Journaille

Qualitätsjournalismus im TV

by Gunnar on 2. Mai 2012 · 27 comments

Der Senderauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders Phoenix lautet so:

PHOENIX dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger, es sollen Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt werden. Damit soll der Spartenkanal den demokratischen Parlamentarismus und die europäische Integration fördern.

Und der wird, unter anderem, erfüllt mit hochwertigen Nachrichtensendungen. Seht selbst, liebe Besucher:

Der Breivik, der hat ja auch sehr viele Computerspiele gespielt, World of Warcraft beispielsweise, ein kriegstreibendes Spiel. Da schlüpfen also Spieler in mittelalterliche Heldenrollen und retten die Welt, retten Europa auch vor einem Teil der Islamisierung in gewisser Weise. Das sind sehr kritisch zu sehende Spiele.

…”fragt” der “Moderator”, der in typischer Manier versucht, ein paar Dinge mal unverrückbar hinzustellen, indem er WoW die Eigenschaften “kriegstreibend” und “kritikwürdig” schon mal fest zuschreibt. Das bleibt dann nämlich stehen, auch wenn der Psychiater in der Sendung seriös den Verdacht zurückweist, Spiele machten Menschen zu Gewalttätern.

Schön, wie da “Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt” werden. Der Moderator Michael Sehr*, immerhin Journalist mit fast 20 Jahren Berufserfahrung und Inhaber eines Magister Artium in Allgemeiner Rhetorik (sic!) spielt da auch voll seine Stärken aus und informiert den Zuschauer nach bestem Wissen und Gewissen.

Die Rundfunkgebühren sind gut angelegtes Geld, denke ich.

UPDATE: Es gibt eine eher schräge Entschuldigung von Sehr und eine kurze Analyse dazu bei Stigma Videospiele. ###

Helsinki, Stockholm, Hauptsache Schweden

by Gunnar on 21. April 2012 · 1 comment

stern google plus

Jaja, is’n bissken kleinlich, auf Fehlerchen von Redakteuren oder Redaktionspraktikanten herumzureiten. Aber hey, was den Stern-Leuten (bei der Artikelpromo in G+) passiert ist, ist schon sehr hübsch.

Herrn Wulffs Kleinkredit

by Gunnar on 19. Dezember 2011 · 17 comments

Herr Kaliban sinniert über den Fall Wulff.

Also, ich verstehe die Sache mit dem Bundespräsidenten und seinem Privatkredit nicht. Warum leiht sich ein Mann wie er, 2008 in der zweiten Legislaturperiode als niedersächsischer Ministerpräsident in der Blüte seiner politischen Karriere, privat 500.000 Euro? Scheidung hin, Alimente her, mit 12.700 Euro Monatsgehalt (und der einen oder anderen Zusatzeinnahme) kann man sich ja wohl trotzdem ein Haus kaufen. Und mit den ordentlich erworbenen Pensionsansprüchen aus 14 Jahren Abgeordnetentätigkeit und fünf Jahren Regierungschefigkeit ist man ja wohl auch kreditwürdig, nehme ich an, zumal für einen Hauskauf. Die Sparkasse Großburgwedel hätte sich sicher überschlagen, um Wulff Geld leihen zu dürfen.

Warum also dieses Risko?

Don Alphonso bringt es drüben bei rebellmarkt auf den Punkt:

Einen Kredit über eine halbe Million Euro ohne jede Sicherheit von einer in der Schweiz lebenden Person, der in Form eines anonymen Bundesbankschecks überreicht wird. Das ist nicht weit weg vom Koffer mit Bargeld. Normalerweise würde man da automatisch an Geldwäsche denken.

Das ist doch alles cheesy, einerseits Scheck, um den Geldfluss zu verschleiern, andererseits ein ordentlicher Vertrag.

Leider beschäftigt sich die Journaille hauptsächlich mit Empörung, anstatt mal die Merkwürdigkeiten und Details dieses Falls aufzuarbeiten. Und wenn sie’s doch tut, wie die ansonsten immer lobenswerte ZEIT, bleiben mehr Fragen offen als beantwortet werden.

