Fußball

In der Arena tot über’m Zaun hängen

by Gunnar on 19. November 2012 · 6 comments

Vor der Jahreshauptversammlung des FC Bayern beherrscht den Verein wieder einmal eine Debatte mit den eigenen Fans. Noch immer bleibt die Stimmung in der Fröttmaninger Arena oft mau, dabei ist das Stadion wunderschön. Der Klub hat nicht das Publikum, das daraus ein brodelndes Rund machen könnte – zuletzt hielt es sich sogar aus der Kurve fern.

…schrieb die SZ vor ein paar Tagen in einem hübschen Artikel.

Und in der Tat ist das mit der Atmosphäre in der Arena ein bisschen mau. Ist mir früher schon aufgefallen, wenn ich vom Logenplatz aus über meinen Cocktail schaute in der Gästekurve mit den anderen Werder-Fans sang. Ahem. Distanzierter sind die Fans gegenüber der eigenen Mannschaft nur in Dings, Hoffenheim. Ich war dort mal, bei einem Spiel gegen Freiburg. Da war’s ähnlich: Freiburger singen trotz Rückstand, Hoffenheimer pfeifen bein Rückpässen. “Seid doch froh, dass ihr hier Bundesligafußball habt, ihr Nasen” möchte man der Kurve zurufen, aber nunja.

Ich würde ja stumpf diagnostizieren, dass das halt der Preis ist, den man für eine mit Erfolgs- und Modefans aufgeblähte Fanbase zahlt, aber meine Freunde auf Facebook sehen die Sache differenzierter:

Kaliban-Gespräche, Folge 3: Agitpop!

by Gunnar on 21. Mai 2012 · 9 comments

Herr Kaliban sprach mal vor Jahren mit dem Herrn Agitpop über Urheberrecht und Piraterie. Das war ein schönes Gespräch, die Herren nahmen sich denn auch vor, das bei Gelegenheit mal wieder zu tun. Nun, hey, kaum drei Jahre später ist es schon so weit. Das Thema diesmal: der FC Bayern. Das Sujet liegt seit Samstag ein bisschen in der Luft, außerdem ist der Herr Agitpop Fan und Mitglied des besagten Vereins.

Huh, Agitpop? WTF?
Herr Agitpop ist so eine Art “Internet-Freund” vom Herrn Kaliban. Obwohl er FC Bayern-Fan ist. Er twittert zu viel und hat ein sensationelles Blog, das er leider seit einem Jahr nicht mehr updatet, in dem aber noch viele schöne Texte zu finden sind. Der über Bioshock etwa. Oder den über Moral in Games oder der über Schäuble und die Vorratsdatenspeicherung.
Für Portal 2: Show me a Story gewann er den “Warmen Händedruck 2011″, eine Art Preis für Spielejournalismustexte.
Wer mal seine Stimme hören will, könnte das im Zockstoff-Podcast tun, wo er neulich mit Herrn Imre über das Ende von Mass Effect 3 redete.

Herr Kaliban: Also, um mal mit einer Sportreporterfrage einzusteigen: Herr Agitpop, wie fühlt man sich am Tag nach so einem Match?

Herr Agitpop: Kurze Antwort: Leer. Lange Antwort: Völlig leer. Antwort, die ich mir von Spielerseite immer erhoffe: Was ist denn das für ‘ne bescheuerte Frage, du Fliesenleger.

Von uns, die wir nicht Bayern-Fans sind, und daher wöchentlich mit Enttäuschungen und regelmäßig mit titellosen Jahren leben, von uns normalen Menschen also, wird ja immer gerne angenommen, dass Bayern-Fans zu großer Emotion gar nicht fähig sind.

Was natürlich absoluter Blödsinn ist, weil es eine Katastrophenrangfolge vorgibt. So als gäbe es eine Schwelle, die überschritten werden muss damit etwas emotional trifft.

Natürlich ist ein so verlorenes Champions-League-Finale nicht vergleichbar mit einem Abstieg. Aber ein versemmelter Test ist auch nicht vergleichbar mit einem abgebrannten Haus. Das macht die Sache aber in dem Moment nicht weniger schmerzhaft.

Und im Vergleich zu dem, was in Somalia passiert, hat keiner von uns das Recht sich zu beklagen.

Dazu kommt ja noch der Umstand, dass Erfolglosigkeit kein Ehrenabzeichen ist. Als wenn sich die Lauterer Fans beschweren würden, wenn Lautern plötzlich jedes zweite Jahr Meister würde.

