Ich

Das universelle Geschäftsmodell

by Gunnar on 12. August 2010 · 14 comments

Herr Kaliban erinnert sich an eine grundlegende Regel.

Früher arbeitete ich, studiumsbegleitend, bei der Firma ViCo Multimedia in Kassel und Göttingen. Der einfallsreiche Name ViCo stand für Video- und Computerspiele — und das war es denn auch, was dort verkauft wurde. So richtig klassisch im Einzelhandel, Steam gab es ja noch nicht, und Amazon.de hieß noch Telebuch. Ich legte dort, im Fronteinsatz am Gamer, den Grundstein für meine spätere Karriere, indem mich mir durch ausdauerndes Ausprobieren der Ware die absurden Detailkenntnisse aneignete, mit denen ich dann Anno 1998 meinen späteren Chef im Vorstellungsgespräch beeindrucken konnte. Eine der Fragen damals war: “Auf wie vielen unterschiedlichen Screens stellt Fallout 1 am Ende des Spiels den Fortgang das weitere Schicksal der Welt dar?” Schlimm. Weiß auch gar nicht mehr, was ich geantwortet habe, aber das ist ja auch nicht Gegenstand dieser Beitrags, denn eigentlich wollte ich von der universellen Regel erzählen, die Ramin (mein Chef bei ViCo) seinerzeit aufstellte.

Folgende Situation: Irgendwer, vermutlich Ramin, hatte ohne Remissionsrecht für das totgeborene Sega Mega CD allerlei Spiele und Zubehör eingekauft, die nunmehr in der Auslage verschimmelten. Viele Winter zogen ins Land, Kinder wurden geboren und starben als Greise, Gletscher wanderten meilenweit und noch immer lag das Mega CD-Zeug von den Kunden verschmäht im Regal. Da fasste ich mir ein Herz und reduzierte den Preis auf einen nur noch knapp zweistelligen Markbetrag, in der Hoffnung, damit die Brieftaschen der letzten Sega-Fans zu öffnen. Ramin pfiff mich zurück, hieß mich den Preis wieder nach oben setzen und sprach die denkwürdigen Worte:

“Gunnar, wir halten den Preis. Denn höre, jeden Morgen steht ein Idiot auf. Und wir hoffen eben, dass er heute zu uns kommt.”

Und so war es dann auch, beinahe: Ein paar Wochen später brachen ein paar Halbstarke nachts im Laden ein, bekamen die Kasse aber nicht auf und nahmen, vermutlich aus Unkenntnis, unser gut sortiertes und hoch bepreistes Mega CD-Sortiment komplett mit. Das wird die Versicherung nicht gefreut haben.

Mich begleitet Ramins Regel jetzt durch’s Leben — und hilft mir, das Geschäftsmodell vieler Internetangebote besser zu verstehen.

Content-Recycling

by Gunnar on 26. Juni 2010 · 1 comment

Gerade erinnerte ich mich an eine lang zurückliegende Begegnung, fand’ sie irgendwie exemplarisch und setzte an, darüber ein paar Zeilen zu schreiben, wie man das in Ego-Blogs eben so tut. Dann fiel mir auf, dass, uh, ich den betreffenden Text schon mal geschrieben hatte, Anno 2005. Seufz. So muss sich der Opa fühlen, der eben anhebt, diese wahnsinnig interessante Kriegsgeschichte zu erzählen, die er noch nie jemandem anvertraut hat und von den Enkelkindern mit Augenrollen unterbrochen wird: “Opa, bitte. Die olle Kamelle haben wir jetzt schon hundermal gehört!”

Aber dies ist ja nun mein Blog, daher erzähle ich’s einfach nochmal. Könnte ja das eine oder andere Enkelkind anwesend sein, das 2005 noch nicht Stammleser war:

“Mir verschwimmen Erinnerungen, wenn ich sie nicht sofort durch Aufschreiben stütze oder so lange im Kopf wälze, bis sie sich einigermaßen verfestigt haben. Ich behalte von Treffen nur Fetzen, Gesichter, Wörter, schwache Bilder. Vergesse, dass ich Menschen schon begegnet bin, Filme schon gesehen, Bücher schon gelesen habe. Der einzige Ausweg — ich nehme mir sofort vor, davon zu erzählen, dann entwickle ich Formulierungen, die mir dann bleiben, auch wenn der Erzählgegenstand schon fast verblasst ist. Absurd, wie das Hirn arbeitet. Menschen mit einem absoluten oder wenigstens fotografischen Gedächtnis müssen wie Götter sein, immer überlegen, nie unsicher, perfekt.” Weiterlesen?

Hm. Wenn ich schon dabei bin… …wer obiges Geschichtlein noch nicht kannte, kennt vielleicht auch dieses hier nicht:

“Ich halte, schon aus Gründen der Bewahrung der männlichen Restwürde und Autonomität, wenig davon, Frauen bei der Auswahl von Männersachen mitreden zu lassen, das wäre ja noch schöner, nächstens wollen sie auch noch über Auto oder Fernseher oder Stereoanlage abstimmen, und dann sitzt man mit einem Renault Twingo oder einem Satz Boxen von Bose da.” Weiterlesen?

