Killerspiele

Qualitätsjournalismus im TV

by Gunnar on 2. Mai 2012 · 27 comments

Der Senderauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders Phoenix lautet so:

PHOENIX dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger, es sollen Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt werden. Damit soll der Spartenkanal den demokratischen Parlamentarismus und die europäische Integration fördern.

Und der wird, unter anderem, erfüllt mit hochwertigen Nachrichtensendungen. Seht selbst, liebe Besucher:

Der Breivik, der hat ja auch sehr viele Computerspiele gespielt, World of Warcraft beispielsweise, ein kriegstreibendes Spiel. Da schlüpfen also Spieler in mittelalterliche Heldenrollen und retten die Welt, retten Europa auch vor einem Teil der Islamisierung in gewisser Weise. Das sind sehr kritisch zu sehende Spiele.

…”fragt” der “Moderator”, der in typischer Manier versucht, ein paar Dinge mal unverrückbar hinzustellen, indem er WoW die Eigenschaften “kriegstreibend” und “kritikwürdig” schon mal fest zuschreibt. Das bleibt dann nämlich stehen, auch wenn der Psychiater in der Sendung seriös den Verdacht zurückweist, Spiele machten Menschen zu Gewalttätern.

Schön, wie da “Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt” werden. Der Moderator Michael Sehr*, immerhin Journalist mit fast 20 Jahren Berufserfahrung und Inhaber eines Magister Artium in Allgemeiner Rhetorik (sic!) spielt da auch voll seine Stärken aus und informiert den Zuschauer nach bestem Wissen und Gewissen.

Die Rundfunkgebühren sind gut angelegtes Geld, denke ich.

UPDATE: Es gibt eine eher schräge Entschuldigung von Sehr und eine kurze Analyse dazu bei Stigma Videospiele. ###

Henry liest aus Indizierungsbegründungen

by Gunnar on 16. September 2011 · 4 comments

Absurd. Gestern dachte ich noch “Hey, wir haben doch damals, bei GamePro, dieses verrückte Video gemacht, in dem Henry mit Priesterkragen aus alten Indizierungsbegründungen vorliest. Das würde ich gerne noch mal sehen.” — und heute graben die Kollegen das Ding aus den Archiven aus und stellen’s noch mal auf Youtube.

Ist auch, in der Tat, immer noch lustig. Und hey, großartige Musik bei Commando.

Killerspielspielchen

by Gunnar on 25. September 2009 · 14 comments

Vielleicht habe ich nicht alles genau beobachtet, aber mir kam es so vor, als ob die Medien, so voyeuristisch ihre “Berichterstattung” bei der gräßlichen Bluttat von Ansbach auch war, sich immerhin im Vergleich zu den vorangegangenen Amokläufen einigermaßen zurückgehalten haben. Auch Vergleiche zu “Killerspielen” wurden kaum gezogen.

Die relative Zurückhaltung der Medien bei der Schuldzuweisung “Killerspiele mache Amokläufer” liegt natürlich auch daran, dass es diesmal aber auch so gar keine Hinweise darauf gab, dass der Täter Videospieler gewesen sein könnte. Andererseits — das Fehlen von Hinweisen hat die Kollegen in den Nachrichtenredaktionen der Boulevardpresse noch nie von vielsagenden Spekulationen abgehalten.

Obwohl, bis zum Boulevard muss man gar nicht gehen, schau’n wir doch mal in die SZ von heute:

Die Kripo rätselt über eine bundesweite Anschlagserie an Autobahnen. In einem Jahr wurden 160 Lastwagen von Schüssen getroffen. Spielen die Täter ein in die Realität übertragenes Ballerspiel? […] Für ein anderes Motiv gibt es keine Hinweise. Die Fabrikate der beschossenen Autos sind so unterschiedlich wie ihre Bestimmungsorte. (Quelle)

Äh ja. Sicher. Wenn’s kein Motiv gibt, muss es wohl so ein irrer “Killerspieler” sein.

Naja, immer noch besser als Ex-Ministerpräsident Beckstein, der vor ein paar Tagen mal wieder ohne Not und Sachverstand folgendes behauptet hat:

Das Spiel Counter-Strike wurde von der US-Army entwickelt, um die Gewaltschwelle bei den Soldaten herabzusetzen. Derartige Spiele gehören nicht nur zensiert, sondern verboten! (Quelle)

Irgendwann kriege ich mal raus, wer dem armen ahnungslosen Politrentner diesen Bären aufgebunden hat. Ich vermute schon lange, dass irgendwo, vielleicht in Bonn, eine gehässige Consultingagentur voller frustrierter älterer Herren sitzt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, möglichst vielen Politikern möglichst viele bekloppte Standpunkte einzublasen. Um zu demonstrieren, dass die Berliner Republik nicht funktioniert, vielleicht. Oder um sich am Establishment zu rächen. Oder sonstwas. Ach.

