Journalismus

Der “Warme Händedruck”

by Gunnar on 23. Januar 2013 · 9 comments

Eine Wortmeldung von Christian Schmidt, Ex-GameStar-Kollege des Herrn Kaliban. Steht hier, weil der feine Herr Schmidt zwar eine Meinung zu allem möglichen, aber eben kein eigenes Blog hat:

Ich habe mit etwas Verspätung gesehen, dass ich auch dieses Jahr für den „Warmen Händedruck“ von Krawall.de nominiert bin, der wichtigsten (weil einzigen) Auszeichnung für den besten deutschen spielejournalistischen Artikel des Jahres. Letztes Jahr hat mein Spiegel-Essay den Jurypreis gewonnen. Dieses Jahr sind – aus Mangel an hochwertigen Artikeln, wie Krawall schreibt -, nur drei Texte nominiert, allesamt Essays.

Ich fühle mich natürlich geehrt, meinen Artikel über das Politikbild von Spielen in dieser Auswahl zu geadelt zu seien, aber ich war ehrlich gesagt überrascht. Mir fallen aus dem Stegreif weit besser geeignete Kandidaten ein. Eine kurze Auswahl:

Zwei der drei Warmer-Händedruck-Kandidaten 2012 stammen aus dem halbjährlich erscheinenden WASD-Magazin, und man kann das wahlweise als Beleg für dessen Qualität oder für die Präferenzen der Krawall-Jury auslegen; aber beide Artikel, darunter mein eigener, wären nicht meine erste Wahl gewesen. Meine Empfehlung ist der Essay „Kein dritter Weg“, in dem Björn Wederhake eloquent und anschaulich aufzeigt, wie Spiele sich darum drücken, ihren Spielern imperfekte Lösungen zuzumuten und dadurch echte Reflexion zu ermöglichen.

Der beste Test des Jahres – und rundum mein Artikel des Jahres 2012 – ist die zu Recht vielbeachtete Rezension des Indie-Spiels „Polymorphous Perversity“ von Christof Zurschmitten auf Superlevel.de. Zurschmitten zeigt, wie intelligent, scharfsichtig und pointiert man Spiele besprechen kann. Wie meisterhaft er Kontext, Erlebnis und Kommentar verknüpft, sollte für die deutsche Spielekritik beispielhaft sein. Wie schade, dass Krawall ihn nicht durch eine Nominierung würdigt!

Der Krawall-Chef André wird sich nicht selbst nominieren, obwohl er es verdient hätte – sein Report „Das Tal der Verzweiflung“ war ohne Zweifel das Beste, was 2012 in GameStar zu lesen war, eine erkenntnisreiche Annäherung an eine selten beleuchtete, sehr menschliche Seite der Spielentwicklung.

Die Kollisionsabfrage-Polemik „Auf den Treppenstufen der Missgunst“ als journalistische Leistung zu würdigen, ist fragwürdig genug, aber unabhängig von der Perspektive hat der Text in meinen Augen keine Herausstellung verdient. Das mag daran liegen, dass ich Texten, die mit dem Satz „Videospiele haben sich in den letzten zehn Jahren massiv verändert“ beginnen, von vornherein jede Preiswürdigkeit absprechen würde, aber in erster Linie doch daran, dass ich keinen Mehrwert darin sehe, über eine so banale Tatsache wie das Trolltum unter Gamern herzuziehen (als ob das spielerspezifisch wäre!) oder daraus gar eine Generation von Arschlöchern abzuleiten. Zumal der Blog-Text weitschweifend Gründe für seine steile These vom Sittenverfall sucht, aber nie auf die Idee kommt, sie vielleicht mal zu hinterfragen.

Ich hätte mir als Signal an die Branche gewünscht, dass Krawall nicht ausschließlich Essays nominiert, die im Kämmerlein entstanden sind, sondern journalistisches Handwerk – also Artikel, die recherchieren, befragen, nachhaken, sich die Hände schmutzig machen. Man könnte zum Beispiel mal Dennis Kogel eine Anerkennung aussprechen, egal für welchen seiner Artikel – einfach dafür, dass er rausgeht und mit Leuten spricht. Wenn etwas vorbildlich für uns alle sein sollte, dann das.

DISCLAIMER: Der Herr Kaliban war Teil der von Chris hier kritisierten Jury.

