Journaille

Fabian vs Frontal21

by Gunnar on 18. Dezember 2012 · 16 comments

Der geschätzte Herr Siegismund seziert die Berichterstattung von Frontal21.

Das ist, wie man weiß, eine Sendung des ZDF. Und das ZDF ist, aus Sicht der Spieler, quasi der alte Feind, der Sauron unter den Sendern. Und Frontal21 ist der Herr der Nazghul. Und die “Expertin” Regine Pfeiffer, die ist… da gehen mir die Vergleiche aus. Die ist ein, uh, zu spezieller Fall.

Und noch ein aktueller Link zur Sache: DRadio Wissen fasst das alles ganz unaufgeregt zusammen.

Nachtrag: Den von Fabian erwähnte Prof. Dr. Pfeiffer nennt das Bildblog aufgrund seiner unsinnigen Einlassungen zum aktuellen Amoklauf einen “Hansdampf in allen Gossen”. Sehr hübsch.

Heute erschien die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland.

Die Redaktion verabschiedete sich mit einem schönen Foto, auf dem sich alle verneigen. Und den folgenden Zeilen:

Entschuldigung,
liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.

Das ist gefällig formuliert und hat auf den ersten Blick irgendwie Klasse. Bei Licht betrachtet ist das allerdings schon eine dezent arrogante Nummer für eine Zeitung, die nicht am mangelnden Durchhaltevermögen ihrer Verleger oder Anzeigenkunden oder gar ihrer, haha, Unbequemlichkeit gescheitert ist, sondern schlicht zu wenig Leser gefunden hat. Weniger als die taz, um das mal auszusprechen. (Und die taz hat keine internationale Marke oder einen Großverlag auf der Habenseite.)

Trotzdem sind natürlich die Umstände schuld. Am Journalismus kann es ja nicht liegen. Oder doch? Wir nehmen mal meine Lieblingsfokusgruppe: mich.

FRAGE: Herr Kaliban, Sie sind doch Teil der Zielgruppe. Warum lesen Sie nicht die FTD?
ANTWORT: Ich wollte. Wirklich. Aber ich habe aufgehört, die FTD zu lesen, nachdem ich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben eine Verwechslung von “Billion” und “Milliarde” entdeckt hatte – und in der dritten Ausgabe auch noch horrender Unsinn über die Spielebranche stand, so richtiger Unsinn, mit falsch interpretierten Zahlen und so.
FRAGE: Ah. Danke. Sie dürfen sich setzen. I rest my case.

Die ganze passiv-aggressive “Entschuldigung” passt allerdings gut zu dem Tenor, der überall zu hören ist, seit das Ende der FTD angekündigt wurde: Schade sei das, bitter gar, das Internet sei schuld, es sei das Ende einer tollen Zeitung, die dem Land fehlen werde et cetera.

Natürlich ist das traurig, wenn 350 Arbeitsplätze über den Jordan gehen, aber vielleicht hat die taz recht, die heute schreibt:

Dass der Verlag nun bei diesem Produkt genau jene Kriterien von Rentabilität und Profit walten lässt, auf die Kommentatoren jener Zeitung stets so bescheidwisserisch wie kaltherzig verwiesen, wenn es, sagen wir, um das Schicksal von Nokia-Arbeitern oder Schlecker-Angestellten ging, ist für die Beteiligten vielleicht lehrreich und sicherlich unangenehm. Aber mehr auch nicht.

Die Larmoyanz deutscher Journalisten in den letzten Jahren ist in der Tat unerträglich geworden – die Verkaufszahlen gehen südwärts, ja, aber das gehen sie, zumindest für die Tageszeitungen, schon seit den 90ern. Jeder weiß seit vielen Jahren, dass man was tun muss. Und doch wird vergleichsweise wenig getan: Preise hoch, Seiten runter, als Redaktion getarnte Werbung allerorten, Praktikanten statt Redakteure und immer noch mehr Tricksereien, um die Abodauer zu verlängern. (Bei der SZ etwa kann man heutzutage im “Abo-Center” auf der Website alles tun, nur nicht kündigen. Dafür muss man einen Brief schicken. Bitch, please.) Und wenn bei einem, sagen wir, Joghurthersteller das Produktmanagement auf die Idee käme, auf sinkende Verkaufszahlen mit einer offensichtlichen Reduzierung der Qualität sowie der Menge pro Gebinde und einer klaren Anhebung des Preises zu reagieren, würden die Leute möglicherweise gefeuert – in Verlagen hält man sich hingegen für clever, wenn man aus den letzten treuen Lesern möglichst viel herausquetscht*.