1984 bis 2009: 25 Jahre Elite

by Gunnar on 19. September 2009 · 30 comments

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Im regnerischen September 1984 (*) brachte die Firma Acornsoft mit großen Hoffnungen ein Weltraumspiel namens Elite heraus, zunächst für ihre eigenen Plattformen BBC Micro und Acorn Electron. Programmierer waren zwei Mathematiknerds namens David Braben und Ian Bell, damals 20 und 22 Jahre alt.

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Alles Gute zum Geburtstag, System Shock 2

by Gunnar on 11. August 2009 · 26 comments

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Look at you, hacker. A pathetic creature of meat and bone, panting and sweating as you run through my corridors. How can you challenge a perfect immortal machine? (*)

Heute, vor genau zehn Jahren, ist das heilige, das brillante, das großartige PC-Spiel System Shock 2 erschienen. Entwickelt von den Resten der gloriosen Firma Looking Glass (Ultima Underworld, TerraNova, System Shock, Thief) und dem bis dato unbekannten Team Irrational. Dass die Jungs von Irrational ein so ambitioniertes und komplexes Spiel überhaupt fertig bekommen haben, grenzt an ein Wunder, denn sie waren unterfinanziert, unerfahren, unorganisiert und hatten zudem keine fertige Engine zur Verfügung, sondern bekamen von den Leuten, die parallel Thief 2 programmierten, immer wieder Versionen von deren Code rübergereicht. Aber das ist eine lange Geschichte, die am besten der Chef, Ken Levine, selber erzählen sollte. Tut er ja auch, hier nämlich.

Noch bemerkenswerter aber ist es, dass System Shock 2 ein so unglaubliches Spiel geworden ist, ein solch singuläres Meisterwerk, wie es sie nur selten gibt. Es ist sogar gelungen, den richtungweisenden Vorgänger (von Design-Guru Warren Spector entwickelt) zu übertrumpfen, vor allem wegen der Atmosphäre. Nun wird oft unspezifisch über die Atmosphäre von Spielen gefaselt, die dann gemeinhin “dicht” oder “klaustrophobisch” oder “düster” zu sein hat, meinetwegen auch “märchenhaft”, “apokalyptisch” oder “gruselig”. Bei System Shock 2 macht’s die sensationellen Soundregie, der intelligente Einsatz von Text und, was man oft vergisst, die Tatsache, dass die Designer einfach Geschmack haben. Zur Verdeutlichung: Wenn man aus dem Raum rechts unten im Korridor ein Geräusch kommen hört, ein Grunzen, ein Kratzen, ein Schleifen wie von Metall auf Metall, dann Schritte näher kommen und man schließlich einem missgestalteten Menschen gegenüber steht, der “Your Song is not our Song” stöhnt und einen mit einer Metallstange angreift, dann ist das zweifelsohne atmosphärischer als die üblichen kreischenden Weltraummonster, denen man sonst allenthalben begegnet.

Und dann, dann ist da noch Shodan. Die mit weiblicher Stimme sprechende KI, die das Raumschiff beherrscht, auf dem die Handlung spielt. Die den Spieler lockt, verhöhnt, antreibt, in die Irre führt. Und die im Laufe der Zeit immer verrückter wird, immer unkontrollierter, immer paranoider. Brad Shoemaker von Gamespot hat sie mal eine der “most shocking and effective video game plot devices” genannt — und das ist sie: der Fokus der Spielers und das Ziel des Spiels, der ultimative Feind, die heimtückische Verräterin. Großartig.

Meiner bescheidenen Meinung nach eines der besten (*) PC-Spiele, die je gemacht wurden.

P.S. Mehr zu Shodan gibt’s bei mir oder, ausführlicher auf Englisch bei Kieron.
P.P.S. Mehr zu System Shock 2 allgemein findet man auf der Allwissenden Müllhalde, bei Mobygames, bei TTLG oder auf der halb-offiziellen Fansite SShock.com.
P.P.P.S. Ach, und Danke an Daniel, für’s Erinnern.

