Früher war alles besser

Früher war gar nichts besser

by Gunnar on 23. August 2011 · 17 comments

Ein Beitrag, in welchem Herr Kaliban Content recycelt und in Erinnerungen schwelgt, was möglicherweise dassselbe ist.

Kürzlich erwiderte mir ein junger Kollege auf meine harmlose Bemerkung, der rollbare Koffer an sich sei möglicherweise die beste Erfindung seit dem heißen Wasser, mit Unverständnis in den Augen, dass er sich an keine Zeit erinnern könne, in der es keine Rollkoffer gegeben habe. Aufgrund des in diesem Gespräch erlittenen Realitätschocks muss ich jetzt mal wieder dem jungen Publikum darlegen, wie’s damals war.

Also, das Internet gab es nicht. Gar nicht. Erst in den Neunzigern, viele Jahre nach meinem Abitur, fing das mit dem World Wide Web an. Und nur zaghaft wagten sich die Massenmedien an die Berichterstattung über das Phänomen:

Und vor allem ästhetisch gab es dabei immer wieder Rückschläge: Surfen Multimedia!

Und überhaupt.

Ihr mögt es nicht glauben, aber früher, als wir jung waren…

… haben wir Lieder aus dem Radio aufgenommen. Auf Kassetten. Stundenlang gewartet, dann vor Schreck zu spät auf “Aufnahme” gedrückt und am Ende hat der blöde Moderator reingelabert. Übrigens: Wenn die Lieder erstmal auf der Kassette waren, gab es keine Möglichkeit mehr, die Reihenfolge zu ändern.

… gab es drei Fernsehsender. Drei! Und keiner davon sendete Musikvideos oder Zeichentrickfilme. Die glücklichen Leute in Süddeutschland hatten noch ORF, wir im Norden mussten uns mit DDR 1 als Extra-Sender begnügen.

… konnten wir Haus- oder Seminararbeiten nicht aus dem Internet abschreiben. Wir mussten uns den ganzen Text SELBER AUSDENKEN oder die igelhaarige Brillenschlange aus dem Parallelkurs bestechen, damit er uns das aufschreibt. Es soll vorgekommen sein, dass Studenten oder Schüler zu Recherchezwecken Bibliotheken aufgesucht haben.

… gab es in der Schule keinen Kopierer. Wenn der Lehrer was vervielfältigen wollte, machte er Abzüge von Wachsmatrizen mit einer absurden Maschine. Die Abzüge waren lila auf gelbstichig, stanken erbärmlich, und vermutlich kriegen wir deswegen irgendwann alle Krebs.

…machten Geschäfte unter der Woche um 18:00 zu. Zack. Und wer am Wochenende einkaufen wollte, musste das bis 12:00 (in Städten: 14:00) erledigt haben. Die Freizeit der Gewerkschaftsmitglieder war heilig. Erschwerend kam hinzu: Tankstellen haben damals nur Benzin verkauft, nicht etwa Bierkästen, Grillkohle und Kuchen.

… haben wir uns im Restaurant, wenn die Wartezeit auf das Essen lang wurde, noch mal eben eine Zigarette angesteckt. Denn nach Murphy’s Gesetz kommt das Essen immer dann, wenn man noch eine halbe Zigarettenlänge vor sich hat.

… hatten wir zwar schon Computer (C-64! Amiga!), aber sehr lange ohne Internet und E-Mail. Ich war so um die 24, als ich meine erste E-Mail-Adresse bekam — und musste mich, um die Mails “abzuholen”, extra mit dem Modem in eine “Mailbox” einwählen. Die Mailbox hatte auch Boards zwecks Meinungsaustausch und Trollerei sowie Pornobildchen in schlechter Auflösung (oder gleich in ASCII-Zeichen, wie Hazamel anmerkt). Eigentlich fehlte nix, so gesehen.

… gab es Apfelsorten wie “Roter Pariner” oder “Altländer Pfannkuchenapfel”. Hunderte, von Landstrich zu Landstrich unterschiedliche. Nicht nur “Golden Delicious” oder “Fuji” wie heutzutage.

… haben TV-Moderatoren zuweilen Sätze wie “Oh, ich glaube, das müssen wir für unsere Schwarzweiß-Zuschauer einmal erklären” gesagt. Und warum? Weil das Fernsehen früher NICHT FARBIG war! Beim Fußball früher hatte der Schiedsrichter extra die rote Karte in der Gesäßtasche und die gelbe in der Hemdtasche, weil im S/W-Fernsehen gelb von rot kaum zu unterscheiden ist. Daher auch der Ausdruck “Arschkarte”.

[Weitere Erinnerungen dieser Art gibt’s im Beitrag Botschaften an die Jugend, der Anno 2009 hier im Blog lief und zu schön ist, um in Vergessenheit zu geraten. Wer mag, kann gerne noch Ergänzungen beisteuern, dort oder hier.]