Zum Beispiel schreiben die Kollegen:

Im Herbst 2008, als Wulff das Geld benötigte, waren die Bedingungen für Bauherren nicht die günstigsten. Der durchschnittliche Kreditzins für Baudarlehen mit bis zu fünfjähriger Laufzeit betrug laut Bundesbank knapp 5,5 Prozent. Und ohne dingliche Sicherung, also etwa einem Grundbucheintrag, hätte er einen derart hohen Kredit wahrscheinlich gar nicht bekommen.

Hm, nee. Zum einen ist die Zahl ein bisschen hoch, 5,0 konnte man mit ein bisschen Umgucken auch 2008 schaffen. Und was die Sicherheit angeht: ja und? Kann ihm doch Wurscht sein, ob’s einen Grundbucheintrag gibt, hat ja quasi jeder Hausbesitzer.

Aber weiter:

Hinzu kommt, dass der damals frisch geschiedene Ministerpräsident mehr Geld haben wollte, als er für seinen Hauskauf benötigte. Das Objekt kostete 415.000 Euro, der Darlehensvertrag der Wulffs wurde jedoch über 500.000 Euro unterzeichnet. Normalerweise ist es andersherum: Hauskäufer bekommen nur einen günstigen Kredit, wenn sie einen Teil des Finanzbedarfs über Eigenkapital bestreiten können. In Wulffs Fall wären Experten zufolge Risikoaufschläge von bis zu eineinhalb Prozent fällig gewesen. Wulff hätte folglich selbst unter günstigen Bedingungen einen Zinssatz von gut 6,5 Prozent zu verkraften gehabt – statt der vier Prozent, die ihm die Geerkens gewährten.

Ach was: Ich habe 2005 auch 100 Prozent der Kaufsumme für meine Wohnung von der Bank geliehen, ganz ohne Risikoaufschlag, zu marktüblichen Zinsen. Keine Ahnung, was da für “Experten” zitiert werden. 6,5 sind unrealistisch — und damit schrumpft der Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit auf 5.000 Euro Mehrzinszahlung pro Jahr (wenn man mal 20 Jahre Laufzeit ansetzt). Keine ganz kleine Summe, aber auch nicht genug, um dafür Haus und Hof zu riskieren. Und was die 85.000 angeht, die Wulff über den Hauspreis hinaus brauchte: Die hätte er sich gesondert leihen können, meinetwegen sogar bei Geerkens, wodurch immerhin die Summe beherrschbarer gewesen wäre.

Aber weiter mit der ZEIT, die noch mehr Merkwürdigkeiten in ihrem Artikel hat:

Und geldwert wären auch drei weitere Sonderbedingungen: Erstens verzichtete sein privater Kreditgeber auf den üblichen Tilgungsanteil, Wulff hätte über fünf Jahre nur Zinsen zahlen müssen. Zweitens hatte der Geerkens-Kredit keine Zweckbindung. Gewöhnlich ist der Zins günstiger, wenn das Geld ausschließlich für Wohnbauzwecke verwendet wird. Und drittens durfte er den Kredit nach gusto früher zurückzahlen. Im Normalfall lassen sich Banken auch großzügige Sondertilgungs-Vereinbarungen bezahlen.

Das ist alles Unsinn: Die Bank will ja, dass man möglichst wenig tilgt, weil sie von den Zinsen lebt. Der Berater akzeptiert mit Kusshand eine minimale Tilgungsrate von einem Prozent. Und normalerweise lässt sich die Tilgung über die Laufzeit auch noch mehrmals anpassen, falls sich das Einkommen ändert. Dann die Zweckbindung: Klar ist ein Bankdarlehen zweckgebunden und ein Privatdarlehen nicht, aber Wulff wusste doch schon, dass er die Kohle in eine Immobilie stecken will, die Zweckbindung ist also auch wurscht. Und was die Sondertilgung angeht: Immobilienkredite von Banken können nach zehn Jahren immer auf einen Schlag abgelöst werden, zudem enthalten alle vernünftigen Verträge Sondertilgungsrechte, die mit jährlichen Extrazahlungen geleistet werden können. Auch hier: kein wirklicher Vorteil von Privatkredit zu Bankkredit.

