Gadgets

Der Kindle Paperwhite und Mario Gomez

by Gunnar on 19. Dezember 2012 · 9 comments

Kein Review, nur ein kurzer Erfahrungsbericht nach einem Monat mit dem Kindle Paperwhite.

Kontra:
# Die UI ist anders als bei meinem letzten Kindle, aber immer noch scheiße. Halt anders scheiße. Amazon checkt’s einfach nicht.
# Eine besondere Farce ist der Swipe. Man zieht einmal über den Screen, wenn man fertig ist, kommt das Bild nachgeruckelt.
# Auch Touch ist nicht so toll, oft muss ich mehrmals drücken, ehe das Ding reagiert. Der Kindle teilt zum Blättern den Schirm in Zonen ein, die linke Zone, etwa 20 Prozent der Fläche, blättert zurück, der Rest vor, und oben ist noch ein Bereich für sonstige Funktion. Ich treffe die kleinere Zone gerne mal nicht und verblättere mich. Liegt vielleicht an mir, aber die Tasten der älteren Modelle waren praktischer. Und das Flackern beim Umblättern ist auch nicht viel besser als früher.
# Überhaupt: Das ganze Ding fühlt sich, wenn man Tablets von Apple oder Google gewohnt ist, an wie… nun, wenn sich Plattenbauten anfühlen müssen, wenn man Altbauvillen mit Stuckdecken gewohnt ist. Billiges Plastik.

Pro:
# Es leuchtet. Der Paperwhite ist leicht von hinten beleuchtet, bisschen unregelmäßig, aber nicht so, dass es nervt. Das ist super. Perfekt. Genau getroffen. So genau, dass man sich fragt, wie man jemals auf einem anderen Kindle lesen konnte. Oder gar in einem unbeleuchteten Papier-Buch. Absurd.
# Es ist leicht. Und klein. Kann man in die Jackentasche stecken, kann man in einer Hand angenehm im Bett halten.
# Man kann damit lesen. Das Schriftbild ist scharf, die Augen ermüden nicht.
# Hält lange. Ich habe in den drei, vier Wochen nur einmal die Batterie geladen, obwohl ich obendrein immer vergesse, WLAN auszuschalten, wenn ich’s nicht brauche.

Gäbe noch mehr zu sagen, aber das sind die einzigen Dinge, die mich interessieren. Der Paperwhite ist der Mario Gomez unter den Stromgadgets: Besonders toll oder modern ist das alles nicht und ja, Eleganz ist was anderes, aber hey, am Ende zählen die Tore kommt es darauf an, wie’s sich damit lesen lässt.

Ich bin zufrieden mit dem Ding und nutze es täglich. Aber es ist nicht viel Fantasie nötig, um zu prognostizieren, dass diese Geräteklasse in ein paar Jahren wieder ausstirbt — wenn man ein Nexus 7 oder ein iPad Mini hat, liest man darauf zwar schlechter als auf dem Kindle, aber auch nicht so viel schlechter, dass es sich lohnen würde, nur für das Lesen ein zusätzliches Gerät mitzuschleppen oder überhaupt zu besitzen. Außer man ist Hardcore-Leser.

Den Paperwhite gibt’s, wo sonst, bei Amazon, das Modell ohne 3G kostet 129 Euro.

Der Kindle und ich

by Gunnar on 3. August 2011 · 26 comments

Herr Kaliban hat ein neues technisches Gerät, mit dem man aber nicht spielen kann. Tragisch.

Es kommt alles zusammen: Erst fällt mir beim Einräumen auf, dass von den ca. 900 Büchern, die wir beim Umzug in die neue Wohnung mühsam geschleppt haben, nur 600 ins Regal passen und etwa 300 in die Kategorien “Lese ich nie wieder” und “Gehört das uns?” fallen, was in der überhasteten Entsorgung von 250 Büchern in Ebay, Amazon, Altpapier und Oxfam resultiert. Dann hebe ich mir abends beim Lesen im Bett einen Bruch, als ich G.R.R Martins gewichtiges neues Werk* (geschätztes Gewicht: etwa so viel wie eine mittelgroße Ziege) aufschlagen will.

