karlsruhe

Zum Mörder könnte man werden

by Gunnar on 18. Dezember 2012 · 16 comments

Herr Kaliban steht in einer überfüllten S-Bahn, nahe der Tür. Die Bahn fährt nicht los. Möglicherweise liegt das daran, dass Herr Kaliban einen Fuß in der Lichtschranke hat.

Fahrer: 22 Minuten sind wohl noch nicht genug.
Herr Kaliban: …
Fahrer: (schreit) 22 MINUTEN SIND WOHL NOCH NICHT GENUG, WAS?
Herr Kaliban: Sprechen Sie mit mir?
Fahrer: (Schaum vor dem Mund) 22!!! MINUTEN!!! VERSPÄTUNG!!!
Herr Kaliban: (nimmt den Fuß aus der Schranke, was eine Wellenbewegung bis in den hinteren Zugteil auslöst)
Fahrer: (Schaum vor dem Mund) 22!!! MINUTEN!!! VERSPÄTUNG!!!
Herr Kaliban: (ruhig) Ja doch, tut mir leid. Ich mache das ja nicht mit Absicht, hier ist eben wenig Platz. Sagen Sie’s doch einfach, anstatt mir die Verspätung vorzuwerfen.
Fahrer: (wird langsam ruhiger, fährt los) Ich sage das 1000 Mal am Tag. Können Sie mir glauben.
Herr Kaliban: Ja, schon recht.
Fahrer: Machen Sie mal meinen Job den ganzen Tag lang, da werden Sie zum Mörder.

Uh. Nun. Da hat er vielleicht nicht unrecht. Möglicherweise würde man.

Fahrer: (murmelt) Zum Mörder könnte man werden. 22 Minuten. Das geht alles nicht auf meine Kappe. Mörder.
Herr Kaliban: Äh. Gute Fahrt noch. (steigt hastig aus, ehe der Fahrer die Bahn möglicherweise aus Frust und Wut an der nächsten Weiche entgleisen lässt)
Fahrer: (murmelt) Zum Mörder könnte man werden. 22 Minuten. Das geht alles nicht auf meine Kappe. Mörder.

Ein freundlicher Kollege empfahl mir beim Mittagessen heute die App der KVV, der Karlsruher Verkehrsverbundsdings. Die sei zwar nicht so besonders super, bewahre einen aber davor, eine Karte bei einem der nicht selten unfreundlichen Fahrer kaufen zu müssen. Gibt zwar auch Automaten, die aber sind ohne Logik oder Sinn über Stationen und Bahnen verteilt und nie da, wo man sie braucht. Und wenn doch, dann funktionieren sie nicht.

Ich lud also die App aufs iPhone, startete, schaute nach meiner bevorzugten Fahrkarte. Der Kollege startete seine Version auf seinem Android-Handy. Wir hielten die Geräte nebeneinander.

Kleine Überraschung im Vergleich:

Ah! Die KVV lässt die ungewaschenen Horden der Android-User den normalen Preis zahlen. Wir wohlriechenden, gut gekleideten iOS-Nutzer hingegen, mit unseren weißen Kopfhörern stets ein Hingucker im öffentlichen Raum und eine Zierde jedes Waggons, wir erhalten einen 10-Cent-Rabatt auf den Automatenpreis. Verständlich, eigentlich.

Leider hielt diese Deutung der Dinge dem Realitäts-Check nicht stand: Beim Versuch, auf iOS zu kaufen, kommt die App kurz in Panik, stoppt und meldet eine Preisänderung zurück. Dann kann man den Kauf nochmal beginnen und dann liegt der Preis auf Android-Niveau. Clevere Ingenieursleistung, einfach mal einen Preis hartzukodieren und den erst bei einem Kaufversuch zu updaten. Seufz.

Kammarbeit im öffentlichen Raum

by Gunnar on 10. Januar 2012 · 19 comments

Herr Kaliban ist immer wieder verblüfft, wenn er in der Öffentlichkeit einher geht: Menschen sind nämlich komisch.

Neulich, im “Palaver”.

Die Liebe meines Lebens, das Goldkind und ich sitzen frühstückend an einem zu kleinen Tisch im Café, um uns herum Stimmengewirr, Lachen, Geschirrgeklapper, im Hintergrund säuft bei irgendeiner Musik der Gesang ab und man hört nur noch ein paar Fetzen Gitarre und jeden dritten Drumbeat.

Auswärts frühstücken ist Luxus und Stress zugleich: Einerseits bekommt man die Nahrungsmittel portioniert und zubereitet an den Tisch gebracht, andererseits sind die Tischregeln samt der Standardrituale, die den Alltag mit Kind überhaupt überlebbar machen, ein bisschen außer Kraft. Also schmiert man hier was nach, hebt da was auf, hält dort was fest.

Zwischendurch schaue ich mal auf und sehe, anderthalb Tische weiter, eine junge Frau, Anfang 20 vielleicht, die sich hingebungsvoll die Haare kämmt. Die Frau hat sehr schöne, blonde Haare, die ihr bis auf die Hüften reichen. Und sie kämmt, sie kämmt, als gäb’s kein Morgen.