Wie wir früher spielten

by Gunnar on 25. Mai 2009 · 56 comments

Dass neulich, bei Botschaften an die Jugend (jaja, ich überarbeite das bei Gelegenheit noch, wie versprochen), die Beteiligung von regelmäßigen und unregelmäßigen Kaliban-Lesern so gut war, zeigt doch, dass hier offenbar intelligente Menschen in den 30ern mitlesen, die zudem funktionierende Retro-Partitionen in ihren Hirnen aufweisen. Oder so.

retro gamesJedenfalls, das bringt mich auf eine Idee: Ich würde gerne eine Webseite machen, die sich mit Retro-Spielen beschäftigt. Mit der goldenen Vergangenheit. Nicht sowas Großes, Datenbank-basiertes, All-Umfassendes. Eher eine kleine, feine Seite, die persönliche Geschichten vom Spielen sammelt, Erlebnisse von Veteranen. Eher was zum Lesen, weniger zum Nachschlagen. Ich würde von den Kämpfen gegen die Thargoiden erzählen wollen, von den ungezählten Archon-Matches gegen meinen Freund Roman, von den Nächten mit UFO: Enemy Unknown, von dem Kartenzeichnen bei Bard’s Tale. Et cetera, ihr versteht schon.

Natürlich ist das, wie der Engländer sagt, labor of love, Geld wird damit allenfalls im niedrigen dreistelligen Bereich zu verdienen sein. Ich kann das aufsetzen, kann auch die Traffic-Kosten tragen, kann vielleicht ein paar Spieleindustrie-Veteranen zu kleinen Beiträgen animieren, aber das Gros der Inhalte müsste von anderen Leuten kommen. Das muss nicht exklusiv sein, Wiederveröffentlichungen von Blog-Texten gingen auch. Aber es bräuchte ein paar willige Hände, so vier, fünf, sechs Leute, die regelmäßig mit draufschauen und etwa beim Einbuchen von Beiträgen mit anfassen. Die Ideen einbringen und Texte einloben. Eine Art Redaktion, sozusagen.

Ahem. Wären solche Leute hier zu finden, unter den Mitlesenden?

Bei wirklichem Interesse (Aufwand: so zwei Stunden pro Woche, die aber regelmäßig) bitte ich, eine kurze Notiz an gunnar AT kaliban PUNKT org zu senden.

Botschaften an die Jugend

by Gunnar on 8. Mai 2009 · 139 comments

Nachdem das mit dem Mitmachen der wohlriechenden, gut aussehenden Kaliban-Leser bei den letzten Malen (Zukunftsfragen, Album-Cover, Hohlbein-Bashing) so hübsch geklappt hat, würde ich gerne nochmal zu einer kleinen Gedankenübung einladen. Vor allem die, uh, gesetzteren Leser, die mit Lebenserfahrung, grauen Schläfen, ehrlich erarbeiteten Falten und so.

Also, Ziel ist es, Dinge, Umstände, Situationen aufzuschreiben, die wir ältere Herrschaften noch aus eigener Anschauung kennen, die aber den Kiddies von heute absurd erscheinen müssen. Einfach in die Kommentare tippen, ich übernehme die dann nach und nach in den Beitrag. Sollte eine nett zu lesende Liste ergeben. Ein gewisser vorwurfsvoller Unterton gegenüber der heutigen Jugend, die es natürlich viel einfacher hat als wir damals, ist dem Sujet durchaus angemessen.

Ich fange mal an:

Ihr mögt es nicht glauben, aber früher, als wir jung waren…

… haben wir Songs aus dem Radio aufgenommen. Auf Kassetten. Stundenlang gewartet, dann vor Schreck zu spät auf “Aufnahme” gedrückt und am Ende hat der blöde Moderator reingelabert. Übrigens: Wenn die Lieder erstmal auf der Kassette waren, gab es keine Möglichkeit mehr, die Reihenfolge zu ändern.

… und wenn wir gerade bei Kassetten sind: Die Dinger hatten zuweilen Bandsalat, dann labberte das Tonband aus der Hülle und verknickte im schlimmsten Fall. Mit einem Bleistift in einem der Spullöcher konnte man das dann wieder aufdrehen.

… gab es drei Fernsehsender. Drei! Und keiner davon sendete Musikvideos oder Zeichentrickfilme. Die glücklichen Leute in Süddeutschland hatten noch ORF, wir im Norden mussten uns mit DDR 1 als Extra-Sender begnügen.

… konnten wir Haus- oder Seminararbeiten nicht aus dem Internet abschreiben. Wir mussten uns den ganzen Text SELBER AUSDENKEN oder die igelhaarige Brillenschlange aus dem Parallelkurs bestechen, damit er uns das aufschreibt. Es soll vorgekommen sein, dass Studenten oder Schüler zu Recherchezwecken Bibliotheken aufgesucht haben.

… gab es keine Rollkoffer. Gar nicht. Die Leute an den Bahnhöfen gingen schief, krumm gezogen von der Last der einseitig getragenen Koffer und Reisetaschen. Als die Rollkoffer aufkamen, erschienen in einige Tageszeitungen launige Kolumnen gegen diese neue, modische, unmännliche Unsitte.

[click to continue…]