Angenehme Überraschung heute morgen beim Aufschlagen der Süddeutschen Zeitung. Die Wochenendbeilage hat sonst (neben dem ganzseitigen Interview) eigentlich immer nur sinnlose Mini-Rubriken und zeitgeistige Texte von angestrengter Coolness. Diesmal hat die Redaktion daraus anlässlich der Buchmesse eine Sonderausgabe namens “Schriftbild” gemacht. Mit typografischen Spielereien statt Infografiken und Fotos, mit Gedichten und Prosa von Helden wie Ror Wolf, Max Goldt oder Durs Grünbein.
Sehr schön, das alles. Ein bisschen überspielt an ein paar Stellen, vielleicht, aber schön.
Und so sieht das aus:
Eine Doppelseite; jeder Text mit eigener thematischer Typo. Die Fraktur links ist vielleicht ein bisschen viel, aber naja.
Das Interview hat schöne farbige Initialien und eine klare Serifenschrift.
Max Goldt-Text in in Prillwitz-Typo und mit schön geschwungener Überschrift.
Ich hatte mir, wie ich kürzlich in einer alten Mail an mich selber wieder entdeckte, 2008 mal den Vorsatz gesteckt, auf dieser Seite mehr Interviews und Gespräche zu veröffentlichen. Ich fange damit jetzt mal an, no time like the present.
Ich sprach mit Petra Fröhlich, Spielejournalistin der ersten Stunde, über Frauen in der Branche, Jobchancen für Einsteiger und ihre persönlichen Spielevorlieben.
Gemeinhin denkt man, mein erster Job als Chefredakteur sei der bei der GamePro gewesen, die ich Anno 2002 gegründet habe. Aber falschgedacht, bereits Mitte der 80er war ich Chefredakteur der gloriosen “Dwarfs & Dragons”, der Clubzeitung unseres D&D-Rollenspielvereins “Niedermittelbeverns Eisdrache”. Die Auflage betrug zehn Stück; der Umfang (bis zu) fünf Seiten. Nach fünf Ausgaben war die Sache auch schon wieder vorbei.
Das Blättchen haben wir damals erstellt mit der Software “The Newsroom” (von Springboard) auf dem C-64; ausgedruckt auf dem Nadeldrucker meines Freundes Marco, der als Verleger fungierte. Ach, eine schöne Zeit, obwohl wir in einem umkämpften Markt agierten: Es gab sogar eine konkurrierende Zeitung namens “Elfen und Feen”, die auch dieselben zehn Clubmitglieder adressierte.
Ich dokumentiere hier mal die fünfte Ausgabe in voller Länge.
Hübsche Aufarbeitung über den Beruf des Journalisten Anno 1940. Interessant ist die folgende Feststellung, die auch heute noch so zutreffen sollten, wenn man seinen Beruf ernst nimmt:
The editorial writer must be able to write on many subjects. But instead of merely reporting news, he analyzes it and explains its meaning, often expressing his personal opinions. He must reason accurately and fairly, and write in an interesting manner. To understand and interpret problems of the day, he must read and study continually, in addition to having a great amount of knowledge and experience.”
Herr Kaliban kehrt zu seinem ehemaligen Lieblingsmedium zurück, als Kunde wenigstens.