Aber nun. Ist ja auch egal. Bald kommt das Leistungsschutzrecht und macht die ganze kaputte Welt wieder heile. Bestimmt. Und wenn nicht, dann kommt nach dem Leistungsschutzrecht die Kampagne für die Mehrwertsteuerreduzierung und die Kampagne für Steuererleichterungen und die Kampagne für Verlagsbailouts und was weiß ich.

* Anmerkung in eigener Sache: Natürlich haben wir das in meiner aktiven Zeit als leitender Verlagsangestellter auch so gemacht, managing print for profit hieß das bei uns. Ich sage auch nicht, dass es ganz anders geht, dass Kampfpreise und/oder Qualitätsoffensiven den Printjournalismus retten könnten. Man muss aber eben die Zeit der sinkenden Printauflagen nutzen, um andere Standbeine zu schaffen. Und die Maulerei, dass die Kostenloskultur, das Internet oder das schlechte Wetter schuld seien, möge man sich ganz verkneifen. Das steht Profis nicht gut zu Gesicht.

Ach, das Netz ist so gefährlich

by Gunnar on 20. November 2012 · 48 comments

Vor ein paar Tagen hat die SZ, mit der mich eine Hassliebe verbindet, einen dieser Artikel über das böse Internet und den Untergang des Abendlandes online gestellt. Habe nur kurz drüber geschaut, die Klick-Bildergalerie “Die größten Selbstdarsteller im Netz” gesehen, dann bin ich wieder gegangen. Dann wider besseres Wissen nochmal quer gelesen, Halsaderschwellung bekommen und wieder gegangen. Dann nochmal ganz gelesen.

Es gäbe am Artikel ein, zwei, dreißig Dinge zu bekritteln, aber danach steht mir nicht der Sinn, eigentlich wiederholt er nur die üblichen Vorurteile. Wenn in ein paar Foren ein paar Leute irgendwas Blödes machen, ist es der rechtsfreie Raum im Internet, den man nicht dulden darf und die “Schwarmfeigheit” der anonymen User. Das kann man schon mal sagen, an vielen Stellen im Netz ist der Umgangston nicht sehr zivil. Aber immer so zu tun, als sei das ohne Präzedenz und ein reines Netzphänomen, das ist eine Verzerrung. Propaganda. Man erinnere sich an den Irrsinn der Titanic seinerzeit, die Sache mit der “Bestechung” der Fifa-Funktionäre. BILD veröffentlichte die Telefonnummer der Redaktion und ein paar Hundert oder Tausend Leser riefen an und wünschten der Titanic Übles (inklusive “Sie gehören ins KZ” und so). Ein Mob, im Schutze der Anonymität des Telefons, orchestriert von einem Boulevard-Medium. Wo war da die Debatte in den Qualitätsmedien, wo war der Aufschrei der SZ-Redaktion?

Jaja, man soll derlei Dinge nicht vergleichen, aber die Welt ist überall schlimm, wo Menschen ein bisschen in eine Richtung geschubst und von der Verantwortung für ihr Handeln befreit werden, das wurde ja schon hinreichend bewiesen. Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, ist das breite Netz geradezu überraschend zivil. Kein Grund, da immer gleich das Ende der Schöpfung auszurufen. “Wer zahlt für die Folgen versehentlich einberufener Facebook-Partys” barmt die SZ-Autorin scheinheilig, ohne einen Gedanken dran zu verschwenden, wer eigentlich dafür zahlt, wenn mal wieder drei Leute von einer Brücke springen, weil eine Lokalzeitung entgegen dem Konsens der Medien, Selbstmordschauplätze nicht zu erwähnen, eine Selbermördermeldung mit einem Foto garniert hat.