Bei mir in der Timeline/Freundesliste/Sozialdings hat der Ton nach kurzer Fassungslosigkeit relativ schnell gegen die eigene Mannschaft gewendet. Da hat kurz nach dem Elfmeterschießen ein Die-Hard-Fan tatsächlich ein “Fuck you, Neuer” ausgestoßen. Sowas ist ein natürlich wahnsinnig subjektiver Ausschnitt aus der Realität, ach was, die Timeline ist ja nicht mal Realität, aber ich bin ja schnell mit Vorurteilen bei der Hand.

Du folgst den falschen Leuten.

Mir scheint das immer ein Anzeichen für verwöhnte Fans zu sein: die schnelle Wut auf die Mannschaft bei Rückschlägen.

Ich folge ja auch so rund 20 bis 30 Bayern-Fans und bei mir war das ganz anders. Hadern. Ja. Und ein gewisser Frust, dass Robben schon wieder im entscheidenden Moment versagt. Das wir bei Standards so harmlos sind, dass wir 18 Ecken haben und nicht eine echte Chance daraus hervorgeht. Dass brutalstmöglicher Defensivfußball belohnt wird, als wäre das 2006 bei der WM noch nicht schlimm genug gewesen.

Aber da war eben auch sofort die Erkenntnis, dass es weitergehen muss. Weiter, immer weiter. Dass die nächste Saison kommt. Dass wir wieder dabei sind. Das war eher ein gegenseitiges Stützen und das Gefühl, dem Verein und einander noch enger verbunden zu sein. Weil man nach 1999 jetzt schon wieder so eine bittere Niederlage gemeinsam erlitten hat. Sowas schweißt zusammen.

Natürlich hat Bayern Erfolgsfans. Mehr als andere Vereine, weil eben mehr Titel geholt werden. Aber ich bin auch erstaunt, wer auf einmal seinen 10 Jahre eingestaubten Biene-Maja-Schal aus dem Schrank kramt. Oder bei der EM wieder im schwarz-weißen Trikot beim Public Viewing jubelt. Scheiß drauf. Die sollen mal machen, aber nach denen muss man sich nicht richten.

In meiner Timeline hat der harte Fankern nach gestern Abend eher ‘ne Menge Respekt für den Schalker Jungen bekommen. Der Mann hat immerhin mehr Eier gezeigt als der Teil unserer Jungs die sich fast unterm Rasen versteckt haben als man Elfmeterschützen suchte.

I second that. Die Tatsache, dass er geschossen (und auch noch getroffen hat), ist krass. Vielleicht das Bedürfnis, immer noch etwas mehr zu tun, um die Anerkennung der Bayern-Fans zu gewinnen. Vielleicht aber auch einfach Tapferkeit vor dem Feind.

Du sprichst ein “gegenseitiges Stützen” unter den Fans an. Das ist etwas, das zumindest ich aus meiner vorurteilsbeladenen Hannover 96-Sicht mit Bayern-Fans nicht sofort assoziiere. Meinst, es tut dem Verein und seinen Fans nicht auch ganz gut, mal wieder ein bisschen Tragik zu erleben?

Ich bin ja persönlich der Meinung, dass ein Barcelona 1999 gereicht hat. Da hätte ich auf ein München 2012 verzichten können. In der Vorwoche – gegen Dortmund – da war’s ‘ne verdiente Klatsche über die sich keiner beschweren konnte. Und vor zwei Jahren gegen Inter war’s auch verdient. Ich glaube nicht, dass Tragik ein pädagogisches Element ist. Vor allem weil’s doch – so wie bei jedem Verein – nur die wirklich hart trifft, die mit Herzblut dabei sind. Die Schönwetterfans fluchen über Neuer und streifen sich dann die schwarz-rot-goldene Blumenkette über und gehen auf die EM-Partys.

Aber – Phrasenschwein!- das gehört doch unabhängig von Verein zum Fußball. Das hätte ja auch Hannover im umbenannten UEFA-Cup passieren können. Das prägt halt und das bleibt im System. Ich sehe uns schon in 10 Jahren da sitzen und vom Krieg erzählen. Wie wir das Finale gesehen haben. Was wir gedacht haben. Das sind Bilder die sich einbrennen und Emotionen die so mächtig sind, das wir sie den Rest unseres Lebens nicht abschütteln werden. So wie vor drei Jahren Bayern-Fans über 1999 geredet haben wie andere Leute über den 11. September.