Ich beschließe, dass der Erwerb von Büchern auf ein Minimum reduziert werden muss und dass man diesen neuen Technologien ja mal eine Chance geben kann. Und schleiche eine Weile, mit dem Haushaltsgeld in der Hosentasche klimpernd, um Kindle, Nook Oyo und all die anderen Elektrotintengeräte herum, auf denen man angeblich Bücher lesen können soll. Irgendwann wird der Liebe meines Lebenstm mein Geschleiche zu viel, sie gibt den Schwiegereltern einen Tipp, ein Geburtstag kommt und, huh, wir haben einen Kindle im Haus.

Das Ding ist schmuck verpackt, das macht man ja heute, in der Post-iPod-Ära, mit Technik so. Wenn man’s in die Hand nimmt, anschaltet und mal einfach so zu benutzen versucht, hat man aber erstmal ein erstaunliches Steinzeit-Gefühl: Kein Touch? Keine Farbe? Mit einem 5-Wege-Button durch Menüs holpern? Und wer hat die komische GUI erfunden?
Das vergeht aber schnell, wenn man erstmal anfängt, zu lesen. Das geht nämlich sehr gut, vermutlich, weil das Gerät genau dafür gebaut wurde. Man liest und blättert und liest und versinkt in der Geschichte und irgendwie vergisst man, dass man da nicht in einem richtigen Buch liest, mit Duft und Umschlagtextur und Blättergefühl, sondern auf einer schnöden Bildschirmmaschine. Und das ist ja schon mal ganz ordentlich.

Kurzum: Ich laufe mit dem Ding jetzt gut zwei Wochen herum, nutze es täglich, vor allem im Bett vor’m Einschlafen und in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit, und mag es nicht mehr missen. Man braucht allerdings noch eine dieser Hüllen mit Lampe dran, weil der Screen ja nicht von sich aus leuchtet, das war mir irgendwie entgangen.

Irritierendes Detail: Der Kindle hat einen eigenen Stromanschlussstecker (Mini-USB), der aussieht wie der vom iPad, weshalb ich schon zwei Mal mit dem falschen Stecker unterwegs war.

Angenehmes Detail: In der Tat scheint eine Batterieladung Wochen zu halten, weil die E-Tinte offenbar nur beim Umblättern Energie verbraucht, nicht beim Anzeigen. Und das, obwohl ich immer die Lampe anhabe und notorisch vergesse, den WLAN-Empfang zwischendurch auszuschalten.

Fortschritt wird überschätzt, womöglich

by Gunnar on 18. Februar 2010 · 18 comments

Ein kurzer Beitrag, in welchem der Verfasser erst Hoffnung in die moderne Technik schöpft und dann doch wieder verzweifelt.

Ich bin gerade auf der MWC, dieser Mobilfunk-Messe, die derzeit groß in den Medien ist. Trotze dem Regen von Barcelona und der Bestuhlungspolitik von Spanair, um mich beruflich und persönlich fortzubilden. Habe Eric Schmidt von Google live sprechen gehört, das neue Samsung Smartphone in der Hand gehabt und diesen absurden Kopfhörer von Docomo gesehen, bei dem man die Lautstärke mit Augenbewegungen regeln kann. Und musste, mit vor Neid gelber Nase, das Grinsen meines Programmierer-Kollegen M. ansehen, der für’s Absitzen einer Stunde Einweisung in die Grundlagen der Android-Entwicklung von der enthusiasmierten Google-Crew ein Nexus One* geschenkt bekommen hat. Während ich bei Microsoft war, um mich über Windows 7 Mobile gehirnwaschen zu lassen. Wieder auf den falschen potenziellen Weltherrscher gesetzt. Ich Depp.

Aber eigentlich war das einzige, was mich halbwegs beeindruckt hat, ein Ladegerät namens Powermat*, das Gadgets drahtlos auflädt und zunächst so aussah, als könnte es alle meine Probleme lösen. Wollte das auf der Messe schon vom Stand klauen, aber es war zu gut befestigt.

Allerdings: Nach dem Anschauen des Videos verstehe ich die Sache nicht mehr: Wo liegt der Sinn? Ich hatte zuerst gedacht, das Ding könnte magisch einfach alles aufladen, was ich drauflege. Kann es aber nicht. Klar, ich brauche keine Kabel mehr, aber wo ist der Komfortgewinn, wenn ich stattdessen pro Gerät einen spezialisierten Receiver benötige?

Seufz. Wieder einmal löst der technische Fortschritt die Probleme nicht, die mir durch ihn entstehen.