Mich überzeugt das alles nicht. Logischer wäre es, wenn die 500.000 Steine kein Kredit, sondern ein Geschenk oder eine Bestechungssumme wären. Aber warum und wofür?

Und wieso löst Wulff 2010, offenbar panisch nach der Anfrage im Landtag (und seiner Lüge), den Kredit von Geerkens ab, ausgerechnet mit einem Kredit von Geerkens Hausbank? Argh. Und wieso ist der Geerkens plötzlich so freigiebig mit Infos und gibt offen zu, dass die Kohle von ihm stammt? Der ganze Witz an der Einbeziehung von Geerkens’ Ehefrau war doch die Verschleierung oder nicht? Da stimmt doch was nicht.

Oder geheimnisse ich da zu viel rein? Gilt am Ende etwa doch Hanlon’s Razor, das da lautet: Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity. Sind die handelnden Personen vielleicht alle nur doof, plump und nachlässig?

Spielekritik-Kritik, kleiner Nachklapp

by Gunnar on 29. Oktober 2011 · 5 comments

Nun, die Spuren der von Christian Schmidt angestoßenen Debatte um die Qualität des Spielejournalismus sind verweht, aber auf zwei Dinge würde ich diesbezüglich noch gerne hinweisen.

Zum einen auf den schönen Beitrag von Chris (anderer Chris) namens “Die Schmidt-Show” auf Polyneux, der die ganze Sache aus seiner Sicht nochmal aufnimmt und sich auch nicht scheut, mal Beispiele für schlechte Texte zu bringen, zum Beispiel aus GameStar:

“Am gleichen Artikel sehen wir auch, warum es keine gute Idee ist, es beim Faktenauflisten zu übertreiben. Es ist nicht notwendig, in einem Review zu erwähnen, ob ein Adventure – ohne alternative Pfade in der Story und ohne Möglichkeit, zu Tode zu kommen – ein Autosave-Feature bietet, weil das niemanden interessiert. Aber wenn man schon in seine Wertungstabelle einträgt, das Spiel hätte kein Autosave, dann sollte man sich wirklich sicher sein, dass das Spiel nicht rein zufällig über das beste Autosave-System verfügt, das je ein Adventure mitbrachte, dass es nicht in jedem verdammten Raum abspeichert – also ungefähr alle zwanzig Sekunden -, und dass diese Funktionalität nicht auch noch im Handbuch ausführlich erläutert wird.”

Aber auch die GEE bekommt ihr Fett weg:

“Die Reviews der GEE sind mir – wenn ich kurz konkret werden darf – beispielsweise oft zu schwammig. Die Hälfte des Textes zu Dragon Age II in der Ausgabe vom April 2011 steuert auf diesen Satz hin: „Jede Entscheidung zieht Konsequenzen nach sich.“ Das wäre schön, wenn es denn so wäre. Leider gehört zu den Hauptkritikpunkten an Dragon Age II, dass praktisch keine Entscheidung spürbare Konsequenzen nach sich zieht. Vom Schlusssatz – es sei ein fast perfektes Rollenspiel, an dem höchstens perfekte Rollenspieler etwas auszusetzen hätten – kann man sich, wenn man die Kontroversen um das Spiel kennt, nur verschaukelt fühlen.”

Aber Chris beschränkt sich nicht auf Kritik, er ordnet Christian Schmidts Anstoß sehr gut ein, erläutert, bestärkt ihn in Teilen und relativiert in anderen. Sehr lesenswert.