Innenminister und Killerspiele

by Gunnar on 5. Juni 2009 · 29 comments

Oh. Die Herren Innenminister der Länder, vertreten durch unseren alten Freund, den Keiler-Killer Uwe Schünemann aus Niedersachsen, haben sich mal wieder auf die ach so fürchterlichen »Killerspiele« eingeschossen.

Selig frei von Sachverstand und höheren Hirnfunktionen verwechseln die Herren mal wieder Symptom und Ursache, ignorieren (das scheint eine Art Innenministerprivileg zu sein) den Rechtsrahmen und blöken eine Verbotsforderung heraus, von der sie sicher annehmen, dass sie im Wahlvolk auf Zustimmung oder wenigstens Desinteresse stößt. Im Verfahren wird sich wieder herausstellen, dass das alles so einfach nicht ist, dann wird man irgendeinen Quatsch beschließen, ein USK-Logo, das nicht mehr durch die Media-Markt-Tür passt oder sowas, und sich auf die Schulter klopfen, weil man’s wenigstens versucht hat. Wie schon 2006 und 2007. Wie schon beim Paintball-Verbot. Politik by Bildzeitung.

Haben die eigentlich nichts Besseres zu tun? Ich bin es so leid, mich aufzuregen. Die Politiker, namentlich die Vertreter der zweieinhalb Parteien der großen Koalition, lassen derzeit echt keine Gelegenheit aus, um ihre absolute Nicht-Eignung für verantwortungsvolle Positionen in der Verwaltung unseres Gemeinwesens unter Beweis zu stellen.

Aber ich bin des Themas zu müde, um mich damit jetzt ausführlich zu beschäftigen. In der Sache ist eigentlich alles gesagt.

Update: Der deutsche Kulturrat verurteilt das Statement der Innenminister als “wahltaktischen Schnellschuss” (Quelle).

Und jetzt die Grünen?

by Gunnar on 14. Mai 2009 · 41 comments

Wir haben große Bedenken gegen diese Art von Freizeitbeschäftigung. Spiele wie Counter Strike verherrlichen Gewalt und verletzen die Würde der Menschen. Sie können bei exzessivem Gebrauch abstumpfen und bergen dann ein enormes Gefahrenpotential. (Bettina Lisbach, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat Karlsruhe; Quelle)

Ah, nachdem die CDU, die CDU-mit-S-in-der-Mitte und die SPD mit schwachsinnigen Forderungen und Statements zum Thema »Killerspiele« auffällig geworden sind, dürfen auch die Bündnisgrünen offenbar nicht fehlen. Obwohl die sonst in dieser Sache immer eine Stimme der Vernunft waren. Ich hoffe mal, dass das nur eine regionale Verirrung war.

Hoffentlich. Oder soll ich etwa FDP wählen? Argh.

Was sagt eigentlich die Linke? Gibt es eigentlich irgendwo eine Auflistung mit den offiziellen Positionen der Parteien zu diesem Thema?

Update: Kaliban-Leser Hannes hat per Twitter den Grünen-Vorstand Malte Spitz zu dem Thema gefragt, dessen Antwort: “sorry, ja wir sind GEGEN ein Verbot von Killerspielen, die jetzige Regulierung reicht, sehen Computerspiele als Kulturgut an”. Aha. Na also.

Es gibt ein neues Video von Matthias Dittmayer, dem Betreiber von Stigma Videospiele. Aus aktuellem Anlass.

Martenstein gegen Pfeiffer

by Gunnar on 9. April 2009 · 20 comments

Ich selber habe als Kind sehr oft bei einem extrem brutalen, rassistischen Gewaltspiel mitgemacht, wo es nicht etwa darum ging, Fabelwesen zu besiegen, sondern Menschen mit einer anderen Hautfarbe zu erschießen. Es hieß “Cowboy und Indianer”.

Der Kolumnist Harald Martenstein geht im heute erschienenen Magazin der ZEIT ganz subjektiv und persönlich das Thema »Killerspiele« an. Und findet angenehm unverschraubte Worte. Auch für meinen alten Feind, den Prof. Dr. Pfeiffer:

Neuerdings behauptet Christian Pfeiffer, dass 4,9 Prozent der 15-jährigen Jungen in Deutschland in rechtsextremen Gruppen organisiert seien. Ich frage mich, mit welcher Wissenschaft man auf eine so genaue Zahl wie “4,9 Prozent” kommen kann. Insgesamt wären das 34.000 rechtsradikal organisierte Jugendliche. Der Geschäftsführer der Initiative “Schule ohne Rassismus” hat in der taz darauf aufmerksam gemacht, dass es nach Angaben des Verfassungsschutzes in Deutschland überhaupt nur 31.000 Mitglieder von rechtsradikalen Organisationen gibt. Möglicherweise sagt der Verfassungsschutz die Unwahrheit. Ich glaube eher dem Verfassungsschutz als Christian Pfeiffer.