Ach, ich glaube, die Tragik, die unverdiente Niederlage, das knapp daneben, das ist die Wolle, aus der Veteranengeschichten gewebt werden. Unsere Heimniederlage gegen Atletico war so glatt, darüber musste man nicht reden. Das Spiel in Madrid hingegen, mit der Abwehrschlacht und dem Tor in der Nachspielzeit, das bleibt uns.

Aber wir dürfen ja auch verlieren, wir sind ja nicht Bayern.

Andere Sache: Woran liegt’s denn beim FCB in dieser Saison? Pech und Karma, zu dünner Kader, falscher Trainer?

Der Titel- und Siegeshunger wirkt arrogant. Aber das ist Teil des Deals. Wenn du Bayern-Fan bist, dann willst du jedes Spiel gewinnen. Ist auch eine Einstellung, die ich auf die Nationalmannschaft übertrage. Ist ja ganz toll, dass wir seit sechs Jahren weltweit beliebt sind weil wir sympathische Zweite und Dritte werden. Ich möchte mal wieder ‘nen Titel. Und wenn der dreckig erkämpft und erbolzt wird, dann eben so. In Schönheit sterben – wie’s der Verein gestern gemacht hat – macht auf Dauer auch nicht glücklich.

Diese Saison: Von allem ein bisschen. Wenn man mal neutral drauf guckt: Bayern sind Ligazweiter mit einer Leistung, mit der man in vielen anderen Jahren Meister geworden wäre. Aber die Dortmunder sind einfach eine überragende Mannschaft die letzten zwei Jahre, zumindest national, und das muss man neidlos anerkennen. Da hat Klopp eine Mannschaft geschnitzt die perfekt ineinander greift. In Ansätzen gibt’s das bei Bayern auch. Kroos, Badstuber, Alaba, Müller. Das sind ja Van-Gaal-Gewächse. Aber der wurde halt zu früh entlassen wegen “Erfolglosigkeit” und weil’s zuviele Alpha-Tierchen sind. Ist wie bei den meisten Vereinen: Der Fisch stinkt vom Kopf her und Hoeneß, Rummenigge und Konsorten sind Platzhirsche der alten Schule, die keine Götter neben sich zulassen. Das wird sich wohl ändern müssen.

Ansonsten: Robben versagt im entscheidenden Moment. Mario Gomez ist und bleibt ein Großchancentod und es war kein B-Team da, das überzeugt um zugleich auf drei Hochzeiten zu tanzen, wie das bei Barcelona oder Real geht. Andererseits: Der Preis den die dafür bezahlen, die völlige Überschuldung, ist es nicht wert. Da endet dann die Erwartungshaltung doch.

Vermutlich wär’s mit van Gaal noch auf andere Arten schief gegangen, aber mein Eindruck ist, dass das Trainerteam taktisch nicht voll auf der Höhe ist. Die Mannschaft ist ausrechenbar, vertraut auf individuelles Genie — und wenn der Gegner mal einen klaren Plan hat, dann ist die Heldentruppe plötzlich erstaunlich wirkungslos.

Nicht nur gegen Dortmund, auch Gladbach, Augsburg und Hannover, alles im weiteren Sinne “Trainer-Mannschaften” oder “System-Mannschaften” haben sich gegen Bayern gut geschlagen.

Da hast du Recht. Ein System mit dem wir starr gegen die Wand rennen. Hoher Ballbesitz, aber langsamer Aufbau, immer über die Flügel und ein Robben oder Ribéry werden dann gerne mal ganz aus dem Spiel genommen.

Die Fixierung auf Robbery ist das eine Problem. Schlimmer ist die Fixierung auf Gomez (den ich nicht für einen Chancentod halte) — wenn der abgeschirmt ist, fehlt zu viel. Hat man ja am Samstag gesehen.

Du hälst Gomez nicht für einen Chancentod? Der hätte diese Saison den Rekord von Müller (Gerd, nicht Thomas) einstellen können, wenn er sich nicht im Strafraum so verdribbeln würde oder einfach mal draufziehen würde, statt Bälle erst stoppen zu wollen. Der Mann hat mich diese Saison Nerven gekostet. Gefühlt braucht Gomez vier oder fünf Großchancen ehe er den Ball versenkt. Aber da hat man ja, wie der Stoiberede heute verkündet hat, jetzt eine neue Sturmgranate.

