Joggen

Einmarsch in den Englischen Garten

by Gunnar on 14. April 2009 · 13 comments

Englischer Garten, Südzipfel, 7:59 morgens.

Ich jogge.

Nun, eigentlich jogge ich nicht wirklich, aber das geht ja auch kaum, ich schiebe schließlich den bulligen Emmaljunga samt Goldkindtm drin vor mir her und Emmaljunga, das weiß vielleicht nicht jeder, ist ein schwedisches Fabrikat mit breiten Rädern, geländegängig und für die nähere Ewigkeit gebaut. Sozusagen der Volvo unter den Kinderwagen.

Und so jogge ich nicht, aber ich marschiere. Mit gleichmäßig hohem Tempo und entschlossenem Gesichtsausdruck, so dass die Dackel-Ausführer und die Nordic-Walker schon von allein aus dem Weg gehen. Marschieren, das verbrennt nämlich massenhaft Kalorien und stärkt die Unterschenkelmuskeln, marschieren, das ist nämlich eigentlich viel härter als Joggen. Denn: Das härteste, was es gibt, das ist die Rote Armee. Und die Rote Armee marschiert. Oder steht in der Zeitung sowas wie “Die Rote Armee joggt in Georgien ein”? Eben.

Ich marschiere also.

Und weil marschieren aber bekanntlich den Geist nicht anregt — auch da könnte jede beliebige Armee als Beispiel dienen — schaue ich mich sinnierend um. Woran liegt es eigentlich, dass es so viele dickliche Jogger gibt? Man sollte doch denken, Leute, die die Willenskraft aufbringen, früh am Morgen durch Gottes urban eingepferchte Natur zu laufen, sollten auch beim Essen maßhalten können. Oder fressen die abends wie die Redakteure am kostenlosen Buffet, erwachen morgens mit Magengrimmen und schlechtem Gewissen und versuchen dann, durch halbherziges Gewackel, wenigstens 75 Gramm des angefressenen Halbzentners wieder loszuwerden? Hm. Jetzt, wo ich drüber nachdenke, bin ich heute morgen ja auch mit Magengrimmen und schlechtem Gewissen, ach, was soll’s. Schwamm drüber.

Ich marschiere.

Ein Dackel kreuzt todesmutig meinen Weg und kann sich, weil ich rücksichtslos auf ihn zuhalte, nur durch eine Rolle seitwärts in Sicherheit bringen. Erschrocken bleibt er im Gras stehen und glotzt, da ertönt die Stimme seines Herrchens aus dem Off: “Humboldt! Hier! Humboldt von Weissensee! Hier!” Die Stimme ist original die von Heinrich Himmler, aber ich kann den zugehörigen Hundebesitzer nicht sehen, weil mir ein Gebüsch den Weg versperrt. Ist vielleicht auch besser so, ich will gar nicht wissen, wie Leute aussehen, die sich nach Nazigrößen anhören und ihre Stammbaum-Hunde mit vollem Namen rufen. Bizarr. Schwamm drüber.

Ich marschiere.

Ein Vorzeigevater überholt mich. Er joggt, in geschmackvoller Sportmontur, schiebt einen dieser Sportkinderwagen einhändig vor sich her, mit gut gelauntem Stammhalter drin — und telefoniert mit der anderen Hand. Mit einem iPhone. Kann man damit überhaupt telefonieren? Egal, ich hasse ihn spontan ein bisschen, weil, zugegeben, das Joggen mit Sportkarre und passendem Outfit cooler ist als das Marschieren mit Alltagszeug und Kinderpanzerwagen. Egal, das darf mich nicht ablenken. Schwamm drüber.

Ich marschiere.

Und da ist das Ende des Englischen Gartens oder wenigstens ein Ausgang und ich schiebe den Wagen über die Grenze und Jubel brandet auf und der Bundespräsident winkt mit der Goldmedaille im Kinderwagenmarschieren und… Ach.

Schwamm drüber.

Ich schiebe nach Hause, körperlich und geistig erschöpft.