Oder diese, die ist ein Gedicht: Ein Drama in zehn Akten

Oder die, mit dem nur schwach verschleiertem Wunsch nach Unsterblichkeit:

“Ich sollte vielleicht eine Parkbank stiften oder ein Grundstück auf dem Mond kaufen. Oder mir eine unbekannte tropische Krankheit zuziehen, die dann nach mir benannt wird, wenn ich daran zugrunde gegangen bin und halb Bayern mit einer Pandemie ausgelöscht habe. Morbus Lott oder so. Aber das ist ja nicht so hübsch, und am Ende nennen sie die Erkrankung dann doch nach dem Quacksalber, der sie als erster in einem Artikel in Tropical Medicine & International Health erwähnt hat.” Weiterlesen?

Oder eine der vielen Storys über die Gefahren des Straßenverkehrs: die oder die oder die?

Oder so. Oder ihr lest einfach ein gutes Buch. Das ist eh sozial akzeptierter. Wer keins weiß, kann sich das hier kaufen, das ist super. Gibt’s auch aber kostenlos.

Blöd, dass Mord verboten ist

by Gunnar on 31. Mai 2010 · 20 comments

Wer als Erstes an die Wand gestellt wird, wenn die Revolution doch noch kommen sollte.

Wir haben Freitagmorgen, knapp 9:00, verhaltener Sonnenschein, ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Die Lyonel-Feininger-Straße ist ein bisschen unübersichtlich, da nehme ich statt der Fahrbahn immer den Bürgersteig, der ist drei Meter breit, übersichtlich und mangels angrenzender Wohnhäuser auch immer frei. Ich nähere mich einer Ausfahrt, bremse ein bisschen ab, da dreht ein geföhnter Herr in einem silbernen BMW Z4 Cabrio von der Gegenseite der Straße mit quietschenden Reifen in die Ausfahrt ein, kurbelt hektisch am Lenker und zieht voll auf den Bürgersteig. Nicht den Bürgersteig touchierend oder sowas, nein, er biegt einfach auf den Fußgängerweg ein, als sei der eine Fahrbahn. Dort kommt er zum Stehen, — zwei, drei Meter vor mir. Ich reiße an den Bremsen, gerate ins Schlittern, bekomme das Rad knapp links an dem Wagen vorbei. Der Schwung und der Schreck tragen mich weiter, erst nach zehn Metern drehe ich mich um, um dem Fahrer des Z4 irgendwas hinterher zu schreien. Und sehe, wie der Typ (übrigens sonnengebräunt und gepflegt dreitagebärtig) seelenruhig aus dem Auto heraus einen Brief in den Briefkasten wirft. Da geht mir der Sinn seines Manövers erst auf: Der hat den Stunt nur veranstaltet, um an den Postkasten zu kommen, ohne auszusteigen.

Danach wendet er und fährt dahin zurück, wo er hergekommen ist — vermutlich ist das einfach seine tägliche Fahrt zum Briefkasten.

Ich stehe konsterniert und schaue nur. Wie scheiße kann man sein?

Ah, dass man im echten Leben nicht ständig in den Rucksack greifen und seine BFG* hervorziehen kann, ist manchmal frustrierend, wirklich.

Ein einzelner Gedanke zum Älterwerden

by Gunnar on 24. Februar 2010 · 18 comments

Ein ausgesprochen egoperspektivischer Beitrag des Herrn Kaliban, in welchem er weitschweifig ein nichtiges Problem aus seinem Leben schildert.

Jetzt sind meine Lieblingsschuhe kaputt. Schlimm. Als ich sie mit 35 gekauft habe, konnte ich ja nicht ahnen, dass in der zweiten Hälfte der Dreißiger mein Geschmack erstarren würde und ich mir schon bald wünschen würde, ich hätte gleich mehrere Paare davon in Reserve erworben. Ein Gedanke übrigens, den zu haben ich mir im Alter von 20 nicht hätte vorstellen können. Ist auch offenbar ein Altherrenphänomen — meine Frau findet diesen Wunsch nachgerade bizarr.

Aber hey, jetzt gibt es die Schuhe natürlich in dieser speziellen Form nicht mehr. Nur noch so neumodisches Zeug, dem wieder einmal die schlichte Eleganz der früheren Serie fehlt. Eine gezielte Bosheit des betreffenden Schuhfabrikanten gegenüber dem älteren Drittel seiner Zielgruppe, vermutlich, mit der er deutlich machen will, dass man gefälligst mit der Mode zu gehen, seine Schuhe einmal im Jahr durchzulatschen und überhaupt viel mehr in Entwicklungsländer hergestellte Fußbekleidung zu kaufen habe.