Gamesjournalismusgerede

by Gunnar on 16. Januar 2013 · 2 comments

Der Herr Kaliban ist gestern mit seinem kongenialen Podcast-Partner Christian Schmidt im lustig benannten “Insert Moin”-Podcast aufgetreten. Thema war “Gamesjournalismus”, puh.

Ein Klick aufs Bild bringt euch hin:

[Und ja, ich weiß auch, dass mein Ton schauderhaft ist. Seufz.]

WASD kaufen!

by Gunnar on 22. Dezember 2012 · 3 comments

Die neue WASD ist erschienen, falls es jemand noch nicht gehört hat. Möglicherweise das beste deutschsprachige Spielemagazin. Mit Texten von Christian Schmidt und mir. Und auch sonst noch vielen großartigen Autoren wie Sven Stillich (GEE, Hamburger Abendblatt), Balkantoni, Agitpop-Björn, Robert Glashüttner (FM4), Dennis Kogel (Superlevel, GameStar) und vielen anderen.

Ein Klick auf das Foto bringt euch zur Bestellseite.

Wer erstmal reinlesen mag: Christians Artikel gibt’s auch drüben, bei GameStar.

Heute erschien die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland.

Die Redaktion verabschiedete sich mit einem schönen Foto, auf dem sich alle verneigen. Und den folgenden Zeilen:

Entschuldigung,
liebe Gesellschafter, dass wir so viele Millionen verbrannt haben. Entschuldigung, liebe Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben. Entschuldigung, liebe Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind. Entschuldigung, liebe Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben. Entschuldigung, liebe Kollegen, dass wir Euch so viele Nächte und so viele Wochenenden haben durcharbeiten lassen. Entschuldigung, liebe Leser, dass dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind. Es tut uns leid. Wir entschuldigen uns vorbehaltlos. Aber: Wenn wir noch einmal von vorn anfangen dürften – wir würden es jederzeit wieder genauso machen.

Das ist gefällig formuliert und hat auf den ersten Blick irgendwie Klasse. Bei Licht betrachtet ist das allerdings schon eine dezent arrogante Nummer für eine Zeitung, die nicht am mangelnden Durchhaltevermögen ihrer Verleger oder Anzeigenkunden oder gar ihrer, haha, Unbequemlichkeit gescheitert ist, sondern schlicht zu wenig Leser gefunden hat. Weniger als die taz, um das mal auszusprechen. (Und die taz hat keine internationale Marke oder einen Großverlag auf der Habenseite.)

Trotzdem sind natürlich die Umstände schuld. Am Journalismus kann es ja nicht liegen. Oder doch? Wir nehmen mal meine Lieblingsfokusgruppe: mich.

FRAGE: Herr Kaliban, Sie sind doch Teil der Zielgruppe. Warum lesen Sie nicht die FTD?
ANTWORT: Ich wollte. Wirklich. Aber ich habe aufgehört, die FTD zu lesen, nachdem ich in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben eine Verwechslung von “Billion” und “Milliarde” entdeckt hatte – und in der dritten Ausgabe auch noch horrender Unsinn über die Spielebranche stand, so richtiger Unsinn, mit falsch interpretierten Zahlen und so.
FRAGE: Ah. Danke. Sie dürfen sich setzen. I rest my case.

Die ganze passiv-aggressive “Entschuldigung” passt allerdings gut zu dem Tenor, der überall zu hören ist, seit das Ende der FTD angekündigt wurde: Schade sei das, bitter gar, das Internet sei schuld, es sei das Ende einer tollen Zeitung, die dem Land fehlen werde et cetera.

Natürlich ist das traurig, wenn 350 Arbeitsplätze über den Jordan gehen, aber vielleicht hat die taz recht, die heute schreibt:

Dass der Verlag nun bei diesem Produkt genau jene Kriterien von Rentabilität und Profit walten lässt, auf die Kommentatoren jener Zeitung stets so bescheidwisserisch wie kaltherzig verwiesen, wenn es, sagen wir, um das Schicksal von Nokia-Arbeitern oder Schlecker-Angestellten ging, ist für die Beteiligten vielleicht lehrreich und sicherlich unangenehm. Aber mehr auch nicht.