Aber das alles ist wie erwartet. Die Autorin, Alexandra Borchardt, immerhin CvD der Zeitung, ist halt in den 40ern und hat schon eine schöne Karriere in den Printmedien hinter sich, da greift die alte Douglas-Adams-Regel*: “Anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it.”

[EINSCHUB]
Das klingt, als würde ich denken, das Leute über 40 das Internet nicht verstehen. Aber ss geht nicht ums Verstehen. Es geht ums Nutzen und sich Wohlfühlen und Teilhaben.

Surfen und googeln und e-mailen und dropboxen und ein bisschen twittern, das ist nicht das Internet. Das können alle. Verständnis für dieses Medium mit all seinen Chancen und Problemen gewinnt man so nicht. Dazu hilft es, seinen Freundeskreis auf FB zu haben, Diskussionen bei Reddit zu führen, in Foren unterwegs zu sein, seine Infos aus einem 500 Quellen umfassenden RSS-Feed zu saugen, Wikipedia-Artikel zu schreiben, keine Ahnung, all das und mehr.

Meine vierjährige Tochter kommt nicht mehr auf die Idee, sich mit einem “Weiß ich nicht” zufrieden zu geben — wenn sie wissen will, was ein Ozelot ist und ich nur grob sagen kann, nun, das ist ein Tier, ein, äh, Raubtier mit Fell und so, dann sagt sie, “Papa, guck’s doch rasch auf dem iPad nach”. Das ist das, was das Adams-Zitat meint. Für meine Tochter gibt es keine Welt ohne Computer in der Hosentasche, ohne “Always On”, ohne Internet in ständiger Reichweite.

In meinem Leben (ich bin ja auch über 40) begann das Internet erst, als ich schon im Studium war. Meine erste E-Mail-Adresse war caliban@liteline.mcnet.de, um sie abzurufen, musste ich mich bei einer Mailbox einwählen. Ich habe volles Verständnis für Leute, die nicht mehr alles mitmachen müssen, mich stört nur die Glorifizierung des Alten (“Guten Journalismus gibt’s nur in Print”, “Eine Welt ohne Bücher aus Papier wäre eine verarmte Welt”, blabla) und die Verleumdung des Neuen (“Twitter ist nur weißes Rauschen”; “Auf FB schreiben Leute nur über die Pizza, die sie gerade essen”; “die User wollen alles umsonst, das ist das Ende der Kunst” und so weiter).

[EINSCHUB ENDE]

Viel ärgerlicher als all die oft gelesene Behauptungen, Verkürzungen und Pauschalisierungen (der Klassiker, die Urheberrechtskritiker pauschal “Urheberrechtsgegner” zu nennen, ist auch wieder dabei) ist ein Zitat einer Passauer Professorin, Barbara Zehnpfennig, das sich im Artikel findet:

Denn vollkommene Transparenz zerstöre, vor allem wenn sie mit großem Zeitdruck verbunden ist, die Schutzräume, in denen Demokratie erst gedeihen kann: Diskretion und Diplomatie, die Zeit zum Reifen von Überzeugungen, der öffentliche, von Medien gebündelte Diskurs.

Schön gesagt, aber ist nun wirklich das ungefilterte Denken der Eliten.

Genau so hätten sie’s gern. Keine Mitbestimmung, keine Transparenz, nur der Klüngel und die Hinterzimmer. Und die großen Zeitungen als ideologischer Türwächter, die der ungewaschenen Bevölkerung die Sache so oder so erklären. Die schöne alte Welt, in der Journalisten saftige Geheimnisse erzählt kriegen (und sie nicht weiter erzählen), in der Politiker unenttarnt Mätressen unterhalten können, in der Bauprojekte nach Nase und Gegengefallen vergeben werden.

Da möchte man doch schreien. Transparenz ist die einzige Waffe, die wir haben, gegen die Leute, die das Land schädigen, um des eigenen Egos und des eigenen Vorteils willen. Gegen die Leute, die uns zu einer internationalen Lachnummer machen, weil unser Bundestag es nicht für nötig hält, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren (denn da wäre ja, oh Graus, eine Erweiterung des Straftatbestandes der Abgeordnetenbestechung nötig). Gegen die Leute, die sich den Staat zu eigen machen und das Wohl des Volkes der Ratio der Wahlkämpfe unterordnen.

