäßige Erfahrungen gemacht, ich bin nur eine sensible Seele mit vielleicht allzu ausgeprägtem Ästhetikempfinden, die ein paar Minuten fassungslos vor diesem Foto gestanden hat.