Das ganze ist ein perfider Trick, wie bei den Verbrechern von Ikea, die eine völlig okaye schlichte Gläserserie ausgerechnet zwei Tage vor dem Termin absetzen, an dem unser Vorrat von 8 (Idealausstattung) über 4 (Minimalvorrat) auf 3 sinkt und wir gerne 3 Stück nachkaufen würden. Pustekuchen, natürlich. Jetzt gibt’s dann eine neue Serie, von der wir dann gleich wieder 8 (oder diesmal besser 10) kaufen.

Ach, die Bosheit der Welt.

Wo kommen SIE eigentlich her?

by Gunnar on 7. Januar 2010 · 48 comments

Man möge mir meine Neugier verzeihen, aber ich würde Sie, geschätzte Mitlesende, gerne mal etwas fragen, was mich schon lange brennend interessiert:


Falls ich wesentliche Antwortmöglichkeiten vergessen habe, bitte ich um Aufklärung in den Kommentaren.

The Horror, the horror

by Gunnar on 18. August 2009 · 9 comments

Kürzlich hatte ich einen wilden Horrortraum, in dem mich ein Killer ausdauernd durch ein verlassenes Haus jagte. Mit all diesen Sachen, die man aus Filmen so kennt: verlassene Korridore mit schlechter Beleuchtung, merkwürdige Geräusche aus dem Nebenraum, unversehens verschlossene Türen et cetera. Gab schließlich ein großes Finale auf dem Dach, das offenbar so schlimm war, dass ich erschreckt aufwachte und eine halbe Stunde lang Angst vor’m Wiedereinschlafen hatte.

Mit ein bisschen Abstand fällt mir auf: Der Mörder trug das Gesicht meines Zahnarztes.

Und da sag’ noch einer, “Killerspiele” und Horrorvideos seien gefährlich für zarte Seelen — bei mir ist es allemal die reale Welt, mit der mein Hirn Schwierigkeiten hat.

Gepresste Zeit

by Gunnar on 12. Juli 2009 · 1 comment

Hm. Wie viel Zeit es wirklich verschlingt, all diese Blogs, Facebook-Accounts, Twitterstreams und derlei Dinge jonglierend in der Luft und für fern und näher stehende Menschen auch noch halbwegs interessant zu halten, merkt man immer erst, wenn man keine solche hat. Oder wenn man, wie ich gerade, zwar Zeit hat, aber nicht recht in der Verfassung ist, einen PC zu bedienen.

Derzeit reduzierter Betrieb hier, sorry. Normal service will be resumed shortly.

Ungeordnete CeBIT-Gedanken

by Gunnar on 6. März 2009 · 4 comments

# Gleich auf dem Bahnsteig versuchen abgehärmte Systemhausmitarbeiter Drogenüberschüssige Eintrittskarten zu verkaufen, um den Umsatz des aktuellen Quartals zu retten. #

# Es ist ein Klischee, aber Hannover ist ohne grauen Nieselhimmel überhaupt nicht denkbar. #

# Die Handy-Täschchenstände gleich neben denen für Netzwerktechnik wirken absurd, wie ein Rummelplatz im Garten des Bundesrechnungshofes. #

# Junger Mann, ein Pali-Tuch ist schon okay. Eine unifarbene Boss-Krawatte auch. Beides zusammen geht aber nicht, echt. #

Narrenhände

by Gunnar on 27. Januar 2009 · 19 comments

gunnar_wikipedia

Der absurde Mensch mit der Freenet-IP, der groben Unfug mit meinem Wikipedia-Eintrag angestellt hat, hatte offenbar einen Clown gefrühstückt, wie mein Onkel Günther das genannt hätte.

Ach, mein Umfeld

by Gunnar on 16. Januar 2009 · 6 comments

Neulich sagte ein Kollege im Aufzug:

Ich muss diesen Shop für Serienkiller aufmachen. Ich habe den perfekten Augapfelrausschäler-und-Nervenstrangdurchschneider erfunden. Damals, als ich noch verrückt war.

Uh. Falls ich jemals irgendwo anders arbeiten sollte, muss ich möglicherweise täglich Bilder von Max Ernst angucken, um auf meine tägliche Dosis Surrealität zu kommen.

Sonntagslinks

Oktober 19, 2008

### [EIGENWERBUNG] Ich habe seit kurzem nicht nur ein angeberisches Blog, sondern auch noch eine selbstbeweihräuchernde Homepage, zu finden unter gunnarlott.com [/EIGENWERBUNG] ### ### Chris von SpOn räumt mit der Buchmessen-Hysterie auf, beim Buchhandel stünde die Digitalisierung vor der Tür. ### ### Noch relativ neu: der Blogmonitor. Offenbar brauchen wir noch mehr Seiten, die die […]

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Sonntags in München

Oktober 7, 2007

Ach, es ist Sonntag. Und tatsächlich scheint die Sonne, wie sich das gehört, schließlich heißt der Tag ja nicht Wolkstag oder Nieseltag oder so. Und außerdem sind wir in München, wo es bekanntlich nie regnet, außer vielleicht an ungeraden Dienstagen zwischen vier und fünf Uhr morgens. Und zur Wiesn-Zeit schon gar nicht, da ist Sonne […]

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