Aber nun. Das ist natürlich alles kein Problem, die SZ sorgt sich lieber um raubkopierende Jugendliche und Facebook-Partys und um die Diskretion in der Demokratie.

Qualitätsjournalismus im TV

by Gunnar on 2. Mai 2012 · 27 comments

Der Senderauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders Phoenix lautet so:

PHOENIX dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger, es sollen Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt werden. Damit soll der Spartenkanal den demokratischen Parlamentarismus und die europäische Integration fördern.

Und der wird, unter anderem, erfüllt mit hochwertigen Nachrichtensendungen. Seht selbst, liebe Besucher:

Der Breivik, der hat ja auch sehr viele Computerspiele gespielt, World of Warcraft beispielsweise, ein kriegstreibendes Spiel. Da schlüpfen also Spieler in mittelalterliche Heldenrollen und retten die Welt, retten Europa auch vor einem Teil der Islamisierung in gewisser Weise. Das sind sehr kritisch zu sehende Spiele.

…”fragt” der “Moderator”, der in typischer Manier versucht, ein paar Dinge mal unverrückbar hinzustellen, indem er WoW die Eigenschaften “kriegstreibend” und “kritikwürdig” schon mal fest zuschreibt. Das bleibt dann nämlich stehen, auch wenn der Psychiater in der Sendung seriös den Verdacht zurückweist, Spiele machten Menschen zu Gewalttätern.

Schön, wie da “Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt” werden. Der Moderator Michael Sehr*, immerhin Journalist mit fast 20 Jahren Berufserfahrung und Inhaber eines Magister Artium in Allgemeiner Rhetorik (sic!) spielt da auch voll seine Stärken aus und informiert den Zuschauer nach bestem Wissen und Gewissen.

Die Rundfunkgebühren sind gut angelegtes Geld, denke ich.

UPDATE: Es gibt eine eher schräge Entschuldigung von Sehr und eine kurze Analyse dazu bei Stigma Videospiele. ###

Helsinki, Stockholm, Hauptsache Schweden

by Gunnar on 21. April 2012 · 1 comment

stern google plus

Jaja, is’n bissken kleinlich, auf Fehlerchen von Redakteuren oder Redaktionspraktikanten herumzureiten. Aber hey, was den Stern-Leuten (bei der Artikelpromo in G+) passiert ist, ist schon sehr hübsch.

Herrn Wulffs Kleinkredit

by Gunnar on 19. Dezember 2011 · 17 comments

Herr Kaliban sinniert über den Fall Wulff.

Also, ich verstehe die Sache mit dem Bundespräsidenten und seinem Privatkredit nicht. Warum leiht sich ein Mann wie er, 2008 in der zweiten Legislaturperiode als niedersächsischer Ministerpräsident in der Blüte seiner politischen Karriere, privat 500.000 Euro? Scheidung hin, Alimente her, mit 12.700 Euro Monatsgehalt (und der einen oder anderen Zusatzeinnahme) kann man sich ja wohl trotzdem ein Haus kaufen. Und mit den ordentlich erworbenen Pensionsansprüchen aus 14 Jahren Abgeordnetentätigkeit und fünf Jahren Regierungschefigkeit ist man ja wohl auch kreditwürdig, nehme ich an, zumal für einen Hauskauf. Die Sparkasse Großburgwedel hätte sich sicher überschlagen, um Wulff Geld leihen zu dürfen.

Warum also dieses Risko?

Don Alphonso bringt es drüben bei rebellmarkt auf den Punkt:

Einen Kredit über eine halbe Million Euro ohne jede Sicherheit von einer in der Schweiz lebenden Person, der in Form eines anonymen Bundesbankschecks überreicht wird. Das ist nicht weit weg vom Koffer mit Bargeld. Normalerweise würde man da automatisch an Geldwäsche denken.

Das ist doch alles cheesy, einerseits Scheck, um den Geldfluss zu verschleiern, andererseits ein ordentlicher Vertrag.

