Hass

Blöd, dass Mord verboten ist

by Gunnar on 31. Mai 2010 · 20 comments

Wer als Erstes an die Wand gestellt wird, wenn die Revolution doch noch kommen sollte.

Wir haben Freitagmorgen, knapp 9:00, verhaltener Sonnenschein, ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Die Lyonel-Feininger-Straße ist ein bisschen unübersichtlich, da nehme ich statt der Fahrbahn immer den Bürgersteig, der ist drei Meter breit, übersichtlich und mangels angrenzender Wohnhäuser auch immer frei. Ich nähere mich einer Ausfahrt, bremse ein bisschen ab, da dreht ein geföhnter Herr in einem silbernen BMW Z4 Cabrio von der Gegenseite der Straße mit quietschenden Reifen in die Ausfahrt ein, kurbelt hektisch am Lenker und zieht voll auf den Bürgersteig. Nicht den Bürgersteig touchierend oder sowas, nein, er biegt einfach auf den Fußgängerweg ein, als sei der eine Fahrbahn. Dort kommt er zum Stehen, — zwei, drei Meter vor mir. Ich reiße an den Bremsen, gerate ins Schlittern, bekomme das Rad knapp links an dem Wagen vorbei. Der Schwung und der Schreck tragen mich weiter, erst nach zehn Metern drehe ich mich um, um dem Fahrer des Z4 irgendwas hinterher zu schreien. Und sehe, wie der Typ (übrigens sonnengebräunt und gepflegt dreitagebärtig) seelenruhig aus dem Auto heraus einen Brief in den Briefkasten wirft. Da geht mir der Sinn seines Manövers erst auf: Der hat den Stunt nur veranstaltet, um an den Postkasten zu kommen, ohne auszusteigen.

Danach wendet er und fährt dahin zurück, wo er hergekommen ist — vermutlich ist das einfach seine tägliche Fahrt zum Briefkasten.

Ich stehe konsterniert und schaue nur. Wie scheiße kann man sein?

Ah, dass man im echten Leben nicht ständig in den Rucksack greifen und seine BFG* hervorziehen kann, ist manchmal frustrierend, wirklich.

Krass! Herr Kaliban bezieht Stellung!

by Gunnar on 21. Februar 2009 · 9 comments

Ständig höre ich Leute sagen, Dings (wobei Dings für eine Person, eine Band, einen Film, eine Stadt, eine Sexualpraktik, eine Schokoladensorte oder sonstwas stehen kann) könne man nur lieben oder hassen, dazwischen gäbe es nichts. Dings sei polarisierend, Dings spalte, Dings zwinge unbedingt zu einer Position.

Keine Ahnung, ob’s an einsetzender Altersmilde liegt oder der vage beunruhigenden Entwicklung, dass ich mich mit zunehmendem Alter hauptsächlich für mich interessiere und andere Menschen eher als temporäre Störung der Matrix wahrnehme, jedenfalls gelingt es mir jedes Mal problemlos, Dings mittelsuper, mittelscheiße oder schlicht uninteressant zu finden.

Das sage ich dann auch zuweilen. Dann sind die Leute immer mindestens mittelbeleidigt. Dabei ist es ja, betrachtet man es im gleißenden Licht der Wahrheit, nicht wirklich mein Fehler, wenn die alle Leute mit haltlosen Generalisierungen um sich werfen.

Aber es ist das alte Problem — kein Mensch mag dich, weil du Recht hast.

Bsirske fliegt auf Meilen

by Gunnar on 4. August 2008 · 8 comments

Übrigens sollten Journalisten, die Rabatte auf alles und jedes beanspruchen, weil sie einen Journalistenausweis haben, die Debatte sehr zurückhaltend führen.

Herr Leyendecker argumentiert in seinem Kommentar über die Taktlosigkeit des Herrn Bsirske, auf Freimeilen per First Class in den Urlaub zu fliegen, während Ver.di die Lufthansa bestreikt, wie immer schlüssig und gekonnt. Er zeigt auf, dass Herr Bsirske seine Aufsichtsratsvergütung immer brav abgibt, stellt fest, dass der Fall Hansen doch eigentlich ungleich schlimmer sei und wundert sich über die besondere Qualität der Empörung, die Gewerkschaftlern bei Abzocke-Verdacht entgegen schlägt:

Einige Affären der vergangenen Jahrzehnte lassen zumindest den Schluss zu, dass Gewerkschaftsleute möglicherweise immer noch eine höhere moralische Fallhöhe als andere Gesellschaftsgruppen besitzen.

Aber das zentrale Problem entgeht ihm. Dabei ist das alles ganz einfach — wenn ein Manager oder ein Redakteur oder ein Hausmeister seine Job-Privilegien ausnutzt, so ist das vielleicht moralisch nur halbschön, aber der Mann arbeitet immerhin in seinem Job, weil ihn irgendwer für die bestmögliche Besetzung gehalten hat.

Bsirske hingegen sitzt keineswegs im gepolsterten Ledersessel der Lufthansa-Aufsichtsrats, weil man ihn für seine Lebensleistung ehren wollte oder sonstwie viel von ihm hält — Bsirske ist der entsandte Stellvertreter der Arbeiter und Angestellten des Unternehmens. Und als solcher ist es mindestens ungeschickt, vermutlich aber eher ein Anzeichen von entwickelter Großmannssucht, das Freiflugprivileg für Privatreisen zu nutzen. Und auch noch in der First, wo doch nur arrogante Bonzen und geföhnte Promis reisen. Bäh.