Kommunikation

Goldkinderereien

by Gunnar on 11. Dezember 2010 · 3 comments

Herr Kaliban spricht mit dem Goldkindtm. Oder besser: ist Stichwortgeber für das Goldkind, das überhaupt erstaunlich viel redet, für eine Zweieinhalbjährige.

Drei Tage, drei kurze Gespräche:

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Goldkind: (spielt mit einem Polizeiauto und öffnet die Türen)
Herr Kaliban: (bemüht) Oh, wer steigt da aus? Ein Polizist?
Goldkind: Nein, kein Polizist, ein richtiger Mann. Ein Papa!

Ah. Wow. Natürlich.

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Goldkind: (laut) Ich will einen Kinderfernseher!
Herr Kaliban: (erschrocken) WIE BITTE?
Goldkind: Ich will einen Kinderfernseher!
Herr Kaliban: (beunruhigt) Aber was willst du denn mit einem Fernseher??!!?
Goldkind: Sport machen. Wie die Mama.

Argh, die Flimmerkiste läuft bei uns tagsüber nur, wenn meine Gattin unter Anleitung der Yoga-DVD Übungen macht und sogar das löst in Kindern schon den Wunsch aus, einen Fernseher zu besitzen. Offenbar ein mächtiges Medium.

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Goldkind: (dozierend) Und der Bär ist ja kein Mensch, der kann sogar Menschen beißen.
Herr Kaliban: (hebt eine Augenbraue) Kein Mensch? Was unterscheidet denn Tiere von Menschen?
Goldkind: Tiere machen beim Essen den Mund nicht zu. (macht offenen Mundes Kaubewegungen)

Nun, offenbar hat sie ihren Knigge gelesen.

Eisenbahnen, Zoos voller Menschen

by Gunnar on 28. Oktober 2009 · 12 comments

Neulich, bei einer Bahnfahrt, saß ich unweit von einer adretten, intellektuell aussehende Dame in den späten Fünfzigern, die mit ihrem 14jährigen Enkel unterwegs war. Deren Gespräch musste ich mithören, weil ich — zu konservativ erzogen — nicht die Lässigkeit anderer Leute habe, die sich auf Zugreisen erfolgreich ins Koma trinken und so der Welt samt den Mitreisenden entkommen.

Die Dame las Zeitung, der Junge versuchte, ein Spiel, ich glaube, es war einer der Advance Wars-Titel, auf dem Nintendo DS zu spielen. Versuchte, sage ich, weil die Dame nicht in der Lage war, ihre Zeitung einfach normal von vorne nach hinten zu lesen, sondern atemlos von Artikel zu Artikel sprang, immer ein paar Zeilen querlas, abbrach, weitersprang und dabei das Ganze fortwährend kommentierte. Das ergab einen ununterbrochenen Strom von Halbsätzen und Halbgedanken, der mich nach knapp zehn Minuten in eine Art Trance versetzte:

Ja, nun, zehn Tage im Urwald, das würdest du nicht schaffen. [Einwurf des Enkels: Doch, das würde ich schaffen] Summa, summa cum laude, das hat der. Gut, was? Oh, Rohstoffgewinnung in der Antarktis. Hm. Ach, die SPD macht das schon, jaja. Nun, der sieht nett aus, der Ulrich Nussbaum. Ja. Nu. Weißte, wie er noch netter aussehen würde? Wenn man ihm einen Bart malte. Hm. Was fährt der einen Bentley, der ist doch Sozialdemokrat. Du, Schnuckel, ich geh jetzt noch aufs Klo, dann sind wir am Ende unser gemeinsamen Reise. Ach doch nicht, wir sind ja erst in Würzburg.

Surreal. So ging das ununterbrochen. Für wenigstens eine Stunde. Ich wage nicht, mir auszumalen, wie das auf die Seele eines 14jährigen gewirkt haben muss.

Ach, die Grausamkeit der Großmütter.

Ich fahre den Ring entlang, quasi auf Autopilot. Mein Stoffwechsel ist am Ende des Arbeitstages auf 45 Prozent, höhere Hirnfunktionen sind abgeschaltet. Aber es ist der Weg, den ich hundertmal pro Jahr fahre, also ordne ich mich korrekt ein, halte Abstand, bremse vorausschauend. Aber natürlich bin ich in diesem Zustand nicht vorbereitet auf den Skoda voller Deppen, der kurz vor’m Abbiegen auf meine Spur zieht und mir voll den Weg abschneidet.

