Friseure

Eben, beim Friseur…

by Gunnar on 6. Juni 2009 · 14 comments

…wurde ich Zeuge eines Dramas. Handelnde Personen: die bemühte Friseuse (BF), die leidgeprüfte Mutter (LM) und das schreiende Mädchen (SM), etwa sechs Jahre alt. Also, wir sehen die Personen auf und um einen Friseurstuhl verteilt. SM hat eine fast fertige Frisur, die adrett aussieht und gut zum Typ passt.

SM: (schluchzt unentwegt) NEEEIN, ich seh so bescheuert aus!
LM: (macht beruhigende Geräusche), hey, nun, ja, hm.
SM: (im Zustand höchster Erregung) SO bescheuert!
LM: Komm, das ist echt schick.
BF: (lächelt gequält) Wirst sehen, morgen wollen deine Freundinnen auch so einen Schnitt.
SM: Quatsch! Die wollen ja nicht auch so BESCHEUERT AUSSEHEN!
LM: (macht beruhigende Geräusche), hey, nun, ja, hm.
SM: Das sieht so SCHEISSE aus! Viel zu kurz! Ich wollte das nicht so kurz!
LM: Du wolltest es noch kürzer!
SM: (hysterisch) Quatsch! Du hast es falsch erklärt!
BF: Nun, es ist genau so wie… (beißt sich auf die Zunge)
SM: Aufhören! (hält ihre Haare fest)
LM: Lass das, bitte (verzweifelt)
SM: So nicht! Ich reiß’ mir alle Haare einzeln raus, wenn wir zuhause sind.
BF: (versucht mit professionellem Gesichtsausdruck weiter zu schneiden)
Alle anderen, inklusive mir: (glotzen)
LM: (grinst entschuldigend in die Runde)
SM: (schlägt nach der Schere der Friseurin) AUFHÖREN! Das wird SCHEISSE!

So ging das noch ein bisschen weiter. Wow. Und das Kind war erst sechs. Was macht die mit zwölf, wenn ihr die Mutter verbietet, auf eine Party zu gehen? Das Haus verwüsten? Die komplette Familie in einem Rausch der Gewalt hinmorden?

Note to self: Immer meine Frau mit dem Goldkindtm zum Haareschneiden schicken.

Ein Hauch von Haarspray

by Gunnar on 23. September 2008 · 3 comments

Der Autor dieser Zeilen lenkt seine Schritte durch die tödlich unbelebte Innenstadt eines regionalen Oberzentrums, als sein Augenmerk auf das Schaufenster eines örtlichen Frisörs fällt. Besagtes Fenster zeigt nicht etwa, wie in der Branche üblich, großformatige Fotos von Profimodels mit samtweichen Haaren im Profil, um die ansässige Hausfrauenschaft zu demütigen. Nein, es ist voller Pokale und Ehrenurkunden und Siegerurkunden — eine Flut von Silber und Gold.

Zwinkern, neu fokussieren und genaueres Hinschauen — aha, es handelt sich um Ehrungen, die offenbar der Inhaber des Friseurladens bei diversen Landes- und Bezirksmeisterschaften erschnitten hat. Bilder der siegreichen Frisuren, offenkundig inspiriert von der Haartracht amerikanischer Jugendlicher der frühen 50er, hängen dekorativ daneben. Und zeigen männliche Jugendliche mit dörflichem und/oder Migrationshintergrund, auf dem Kopf raffiniert geformte Haarhörner.

Es gibt also BundesfriseurspieleLandesmeisterschaften für Friseure!

Warum überrascht mich das nur so? Wir sind doch in Deutschland, dem Geburtsland der Ehrenurkunde, und der Gedanke mit der Regionalmeisterschaft erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus logisch und folgerichtig.

Mit ein wenig Fantasie vermag man sich leicht einen solchen Wettkampf vors innere Auge zu rufen: die Mehrzweckhalle des Vereins für Turnsport und Leibesübungen, geweiht zu einem Tempel der Haarkunst — Kreativität liegt knisternd in der Luft; ein Hauch von Haarspray durchzieht die Halle. Souveräne Preisrichter, Veteranen des Handwerks, durchmessen gravitätisch den Raum; überall schnippeln nervös schwitzende Wettbewerber, die ärgerlich auf die Meisterwerke der Konkurrenten schielen. Dazu, natürlich, Modelle beiderlei Geschlechts mit anmutigen, der Schwerkraft nachlässig trotzenden Frisuren.

Kurzum, eine schöne Sache, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Dabei gerät man selbstverständlich ins Grübeln, wenn man, wie ich, von Haus aus gelernter Sozialpädagoge ist. Müßte es etwas derart Spannendes nicht auch für unsere ehrenwerte Profession geben?

Verwegene Bilder steigen in meinem Geist auf.

Ein städtisches Jugendzentrum, geschlechtsneutral eingerichtet. Integrität liegt knisternd in der Luft; ein Hauch von Patchouli durchzieht die Räume. Der stolze Vorjahressieger, der mit seinem Klienten vor die unbestechlichen Preisrichter tritt; der Klient, der, anfangs scheu, dann mutiger werdend, von seinen Therapieerfolgen erzählt (“Cornelius hat mir da unheimlich geholfen, als ich nicht so klarkam“); das konspirative Getuschel der Preisrichter (“Wie hat er das gemacht?“, “Schwerpunktberatung?“, “Gestalttherapie?“, “Modelllernen?“, “Einfach abgerichtet wie ein Tier?“). Ein güldener Pokal mit der Inschrift “SüdniedersächsischeR BezirksmeisterIn im Skinhead-Bekehren” in den Händen einer kräftigen Projekt-Initiatiatorin mit Kurzhaarschnitt und Lesbenzöpflein; Bewerber, die siegesbewußt Vorher-Nachher-Photos ihrer Klienten herumzeigen (“auf dem zweiten Bild ist sein Bewußtsein ganz klar erweitert”); jedenfalls eine mehr als fesselnde Angelegenheit.

Wäre das nicht sehr, sehr schön?

Jaja, das ist eine sehr alte Geschichte, zehn Jahre alt ungefähr. Gerettet aus der Konkursmasse von kaliban.org. Hier mit neuer Heimstatt. Stilistisch ganz mild überarbeitet.