Die Larmoyanz deutscher Journalisten in den letzten Jahren ist in der Tat unerträglich geworden – die Verkaufszahlen gehen südwärts, ja, aber das gehen sie, zumindest für die Tageszeitungen, schon seit den 90ern. Jeder weiß seit vielen Jahren, dass man was tun muss. Und doch wird vergleichsweise wenig getan: Preise hoch, Seiten runter, als Redaktion getarnte Werbung allerorten, Praktikanten statt Redakteure und immer noch mehr Tricksereien, um die Abodauer zu verlängern. (Bei der SZ etwa kann man heutzutage im “Abo-Center” auf der Website alles tun, nur nicht kündigen. Dafür muss man einen Brief schicken. Bitch, please.) Und wenn bei einem, sagen wir, Joghurthersteller das Produktmanagement auf die Idee käme, auf sinkende Verkaufszahlen mit einer offensichtlichen Reduzierung der Qualität sowie der Menge pro Gebinde und einer klaren Anhebung des Preises zu reagieren, würden die Leute möglicherweise gefeuert – in Verlagen hält man sich hingegen für clever, wenn man aus den letzten treuen Lesern möglichst viel herausquetscht*.

Aber nun. Ist ja auch egal. Bald kommt das Leistungsschutzrecht und macht die ganze kaputte Welt wieder heile. Bestimmt. Und wenn nicht, dann kommt nach dem Leistungsschutzrecht die Kampagne für die Mehrwertsteuerreduzierung und die Kampagne für Steuererleichterungen und die Kampagne für Verlagsbailouts und was weiß ich.

* Anmerkung in eigener Sache: Natürlich haben wir das in meiner aktiven Zeit als leitender Verlagsangestellter auch so gemacht, managing print for profit hieß das bei uns. Ich sage auch nicht, dass es ganz anders geht, dass Kampfpreise und/oder Qualitätsoffensiven den Printjournalismus retten könnten. Man muss aber eben die Zeit der sinkenden Printauflagen nutzen, um andere Standbeine zu schaffen. Und die Maulerei, dass die Kostenloskultur, das Internet oder das schlechte Wetter schuld seien, möge man sich ganz verkneifen. Das steht Profis nicht gut zu Gesicht.

Ach, das Netz ist so gefährlich

by Gunnar on 20. November 2012 · 48 comments

Vor ein paar Tagen hat die SZ, mit der mich eine Hassliebe verbindet, einen dieser Artikel über das böse Internet und den Untergang des Abendlandes online gestellt. Habe nur kurz drüber geschaut, die Klick-Bildergalerie “Die größten Selbstdarsteller im Netz” gesehen, dann bin ich wieder gegangen. Dann wider besseres Wissen nochmal quer gelesen, Halsaderschwellung bekommen und wieder gegangen. Dann nochmal ganz gelesen.

Es gäbe am Artikel ein, zwei, dreißig Dinge zu bekritteln, aber danach steht mir nicht der Sinn, eigentlich wiederholt er nur die üblichen Vorurteile. Wenn in ein paar Foren ein paar Leute irgendwas Blödes machen, ist es der rechtsfreie Raum im Internet, den man nicht dulden darf und die “Schwarmfeigheit” der anonymen User. Das kann man schon mal sagen, an vielen Stellen im Netz ist der Umgangston nicht sehr zivil. Aber immer so zu tun, als sei das ohne Präzedenz und ein reines Netzphänomen, das ist eine Verzerrung. Propaganda. Man erinnere sich an den Irrsinn der Titanic seinerzeit, die Sache mit der “Bestechung” der Fifa-Funktionäre. BILD veröffentlichte die Telefonnummer der Redaktion und ein paar Hundert oder Tausend Leser riefen an und wünschten der Titanic Übles (inklusive “Sie gehören ins KZ” und so). Ein Mob, im Schutze der Anonymität des Telefons, orchestriert von einem Boulevard-Medium. Wo war da die Debatte in den Qualitätsmedien, wo war der Aufschrei der SZ-Redaktion?

Jaja, man soll derlei Dinge nicht vergleichen, aber die Welt ist überall schlimm, wo Menschen ein bisschen in eine Richtung geschubst und von der Verantwortung für ihr Handeln befreit werden, das wurde ja schon hinreichend bewiesen. Wenn man sich die Weltgeschichte anschaut, ist das breite Netz geradezu überraschend zivil. Kein Grund, da immer gleich das Ende der Schöpfung auszurufen. “Wer zahlt für die Folgen versehentlich einberufener Facebook-Partys” barmt die SZ-Autorin scheinheilig, ohne einen Gedanken dran zu verschwenden, wer eigentlich dafür zahlt, wenn mal wieder drei Leute von einer Brücke springen, weil eine Lokalzeitung entgegen dem Konsens der Medien, Selbstmordschauplätze nicht zu erwähnen, eine Selbermördermeldung mit einem Foto garniert hat.