Mein Nebennierenmark prüft kurz meinen Allgemeinzustand, hält mein Überleben für fraglich und schießt mir eine Dosis Adrenalin ins Blut. Ah! Das befähigt mich, zu bremsen, in den Wagen der Deppen rüberzuschauen, geistreich “Ey!” zu rufen und die Arme zu einer dieser “Was soll das?!”-Gesten auszubreiten, wie man sie oft bei unschuldig bestraften Fussballspielern sieht. Einer der Deppen, der hinten links auf der Rückbank, schaut zurück, sieht, dass ich nur ich bin und nicht etwa eine bewaffnete Türkengang, bei schwarzen BMWs weiß man ja nie, und zeigt mir den Finger. Der Depp neben ihm hüpft zu irgendeiner Musik auf und ab, die Deppenmädels vorne schunkeln hin und her. Surreal. Ich, und da schaltet mein Hirn in Zeitlupe, ich sehe alles mit Max Payne-artiger Klarheit, werde erfasst von dieser kalten Wut, die schon viele Männer im Straßenverkehr zu Mördern gemacht hat. Mein Wagen ist jedoch mangelhaft ausgestattet, leider, mit einem sanften Antippen des Auslösers für die vorderen Maschinengewehre ist die Situation nicht zu lösen.

Ich zeige auf den Mittelfinger-Deppen, greife in meine Jacketttasche, entnehme meiner Brieftasche den Presseausweis und zeige ihn deutlich dem glotzenden Deppen, wohlweislich darauf achtend, dass das Wort “Presse” verdeckt ist. Auf ein paar Meter Entfernung sieht ein Ausweis aus wie der andere, Foto, Schrift, Wappen et cetera, ein gewöhnlicher Straßendepp wird ja wohl einen Presseausweis nicht von einer Zivilbullen-ID unterscheiden können. Mit der anderen Hand lege ich vier Finger über mein Gesicht, so dass ich wie durch Gefängnisgitter schaue. Dann zeige ich wieder auf den Deppen und setze einen genervt-herrischen Gesichtausdruck auf. Er versteht. Schaut nach vorne, sagt etwas zu seinen Mitdeppen, die daraufhin das Schunkeln einstellen. Jetzt fahren sie ganz zivil vor mir her und gucken nicht mehr zurück. An der nächsten Kreuzung biegen sie abrupt ab.

Pwnd! Brain beats Mittelfinger.

Aber huh, keine Ahnung, warum mir der Ärger diese absurde Reaktion eingegeben hat. In einem anderen, mindestens genauso plausiblen Hosenbein der Zeit hätten die Deppen gebremst, die zwei Kerle wären ausgestiegen und breitbeinig auf meinen Wagen zugestapft, um mich zu fragen, was, ey, Alter, mein Problem sei und wieso ich mit einem Presseausweis zu winken geruhe. Aber das ist nur einer Parallelwelt und damit einem ganz anderen Herrn Kaliban passiert, puh.

Ach, die Gefahren des Straßenverkehrs sind weithin unterschätzt.

Klicks gegen den Weltfrieden

by Gunnar on 21. März 2009 · 4 comments

Früher, da war das alles besser — niemand hat Mit Verlaub, Herr Chef, Sie sind ein egozentrischer Schimpanse mit Haarausfall und den Manieren eines Tasmanischen Teufels mit dem Füller auf ein Blatt Papier gekratzt und es dann in einen Umschlag gesteckt, auf den er versehentlich die Adresse seines Chefs geschrieben hatte.

Wie gefährlich die moderne Kommunikation, wie prekär der Frieden unter den Menschen, wenn die ehrliche Antwort auf eine Mail nur ein paar Klicks weit entfernt ist.

Täglich werden Mails an Kunden weitergeleitet, ohne die Zeile Und wenn den Deppen dieser Entwurf nicht gefällt, dann können sie sich ihre paar Kröten den Darm hochschieben zu löschen, werden offene Meinungen über vermeintlich nahestehende Menschen in die verkehrten ICQ-Fenster getippt, werden kompromittierende Anmerkungen in Word-Dokumenten gelöscht, aber nicht entfernt. Und so weiter.

Es ist ein Wunder, dass wir alle überhaupt noch miteinander reden.

