Fliegen

Mordgedanken am Terminal 1

by Gunnar on 16. Dezember 2008 · 14 comments

# Wie leicht es ist, wildfremde Menschen zu hassen, nur weil sie nur in der Schlange vor mir in Scooter-Lautstärke sinnlose Gespräche (“schatz ich sitze hier in der lounge und habe schon ein bier getrunken stell dir vor die haben mir als mietwagen eine s-klasse langversion gegeben war fast peinlich da denkt der kunde doch bei uns sei der reichtum ausgebrochen haha und beim meeting war der wörldweid deirektor sowie goball ätsch ar anwesend naja du kennst das ja und wie ist es bei dir jaja bis später tschau”) führen. #

# Wenn mich nochmal einer von diesen Kreditkartendrückern anspricht, obwohl ich mich mit gesenktem Blick am anderen Rand des Durchgangs an ihm vorbeigedrückt habe, raste ich aus, prügele ihm seine Personalien aus der Jackentasche und lauere ihm fünf Tage in Folge auf dem Weg zu seinem Supermarkt auf, um ihm GameStar-Abos anzudrehen. #

# Die Frau hinter dem Ticketschalter schaut mich an, mit diesem mütterlichen Lächeln, als sei ich ein besonders lernschwaches Kind. Nein, Tickets der Klasse M können Sie nicht umbuchen. Das geht nur bei Tickets der Klassen F, U, C und K. Und gegen Aufpreis bei den Klassen Y, O und U. Das ist ja auch eine Frage des Preises. Grrr. Der blöden Linie entstünden ja wohl keine Mehrkosten, wenn sie mich auf dem anderen halbvollen Flieger mitnähmen. Raubritter, elende. #

# Manche Flughäfen, etwa der, auf dem ich gerade bin, haben ein besonders aufdringliches Durchsagen-Jingle. Das sie dann aber, vermutlich um mich persönlich zu ärgern, besonders laut aufdrehen. Diese Sounddesigner, die für das “acoustic branding” und die Schaffung von so genannten “Tonmarken” verantwortlich sind, stehen auch auf meiner Liste der Leute, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn ich erstmal König von Deutschland bin. #

# Irritierend auch, was mir der Vorsitzer auf dem Herrenklo hinterlassen hat (Bild hinter dem Klick, nix Ekliges). War sicher eine Art Pegelproblem. #

Erwähnte ich schon, dass ich es hasse, zu fliegen?

Ogott, es ist 30B!

by Gunnar on 9. März 2007 · 19 comments

Alarm! Ein Buchungsversagen vom Reisebüro oder der Airline oder Gott: Der angestrebte Gangplatz ist nicht verfügbar, ein Mittelplatz droht. Ein Mittelplatz! Quasi ein Stuhl in der Hölle. Die Aussicht löst spontanes Organversagen bei mir aus. Meine Lebenserwartung sinkt alleine durch den Anblick der Platznummer 30B um drei Tage. Aber der Mensch ist Mensch, weil er hofft und weil er kämpft, predigt ja schon der große deutsche Philosoph H. Grönemeyer, also versuche ich, bei der netten Dame im Lufthansakostümchen eine bessere Platzierung rauszuschlagen. Erfolglos. Naja, vielleicht wird’s ja diesmal nicht so schlimm, versuche ich mir einzureden, aber ach, kurze Hose, Holzgewehr, allein im Wald, und überall ist Krieg – natürlich wird es schlimm, es wird immer schlimm.

Erstmal lässt sich links neben mir eine von tränengasartigen Parfümwolken umwehte bulgarische Großfürstin nieder. Mit schriller Stimme, schwacher Blase, ausufernder Gestik und zahllosen Sonderwünschen ans verzweifelt freundliche Servicepersonal. Respekt für das Territorium ihrer Mitreisenden hat sie nicht, verweigert mir konsequent die Nutzung der mir zustehenden Armlehne. Vielleicht ist es auch eine rumänische Fürstin, aber egal.

Rechts von mir wuchtet sich Mr. Sumo in den Sitz, ein amerikanischer Mitbürger mit der Figur und Hautqualität von Jabba The Hut, umwölkt von Schweißgeruch. Schweißgeruch von so ungewöhnlicher Intensität, dass man ihn quasi sehen kann, eine blassgelbe Wolke von unregelmäßiger Struktur. Mr. Sumo hat eine laute Bassstimme, eine schwache Blase, ausufernde Gestik und zahllose Sonderwünsche ans verzweifelt freundliche Servicepersonal. Respekt für das Territorium seiner Mitreisenden zeigt er nicht, verweigert mir konsequent die Nutzung der mir zustehenden Armlehne.

Über mir schlagen die Gerüche zusammen, verbinden sich zu einer Todeswolke, die Kleintiere töten würde und aus der kleine grüne Blitze zucken. Vor meinem Gesicht treffen sich zuweilen die Arme der Großfürstin und Mr. Sumo, wo sie meinen Luftraum verletzen, was ich, mein Widerstand durch die Wolke rasch gebrochen, nicht verhindern kann. Zusätzlich zur räumlichen und olfaktorischen Übergrifflichkeit kommt der Sound: Mr. Sumo hat möglicherweise seinen iPod gehackt, denn die Musik ist eindeutig lauter als Apple das vorgesehen hat und als es außerhalb von Montagehallen erlaubt ist. Musik, ach, was rede ich: Guns’n’Roses hört der Mann. Vermutlich ist er nicht natürlich entstanden, sondern wurde für die Rolle des fetten Amis gecastet. Obwohl er bei der Lautstärke eigentlich nicht mehr denken können dürfte, liest er ein Buch. Eine Taschenbuchausgabe. Bourne Identity von Robert Ludlum. Ich sagte ja schon, dass er vermutlich gecastet ist. Die Großfürstin starrt derweil durch ihre goldgeränderten Brillengläser aus dem Fenster auf die Wolken, dabei zischt sie durch die Zähne, man kann es hören, wenn bei Mr. Sumo eine Sekunde lang Pause zwischen zwei Songs ist, und wackelt ein bisschen mit dem Kopf. Vermutlich verflucht sie die Lande, über die sie hinweg fliegt, aus Gewohnheit, weil sie das sonst auf ihren Besenritten auch so macht.

Ich tue, was jeder in meiner Lage täte, ich betäube mich mit Gummibärchen und Rotwein und versuche, mich durch Autosuggestion in den Schlaf oder eine Ohnmacht zu zwingen. Was auch irgendwann klappt und mich davor bewahrt, durch Verschlucken des Plastikbestecks Selbstmord begehen zu müssen.

Ich habe überlebt. Aber manchmal wache ich nachts auf und schreie „30B!“.

Und weine bitterlich.