Aber das alles ist wie erwartet. Die Autorin, Alexandra Borchardt, immerhin CvD der Zeitung, ist halt in den 40ern und hat schon eine schöne Karriere in den Printmedien hinter sich, da greift die alte Douglas-Adams-Regel*: “Anything that gets invented after you’re thirty is against the natural order of things and the beginning of the end of civilisation as we know it.”

[EINSCHUB]
Das klingt, als würde ich denken, das Leute über 40 das Internet nicht verstehen. Aber ss geht nicht ums Verstehen. Es geht ums Nutzen und sich Wohlfühlen und Teilhaben.

Surfen und googeln und e-mailen und dropboxen und ein bisschen twittern, das ist nicht das Internet. Das können alle. Verständnis für dieses Medium mit all seinen Chancen und Problemen gewinnt man so nicht. Dazu hilft es, seinen Freundeskreis auf FB zu haben, Diskussionen bei Reddit zu führen, in Foren unterwegs zu sein, seine Infos aus einem 500 Quellen umfassenden RSS-Feed zu saugen, Wikipedia-Artikel zu schreiben, keine Ahnung, all das und mehr.

Meine vierjährige Tochter kommt nicht mehr auf die Idee, sich mit einem “Weiß ich nicht” zufrieden zu geben — wenn sie wissen will, was ein Ozelot ist und ich nur grob sagen kann, nun, das ist ein Tier, ein, äh, Raubtier mit Fell und so, dann sagt sie, “Papa, guck’s doch rasch auf dem iPad nach”. Das ist das, was das Adams-Zitat meint. Für meine Tochter gibt es keine Welt ohne Computer in der Hosentasche, ohne “Always On”, ohne Internet in ständiger Reichweite.

In meinem Leben (ich bin ja auch über 40) begann das Internet erst, als ich schon im Studium war. Meine erste E-Mail-Adresse war caliban@liteline.mcnet.de, um sie abzurufen, musste ich mich bei einer Mailbox einwählen. Ich habe volles Verständnis für Leute, die nicht mehr alles mitmachen müssen, mich stört nur die Glorifizierung des Alten (“Guten Journalismus gibt’s nur in Print”, “Eine Welt ohne Bücher aus Papier wäre eine verarmte Welt”, blabla) und die Verleumdung des Neuen (“Twitter ist nur weißes Rauschen”; “Auf FB schreiben Leute nur über die Pizza, die sie gerade essen”; “die User wollen alles umsonst, das ist das Ende der Kunst” und so weiter).

[EINSCHUB ENDE]

Viel ärgerlicher als all die oft gelesene Behauptungen, Verkürzungen und Pauschalisierungen (der Klassiker, die Urheberrechtskritiker pauschal “Urheberrechtsgegner” zu nennen, ist auch wieder dabei) ist ein Zitat einer Passauer Professorin, Barbara Zehnpfennig, das sich im Artikel findet:

Denn vollkommene Transparenz zerstöre, vor allem wenn sie mit großem Zeitdruck verbunden ist, die Schutzräume, in denen Demokratie erst gedeihen kann: Diskretion und Diplomatie, die Zeit zum Reifen von Überzeugungen, der öffentliche, von Medien gebündelte Diskurs.

Schön gesagt, aber ist nun wirklich das ungefilterte Denken der Eliten.

Genau so hätten sie’s gern. Keine Mitbestimmung, keine Transparenz, nur der Klüngel und die Hinterzimmer. Und die großen Zeitungen als ideologischer Türwächter, die der ungewaschenen Bevölkerung die Sache so oder so erklären. Die schöne alte Welt, in der Journalisten saftige Geheimnisse erzählt kriegen (und sie nicht weiter erzählen), in der Politiker unenttarnt Mätressen unterhalten können, in der Bauprojekte nach Nase und Gegengefallen vergeben werden.

Da möchte man doch schreien. Transparenz ist die einzige Waffe, die wir haben, gegen die Leute, die das Land schädigen, um des eigenen Egos und des eigenen Vorteils willen. Gegen die Leute, die uns zu einer internationalen Lachnummer machen, weil unser Bundestag es nicht für nötig hält, die UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren (denn da wäre ja, oh Graus, eine Erweiterung des Straftatbestandes der Abgeordnetenbestechung nötig). Gegen die Leute, die sich den Staat zu eigen machen und das Wohl des Volkes der Ratio der Wahlkämpfe unterordnen.