Parallel dazu ist in England ein sehr lesenswerter Text erschienen, der zeigt, wie man Spielejournalismus auch betreiben kann, auch in einer viel gelesenen Website wie Eurogamer. Simon Perkin richtet im Test zum (in den meisten Texten vollständig heiliggesprochenen) Uncharted 3 respektlos die ganze Serie hin. Ohne zu unterschlagen, dass die Spiele natürlich auch viel Spaß machen. Auszug:

“Uncharted 3 is the most exciting game in the world, but only until you deviate from the script. Even in this chase the conflict between the developer’s theatrical choreography and player-controlled interactions is clear. In order to ensure each set-piece is set off correctly, the game commits the cardinal sin of insinuating you have full control of your character, but in fact tugging you towards trigger points – making sure you’re in the right spot to tumble over the bonnet of that braking car, for example. Likewise, mistimed leaps are given a gentle physics-defying boost to reduce the staccato rhythm of having to restart a section. It’s entirely understandable given what the developer is attempting to achieve – an unbroken flow of action that leads to climax – but, at the same time, beneath the spectacle there’s a nagging feeling that your presence in the scene is an irritation rather than a preference.”

Brillante Sprache, klare Argumentation, toller Text. Lesenswert, auch und gerade, wenn man das Spiel schon kennt.

Kotaku hat sich des Perkin-Texts und des daraus resultierenden Waserglasstürmchens auch noch mal in einem kleinen Text angenommen.

Ich bin nicht Papst

by Gunnar on 27. September 2011 · 1 comment

Als „krasse Geschichtsverfälschung“ wertete Schmidt-Salomon, dass der Papst vor dem Parlament behauptete, „dass die Idee der Menschenrechte und die Idee der Gleichstellung aller Menschen von der Überzeugung eines Schöpfergottes her entwickelt worden sei. Denn diese Rechte mussten von säkularen Kräften gegen den erbitterten Widerstand der kirchlichen Schöpfungsgläubigen erstritten werden. Über viele Jahrzehnte haben Päpste, Kardinäle, Bischöfe die Menschenrechte als gotteslästerliche Selbstanmaßung verdammt. Dies ist eine ebenso unbestreitbare Tatsache wie der scharfe Protest der katholischen Kirche gegen die Gleichstellung von Mann und Frau im deutschen Grundgesetz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass FAZ-Reportern diese historischen Hintergründe völlig unbekannt sind.“

Zu ganzen Gejubel um den Papst und seine Rede vor dem deutschen Bundestag gibt’s hier mal eine Gegenmeinung: Prädikat: “Besonders peinlich!”.

Und hier ist noch eine Gegenmeinung zur Gegenmeinung.

Zum Zustand der deutschen Spielekritik

by Gunnar on 7. September 2011 · 195 comments

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Schmidt. Chris (34) ist seit 13 Jahren Fachjournalist für Computer- und Videospiele. Er war zuletzt stellvertretender Chefredakteur von GameStar und lange Jahre Kollege des Herrn Lott. Der folgende Text ist eine Langfassung des gestern auf SpOn erschienen Debattenbeitrags.

[Eine kurze Einlassung von Herrn Lott findet sich am Ende dieses Beitrags.]

Ich habe mein Handwerk – das Testen von Computerspielen – vor 13 Jahren auf sehr gründliche Weise gelernt. Mein erster Chefredakteur reichte mir meine Texte gewöhnlich mit einer Reihe von Fragen zurück, die mit rotem Stift an den Rand des Blattes gesetzt waren: Wie funktioniert das Erfahrungssystem? Welche Fahrzeuge besitzt die dritte Kriegspartei? Wie verhält sich der Computergegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad? Ich fand zielsicher jede Passage aufgespießt, in der ich mich mit einem kurzen Satz durchzumogeln versucht hatte. Wer fair über Spiele urteilen will, so lernte ich, der muss ihre Funktionsweise gewissenhaft ausleuchten. Ich war ein guter Schüler. Als ich später selbst junge Redakteure anleitete, habe ich diese Akribie an sie weitergegeben. Das ist etwas, das ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 34 Jahren, bereue.