Ich lese ja nicht mehr allzu oft Zeitschriften, musste mir aber heute, um mitreden zu können, gleich zwei kaufen. Denn die deutsche WIRED ist erschienen, unter der Regie von Thomas Knüwer (Ex-Handelsblatt-Redakteur, bekannter Blogger), und das deutsche Internet zerreißt sich das Maul über Goodness or Gayness des Heftes. Da das Druckwerk nicht allein erscheint, sondern dem Männermagazin GQ beigebündelt ist, gehören mir jetzt zwei aktuelle Magazine von Condé Nast. Zur GQ später, erstmal meine 2 Cents zur WIRED:
Das Heft macht grundsätzlich erstmal fast alles richtig, Grafik, Layout und Struktur sind originell und sauber gemacht. Es gibt tolle Fotos, viel Kleinteiliges zum Stöbern und schöne Infografiken, darunter eine zum Oktoberfest, die Fakten enthielt, die mir unbekannt waren. Manche der Artikel haben allerdings ihr Thema zu groß gewählt und sind deshalb zu kurz. Ein paar Mal sind die Kleinformate belanglos, ein paar Mal sind sie überkandidelt, aber grundsätzlich stimmt die Richtung. Das Cover finde ich, ganz persönlich, doof und unzugänglich, aber das tut nicht weh — auch die heilige US-WIRED hat nicht immer Volltreffer gelandet. Ein Vorteil gegenüber der amerikanischen Ausgabe ist, dass weniger Werbung drin ist — die deutschen Regeln sind da nämlich anders: Wer hierzulande eine Zeitschrift auf den Markt bringen will, muss weniger als 50 Prozent des Seitenumfangs mit Werbung bestreiten, ansonsten gilt das Druckerzeugnis nicht als Magazin, sondern als Katalog — und verliert eine Reihe von Privilegien, vom ermäßigten Mehrwertsteuersatz bis zum billigeren Postversand. Die US-WIRED bringt es schamlos auf eine Werbeanteil nördlich von 70 Prozent, was ein bisschen nervt. Dafür haben die Deutschen ein, zwei störende paar Promotion-Strecken drin, Werbung im Magazin-Layout. Bäh. Naja, Schwamm drüber, das Problem von Knüwers WIRED ist nicht die Werbung, nicht das Cover, nicht das Layout, sondern das Fehlen eines großen Themas. Der Leitartikel “Gebt Deutschland den Geeks” ist nachgerade Blödsinn (Analyse dazu: hier) und wird durch die nachgeschobenen Porträts von deutschen “Machern” nicht gerettet — das ist kein Debattenbeitrag, keine Anregung, kein Aha-Moment. Schade. Dadurch wirkt das Heft irgendwie unvollständig. Aber hey, für eine Erstausgabe ist es solide Arbeit. Das kann noch werden.
So viel zur WIRED, erstaunlicher war die GQ. Ich bin ja nur so mittel stilbewusst und schaue immer wieder staunend auf die Weisheiten, die mir in solchen Publikationen vermittelt werden: Herrenhandtaschen kann man in Ausnahmefällen tragen; Gummistiefel zur Jeans sind verboten; auf Klamotten mit den Accessoires der Nullerjahre (schmales Revers etc.) sollte man dieser Tage verzichten; der aktuelle Haarschnitt von Jared Leto ist der Hammer; Rot (in allen Abstufungen bis Müllmann-Orange) ist neben Knallblau und Grün die Farbe des kommenden Winters; die Wayfarer bleibt eine zeitlose Brille, auch wenn sie mittlerweile von kleinen Mädchen getragen wird. Und so weiter und so fort.
Eine ganz neue Welt tut sich mir auf.
Und man kann das alles kaufen. Toll.
Besonders erstaunlich aber finde ich die Tatsache, dass Bärte derzeit offenbar TOTAL IN sind. In meiner Welt trägt man Bart ja hauptsächlich zum Verbergen eines nicht allzu gelungenen Gesichtsteils oder aus schlichter Rasierfaulheit, aber offenbar ist der Bart in DER RICHTIGEN WELT wieder total salonfähig. Ich kann das beweisen, ich habe mal die Gesichter der männlichen Models in der aktuellen GQ auf Behaarung untersucht:
Man sieht, glattrasierte Männer sind auf dem Rückzug. Interessant übrigens der hohe Anteil an Models, die das Kunststück fertig bringen, mit 1-Tages-Bärten trotzdem gepflegt zu wirken. Das hat mich eine Stunde lang verwirrt, aber mein Ex-Kollege Sven B. aus, natürlich, M. konnte in den Kommentaren aushelfen: “Für den Ein-Tagesbart benötigt man einen elektrischen Bartschneider mit einer 1mm-Stellung, wird dann am 3ten Tag mit 2mm rasiert und danach wieder auf 1mm.”. Aha.
[Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch einen sinnlos durchprokrastinierten Urlaubstag.]
Ach, es bleibt nichts bestehen in der schrumpfenden Welt der Printmedien. Die GEE ist quasi eingestellt, Christian Schmidt hat die GameStar verlassen, als nächstes erscheint vermutlich der SPIEGEL mit einem lila Rahmen.
1998, Anfang Mai, ich war gerade einen Monat bei der GameStar, stellte Jörg L. einen blonden Jüngling ein, ausgerechnet aus der Konkurrenzstadt Nürnberg, wo die mächtigen Computecs damals residierten. Der junge Mann, Christian Schmidt hieß er, übernahm von mir die Betreuung der Rubrik der Budget-Spiele, eine dankbare Aufgabe für Neu-Redakteure, weil man dort ohne Wertungsdruck seine Spielewissen verbreitern konnte. Aber der Herr Schmidt brachte ohnehin schon ein immenses Wissen mit, eine normale Jugend kann er nicht gehabt haben, so viele Spiele kannte er aus eigener Anschauung. Dieses brennende Interesse am Medium hat er sich dann über die Jahre erhalten, quasi als einziger der mir bekannten Redakteure — wir alle haben uns zwar noch fortgebildet, aber uns irgendwann privat auf ein Genre kapriziert. Manche hingen auf WoW, andere auf Battlefield, ich reihe noch immer Solo-Rollenspiel an Solo-Rollenspiel, nur der Chris, der brachte es fertig, letztes Jahr Montags in der Redaktion zu erscheinen, einen Kurztest zu einem der Redaktion unbekannten Nischending namens Armada 2526 abzugeben und zu verkünden, er habe den Titel privat am Wochenende gespielt und dann nebenbei rasch noch den Test geschrieben. Chris war unser Experte für alles, was nicht Mainstream war: Rundenstrategie, Adventures, Wimmelbildspielchen und anderes Kleinzeug aber auch Story-Shooter, Rollenspiele und Echtzeitstrategie. Er testete eine Reihe von Meilensteinen (Deus Ex, Bioshock, Warcraft 3, System Shock 2), war der Hauptkolumnenschreiber und verantwortlich für das Kronjuwel des Magazins, die Reports. Seine Karriere lief nicht ganz gerade, zwischendurch nahm er sich eine Auszeit, begann ein Studium, kehrte zurück, betreute Sonderhefte, wurde dann Leitender Redakteur und schließlich Stellvertretender Chefredakteur.
Und jetzt, jetzt ist er weg.
Mal sehen, wo er wieder auftaucht, die Spiele werden ihn nicht loslassen, nehme ich an.
So. Und warum gebe ich mir so eine Mühe, das Ausscheiden eines einzelnen Redakteurs zu bereden? Nun, weil Chris meiner bescheidenen Meinung nach der beste Autor und Spiele-Analyst der ganzen verdammten deutschsprachigen Spielejournaille ist. Und der GameStar mächtig fehlen wird.
Ich nehme mir mal die Freiheit, für Christians gut zwölf Jahre Games-Journalismus einen virtuellen Schrein zu erreichten und präsentiere hier einige seiner schöneren Werke. Also, wir beginnen leichtfüßig mit seinem ersten Auftritt in “Raumschiff GameStar”:
Jetzt wieder was Lustiges, Chris’ vernichtende Kritik an den Bugs von Gothic 3:
Und wieder Gravitas: Nutze den Tod ist ein Essay über den Tod in Videospielen.
Nun Minecraft, das meistgesehene Testvideo der GS-Redaktion, mit fast 800.000 Views auf Youtube.de und GameStar.de:
Und jetzt endlich ein richtiger Spieletest: Amnesia: The Dark Descent Obwohl, es ist kein typischer GameStar-Test, Chris macht hier ein Experiment mit subjektiver Erzählweise, sehr unüblich in der konservativen deutschen Spieletesterei.