Wir müssen zurück zu Tinte, Papier und Feder, ehe Schlimmeres geschieht. Oder, vielleicht, darauf bauen, dass Google den Weltfrieden rettet.

minority
Irgendwie habe ich das Gefühl, vielleicht liegt’s am Älterwerden, dass der Fortschritt sich beschleunigt — TEH INTARWEB und die Handys und die ganze Kommunikation und so, irgendwie hat das alles mein Leben innert weniger Jahre ziemlich verändert. Ich meine damit nicht, dass ich jetzt Blurays statt Videokassetten gucke oder sonstwas, was sich in evolutionären Schritten bewegt. Eher sowas wie die Tatsache, dass mein Chef 1998 noch verzweifelt ist, weil die Kollegen sich modernen Medien verweigerten (“Wir müssen in diese Redaktion E-Mail reinkriegen”) und deswegen auch mal zwei Stunden am Stück arbeiten konnten, während heute alle um mich herum per Blackberry und ICQ und Skype rund um die Uhr erreichbar sind und ständig der nächsten unwichtigen Botschaft harren. Oder dass man sich als Autofahrer mit Navi quasi nicht mehr verirren kann, selbst in fremden Städten. Was übrigens den Orientierungssinn zerstört, jedenfalls meinen, weil ich überhaupt nicht mehr versuche, mir den Weg zu merken. Aber egal.

Ich habe mal versucht, nur so zum Spaß eine wirre Liste von Dingen aufzustellen, welche die Kinder meiner Tochter (so sie welche bekommt) nicht mehr kennen werden. Sind noch nicht so viele Einträge — vielleicht hat ja jemand Lust, per Kommentar Ergänzungen beizusteuern. Ich update dann gerne diesen Beitrag. Also:

Woran sich schon bald keiner mehr erinnert

* Streits im Auto, weil der Fahrer sich verfahren hat. Grund: Navigationsgeräte für alle. Muss man sich wieder wegen Fahrstil und peinlichen Einparkskills streiten. Obwohl, für Letzteres gibt’s ja Einparkhilfen.
* Bargeld. Grund: Wer braucht das? Niemand. Klimpert und knittert bloß und geht verloren. Und ohne Bargeld keine…
* Münztelefone. Grund: Braucht keiner mehr in Zeiten persönlicher Kommunikatikonsgeräte. Auch nicht in der Kreditkartenvariante. Und damit verschwinden auch die…
* Festnetztelefone. Grund: Naja, Handys. Und VoIP-Systeme. Und irgendwann Kommunikationsimplantate oder sowas.
* Gedruckte Tageszeitungen. Grund: Naja, das Geschäftsmodell der Abozeitung bricht zusammen. Sieht man ja. Vielleicht gibt’s kleinauflagige Spezialblätter für elitäre alte Säcke, aber die Massenblätter werden verschwinden.
* Software, Musik, Filme auf Datenträgern. Grund: Nutzt keinem, gibt bloß Kopierschutzprobleme (“Sicherheitskopie”) und sowas. Ist schon jetzt auf dem Weg nach draußen. Und damit verschwinden auch die…
* …Videotheken. Grund: In der Breitbandwelt gibt’s Filme per Download; Connaisseure haben alternativ Abos, bei denen ihnen ausgewählte Werke auf HDHDRay zugeschickt werden.
* Verbrennungsmotoren. Grund: Man wird Ersatz finden müssen, wenn die Brennstoffe ausgehen. War eh eine blöde Idee, Dinge zu verbrennen, um Energie zu gewinnen.
* aufgeschobene Arztbesuche. Grund: Monitorsysteme werden unsere Gesundheit checken und uns der Krankenkasse melden, wenn erste Anzeichen von Fehlfunktionen auftreten.
* Wehrpflichtigenarmeen. Grund: Mit ein paar hunderttausend halbausgebildeten Prolls erschreckt man schon heutzutage keinen mehr. Zukünftig wird man Spezialisten brauchen.
* Gemüse/Obst in natürlicher Form. Grund: Schon heutzutage gibt es in Supermärkten immer mehr vorgefertigte und mit Klarsichtfolie überzogene Plastikschälchen, die triefende viereckige Karottenstückchen, viereckige Melonenstückchen oder viereckige Apfelstückchen enthalten. [von ZIPPO]
* Das Freizeichen. Grund: Wird eigentlich schon heute nur noch der Tradition halber integriert. In Zukunft wird einem der Anrufstatus entweder erotisch ins Ohr gesäuselt oder von innen in die obere linke Ecke der WiFi-Brille projiziert. [MARJAN]
* Brillen. Grund: Operationen, die nur noch als “Routine” bezeichnet werden können, werden 110%-ige Sehkraft garantieren. [MARJAN]
* Briefe von Menschen. Grund: Schon heute verschicken nur noch Behörden und die dem Direct-Mailing-Wahn aufgesessene Konsumgüterindustrie Post. Privatpersonen machen sowas nicht. Selbst Amor verteilt seine Liebesbotschaften ganz ungeniert per SMS. [DAVID]
* AIDS. Grund: “Ach, was waren die damals unterentwickelt, daß sie nicht einfach das […] entdeckt haben. Kommt doch überall in der Natur vor! Die zweiwöchige Therapie kann sich nun wirklich jeder leisten.” [MARJAN]
* TV-Zeitschriften und überhaupt Programmverzeichnisse. Grund: Wenn alles fragmentiert und auf Nischengeschmäcker ausgerichtet ist und on demand abgerufen werden kann, braucht niemand noch ein Kompendium von Sendezeiten. Die Sendezeit an sich ist dann eh ein gestorbenes Konzept. [MARTIN]
* Dockingstationen für Notebooks. Grund: Drahtlose Verbindungen vernetzen Monitore, Tastaturen und Mäuse… und der Rest hat Macs. Vielleicht verschwinden sogar Kabel komplett. [YUKIRU]
* Die Handschrift an sich. Grund: Gestenerkennung, Spracherkennung, Tastaturen und Eintippfelder auf jedem Gerät — schon heute kommt die eigene Handschrift kaum noch zum Einsatz. Das meistgeschriebene Wort vieler Bewohner der westlichen Welt ist der eigene Name, als Unterschrift. [MARTIN G.]
* Die Rente. Grund: Die klassische umlagenfinanzierte Rente überfordert bei negativem Bevölkerungswachstum die öffentlichen Kassen und wird im Laufe der Jahre gegen Null zurückgefahren. [ERDKNUFFEL]
* Filme in Fotoapparaten Grund: Das muss man ja im Jahr 2009 schon erklären: Also, das sind diese unförmigen Einweg-Speicherchips mit einer Speicherkapazität von bis zu 36 Bildern, die es früher mal gab. Und wenn man ein einziges schon angucken wollte, verfielen die anderen unwiderruflich. [HILKO]
* Maus und Tastatur. Grund: Jeder bedient PCs nur noch mit den Fingern direkt (Touchscreens, Gesten etc.). [FLO]

