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Krankendings

by Gunnar on 18. Oktober 2012 · 5 comments

Jeden Morgen, wenn ich meine Tochter im Kindergarten abliefere, komme ich an der Klinik für Gesichtschirurgie und Dermatologie vorbei. Dort stehen immer Menschen vor der Tür, hastig an Zigaretten ziehend, von einem Bein auf andere tretend. Versehrte Menschen, mit Gesichtsverbänden, Ausschlag, Pflastern, wie die Opfer einer Seuche. Der Anblick ist ein bisschen bedrückend, aber wenn dann, zum Schichtwechsel, ein Geschwader junger, sportlicher Schwestern einrückt, mit gesunder Draußenbräune und einem fröhlichen “Morgen!” auf den geschminkten Lippen an den kranken Rauchenden vorbei joggt, dann…

…wird das Bild nachgerade deprimierend in seiner Tragikomik.

Oder auch nicht, vielleicht ist das nur die männertypische Aversion gegen Krankheit, Krankenhäuser und kranke Menschen, die da aus mir spricht. Angst vor der eigenen Sterblichkeit und so. Ich tendiere ja auch dazu, Arztbesuche aufzuschieben und Wehwehchen zwar laut zu beklagen, aber ansonsten zu ignorieren. Wir haben da im männlichen Zweig der Familie eine lange Tradition des Verschleppens harmloser Krankheiten, die dann durchs Ignorieren schlimmer werden. Krasseste Ausprägung: mein Urgroßvater, Wilhelm Lott, der am Blinddarm gestorben ist. Andererseits ist da auch das Gegenbeispiel meines Opas, der mit maßvollem Nikotin- und Alkoholkonsum 95 wurde. Und nie Medikamente genommen hat. Der Doktor verschrieb immer irgendwas, Oma holte es von der Apotheke, um es passiv-aggressiv auf die Kommode zu stellen, Opa schüttete das Zeug weg oder ließ es eintrocknen. Irgendwann kam der Arzt wieder, gratulierte zur guten Besserung und lobt die Wirkung des Medikaments. Opa nickte nur. Und konzentrierte sich aufs Überleben.

Ich hoffe mal, dass ich diese Zähigheit geerbt habe. Wir sprechen uns in 50 Jahren.