Und jetzt wieder ein Video, eine kundige Historie über die Diablo-Serie. Chris hat noch weit bessere Historien-Videos gemacht, die sind nur leider nicht online.
Herr Kaliban neigt derzeit ein bisschen zur Nostalgie und möchte eine Zeitschrift würdigen.
Nach 17 Jahren, 225 Ausgaben, wird Future Publishing im September die englische PC-Spielezeitschrift PC Zone einstellen*. Der Entschluss kommt am Ende eines langen Siechtums: die letzten Ausgaben fanden gerade noch um die 10.000 Käufer, inhaltlich ist sie schon seit Jahren nichts Besonderes mehr.
Die grundsätzliche Geschichte des Heftes von der Gründung 1993 bei Dennis Publishing über den Verkauf an Future 2004 bis heute kann man auf Wikipedia nachlesen, das ist so mittelinteressant. Interessant war der Stil: Ich habe die Zone Mitte der 90er gelesen, als sie — offenbar beherrscht von einer Horde total durchgeknallter Vollzeitirrer wie dem oder dem oder dem — eine Art Gaming-FHM war, eine Bastion der englischen “Lad Culture”*, aber eben mit einem sympathischen Nerd-Touch. Die Tests waren oft übertrieben hart oder übertrieben enthusiastisch, der Schreibstil manchmal krude, aber sie hatten immer großartige Witze und absurde Ideen.
Unvergessen ist mir der Satz “Well, you know, there are people who don’t want internet access. Presumably because they have a big porn collection already.”. Oder das beste Nerd-Anagramm ev0r:
Wing Commander IV = Cover dim Wingman
Sensationell. Dieses wunderbare Faktum nutzlosen Wissens hat die PC Zone in einem Vortext nebenbei ihren Lesern hingeworfen, Jahre, bevor es Anagrammgeneratoren im Internet gab, und sich schon damit meine ewigwährende Hochachtung erworben. Wild war auch der Joysticktest mit der Nonne, die Noten für, äh, “phallusicity” abgegeben hat oder die absurde Geschichte, wo ein Redakteur Leute im Spieleladen eingeschätzt hat, ob sie Nerds sind:
Editor: What are you buying?
Some guy: Diablo. It’s been recommended by my friends.
Editor (to himself) Tough case — buy RPGs ist nerdy, having friends is not.
Schön auch die Tatsache, dass sie Simon 3D eine Wertung von 3 % gegeben haben, “one point for each of its three miserable dimensions”.
Oder das Cruelty Zoo Debacle, als die PC Zone wegen einer Fake-Werbeanzeige, gestaltet von Charlie Brooker, vom Kiosk genommen wurde.
Ach, ein schönes Magazin war das. Ein bisschen so, wie die PC Action immer sein wollte, aber nie war.
P.S. Alle Sätze in Anführungszeichen sind aus dem Gedächtnis zitiert, das mag nicht immer wortgetreu sein.
Es ist ja grundsätzlich interessant und auch erfreulich, dass die Kollegen von zeit.de sich mit Computerspielen beschäftigen, aber dieser aktuelle Artikel ist genau von der typischen Sorte Fließbandjournalismus, der Schuld daran ist, dass ich fast keine Magazine mehr lese.