Aber nun. Das ist natürlich alles kein Problem, die SZ sorgt sich lieber um raubkopierende Jugendliche und Facebook-Partys und um die Diskretion in der Demokratie.

Das Schreiben von Artikeln, seit langem nicht mehr mein Hauptberuf, ist ein Geschäft voller Unwägbarkeiten: Mal schreibt man einfach nur ein Wort hin, dann nimmt einen der magische Flow bei der Hand und schwimmt mit einem raus aufs Meer, die Zeit bleibt stehen, und man erwacht zwei Stunden später mit einem Pulitzer-Preis-verdächtigen Werk auf der Festplatte. Das ist, nun, der seltene Fall. Normalerweise schreibt man ein paar Absätze, findet ein paar Sätze gut, andere so mittel und beginnt den ersten von vielen Überarbeitungsgängen, an deren Ende dann etwas Brauchbares steht, vielleicht. Den Prozess nannten wir früher “aus Bronze Gold machen” oder, bei der Redigatur untalentierter freier Autoren, auch despektierlich “aus Scheiße Bronze machen”. Ahem.

Naja, ich jedenfalls schrub neulich einen Artikel für die lobenswerte WASD, das war eine reine Qual, wie sie mir kaum je passiert ist. Vier Anläufe, vier halbe Artikel mit unterschiedlichen Angriffen aufs Thema, aber kein Ansatz wollte funktionieren. Jedes Mal war nach der Mitte klar, dass man es so nicht schlüssig zuende bringen kann. Am Ende, weit nach dem versprochenen Abgabetermin, war es nur noch ein Rückzugsgefecht und der Versuch, aus Dreck wenn schon nicht Bronze, dann wenigstens, sagen wir, Blech zu machen.

Das Resultat ist irgendwann in der WASD nachlesbar (falls der Herausgeber es nicht noch heimlich unter den Tisch fallen lässt, um den Qualitätsdurchschnitt seines Magazins zu halten), ich aber sitze hier mit einem Haufen halber Artikel und einem leicht eingedellten journalistischen Selbstbewusstsein.

Eine ganz hübsche Passage, die es nicht in den Artikel geschafft hat, möchte ich wenigstens hier verwerten. Das zugrunde liegende Ereignis muss in den Achtzigern passiert sein, ich kam drauf, weil ich für den Artikel über die Macht von Metaphern beim Game-Design nachdachte. Also:

Ich habe vor vielen Jahren mal an einem Rollenspiel teilgenommen, 50 Menschen in einem Raum, keine Regeln außer einer knappen Vorgeschichte: „Der König ist gestorben. Ihr seid die Versammlung, die den Nachfolger aus ihrer Mitte wählt.“ Man konnte sich dann noch eine Rolle frei auswählen, sofern sie in das Fantasy-Setting passte, Herr der Diebesgilde, Sprecher der Hobbitgemeinden, so was in der Art. Der Spielleiter schenkte einem dann passend zur Rolle Spielgeld und Einflusspunkte, los konnte es gehen. Den Rest machten wir selber. Es folgten vier Stunden Gespräche zwischen Impro-Comedy und Schauspielschule, das ganze Chaos zusammengehalten dem Wissen, dass am Ende eine Abstimmung stehen würde. Wir logen, schworen, bestachen, bezircten, drohten. Ganz wie im richtigen Wahlkampf. Am Ende gab es einen schwachen König, fast handlungsunfähig durch all die Versprechen, die er abgeben musste, um sich Stimmen zu sichern, aber auf jeden Fall der Mann, der für die unterwegs entstandenen Bündnisse das kleinste Übel war.

Dann brach noch die Revolution aus, aber das war möglicherweise meine Schuld, weil ich die Hobbits aufgewiegelt hatte, das tut hier nichts zur Sache.

Sehr realistisches Resultat übrigens, fast wie bei einer richtigen Wahl.

Das beschriebene Rollenspiel fand auf dem STARD statt, einem längst vergessenen Rollenspiel-Con der frühen Pionierzeit. Ich meine mich zu erinnern, dass der Spielleiter Hadmar Wieser* war, aber ich würde da meinem Gedächtnis nicht vertrauen. Jedenfalls war es eine coole Erfahrung, zu sehen, aus wie wenig man ein interessantes Spiel machen kann: Neben der sehr starken Ausgangssituation (“Wählt den König”) gab es fast nichts, schon gar kein Regelwerk. Alles passierte nur in den Köpfen der Spieler.

