Landtagswahl

LTWSH 2012

by Gunnar on 7. Mai 2012 · 8 comments

Da ich in auf meiner Reise vom engagierten Jungwähler und Aktivist zum frustrierten Nichtwähler schon viele Bahnhöfe passiert habe (ohne wirklich aussteigen zu wollen), ging mir auch die Wahl in Schleswig-Holstein am Arsch vorbei, gelinde gesagt.

Das einzige, was mich noch zuweilen aufzuregen vermag, ist die FDP. Zu deren Abschneiden verfasste ich folgenden Tweet:

Worauf mir der FDP-Vorsitzende von Grevenbroich so antwortete:

Nun, mal abgesehen, von der Kampf-Rhetorik, die mich bei Parteien immer etwas ärgert…

Einschub: In meinem Demokratieverständnis ist eine Wahl kein Rennen, bei dem der Schnellere oder Stärkere gewinnt, sondern ein Vergleich von Ideen, Plänen und Anschauungen. Ein Fußballer, der in der Nachspielzeit ein Tor geschossen oder verhindert hat, kann vom Kampf sprechen — ein Politiker sollte sich allenfalls demütig für das Vertrauen bedanken. Selbst wenn es so wäre (was ich wirklich nicht glaube), dass die Wähler den wählen, der bessere Plakate macht und häufiger auf dem Schützenfest auftritt, möchte ich nicht, dass das Vertrauen der Wähler als eine Art Belohnung für die Arbeit der vergangenen Wahlkampfwochen aufgefasst wird. Es sollte andersherum sein: Die Wähler machen am Wahltag das Geschenk, in den kommenden Jahren zahlt man es durch harte Arbeit, Ehrlichkeit und kompetente Entscheidungen zurück.

… hat Herr Schumacher natürlich recht. Das FDP-Ergebnis ist das zweitbeste ev0r. Man kann das so sehen, dass die FDP gegen den Bundestrend ein gutes Ergebnis geholt hat, dass das Ende des Abwärtstrends nahe ist, et cetera.

Allerdings ist das 2012-Ergebnis eben auch nur das zweitbeste der letzten beiden Wahlen. Man kann auch einwenden, dass die FDP ihren Vertrauensvorschuss von 2009 einfach größtenteils wieder verspielt hat. Und dass das Ende von Schwarz-Geldb nicht auf Verluste der CDU zurückgeht, sondern eben nur auf die Schwäche der FDP, im Norden wie anderswo.

Und außerdem: Wenn der FDP-Kandidat dort nicht einen Anti-FDP-Wahlkampf geführt hat, dann weiß ich nicht.

Die SZ sieht das ganze noch ein bisschen krasser und sieht die relative Stärke der FDP (auch manifestiert in, whoa, 6%-Hochrechnungen in NRW) als Leben nach dem Tod, Zombietum quasi.

Update:

Der Postillion weiß, was wirklich passiert ist.

Die Freiheit steckt in der Fluppe

by Gunnar on 22. September 2008 · 8 comments

Kleiner Nachschlag zum Beitrag Plakatschämen 2008.

Dieses geklebte Machwerk ärgert mich gleich auf drei Arten:

1. Der erste Blick — “die Freiheit in Bayern ist bedroht”?. Ah. Uh. Bisschen hohes Register. Jaklar, wir haben hier die schnüffelfreudigste Landesregierung überhaupt, aber… …ob die FDP dem Einhalt gebieten würde, ist mehr als fraglich. Das Abstimmungsverhalten der FDP unterscheidet sich in der Rückschau nicht maßgeblich von dem anderer Parteien — in der Opposition gegen Einschränkungen der Bürgerrechte, in der Regierung dafür.

2. Klebt das auf einem Zigarettenautomat? Ach, die meinen KIPPE? Argh. Und dann? Wo steht auf der Kippe “die Freiheit”? Hä? Übler Kalauer, schwache Anspielung auf das bayrische Rauchergesetz. Über das man sagen kann was man will, aber… …uns ermöglicht dieses Gesetz, das Goldkind auch mal mit ins Café oder Restaurant zu nehmen. Bin in sofern jedem Abgeordneten dankbar, der zugestimmt hat. Der Kandidat Jürgen Koch ist übrigens, natürlich, Gastronom und vertritt hier im Wesentlichen erst einmal seine Eigeninteressen.