Das typische Rezept geht so: Wir wollen über ein Produkt schreiben, dass uns interessiert, brauchen aber irgendeine Rechtfertigung dafür. Also konstruieren wir, extra für den Ressortleiter, einen windigen Meta-Rahmen anhand von zweikommafünf Beispielen, der vage zum Hauptthema passt. Und postulieren eine Pseudo-These, in diesem Fall sowas wie Oh hey, bei Computerspielen sind Dystopien als Setting total in oder im Wortlaut des Artikels “Was werden die Menschen denken, wenn sie in 50 Jahren auf die Computerspielewelt unserer Zeit zurückblicken? Vielleicht werden sie [...] darüber nachdenken, warum sich [...] ausgerechnet Videospiel-Dystopien so großer Beliebtheit erfreuten, also Spiele, in denen die Erde verwüstet, die Menschheit unterjocht und die Zahl der wackeren Widerständler äußerst überschaubar ist.” Vielleicht. Vermutlich aber nicht. Gähn. In den aktuellen Charts findet sich schon mal gar kein Spiel mit dystopischer Geschichte, eher Titel wie Avatar oder Star Trek Online, die die Zukunft durchaus farbenfroh zeichnen. Der Autor muss denn auch schon das jahrealte Half-Life 2 aus dem Grab zerren, um ein halbwegs bekanntes Beispiel für seinen postulierten Trend zu haben.
In Absatz 2 nimmt man einen Experten, den keiner kennt, der aber ein bisschen halbwegs passendes Akademiker-Kauderwelsch ausspuckt (“Diese post-apokalyptischen Szenarien können im Spiel als detailreiche, räumliche Fiktion erforscht werden [...]“), das der Autor selber viel verständlicher hätte formulieren können. Aber das Expertenzitat an sich ist ja der Arbeitsnachweis des Qualitätsjournalisten, das muss der Leser eben schlucken. Dann kommt die unvermeidliche Inhaltsangabe des besprochenen Mediums, in diesem Fall erstmal Bioshock 1 in 25 Zeilen, ehe dann Bioshock 2 in läppischen fünf Zeilen abgehandelt wird. Dann noch ein bisschen Lob/Kritik, dann der elliptische Schluss, für den der Autor leider keine rechte Idee hat, der aber trotzdem unbedingt sein muss. So. Artikel fertig, Zeilen gefüllt. Kein interessanter Gedanke, keine überraschende Formulierung, kein Wort zum Spielprinzip. Nur ein weiterer Artikel, nach dessen Lektüre jedermann (egal ob Bioshock-Kenner oder -Neuling) genauso schlau ist wie zuvor. Klassisches Feuilleton, eigentlich.
Ein Beitrag, in welchem der Herr Kaliban in leicht ungeordneter Weise sein Unbehagen an der aktuellen Unart der so genannten Qualitätsmedien erkennen lässt, sich die Welt schön- und das moderne Zeug aus dem Internet wegzudenken.
Wir beginnen mit Zeit Online, die Kollegen interviewen den Wallpaper-Erfinder und elitären Zeitschriftenmacher Tyler Brûlé, freuen sich über ein paar Aussagen, wie sie Verlage gerne hören und überschreiben den Beitrag mit “Medientrends: Twittern war gestern”. Offenbar reicht es heutzutage schon für einen Trend, wenn eine gut gekleidete Einzelperson sagt, sie aktualisiere ihre Facebook-Seite nicht mehr. Und sich die gute alte Welt zurückwünscht:
“Zuschauer würden sich über den Luxus von weniger Auswahl freuen. Es gibt viele, die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man zum Beispiel BBC 2 oder das ZDF einschalten konnte und einen Abend mit guten, solide gemachten Programmen verbrachte und einfach nur auf der Couch saß.”
Klar. Ich sitze auch oft abends da, bin erschlagen von der Auswahl aktueller Medien und wünsche mir einen Abend mit dem ZDF.
Seufz. Als Beweis für den Trend zurück zum Bewährten zerrt Brûlé den relativen Erfolg (*) der Zeitschrift The Economist heran. Aber hey, der Economist ist eine der beste Zeitschriften der Welt. Die Auflage liegt derzeit bei anderhalb Millionen und kein Wunder — das Heft ist ja auch voll von relevanter Information, macht selten grobe Fehler und hat fast immer tolle Cover (*). Wenn deutsche Wirtschaftspresse auf diesem Niveau agieren würde, ging’s ihr auch besser, keine Frage. Dieser Erfolg dürfte nicht recht nachahmbar sein.