Claudio Pizarro…

Pizarro ist super für die zweite Mannschaft oder als Joker.

Das ist so, als wenn dir der eigene Verein am Tag danach nochmal mit Schmackes eine runterhaut.

Zurück zu Gomez:

Gomez schießt pro Spiel 3 Mal auf das Tor (3,1 Mal, um genau zu sein) und erzielt dabei fast immer einen Treffer. Das ist so schlecht nicht, andere Stürmer haben keine besseren Quoten. Und er spielt wirklich gut mit, zieht Verteidiger, schafft Räume, provoziert Fouls.

Das ist doch wieder so’n typisches Bayern-Fan-Ding, das man mit einem 30-Mio-Stürmer nicht zufrieden ist…

Ja, aber das sind objektive Statistiken! Bei der eigenen Mannschaft geht es nicht um Objektivität. Da sehe ich, wie Gomez schon wieder einen Ball vertändelt und denke mir bei jedem einzelnen Schuss, dass unsere Omma das auch noch hinbekommen hätte.

Nun gut, Lewandowski sieht eleganter aus dabei. Der Gomez sieht übrigens in vielen Situationen nur komisch aus, weil er so lange Beine hat. Im Spiel gegen Chelsea hat er sich sogar einen Fallrückzieher aufgelegt – der kann durchaus was am Ball.

Außerdem profitiert ihr doch von unserem Bayern-Ding und bekommt preisgünstig Spitzenkräfte wie Schlaudraff und Haschemian. … … Okay, letzterer vielleicht nicht so sehr.

Nicht nur Hannover, die Liga ist voll von Leistungsträgern, die man bei Bayern nicht richtig einsetzen konnte oder wollte. Pizarro, beispielsweise. Podolski. Kroos. Kraft.

Mats Hummels.

Korrekt.

Und nächstes Jahr schießt uns Olic aus dem DFB-Pokal und Usami aus der Champions League.

Lass uns noch einmal zum Fan-Sein zurückkehren: Nervt das, das man immer des “Erfolgs-Fan”-Seins verdächtigt wird?

Oder kommt das gar nicht so oft vor, wie ich mir das vorstelle, der ich natürlich JEDEN Bayern-Fan automatisch für einen Event-Fan halte?

Doch, das kommt dauernd vor. Du wirst ja auch als Fußballfan von den anderen nicht ernst genommen, eben weil du Bayern-Fan und damit kein Fan bist. Was aber auch schizophren ist: Für Erfolge sollst du dich schämen, Misserfolge reiben dir die gleichen Leute dann mit Inbrunst unter die Nase.

Aber auch das definiert ja. Als Bayern-Fan leidest du eben unter anderen Problemen. Das willst du aber auch. Du willst ja den Neid und die Missgunst, weil du dann weißt, dass das Ding läuft. Diese ekelhaften Beileidsbekundungen, die braucht doch kein Mensch. Und immerhin kannst du dir sicher sein, dass du deutschlandweit Antipathien erntest. Damit muss man eben auch umgehen können. Aber wenn du als Fan von allen gemocht werden willst, dann musst du halt Freiburg supporten.

Oder Mainz.

Oder Mainz.

Trägst Du Farben? In der Öffentlichkeit, meine ich. Vor dem Fernseher zählt nicht.

Klar. Wobei ich in den letzten Jahren eher zum dezenten T-Shirt übergegangen bin. Aber mein Mehmet-Scholl-Shirt trage ich mit Stolz. Den Schal im Winter auch. Im Trikot bin ich inzwischen seltener unterwegs, weil’s doch in vielen Situationen unangemessen ist. Und den Bazi-Button der mit der Vereinsmitgliedschaft kam, habe ich auch noch nicht ans Revers geheftet. Aber ich stehe schon klar zu meinem Fansein und zum Verein.

Gut so. Nun, ich überlasse dich jetzt wieder deinem Schicksal und den Morissey-Platten, wünsche verständnisvolle Kollegen und generell eine gute Zeit. Wir sehen uns in der Liga und ich hoffe, unsere Heimspiele gegen euch gehen genau so aus wie in den letzten beiden Jahren.

Ich muss jetzt “Schau’n mer mal” sagen. Oder?

Ich hätte zum Ausklang noch einen Musikwunsch:

Da gibt’s in den Kommentaren – bei Youtube erschreckenderweise – einen gar nicht so dummen Satz: “In den Farben getrennt. In der Sache vereint.”