Leider beschäftigt sich die Journaille hauptsächlich mit Empörung, anstatt mal die Merkwürdigkeiten und Details dieses Falls aufzuarbeiten. Und wenn sie’s doch tut, wie die ansonsten immer lobenswerte ZEIT, bleiben mehr Fragen offen als beantwortet werden.

Zum Beispiel schreiben die Kollegen:

Im Herbst 2008, als Wulff das Geld benötigte, waren die Bedingungen für Bauherren nicht die günstigsten. Der durchschnittliche Kreditzins für Baudarlehen mit bis zu fünfjähriger Laufzeit betrug laut Bundesbank knapp 5,5 Prozent. Und ohne dingliche Sicherung, also etwa einem Grundbucheintrag, hätte er einen derart hohen Kredit wahrscheinlich gar nicht bekommen.

Hm, nee. Zum einen ist die Zahl ein bisschen hoch, 5,0 konnte man mit ein bisschen Umgucken auch 2008 schaffen. Und was die Sicherheit angeht: ja und? Kann ihm doch Wurscht sein, ob’s einen Grundbucheintrag gibt, hat ja quasi jeder Hausbesitzer.

Aber weiter:

Hinzu kommt, dass der damals frisch geschiedene Ministerpräsident mehr Geld haben wollte, als er für seinen Hauskauf benötigte. Das Objekt kostete 415.000 Euro, der Darlehensvertrag der Wulffs wurde jedoch über 500.000 Euro unterzeichnet. Normalerweise ist es andersherum: Hauskäufer bekommen nur einen günstigen Kredit, wenn sie einen Teil des Finanzbedarfs über Eigenkapital bestreiten können. In Wulffs Fall wären Experten zufolge Risikoaufschläge von bis zu eineinhalb Prozent fällig gewesen. Wulff hätte folglich selbst unter günstigen Bedingungen einen Zinssatz von gut 6,5 Prozent zu verkraften gehabt – statt der vier Prozent, die ihm die Geerkens gewährten.

Ach was: Ich habe 2005 auch 100 Prozent der Kaufsumme für meine Wohnung von der Bank geliehen, ganz ohne Risikoaufschlag, zu marktüblichen Zinsen. Keine Ahnung, was da für “Experten” zitiert werden. 6,5 sind unrealistisch — und damit schrumpft der Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit auf 5.000 Euro Mehrzinszahlung pro Jahr (wenn man mal 20 Jahre Laufzeit ansetzt). Keine ganz kleine Summe, aber auch nicht genug, um dafür Haus und Hof zu riskieren. Und was die 85.000 angeht, die Wulff über den Hauspreis hinaus brauchte: Die hätte er sich gesondert leihen können, meinetwegen sogar bei Geerkens, wodurch immerhin die Summe beherrschbarer gewesen wäre.

Aber weiter mit der ZEIT, die noch mehr Merkwürdigkeiten in ihrem Artikel hat:

Und geldwert wären auch drei weitere Sonderbedingungen: Erstens verzichtete sein privater Kreditgeber auf den üblichen Tilgungsanteil, Wulff hätte über fünf Jahre nur Zinsen zahlen müssen. Zweitens hatte der Geerkens-Kredit keine Zweckbindung. Gewöhnlich ist der Zins günstiger, wenn das Geld ausschließlich für Wohnbauzwecke verwendet wird. Und drittens durfte er den Kredit nach gusto früher zurückzahlen. Im Normalfall lassen sich Banken auch großzügige Sondertilgungs-Vereinbarungen bezahlen.

Das ist alles Unsinn: Die Bank will ja, dass man möglichst wenig tilgt, weil sie von den Zinsen lebt. Der Berater akzeptiert mit Kusshand eine minimale Tilgungsrate von einem Prozent. Und normalerweise lässt sich die Tilgung über die Laufzeit auch noch mehrmals anpassen, falls sich das Einkommen ändert. Dann die Zweckbindung: Klar ist ein Bankdarlehen zweckgebunden und ein Privatdarlehen nicht, aber Wulff wusste doch schon, dass er die Kohle in eine Immobilie stecken will, die Zweckbindung ist also auch wurscht. Und was die Sondertilgung angeht: Immobilienkredite von Banken können nach zehn Jahren immer auf einen Schlag abgelöst werden, zudem enthalten alle vernünftigen Verträge Sondertilgungsrechte, die mit jährlichen Extrazahlungen geleistet werden können. Auch hier: kein wirklicher Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit.