Ich bin öffentlicher Körperpflege abhold, und auch wenn kämmende Damen gefälliger anzuschauen sind als, sagen wir, fußnagelclipsende Herren, handelt es sich grundsätzlich um das gleiche Vergehen: Zahnpflege, Waschungen, Mani-/Pediküre, Haarstyling, Brauengezupf, sowas gehört ins Private, nicht in die öffentlich einsehbaren Bereich. Mich irritiert es sogar schon, wenn Leute sowas in ihren Autos tun.

Naja wurscht, ich schaue weg und widme mich wieder dem Chaos um mich herum, meine Tochter ist mittlerweile bei ihrer Puppe zur Löffelfütterung übergegangen, ein Verfahren, das bei allen Beteiligten stets Spuren hinterlässt. Die Liebe meines Lebens ist entfleucht, um sich die Nase zu pudern, und die Bedienung fängt schon mit Abräumen an, obwohl da noch für gut 30 Cent Rührei auf meinem Teller liegen.

Ein paar Minuten später tauche ich mal wieder kurz auf, gucke in Richtung der Kammdame, aber sie hat aufgehört. Aber nur, weil sie ihrer Freundin zuschaut, die ebenfalls lange, blonde Haare hat und sich kämmt. Hingebungsvoll möchte ich das nennen, aber ich habe den Begriff oben schon mal verwendet. Also die Alternativbeschreibung: Sie kämmt engagiert, wie jemand, der weiß, dass von seinem Handeln Einiges abhängt.

Neben mir fällt ein Glas zu Boden, ich fahre panisch herum, aber der Schuldige ist der kleine Junge am Nachbartisch. Ich werfe dem verantwortlichen Vater diesen “Jetzt kriegen sie doch bitteschön ihr Kind in den Griff, schauense mal wie brav meine Tochter ist”-Blick zu und entwinde dem Goldkind das Messer, mit dem sie gerade die Blumenvase manipuliert.

Ein paar Minuten vergehen, dann schaue ich wieder zu den Kämmenden und diesmal, es kann kein Zufall mehr sein, hat eine dritte junge Frau am Kämmertisch ihren Kamm in Stellung gebracht und fährt sich, man möchte es fast hingebungsvoll nennen, durch die hüftlangen blonden Haare.

Argh. Das ist doch kein Zufall mehr. Ich schaue mir den Tisch jetzt mal genauer an: Fünf junge Frauen (von denen drei schon gekämmt haben) sitzen beim Frühstück, alle haben langes blondes Haar. Und, jetzt fällt’s mir erst auf, ausschließlich schwarze Klamotten. Hinten rechts gibt’s auch noch einen Mann, ebenfalls Anfang 20, schwarz gekleidet und — langhaarig blond.

Ich kann nicht mehr wegschauen, versuche ihnen von den Lippen abzulesen, um irgendeinen Hinweis auf den Grund ihres Zusammenkommens zu erlangen, aber erfolglos. Ist das eine norwegische Girlmetal-Band, ein Bekanntenkreis mit hohem Gruppendruck, die Nachbereitung eines Modelcastings für einen Perückenhersteller? Sind das die Haardoubles für Charlize Theron auf Deutschlandausflug? Ist es ein Flashmob aus dem Frisurenforum? Fragen über Fragen.

Irgendwann zahlen wir und gehen, die Kämmenden verweilen.

Ich werde nie erfahren, wie diese Menschen sich gefunden haben und warum sie sich so voller Hingabe kämmten. Ach, die Rätsel des Lebens.

A Study in Badisch

by Gunnar on 9. Januar 2012 · 11 comments

Herr Kaliban, gestern morgen beim Bäcker.

Verkäuferin: Guete Dag!
Herr Kaliban: Ich hätte gerne fünf Brötchen, von den dunklen dahinten.
Verkäuferin: Füf Knuschperweckli, sofort.
Herr Kaliban: Danke, und dann nehme ich noch sechs Eier.
Verkäuferin: Oh, die sin aus. Da müschtet Sie zu userer Fillial ande Filippstraße fahrn. Sin nur zwei Station medde S-Ban.
Herr Kaliban: (grummelt) Gut, aber WO an der Phillipstraße ist denn Ihre Filliale?
Verkäuferin:Beim Wolwert dänäbe.
Herr Kaliban: Woll-Wert? Ist das ein Geschäft? Woll-Werth mit H hinten?
Verkäuferin: Jo, met ena H hinde. Des Kuufhus halt.
Herr Kaliban: Okay, beim Wolwert. Ich finde das schon, danke. Auf Wiedersehen!
Verkäuferin: Adje!

Ich fahre mit der S2 zur Philipstraße, steige aus. Lasse den Blick über die Läden schweifen:

Matratzen-Concord.

Hörgeräte-Seifert.

Woolworth. Ah!

WOOLWORTH = Wolwert. Crazy, das Kauderwelsch der Badner.

Weiß doch jeder, dass der Laden in der gesprochenen Sprache “Wulle” genannt wird.