Ich glaube, das ist ein gutes Schlußwort.

Amen.

[Hinweis: In den ersten beiden Folgen der “Kaliban-Gespräche” redete Herr K. mit Petra Fröhlich, Spieleredakteurin Galore, und Falko Löffler, Schriftsteller und Spieletexter.]

Ausnahmsweise FCB

by Gunnar on 19. Mai 2012 · 7 comments

Liebe FCB-Fans,

wir geben es zu: Eben haben wir dem BVB auch noch das sechste und siebte Tor gewünscht, nur um Arjen Robben weinen und den Bratwurstbaron die Backen aufblasen zu sehen.

Heute jedoch, mit ängstlichem Blick auf die Uefa-Fünfjahreswertung und die Stimmung des Bayern-Blocks in der Nationalmannschaft, sind wir voll auf eurer Seite. Zumal Chelsea ja nun auch wirklich der unsympathischte Verein auf Gottes Erdboden ist.

Los also, feuert eure Millionäre an, damit sie Herrn Abramowitsch und seinen Millionären zeigen, wo der Hammer hängt. Wir würden sogar ein demütigendes 5:0 über die Engländer gutheißen. Auch wenn wir dann ein paar Monate lang eure unerträglich gute Laune ertragen müssen.

Alles Gute,

der Rest der Republik

P.S. Das heißt noch lange nicht, dass ihr jetzt alle eure Profilbildchen bei Facebook und Twitter und Gravatar und Google+ durch Bayern-Logos ersetzen sollt. Das nun nicht. Jede Toleranz hat Grenzen. Es ist doch auch eine Frage der Ästhetik. Denkt doch an die Kinder!

Weil ich mich gerade an ein paar Stellen im Internet darüber gezankt habe, schreibe ich meine unmaßgebliche Meinung zu diesem Thema auch hier noch mal rasch auf.

Fortuna Duesseldorf

Kurz zum Background: In Düsseldorf war ein Fußballspiel. Fans der Gästemannschaft reagierten auf den vorentscheidenden Gegentreffer mit dem Werfen von Knallkörpern und Bengalos in Richtung Eckfahne. Polizei zog auf, et cetera, das Spiel wurde unterbrochen. Spiel ging weiter, Gästemannschaft schoß ein Tor, Nachspielzeit, der Schiedsrichter pfiff irgendwas. Die euphorisierten Fans der Heimmannschaft dachten, es sei der Schlusspfiff und stürmetn den Platz. Mit ein bisschen Überzeugungskraft schickte man sie wieder runter, es wurden noch zwei Minuten gespielt. Abpfiff. Die Gästemannschaft legte Protest gegen die Spielwertung ein (“unsere Spieler hatten Todesangst”; “wir sind nur nochmal aufs Feld gegangen, um ein Blutbad zu verhindern”).

Fortuna Duesseldorf

Jetzt liest und hört man’s wieder überall: “Chaosspiel”, “Mega-Skandal”, “Die Fußballschande von Düsseldorf” und so weiter. Alles ereifert sich über die blöden Fußballfans.

Aber hey, mal realistisch betrachtet: Die “Debatte” besteht mal wieder zu 90 Prozent aus Speichel und heißer Luft. Der Platzsturm war rabaukig und maßlos, aber doch nun nichts wirklich Schlimmes. Sowas kommt in den besten Familien vor. Nur halt eben nicht vor dem Schlusspfiff, aber das war natürlich eher ein Versehen, eine Missinterpretation eines Pfiffs. Was da auf dem Rasen stattfand, war natürlich Sachbeschädigung (irgendwer wollte gar den Elfmeterpunkt klauen), aber am Ende waren es einfach feiernde Menschen, Männer, Frauen und Kinder.

Und, Punkt 2, auch wenn manche, die Fußballspiele nur von Sky HD oder aus der VIP-Loge kennen, das anders sehen mögen: Bengalos an sich sind auch noch kein Grund für den Einsatz von Blauhelmen. Ich persönlich fühle mich, auch wenn die Medien zunehmend von Hooligans und Fangewalt hyperventilieren, im Fanblock sicherer als an Silvester auf der Hauptstraße einer deutschen Kleinstadt.