So, nun ist wenigstens noch ein Blogbeitrag rausgesprungen bei dem Desaster.

Schriftbild

by Gunnar on 10. März 2012 · 2 comments

Angenehme Überraschung heute morgen beim Aufschlagen der Süddeutschen Zeitung. Die Wochenendbeilage hat sonst (neben dem ganzseitigen Interview) eigentlich immer nur sinnlose Mini-Rubriken und zeitgeistige Texte von angestrengter Coolness. Diesmal hat die Redaktion daraus anlässlich der Buchmesse eine Sonderausgabe namens “Schriftbild” gemacht. Mit typografischen Spielereien statt Infografiken und Fotos, mit Gedichten und Prosa von Helden wie Ror Wolf, Max Goldt oder Durs Grünbein.

Sehr schön, das alles. Ein bisschen überspielt an ein paar Stellen, vielleicht, aber schön.

Und so sieht das aus:

Eine Doppelseite; jeder Text mit eigener thematischer Typo.

Eine Doppelseite; jeder Text mit eigener thematischer Typo. Die Fraktur links ist vielleicht ein bisschen viel, aber naja.

Das Interview hat schöne farbige Initialen.

Das Interview hat schöne farbige Initialien und eine klare Serifenschrift.

Max Goldt-Text in Prillwitz-Typo und mit schöner Überschrift.

Max Goldt-Text in in Prillwitz-Typo und mit schön geschwungener Überschrift.

 Ich hatte mir, wie ich kürzlich in einer alten Mail an mich selber wieder entdeckte, 2008 mal den Vorsatz gesteckt, auf dieser Seite mehr Interviews und Gespräche zu veröffentlichen. Ich fange damit jetzt mal an, no time like the present.

Ich sprach mit Petra Fröhlich, Spielejournalistin der ersten Stunde, über Frauen in der Branche, Jobchancen für Einsteiger und ihre persönlichen Spielevorlieben.

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Herr Kaliban erinnert sich an seine Nerd-Jugend.

Gemeinhin denkt man, mein erster Job als Chefredakteur sei der bei der GamePro gewesen, die ich Anno 2002 gegründet habe. Aber falschgedacht, bereits Mitte der 80er war ich Chefredakteur der gloriosen “Dwarfs & Dragons”, der Clubzeitung unseres D&D-Rollenspielvereins “Niedermittelbeverns Eisdrache”. Die Auflage betrug zehn Stück; der Umfang (bis zu) fünf Seiten. Nach fünf Ausgaben war die Sache auch schon wieder vorbei.

Das Blättchen haben wir damals erstellt mit der Software “The Newsroom” (von Springboard) auf dem C-64; ausgedruckt auf dem Nadeldrucker meines Freundes Marco, der als Verleger fungierte. Ach, eine schöne Zeit, obwohl wir in einem umkämpften Markt agierten: Es gab sogar eine konkurrierende Zeitung namens “Elfen und Feen”, die auch dieselben zehn Clubmitglieder adressierte.

Ich dokumentiere hier mal die fünfte Ausgabe in voller Länge.

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Der Wulff im Fahrstuhl der BILD [Update]

by Gunnar on 4. Januar 2012 · 11 comments

Ich komme nochmal auf die Causa Wulff zurück. Sorry. Aber die Sache mit dem Anruf kriegt in der Diskussion einen falschen Spin, finde ich.

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Journalismus 1.0

November 10, 2011

Hübsche Aufarbeitung über den Beruf des Journalisten Anno 1940. Interessant ist die folgende Feststellung, die auch heute noch so zutreffen sollten, wenn man seinen Beruf ernst nimmt: The editorial writer must be able to write on many subjects. But instead of merely reporting news, he analyzes it and explains its meaning, often expressing his personal […]

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Wired, GQ und die Wunderwelt der Zeitschriften

September 14, 2011

Herr Kaliban kehrt zu seinem ehemaligen Lieblingsmedium zurück, als Kunde wenigstens. Ich lese ja nicht mehr allzu oft Zeitschriften, musste mir aber heute, um mitreden zu können, gleich zwei kaufen. Denn die deutsche WIRED ist erschienen, unter der Regie von Thomas Knüwer (Ex-Handelsblatt-Redakteur, bekannter Blogger), und das deutsche Internet zerreißt sich das Maul über Goodness […]

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