Und noch eine Gegenmeinung zum Fortschrittsgejubel:

* Freiheit. Grund: Die verschwindet nach und nach bis – was wohl den meisten reichen wird – nur noch eine Illusion von ihr vorhanden ist. Warum? Schon bald wird sich niemand mehr erinnern, was Privatheit war. Viel zu viel davon wird freiwillig hergegeben — an wen auch immer (siehe Facebook, bargeldloses Zahlen etc.). Und was wir nicht freiwillig geben, nimmt sich die (von uns selbst gewählte!) Obrigkeit mit immer neuen Überwachungsgesetzen. Ganz langsam natürlich, Jahr für Jahr nur ein kleines neues Gesetzchen, auf dass es niemand merkt. Und wer sich auch nur wundert, der muss – natürlich – wohl irgendetwas zu verbergen haben. Und wenn dann erst einmal die Privatheit gänzlich verschwunden ist, wenn erst jeder immerzu veröffentlicht (freiwillig oder weil alle es tun), was er denkt und glaubt und tut, und wenn von jedem jederzeit bekannt ist, mit wem er wann und wo gesprochen hat, dann ist es mit der Freiheit (im Sinne einer Freiheit anders zu sein oder zu denken) auch nicht mehr allzu weit her. Mit Glück leben wir dann alle wie in einem virtuellen Dorf, in dem jeder jeden kennt und keiner vergisst. Mit Pech in einer allgegenwärtigen und mutmaßlich ziemlich unerträglichen Diktatur der Mehrheit. [PLAYER1]

vollpfosten

Probleme der modernen Kommunikation

by Gunnar on 9. September 2008 · 4 comments

Passiert mir zwei Mal am Tag. Absurd.