Das Werfen von bengalischen Fackeln, aufs Spielfeld oder sonstwohin, hingegen ist natürlich etwas, was bestraft gehört. Wenn man also dem Spielabbruch das Wort reden möchte, hätte man in der 60. abbrechen müssen, als die Hertha-Fans erstmals Wettwerfen auf die Eckfahne veranstaltet haben.

P.S.

Als Ergänzung differenziertere Meinung, abseits der Mainstream-Medien: Spielverlagerung.de verurteilt die Vorfälle auch, vermeidet aber stereotypes Gebashe. Geht doch auch.

Der Tagesschau-Redaktion ist es auch aufgefallen: “Eine hochgeschriebene Horrornacht”.

Finale dahoam

by Gunnar on 16. Mai 2012 · 4 comments


Richtig Fußball lesen

by Gunnar on 10. Mai 2012 · 11 comments

Ach, seien wir ehrlich, der moderne Fußball der Bundesliga ist ein Wunder: die eklatante Cleverness des flexiblen Dortmunder Systems, das aufregende Vertikalspiel von Gladbach, die taktische Disziplin Augsburgs, alles brennend interessant. Über Fußball reden geschweige denn Fußball verstehen zu wollen, erfordert viel mehr als “Hannover sucht aber schnell über Konter den Abschluss” oder “Der Müller hatte mal wieder einen schlechten Tag”. Okay, nicht erst seit heute, aber doch (gefühlt) zunehmend mehr.

Das Fernsehen ist einem dabei nicht immer eine Hilfe. Ich bin nicht oft im Stadion, zwei oder drei Mal pro Saison, aber es erstaunt mich immer wieder, wie viel klarer man dort das Spiel in seiner ganzen Breite sieht, die Bewegungen der Spieler, das Umschalten zwischen Systemen, das Halten von Positionen. Und der Kommentar im deutschen Fernsehen ist schon gar nicht zu ertragen.

Also bleibt mir das Lesen im Internet. Mithilfe geschätzter Leser dieses Blogs (Garrett, Baruch, Julian und vor allem Christoph) habe ich eine kleine Liste zusammengestellt, von Dingen, die es sich zu lesen lohnt. Gibt sicher noch mehr, wer was vermisst, kann’s ja in den Kommentaren anmelden. Und ja, mir ist auch klar, dass die Saison vorbei ist. Aber hey, nach der Saison ist vor der Saison.

Taktik und Analyse:

Spielverlagerung (gerade frisch für den Grimme-Preis nominiert!) macht sprachlich dürre, aber inhaltlich tolle Spielanalysen. Ballverlust ist grundsätzlich ähnlich, sprachlich vielleicht ein bisschen interessanter, dafür seltener aktualisiert. Beide Seiten beschäftigen sich mit Bundesligafußball, berichten aber auch über internationale Spiele. Den österreichischen Blickwinkel steuert Ballverliebt bei (die aber natürlich nicht nur über die, hihi, “tipp3-Bundesliga powered by T-Mobile” berichten).

Wer hingegen über die Taktik spanischer, englischer oder italienischer Teams lesen möchte, wäre bei Zonal Marking gut aufgehoben. Freunde des holländischen Fußballs lesen 11tegen11.

Statistik zum Selbernachlesen gibt u.a. bei Bundesliga.de oder Four Four Two.

News und Berichte:

Schneller Überblick: Football Filter.

Von großer Brillanz ist natürlich 11Freunde.de, mit einem wilden Mix aus Quatsch, Nachrichten und Hintergrund. Von ähnlicher thematischer Breite, aber weniger fankulturell und auf Englisch ist Bundesligafanatic.

Eine Extra-Erwähnung gebührt dem Liveticker von 11Freunde, der ist sensationell. Der Spielverlauf kommt nicht immer voll raus, aber die Texte sind Pulitzer-Preis-würdig. Leseprobe:

31. Weil es hier drunter, drüber und wieder drunter geht, nur noch schnell die Fakten. Benzema schniedelt einen Ball um Vorhautbreite am Pfosten vorbei, Lahm jahrtausendgrätscht Özil auf den Boden der Tatsachen zurück, Gomez steht blank vor Casillas. Nein, liebe Mädels, nicht so. Blank im Sinne von frei. Ach Mist, aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Der Ball geht jedenfalls vorbei. Atme, wer kann.

Philosophie und alles:

Super, wenn auch ein bisschen abseitig: Run of Play. Wird allerdings nicht mehr aktualisiert und auf Tumblr weitergeführt. The Football Rumble (Podcast) traut sich auch eher mal was Verrücktes und ist deshalb meist ziemlich lustig.