Wir haben das Falsche gelernt.

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Das ganze verdammte Mediending

by Gunnar on 24. März 2010 · 79 comments

Man muss auch einfach mal “Nein” sagen können.

Ich hatte dieses Problem schon immer, schon ziemlich lange jedenfalls. Ich war schon als Schüler und Student Fan vom SPIEGEL, verschlang jeden Artikel und fühlte mich gut informiert. Ich glaubte, was da stand. Nur selten wurde dieser Glaube erschüttert: Immer, wenn das Magazin über Computerspiele berichtete. Dann las ich ungläubig den aus halb Gewusstem, wahllos Zitiertem und falsch Verstandenem zusammengequirlten Quatsch. Und dachte mir, naja, das ist eben nicht ihr Thema.

Es blieb der winzige Zweifel: Was, wenn die ihre Analysen der deutschen Politik, ihre Wirtschaftsgeschichten, ihre Kulturessays so recherchieren wie die Stücke über PC-Spiele?

Besser nicht dran denken.

Zeitsprung. Wir haben das Jahr 2010, die Verlage ächzen unter der Werbekrise, ihre Lobbyisten stehen kurz davor, vom Staat den Abwurf von CARE-Paketen über Hamburg und München zu fordern und der viel zitierte Qualitätsjournalismus ist, vor allem im Web, nur noch ein Lippenbekenntnis (jaja, Ausnahmen bestätigen die Regel). Einstmals seriöse Medien übernehmen die Methodik des Boulevard; die Chefredakteurin der “Bunte” lässt es sich nicht nehmen, einen Politiker von Detektiven beschatten zu lassen; die TV-Karriere von Andreas Türck ist im Arsch; der Chefredakteur des ZDF hat gegen Roland Koch verloren; Verlagswebseiten liefern sich ein Wettrüsten im PI-Tuning; Journalisten geben Spinnern spaltenweise Raum, wenn’s nur gegen Google geht; TV-Redaktionen erleiden Hirnaussetzer beim Thema Killerspiele; die widerwärtige Berichterstattung über Amokläufe schürt die Gefahr von Nachahmungstaten. Undsoweiter.

Und zum aktuellen Fall von Vorverurteilung sagt mir ein ansonsten geschätzer Kollege wortwörtlich:

So eine Story auszulassen, kann sich kein Redakteur mehr heute erlauben. Kaum Arbeit und Recherche Aufwand und trotzdem hohes Leserinteresse – Pressecodex und Qualitätsjournalismus oder gar die Interessen vom Kachelmann interessieren da nicht die Bohne…was Quote bringt, wird gemacht…bei dem aktuellen wirtschaftlichen Druck der Verlage, wird das die nächsten Jahr noch härter…

Ich kann dazu nur sagen, mir hätte nichts gefehlt, wenn ich von diesem Fall zu diesem Zeitpunkt noch nichts erfahren hätte. Sondern erst, wenn die Faktenlage stabil ist. Ebenso wie bei der Dame von den No Angels seinerzeit, wo immerhin die SZ den Anstand hatte, den Namen nicht sofort rauszuposaunen.

Die Qualitätsmedien machen sich mit dem peinlichen Durchhecheln von Nicht-Nachrichten, die zudem jeder hat, auch nicht interessanter. Ich bin vielleicht eine Ausnahme, aber mir verleidet das ganze Geschrei das Zeitunglesen, das SpOn-Lesen, das Lesen von Nachrichtenseiten allgemein. Je häufiger die atemlos eine Sau durchs Dorf treiben, die nächste Woche wieder komplett vergessen ist, desto weniger bin ich bereit, denen mein Geld oder meine Aufmerksamkeit zu widmen. Das ganze Mediending hat schließlich auch was mit Identifikation und Vertrauen zu tun.