Mich überzeugt das alles nicht. Logischer wäre es, wenn die 500.000 Steine kein Kredit, sondern ein Geschenk oder eine Bestechungssumme wären. Aber warum und wofür?

Und wieso löst Wulff 2010, offenbar panisch nach der Anfrage im Landtag (und seiner Lüge), den Kredit von Geerkens ab, ausgerechnet mit einem Kredit von Geerkens Hausbank? Argh. Und wieso ist der Geerkens plötzlich so freigiebig mit Infos und gibt offen zu, dass die Kohle von ihm stammt? Der ganze Witz an der Einbeziehung von Geerkens’ Ehefrau war doch die Verschleierung oder nicht? Da stimmt doch was nicht.

Oder geheimnisse ich da zu viel rein? Gilt am Ende etwa doch Hanlon’s Razor, das da lautet: Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity. Sind die handelnden Personen vielleicht alle nur doof, plump und nachlässig?

Spielekritik-Kritik, kleiner Nachklapp

by Gunnar on 29. Oktober 2011 · 5 comments

Nun, die Spuren der von Christian Schmidt angestoßenen Debatte um die Qualität des Spielejournalismus sind verweht, aber auf zwei Dinge würde ich diesbezüglich noch gerne hinweisen.

Zum einen auf den schönen Beitrag von Chris (anderer Chris) namens “Die Schmidt-Show” auf Polyneux, der die ganze Sache aus seiner Sicht nochmal aufnimmt und sich auch nicht scheut, mal Beispiele für schlechte Texte zu bringen, zum Beispiel aus GameStar:

“Am gleichen Artikel sehen wir auch, warum es keine gute Idee ist, es beim Faktenauflisten zu übertreiben. Es ist nicht notwendig, in einem Review zu erwähnen, ob ein Adventure – ohne alternative Pfade in der Story und ohne Möglichkeit, zu Tode zu kommen – ein Autosave-Feature bietet, weil das niemanden interessiert. Aber wenn man schon in seine Wertungstabelle einträgt, das Spiel hätte kein Autosave, dann sollte man sich wirklich sicher sein, dass das Spiel nicht rein zufällig über das beste Autosave-System verfügt, das je ein Adventure mitbrachte, dass es nicht in jedem verdammten Raum abspeichert – also ungefähr alle zwanzig Sekunden -, und dass diese Funktionalität nicht auch noch im Handbuch ausführlich erläutert wird.”

Aber auch die GEE bekommt ihr Fett weg:

“Die Reviews der GEE sind mir – wenn ich kurz konkret werden darf – beispielsweise oft zu schwammig. Die Hälfte des Textes zu Dragon Age II in der Ausgabe vom April 2011 steuert auf diesen Satz hin: „Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich.“ Das wäre schön, wenn es denn so wäre. Leider gehört zu den Hauptkritikpunkten an Dragon Age II, dass praktisch keine Entscheidung spürbare Konsequenzen nach sich zieht. Vom Schlusssatz – es sei ein fast perfektes Rollenspiel, an dem höchstens perfekte Rollenspieler etwas auszusetzen hätten – kann man sich, wenn man die Kontroversen um das Spiel kennt, nur verschaukelt fühlen.”

Aber Chris beschränkt sich nicht auf Kritik, er ordnet Christian Schmidts Anstoß sehr gut ein, erläutert, bestärkt ihn in Teilen und relativiert in anderen. Sehr lesenswert.

Parallel dazu ist in England ein sehr lesenswerter Text erschienen, der zeigt, wie man Spielejournalismus auch betreiben kann, auch in einer viel gelesenen Website wie Eurogamer. Simon Perkin richtet im Test zum (in den meisten Texten vollständig heiliggesprochenen) Uncharted 3 respektlos die ganze Serie hin. Ohne zu unterschlagen, dass die Spiele natürlich auch viel Spaß machen. Auszug:

“Uncharted 3 is the most exciting game in the world, but only until you deviate from the script. Even in this chase the conflict between the developer’s theatrical choreography and player-controlled interactions is clear. In order to ensure each set-piece is set off correctly, the game commits the cardinal sin of insinuating you have full control of your character, but in fact tugging you towards trigger points – making sure you’re in the right spot to tumble over the bonnet of that braking car, for example. Likewise, mistimed leaps are given a gentle physics-defying boost to reduce the staccato rhythm of having to restart a section. It’s entirely understandable given what the developer is attempting to achieve – an unbroken flow of action that leads to climax – but, at the same time, beneath the spectacle there’s a nagging feeling that your presence in the scene is an irritation rather than a preference.”