Hübsch gesagt. Kompletter Text auch hier, bei zeit.de.

Böse Killerspiele und billige PR-Tricks

by Gunnar on 27. März 2009 · 15 comments

Die kriselnde Konsumkette Kaufhof hat ja kürzlich publikumswirksam vorgelegt mit der Auslistung von potenziellen “Killerspielen”, da es war nur eine Frage der Zeit, bis Trittbrettfahrer folgen würden, die aus dem Thema auch ein bisschen PR-Profit schlagen wollen. Aktuelles Beispiel ist das ansonsten eher unbekannte Anzeigenportal Kalaydo, das sich in einer Pressemeldung ordentlich auf die Brust trommelt:

Köln, 27. März 2009 – Jugendschutz wird beim regionalen Online-Anzeigenportal kalaydo.de ernst genommen. Getreu den Qualitätsgrundsätzen von kalaydo.de erfolgt eine strenge Kontrolle der Kleinanzeigen, um die Sicherheit der Plattform zu erhalten. Ein Sicherheits-Team sichtet alle Anzeigen in der Rubrik „Kaufen und Verkaufen“ und prüft sie auf Verstöße gegen die Grundsätze von kalaydo.de. Anstößige oder jugendgefährdende Angebote werden sofort entfernt. In den Rubriken „Computer & Konsolen“ und „Filme & Musik“ wird zudem darauf geachtet, dass sich keine Angebote finden, die erst ab 18 Jahren zugelassen sind. So genannte „Killerspiele“, deren bedenkliche Wirkung auf Jugendliche nicht ausgeschlossen wird, gelangen so erst gar nicht auf die Plattform.

Die Anbiederei ist schon peinlich genug, noch weit peinlicher ist aber, dass die Pressemeldung mindestens fahrlässig falsch, wenn nicht gar eine kalkulierte Lüge ist — bei jeder von fünf Stichproben im Laufe des heutigen Tages fanden sich sowohl Spiele als auch Filme mit der USK/FSK-Einstufung “Ab 18 Jahren”. Beispiel gefällig?

Killerspiele bei Kalaydo. Screenshot vom 27.3.09, 14:30

----------Killerspiele bei Kalaydo. Screenshot vom 27.3.09, 14:30----------

Max Payne oben, Fallout 3 unten. QED. Fallout 3 steht übrigens schon seit dem 17.3., die Sammlung mit Max Payne seit dem 26.2. drin — offenbar wird da nicht nur nicht auf Jugendschutz kontrolliert, es verkauft sich auch noch nichts.

Außerdem ist es mir, da Kalaydo, abgesehen von dem mysteriösen “Sicherheitsteam”, nun auch wirklich gar keine Jugendschutzmechanismen anbietet, problemlos gelungen, ein eigenes “Ab 18″-Spiel nicht nur anzulegen, sondern gleich auch noch ein Video hinzuzufügen. Das wäre auf seriösen Plattformen wie eBay so nicht möglich.

Ich muss kotzen, ehrlich. Von Bigotterie bekomme ich immer Magenkrämpfe.

840 Minuten Solitaire

Februar 6, 2009

Kleine Bitte: Kann mal jemand die Geschichte Schneit es draußen noch? lesen, die vorgestern im NZZ Folio erschienen ist? Da geht es um einen computerspielsüchtigen Menschen, dem der Autor (der preisgekrönte Journalist Daniel Ryser) folgendes zuschreibt: Er spielt ordentlich “World of Warcraft”, so richtig mit Gilde und so. Er spielt ausführlich “Warhammer 40K”, womit wohl […]

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Feiertagslinks

Dezember 25, 2008

VIDEO: Ein Mitarbeiter, schon leicht übermüdet, entdeckt ein schwarzes Loch und von da geht einiges schief… ### VIDEO: Jingle Bells, gespielt auf, nun ja, 49 Mikrowellen. Wow. ### VIDEO: Ach, wie niedlich — der Bär schläft gleich ein. ### TEXT: Die alte Tante New York Times schaut zurück auf die Buzzwords des Jahres 2008. ### […]

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