Flugzeug

Ogott, es ist 30B!

by Gunnar on 9. März 2007 · 19 comments

Alarm! Ein Buchungsversagen vom Reisebüro oder der Airline oder Gott: Der angestrebte Gangplatz ist nicht verfügbar, ein Mittelplatz droht. Ein Mittelplatz! Quasi ein Stuhl in der Hölle. Die Aussicht löst spontanes Organversagen bei mir aus. Meine Lebenserwartung sinkt alleine durch den Anblick der Platznummer 30B um drei Tage. Aber der Mensch ist Mensch, weil er hofft und weil er kämpft, predigt ja schon der große deutsche Philosoph H. Grönemeyer, also versuche ich, bei der netten Dame im Lufthansakostümchen eine bessere Platzierung rauszuschlagen. Erfolglos. Naja, vielleicht wird’s ja diesmal nicht so schlimm, versuche ich mir einzureden, aber ach, kurze Hose, Holzgewehr, allein im Wald, und überall ist Krieg – natürlich wird es schlimm, es wird immer schlimm.

Erstmal lässt sich links neben mir eine von tränengasartigen Parfümwolken umwehte bulgarische Großfürstin nieder. Mit schriller Stimme, schwacher Blase, ausufernder Gestik und zahllosen Sonderwünschen ans verzweifelt freundliche Servicepersonal. Respekt für das Territorium ihrer Mitreisenden hat sie nicht, verweigert mir konsequent die Nutzung der mir zustehenden Armlehne. Vielleicht ist es auch eine rumänische Fürstin, aber egal.

Rechts von mir wuchtet sich Mr. Sumo in den Sitz, ein amerikanischer Mitbürger mit der Figur und Hautqualität von Jabba The Hut, umwölkt von Schweißgeruch. Schweißgeruch von so ungewöhnlicher Intensität, dass man ihn quasi sehen kann, eine blassgelbe Wolke von unregelmäßiger Struktur. Mr. Sumo hat eine laute Bassstimme, eine schwache Blase, ausufernde Gestik und zahllose Sonderwünsche ans verzweifelt freundliche Servicepersonal. Respekt für das Territorium seiner Mitreisenden zeigt er nicht, verweigert mir konsequent die Nutzung der mir zustehenden Armlehne.

Über mir schlagen die Gerüche zusammen, verbinden sich zu einer Todeswolke, die Kleintiere töten würde und aus der kleine grüne Blitze zucken. Vor meinem Gesicht treffen sich zuweilen die Arme der Großfürstin und Mr. Sumo, wo sie meinen Luftraum verletzen, was ich, mein Widerstand durch die Wolke rasch gebrochen, nicht verhindern kann. Zusätzlich zur räumlichen und olfaktorischen Übergrifflichkeit kommt der Sound: Mr. Sumo hat möglicherweise seinen iPod gehackt, denn die Musik ist eindeutig lauter als Apple das vorgesehen hat und als es außerhalb von Montagehallen erlaubt ist. Musik, ach, was rede ich: Guns’n’Roses hört der Mann. Vermutlich ist er nicht natürlich entstanden, sondern wurde für die Rolle des fetten Amis gecastet. Obwohl er bei der Lautstärke eigentlich nicht mehr denken können dürfte, liest er ein Buch. Eine Taschenbuchausgabe. Bourne Identity von Robert Ludlum. Ich sagte ja schon, dass er vermutlich gecastet ist. Die Großfürstin starrt derweil durch ihre goldgeränderten Brillengläser aus dem Fenster auf die Wolken, dabei zischt sie durch die Zähne, man kann es hören, wenn bei Mr. Sumo eine Sekunde lang Pause zwischen zwei Songs ist, und wackelt ein bisschen mit dem Kopf. Vermutlich verflucht sie die Lande, über die sie hinweg fliegt, aus Gewohnheit, weil sie das sonst auf ihren Besenritten auch so macht.

Ich tue, was jeder in meiner Lage täte, ich betäube mich mit Gummibärchen und Rotwein und versuche, mich durch Autosuggestion in den Schlaf oder eine Ohnmacht zu zwingen. Was auch irgendwann klappt und mich davor bewahrt, durch Verschlucken des Plastikbestecks Selbstmord begehen zu müssen.

Ich habe überlebt. Aber manchmal wache ich nachts auf und schreie „30B!“.

Und weine bitterlich.