Brillante Sprache, klare Argumentation, toller Text. Lesenswert, auch und gerade, wenn man das Spiel schon kennt.

Kotaku hat sich des Perkin-Texts und des daraus resultierenden Waserglasstürmchens auch noch mal in einem kleinen Text angenommen.

Ich bin nicht Papst

by Gunnar on 27. September 2011 · 2 comments

Als „krasse Geschichtsverfälschung“ wertete Schmidt-Salomon, dass der Papst vor dem Parlament behauptete, „dass die Idee der Menschenrechte und die Idee der Gleichstellung aller Menschen von der Überzeugung eines Schöpfergottes her entwickelt worden sei. Denn diese Rechte mussten von säkularen Kräften gegen den erbitterten Widerstand der kirchlichen Schöpfungsgläubigen erstritten werden. Über viele Jahrzehnte haben Päpste, Kardinäle, Bischöfe die Menschenrechte als gotteslästerliche Selbstanmaßung verdammt. Dies ist eine ebenso unbestreitbare Tatsache wie der scharfe Protest der katholischen Kirche gegen die Gleichstellung von Mann und Frau im deutschen Grundgesetz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass FAZ-Reportern diese historischen Hintergründe völlig unbekannt sind.“

Zu ganzen Gejubel um den Papst und seine Rede vor dem deutschen Bundestag gibt’s hier mal eine Gegenmeinung: Prädikat: “Besonders peinlich!”.

Und hier ist noch eine Gegenmeinung zur Gegenmeinung.

Zum Zustand der deutschen Spielekritik

by Gunnar on 7. September 2011 · 180 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Schmidt. Chris (34) ist seit 13 Jahren Fachjournalist für Computer- und Videospiele. Er war zuletzt stellvertretender Chefredakteur von GameStar und lange Jahre Kollege des Herrn Lott. Der folgende Text ist eine Langfassung des gestern auf SpOn erschienen Debattenbeitrags.

[Eine kurze Einlassung von Herrn Lott findet sich am Ende dieses Beitrags.]

Ich habe mein Handwerk – das Testen von Computerspielen – vor 13 Jahren auf sehr gründliche Weise gelernt. Mein erster Chefredakteur reichte mir meine Texte gewöhnlich mit einer Reihe von Fragen zurück, die mit rotem Stift an den Rand des Blattes gesetzt waren: Wie funktioniert das Erfahrungssystem? Welche Fahrzeuge besitzt die dritte Kriegspartei? Wie verhält sich der Computergegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad? Ich fand zielsicher jede Passage aufgespießt, in der ich mich mit einem kurzen Satz durchzumogeln versucht hatte. Wer fair über Spiele urteilen will, so lernte ich, der muss ihre Funktionsweise gewissenhaft ausleuchten. Ich war ein guter Schüler. Als ich später selbst junge Redakteure anleitete, habe ich diese Akribie an sie weitergegeben. Das ist etwas, das ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren, bereue.

Wir haben das Falsche gelernt.

[click to continue…]

Das ganze verdammte Mediending

by Gunnar on 24. März 2010 · 79 comments

Man muss auch einfach mal “Nein” sagen können.

Ich hatte dieses Problem schon immer, schon ziemlich lange jedenfalls. Ich war schon als Schüler und Student Fan vom SPIEGEL, verschlang jeden Artikel und fühlte mich gut informiert. Ich glaubte, was da stand. Nur selten wurde dieser Glaube erschüttert: Immer, wenn das Magazin über Computerspiele berichtete. Dann las ich ungläubig den aus halb Gewusstem, wahllos Zitiertem und falsch Verstandenem zusammengequirlten Quatsch. Und dachte mir, naja, das ist eben nicht ihr Thema.