Aber egal, weiter im Text.
Dann kommt die SZ um die Ecke und lässt den früheren Virtual Reality-Pionier Jaron Lanier zu Wort kommen, der gerade sein aktuelles Buch promoten muss und in einem atemlosen Interview in rascher Folge absurde Behauptungen und Forderungen aufstellt: Google sei das Äquivalent zur Kommunistischen Partei, Google habe die gleichen Ziele wie die Chinesische Regierung, Google müsse Geld verlangen für die Inhalte, die es anbiete und dieses Geld den Autoren geben, der Islamistische Terrorismus sei in Teilen ein Phänomen der Mob-Kultur im Internet und so weiter. Unwidersprochen, ohne Gegenfrage. Der Interviewer versteht sich nur als Stichwortgeber.
Schon klar, liebe Verlage, dass ihr momentan Linie halten müsst, während eure Bosse versuchen, das größenwahnsinnige Leistungsschutzrecht durchzusetzen. Aber so albern und plump muss es doch nun wirklich nicht sein.
Ich empfehle wie immer zum Thema Technologiekritik den großartigen Aufsatz von Kathrin Passig, die ihren Standpunkt auch nochmal in einem sehr lesenswerten Interview auf tagesschau.de darlegt. Ihre Aussage zu Facebook liest sich wie eine direkte Antwort auf Tyler Brûlé:
Facebook soll bitte wieder bedeutungslos werden. Und weil Facebook das größte soziale Netzwerk ist, verschwinden logischerweise alle kleineren gleich mit. Danach sieht das Leben wieder genau wie früher aus, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, weil er keinen rechten Anschluss an die neuen sozialen Sitten findet. Dass Facebook in ein paar Jahren wieder an Bedeutung verliert, ist dabei sogar ziemlich wahrscheinlich; von AOL, dem Platzriesen der 90er, hat man schließlich in letzter Zeit auch nicht mehr so viel Aufregendes gehört.
Die schlechte Nachricht für Anhänger des “Nur-eine-Phase”-Glaubens: An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen.
Wir leben in schweren Zeiten der Medienkrise, die Verzweiflung der Verlage ist mit Händen zu greifen. Da werden die Töne schriller und die Ideen absurder.
Och. Nun. Ja. Jetzt haben wir also auch noch ein Internet-Manifest. Welches aber dann doch kein Internet-Manifest ist, sondern eine Art Thesensammlung zum Onlinejournalismus. Verfasst von einer Handvoll Blogger und freier Journalisten, mehrheitlich wohnhaft in Berlin.
Dies hier ist ein so genanntes Weblog ("Blog"). Es wird seit Anfang 2002 von einer Einzelperson betrieben, die wir hier mal Herrn Kaliban nennen wollen.
Herr Kaliban erwacht morgens mit einem erigierten Mittelfinger und fängt dann erstmal an, sich über die Unzulänglichkeit der Welt zu ärgern. Wenn man das alles nicht ändern kann, muss man sich halt wenigstens beschweren.
Der eine oder andere Text in diesem Blog ist möglicherweise von dieser Grundhaltung beeinflusst.
Geld für Kaliban!
Wer z.B. Herrn Kaliban für seine harte Blogarbeit mit ein paar Eurocents entschädigen möchte, könnte Mitglied bei Flattr werden und dann mal auf den folgenden Button klicken:
Ach, schön wär' das.
Man könnte auch den bezahlten Party Poker-Link beachten. Oder auch nicht.
Herr K. macht, mit seinem Ex-Kollegen Chris Schmidt, einen Retrogames-Podcast, der Stay Forever heißt. Ein Klick auf's Bildchen bringt euch hin:
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Für den hier veröffentlichten "Content" müssen keine Bäume sterben, allerdings werden täglich Myriaden von Elektronen zwangsumgesiedelt.