Sonstiges:

Trainer Baade ist ein kundiges Sportjournalistenblog; Volk ohne Raumdeckung hat den besten Namen; Swiss Rumble beschäftigt sich, auf englisch, mit der eher geschäftlichen Seite des Sports.

Wer gut informiert sein möchte, kommt natürlich auch an Transfermarkt nicht vorbei, die Seite beleuchtet genau das, was man anhand des Namens erwartet.

Vereinsfanblogs:

Ich bin, ich erwähnte es ja schon verschiedentlich, Fan von Hannover 96, also lese ich Die Roten. Und das Werderblog. Bayern-Fans haben eine reichhaltigere Auswahl: Breitnigge ist nicht schlecht, Fernglas FCB auch nicht. Erfolgsfans mit Neigung zum Nörgeln hören den Fehlpass-Podcast. Fans anderer Vereine mögen selber suchen, deren Blogs kenne ich nicht. Obwohl, Schwatzgelb ist mir wegen des Namens im Gedächtnis geblieben. Und Gib mich die Kirsche, eine Art Hochglanz-BVB-Blog.

NACHTRAG:

Es soll ja Leute geben, die das mit dem Lesen so weit treiben, sich sogar Bücher anzuschaffen. Empfohlen von Mitleser Vagabond und mir sind diese:

Revolutionen auf dem Rasen: Eine Geschichte der Fußballtaktik

Die Fußball-Matrix: Auf der Suche nach dem perfekten Spiel

Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann: Wie moderner Fußball funktioniert

Vor allem das erste ist Pflichtlektüre.

Und als Rausschmeißer noch der Hinweis: Fever Pitch, Nick Horbys großartige Arsenal-Liebesgeschichte gibt für 1 Cent bei Amazon (plus Versand). Kann man mal lesen.

Crowdsourcing: Fußball und Flashgames

by Gunnar on 21. November 2011 · 13 comments

Kurze Meldung in eigener Sache:

Ich möchte in nächster Zeit, ergänzend zu den Sonntagslinks, ein paar thematische Linklisten veröffentlichen, namentlich

a) eine mit tollen Browserspielchen für zwischendurch (ich denke an Perlen wie Canabalt)

und

b) eine mit Blogs, Podcasts und generell interessanten Seiten zum Thema Fußball (sowas wie das hier).

Vielleicht auch noch weitere, wenn’s gefällt. Aber erstmal eben diese beiden.

Vorschläge, anyone?

——

Wir sind Bundestrainer

by Gunnar on 18. Juni 2010 · 17 comments

Herrn Kaliban nerven am deutschen Fußball vor allem die Diskussionen der Fans.

Ein paar willkürlich und eher zufällig ausgewählte Aussagen aus dem SpOn-Forum zum Serbien-Spiel (Zusatzinfo für Fußballabstinenzler: das von eben, das wir 0:1 verloren haben):

Keine Ahnung, welches Spiel diese Leute gesehen haben, aber auf meinem Bildschirm lief ein Match, in dem eine engagierte deutsche Mannschaft durch sehr kleinliches Abpfeifen harmloser Situationen (was in einer Gelbflut und einer roten Karte für Klose gipfelte) schwer aus dem Tritt gebracht wurde. Und auch deshalb ein Gegentor kassierte, weil Badstuber sich, Sekunden nach der roten Karte, wohl keine Grätsche gegen den durchgebrochenen Krasic getraut hat. Wie überhaupt die Deutschen, eigentlich ja ein robustes Team, oft merkwürdig körperlos agierten, was sicher auch etwas mit den 19 Freistößen zu tun hat, die gegen Deutschland gepfiffen wurden. Vielleicht hätte Spanien einen Schiedsrichter, der angeblich in 17 Ligaspielen 11 rote Karten verteilt hat, gar nicht erst zur WM schicken sollen.