Gib mir ein Zeichen!

by Gunnar on 1. Juli 2008 · 6 comments

Es gibt ja diese alte Theorie, dass man Babys, bevor sie zu sprechen anfangen, eine simple Zeichensprache beibringen kann. Man kann sich das ganz gut vorstellen: Die Kleinchen bekommen relativ schnell raus, dass sich die Chance, von Papa auf den Arm genommen zu werden, quasi exponentiell erhöht, wenn sie die Ärmchen ausstrecken und große Augen machen. Funktioniert schon lange, bevor sie das Schauspiel mit dem leicht quengelnd vorgetragenen Wort Aaaaarm! untermalen können. Unsere Tochter etwa, das Goldkindtm, hat ganz ohne fremde Hilfe ein Zeichen für Gib mir mal den verdammten Schnuller entwickelt. Dazu legt sie einen Arm ans Ohr und die Hand auf den Kopf, ganz als wollte sie diese Bewegung machen, mit der man früher geprüft hat, ob Kinder schon schulreif waren — wer mit dem Arm über den Schädel das Ohr auf der anderen Seite ergreifen konnte, war reif für höhere Bildungsweihen. Absurd. Aber so waren die Zeiten damals, als man noch keine Computergestützten Einstufungstests machen konnte.

Hmmm, ich schweife ab. Also, das Goldkindtm kommt natürlich nicht ans andere Ohr, sie soll ja auch erst 2014 in die Schule. Aber sie macht die Bewegung immer, wenn sie den Schnuller will, wobei sie aber noch den Kopf zum Arm dreht. Und wir, freudig erregt über jedes deutbare Zeichen, denn es gibt ja auch genügend Gelegenheiten, wo man ums Verrecken nicht weiß, was das Wechselbalg will, eilen uns, ihr den Nuckel in den Mund zu stecken. Mission accomplished, Elterndressur gelungen. Es hat uns aber ein paar Tage der Beobachtung gekostet, herauszufinden, wie die Kleine überhaupt auf diese merkwürdige Bewegung kam: Wenn der Schnuller noch im Mund war, durch allzu energische Zungenbewegungen oder die generelle Tücke der Schwerkraft aber herauszufallen drohte, ließ sich mittels Drehen des Kopfes und Andrücken des Nuckels mit dem Arm zuweilen eine Stabilisierung der Lage erreichen. Das verselbständigte sich dann über die Zeit zu einem abstrakten Zeichen. Schräg, irgendwie.

Kinder sind komisch.

Caliban, Kaliban, Herr Kaliban

by Gunnar on 21. Dezember 2006 · 12 comments

Vor vielen, vielen Jahren, da spielte ich das grandiose Weltraumspiel TIE Fighter von LucasArts. Eines der ersten Male in meiner Spielehistorie, dass ich für die böse Seite, in diesem Falle das Imperium, antrat. Dafür brauchte ich einen neuen Kampfnamen, die sonst verwendeten [Gun], [Lord_Mord] oder, ahem, [GuLo] passten nicht so recht. Nach kurzem Studium klassischer Werke und nordischer Mythologie kam ich auf Caliban. Klingt ein bisschen böse, geht leicht von der Zunge und, hey, er hat intellektuell was zu bieten — Caliban ist der fiese bucklige Sklave in Shakespeares »The Tempest« (»Der Sturm«). Außerdem eine der faszinierendsten Figuren, die Shakepeare überhaupt erschaffen hat, Sohn der Hexe Sycorax und des Gottes (Teufels?) Setebos. Von Shakepeare ambivalent angelegt, einerseits als komische Figur, andererseits hat er aber auch eine gewisse natürliche Wildheit*. In späteren Jahren wurde er als Symbol für den die unterdrückte Urbevölkerung zu Zeiten des Kolonialismus genommen, was Shakespeare natürlich nicht beabsichtigt haben konnte.

Caliban ist ein überdies hübsch sprechender Name, hat Anklänge an Cannibal, Kannibale, und »calibaun« ein Zigeunerwort, das »schwarz« bedeutet. Ich benutze den Namen seither in fast jedem Spiel, für gute wie böse Charaktere, bin allerdings vor einigen Jahren auf Kaliban mit K* gewechselt, weil der Name seltener verwendet wird. Dennoch: Gerade Engländer und Amis nutzen das Wort auch gerne, ob mit K oder C. Mein Xbox-Gamertag ist daher nur »Herr Kaliban«, der Rest war belegt. Hatte mit diesem Gamertag aber meinen grandiosen Moment of Fame, als auf der Microsoft-Pressekonferenz im September 2006 in Barcelona »Herr Kaliban« auf der Leinwand vor dem versammelten Auditorium eingeblendet wurde, kleine Aufmerksamkeit der deutschen PR. Beweis hier:

x06 herr kaliban