Es blieb der winzige Zweifel: Was, wenn die ihre Analysen der deutschen Politik, ihre Wirtschaftsgeschichten, ihre Kulturessays so recherchieren wie die Stücke über PC-Spiele?

Besser nicht dran denken.

Zeitsprung. Wir haben das Jahr 2010, die Verlage ächzen unter der Werbekrise, ihre Lobbyisten stehen kurz davor, vom Staat den Abwurf von CARE-Paketen über Hamburg und München zu fordern und der viel zitierte Qualitätsjournalismus ist, vor allem im Web, nur noch ein Lippenbekenntnis (jaja, Ausnahmen bestätigen die Regel). Einstmals seriöse Medien übernehmen die Methodik des Boulevard; die Chefredakteurin der “Bunte” lässt es sich nicht nehmen, einen Politiker von Detektiven beschatten zu lassen; die TV-Karriere von Andreas Türck ist im Arsch; der Chefredakteur des ZDF hat gegen Roland Koch verloren; Verlagswebseiten liefern sich ein Wettrüsten im PI-Tuning; Journalisten geben Spinnern spaltenweise Raum, wenn’s nur gegen Google geht; TV-Redaktionen erleiden Hirnaussetzer beim Thema Killerspiele; die widerwärtige Berichterstattung über Amokläufe schürt die Gefahr von Nachahmungstaten. Undsoweiter.

Und zum aktuellen Fall von Vorverurteilung sagt mir ein ansonsten geschätzer Kollege wortwörtlich:

So eine Story auszulassen, kann sich kein Redakteur mehr heute erlauben. Kaum Arbeit und Recherche Aufwand und trotzdem hohes Leserinteresse – Pressecodex und Qualitätsjournalismus oder gar die Interessen vom Kachelmann interessieren da nicht die Bohne…was Quote bringt, wird gemacht…bei dem aktuellen wirtschaftlichen Druck der Verlage, wird das die nächsten Jahr noch härter…

Ich kann dazu nur sagen, mir hätte nichts gefehlt, wenn ich von diesem Fall zu diesem Zeitpunkt noch nichts erfahren hätte. Sondern erst, wenn die Faktenlage stabil ist. Ebenso wie bei der Dame von den No Angels seinerzeit, wo immerhin die SZ den Anstand hatte, den Namen nicht sofort rauszuposaunen.

Die Qualitätsmedien machen sich mit dem peinlichen Durchhecheln von Nicht-Nachrichten, die zudem jeder hat, auch nicht interessanter. Ich bin vielleicht eine Ausnahme, aber mir verleidet das ganze Geschrei das Zeitunglesen, das SpOn-Lesen, das Lesen von Nachrichtenseiten allgemein. Je häufiger die atemlos eine Sau durchs Dorf treiben, die nächste Woche wieder komplett vergessen ist, desto weniger bin ich bereit, denen mein Geld oder meine Aufmerksamkeit zu widmen. Das ganze Mediending hat schließlich auch was mit Identifikation und Vertrauen zu tun.

Ich habe daher mein Leseverhalten in letzter Zeit dramatisch geändert: Die Nachrichtenseiten können mir komplett gestohlen bleiben — ich beschränke mich auf weitestgehend auf Blogs und (beruflich) Gaming-Sites. Und wenn doch der Chris auf SpOn oder der Thomas bei der WELT mal wieder was Hübsches geschrieben haben, dann werden’s mir Twitter oder Facebook schon zutragen.

Man muss auch mal “Nein” sagen können.

iPhone Sex FTW!

Februar 25, 2010

Hat Apple nicht eben noch handstreichartig 5000 Apps wegen, uh, “sexueller Inhalte” aus dem Appstore gelöscht?

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Die Zeit und Bioshock 2

Februar 10, 2010

Es ist ja grundsätzlich interessant und auch erfreulich, dass die Kollegen von zeit.de sich mit Computerspielen beschäftigen, aber dieser aktuelle Artikel ist genau von der typischen Sorte Fließbandjournalismus, der Schuld daran ist, dass ich fast keine Magazine mehr lese.

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