Aber wurscht, ob man in der Schiedsrichterleistung oder der Harmlosigkeit der Deutschen oder der Cleverness der Serben den Grund für die Niederlage sehen mag, es ist doch wohl ein bisschen albern, immer gleich in die unterste Kiste zu greifen und das eigene Team mit Häme und Beschimpfungen zu überziehen. Und das nur eine Woche nachdem man dieselbe Mannschaft wegen ein paar Treffern gegen ein B-Team in den Himmel gejubelt hat. Siehe exemplarisch dazu die Bemerkung einer Bekannten auf Facebook soeben:

Grmpf. Das ist wie im Vereinsfußball: Man ist Fan einer Mannschaft oder eben nicht. Ist man’s, dann in guten wie in schlechten Zeiten. Ich als Anhänger von, eh, Hannover 96, darf mit Fug und Recht behaupten, dass das nicht immer leicht ist. Aber so ist es eben. Wem das zu anstrengend ist, der möge Brasilien adoptieren oder Bayern-Fan werden. Ahem.

Soccer Power Index FTW!

by Gunnar on 15. Juni 2010 · 5 comments

Herr Kaliban wüsste gerne mehr. Insbesondere über den deutschen Fußball.

Ich bin, wie viele Fußball-Fans, immer für handfeste Statistiken zu haben. Und fühle mich da grundsätzlich unterversorgt von deutschen Medien. Bei uns erfährt man ja höchstens mal, dass “Lukas Podolski verhältnismäßig wenig nach hinten gearbeitet hat”* und Kloses Leistung gegen Australien nach Meinung der namenlosen Redaktion mit der Schulnote “2,5”* zu bewerten ist. Die Amerikaner sind da ein Stück weiter, nicht nur bei ihren Nationalsportarten, sondern auch beim Fußball. Auf ESPN gibt’s beispielsweise den Soccer Power Index (SPI), der alle Teams nach Leistung einstuft, woraus sich dann auch gleich Siegwahrscheinlichkeiten berechnen lassen. Für die nächsten beiden Spiele von Deutschland sieht es beispielsweise so aus:

Man kann sich mittels des SPI auch gleich die Chancen aller Mannschaften im Turnier auf einmal anzeigen lassen, wo dann herauskommt, dass Brasilien eine knapp 22%ige Chance auf den Cup-Sieg hat, Deutschland hingegen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 18 Prozent überhaupt das Halbfinale erreicht. Spielerei, jaja, aber suuuper, um das Geplapper in der Halbzeitpause zu überbrücken und trotzdem im Fußball-Thema zu bleiben.

Wem das alles zu viel Spekulation ist, der kann natürlich auch beim Handfesten bleiben und bei ESPN nachschauen, wo beim Australien-Spiel dieser Özil auf dem Spielfeld zu finden war…

… oder von wo die Torschüsse der Deutschen ausgeführt wurden oder wieviele Fouls es pro Mannschaft gab. Oder die Entstehung einzelner Tore:

Und so weiter und so fort.

Warum kriegt man das eigentlich in Deutschland so nicht? Das interessiert doch im Grunde jeden. Oder gibt es irgendwo noch hochfrequentierte deutsche Webseiten mit tiefen Analysen und relevanten Statistiken, die mir bislang entgangen sind?

P.S. Herrn Kalibans Dank für den Tipp mit dem SPI geht an seinen Freund H. aus G.
P.P.S. Wo wir grad’ bei Großtaten ausländischer Medien sind: Marca aus Spanien hat jedes Tor als 3D-Animation und überdies diesen sensationellen WM-Planer.
P.P.P.S. Passt hier nicht ganz, aber wurscht: Die beste iPhone-App zum Thema Fußball ist IMHO übrigens die von Sport1.

Das muss enden!

by Gunnar on 1. August 2009 · 13 comments

bundesliga

Gottseidank geht’s bald wieder los.

Wenn ich einen Bundesligaverein trainierte,…

Mai 29, 2009

… dann würde ich alles ganz anders machen. Die herkömmlichen Trainer mögen einen Trainerschein gemacht und Sporttheorie gebüffelt haben, aber ich, ich kann auf die Erfahrung von 5.000 Partien Pro Evolution Soccer zurückgreifen. Dort habe ich gelernt, wie der Fußball wirklich funktioniert.

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Gebrauchte Buddha-Statuen abzugeben

April 27, 2009

Keine Ahnung, warum die Entlassung irgendeines Trainingsleiters von irgendeinem, allenfalls regional bedeutsamen, Fußballverein so wichtig ist, dass die ARD dafür ihr Programm umstellen muss. Finde das irgendwie surreal. Aber offenbar hat die ganze Sache mehr Relevanz, als ich ihr zunächst beigemessen habe — ein, uh, mir persönlich bekannter, hochrangiger Münchener Medienmanager meinte, das Scheitern der […]

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