Ich habe daher mein Leseverhalten in letzter Zeit dramatisch geändert: Die Nachrichtenseiten können mir komplett gestohlen bleiben — ich beschränke mich auf weitestgehend auf Blogs und (beruflich) Gaming-Sites. Und wenn doch der Chris auf SpOn oder der Thomas bei der WELT mal wieder was Hübsches geschrieben haben, dann werden’s mir Twitter oder Facebook schon zutragen.

Man muss auch mal “Nein” sagen können.

iPhone Sex FTW!

by Gunnar on 25. Februar 2010 · 9 comments

Äh? War da nicht was? Hat Apple nicht eben noch handstreichartig 5000 Apps wegen, uh, im weitesten Sinne “sexueller Inhalte” aus dem Appstore (diesem Online-Laden für das iPhone, Sie wissen schon) gelöscht? Was, wir erinnern uns, die Kollegen von der BILD dazu veranlasste, sich lautstark um die Pressefreiheit zu sorgen.

Ein Sturm im Wasserglas, natürlich. Apple tut, was Apple für richtig hält und hat automatisch recht, solange es eine substanzielle Schar von Käufern gibt, die die Bequemlichkeit einer mit Designermögeln ausgestatteten Diktatur den Gefahren der freien Wildbahn vorziehen. Wie, äh, mich.

Aber langer Rede kurzer Sinn: Eben begab ich mich, in Sicherheit gewiegt durch die Moralisten aus Cupertino, in den Appstore, um ein bisschen Kleingeld zu verschwenden, und WAS MUSS ICH DA SEHEN?

Die Invasion der Sex-Apps:

sex apps

Absurd. Beim kursorischen Drüberschauen scheinen die Sex-Apps gerade zu überwiegen. Haben die seit gestern die Politik geändert? Ist das der Gegenschlag der Sexindustrie?

Oder sitzt bei Apple heute einfach der neue Praktikant am Freigabeschalter?

Die Zeit und Bioshock 2

by Gunnar on 10. Februar 2010 · 6 comments

Es ist ja grundsätzlich interessant und auch erfreulich, dass die Kollegen von zeit.de sich mit Computerspielen beschäftigen, aber dieser aktuelle Artikel ist genau von der typischen Sorte Fließbandjournalismus, der Schuld daran ist, dass ich fast keine Magazine mehr lese.

Das typische Rezept geht so: Wir wollen über ein Produkt schreiben, dass uns interessiert, brauchen aber irgendeine Rechtfertigung dafür. Also konstruieren wir, extra für den Ressortleiter, einen windigen Meta-Rahmen anhand von zweikommafünf Beispielen, der vage zum Hauptthema passt. Und postulieren eine Pseudo-These, in diesem Fall sowas wie Oh hey, bei Computerspielen sind Dystopien als Setting total in oder im Wortlaut des Artikels “Was werden die Menschen denken, wenn sie in 50 Jahren auf die Computerspielewelt unserer Zeit zurückblicken? Vielleicht werden sie [...] darüber nachdenken, warum sich [...] ausgerechnet Videospiel-Dystopien so großer Beliebtheit erfreuten, also Spiele, in denen die Erde verwüstet, die Menschheit unterjocht und die Zahl der wackeren Widerständler äußerst überschaubar ist.” Vielleicht. Vermutlich aber nicht. Gähn. In den aktuellen Charts findet sich schon mal gar kein Spiel mit dystopischer Geschichte, eher Titel wie Avatar oder Star Trek Online, die die Zukunft durchaus farbenfroh zeichnen. Der Autor muss denn auch schon das jahrealte Half-Life 2 aus dem Grab zerren, um ein halbwegs bekanntes Beispiel für seinen postulierten Trend zu haben.

In Absatz 2 nimmt man einen Experten, den keiner kennt, der aber ein bisschen halbwegs passendes Akademiker-Kauderwelsch ausspuckt (“Diese post-apokalyptischen Szenarien können im Spiel als detailreiche, räumliche Fiktion erforscht werden [...]“), das der Autor selber viel verständlicher hätte formulieren können. Aber das Expertenzitat an sich ist ja der Arbeitsnachweis des Qualitätsjournalisten, das muss der Leser eben schlucken. Dann kommt die unvermeidliche Inhaltsangabe des besprochenen Mediums, in diesem Fall erstmal Bioshock 1 in 25 Zeilen, ehe dann Bioshock 2 in läppischen fünf Zeilen abgehandelt wird. Dann noch ein bisschen Lob/Kritik, dann der elliptische Schluss, für den der Autor leider keine rechte Idee hat, der aber trotzdem unbedingt sein muss. So. Artikel fertig, Zeilen gefüllt. Kein interessanter Gedanke, keine überraschende Formulierung, kein Wort zum Spielprinzip. Nur ein weiterer Artikel, nach dessen Lektüre jedermann (egal ob Bioshock-Kenner oder -Neuling) genauso schlau ist wie zuvor. Klassisches Feuilleton, eigentlich.

Wenn er wenigstens auf Björns großartiges Bioshock-Essay gelinkt hätte.

P.S.
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Aber Google ist doch böse, oder?

by Gunnar on 26. Januar 2010 · 1 comment

Ein sehr kurzer Beitrag, in welchem der Herr Kaliban eigentlich nichts anderes macht als auf ein andere Blogs zu verlinken. Das aber mit vielen Worten.

Weil’s ein bisschen zum gestrigen Thema passt, wollte ich mal kurz auf einen Artikel von Christoph Kappes hinweisen, drüben bei Carta. Wo der Herr Kappes das tut, was man eigentlich von unseren so genannten Qualitätsmedien erwarten würde, nämlich das ganze Google-Ding mal ohne ideologische Scheuklappen (*) aufzurollen und einzuordnen. Sehr brauchbar. Würde empfehlen, die Kommentare mitzulesen.

Schnelles Zitat vorab, damit keiner die, äh, Katze im Sack klicken muss:

Auf der politischen Diskussionsebene hat sich eine Lagerbildung unter den Diskutanten etabliert: hier die Fanboys, unkritisch und immer nach vorne gerichtet, dort die rückwärtsgewandten Kulturpessimisten, die weder die Technik verstehen noch Disruption erkennen. Ein sachlicher Diskurs ist aber schwer möglich, wenn die Motivation und Kompetenz der jeweiligen Gegenseite angegriffen wird. Die Spitzenvertreter beider Lager, die gerade sich selbst für besonders gute Kommunikationsprofis halten, sollten einmal darüber nachdenken, wohin das eigentlich führen soll.
Ursache dieses Klimas sind geradezu komplementäre Kompetenzen beider Lager: während es den einen neben sprachlicher Gewandtheit im Diskurs an medientheoretischer, marktpolitischer und rechtlicher Kompetenz mangelt, fehlen den anderen mitunter Kenntnisse über Chancen und Grenzen von Techniken und Geschäftsmodellen – und schlicht auch die Praxis.

P.S. Und weil wir gerade dabei sind, noch zwei Blog-Links: Michalis ereifert sich sehr lesenswert über den Relaunch des Focus; Chris ereifert sich über die Untaten der aktuellen Regierung.

Als hätten wir nicht genug Manifeste

September 7, 2009

Och. Nun. Ja. Jetzt haben wir also auch noch ein Internet-Manifest. Welches aber dann doch kein Internet-Manifest ist, sondern eine Art Thesensammlung zum Onlinejournalismus. Verfasst von einer Handvoll Blogger und freier Journalisten, mehrheitlich wohnhaft in Berlin.

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Der neue alte Journalismus

August 26, 2009

Weil man mich neulich fragte, was eigentlich meine “Philosophie” zum “neuen Journalismus” sei und ich für den Vortrag eines US-Kollegen ohnehin etwas halbwegs Zitierfähiges aufschreiben musste, kann ich’s auch gleich der Weltöffentlichkeit zum Besten geben.

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