3. Die Hochrechnungen sehen die FDP bei 8 %, mehr als drei Mal so viel wie bei der letzten Landtagswahl. Argh. Die geföhnten Arschlöcher mit ihren Pünktchenkrawatten werden sich am Wahlabend auf die Schulter klopfen und denken, ihr großartiger Wahlkampf mit den frechen Plakaten und den Wahlblogs habe dazu maßgeblich beigetragen.

Plakatschämen 2008

by Gunnar on 10. September 2008 · 13 comments

In Bayern herrscht Landtagswahlkampf, das wird man ja im Rest der Republik mitbekommen haben. CSU in unerhörter Panik (HOCHRECHNUNG: NUR 49 PROZENT!), Opposition grundlos euphorisch, das ist alles ausreichend in den bunten Blättern beschrieben. Ich halte mich aus der Politik raus, mich interessiert eher die surreale Poesie der Slogans und Ästhetik der flächendeckenden Plakatierung, neben Veranstaltungen offenbar die Hauptwaffe der Parteien.

Ich dokumentiere im folgenden eine eher zufällige Auswahl an Wahlplakaten (Bilder auf Klick vergrößerbar) aus dem aktuellen Wahlkampf, jeweils mit ein, zwei Sätzlein von mir. Und ein paar Anmerkungen von meinem Freund Niklas, seines Zeichens Berater in einer sensationell erfolgreichen Hamburger Kreativagentur, der als Werber einen eher professionellen Blick auf die Angelegenheit werfen kann.

Niklas sagt vorausschickend:

Wahlplakate sind eigentlich immer schrecklich, im besten Falle unauffällig (was eine zweifelhafte Ehre ist).

Kreativität ist kein demokratischer Prozess und ihr größter Feind ist der Kompromiss.

In Parteien ist das aus naheliegenden Gründen irgendwie anders. Zwar wurde mir persönlich (in einem “Screening-Gespräch” mit einer momentan farbenblinden Partei aus Hamburg) versichert, dass das am Ende der Vorstand selbst absegnet — aber mit Verlaub, der Vorstand einer Partei ist doch auch nur  ein mehr oder minder kondensierter Schnittmengenvertreter.

Ansonsten macht man es halt gerne so wie im letzten Jahr oder wie in Taka-Tuka-Land 2005, da hat das auch super mobilisiert… Und während weite Teile der übrigen Kommunikationsbranche bemüht sind, das Wahrhaftige wieder zu entdecken und Glaubwürdigkeit an erste Stelle zu setzen, sind sämtliche politischen Parteien offenbar bereit, mit reinstem Phrasendreschen, mit leeren Parolen und absurden Pseudozuspitzungen die politische Willensbildung des Bürgers nicht zu steuern, nein, schlicht zu verhindern.

Okay, nun zu den Plakaten. Wir beginnen natürlich mit der…

Christlich Soziale Union (CSU)

Gunnar: Schöne Kandidaten haben sie ja nicht. Und die ekelhafte Staubsaugervertreterpose mit dem Sakko über der Schulter — wirkt das auf 55jährige Hausfrauen dynamisch und anpackend? Und dann der Quatsch mit der Pendlerpauschale, deren Abschaffung die CSU bekanntlich vor kurzem noch zugestimmt hat. Lässig mit dem Kurzzeitgedächtnis des Wählers kalkuliert. Sensationell hingegen das linke Plakat: Bayern, stark, CSU. Komplett sinnfrei und doch die Kernaussage des christsozialen Wahlkampfes zusammen gefasst.
Niklas: Ein Dialog: “Wir haben die absolute Mehrheit, lass uns entsprechend auftreten.” “Klar, Thomas, aber ein paar populistische Themen brauchen wir auch.” “Na gut, aber nur wenn ich ein Plakat mit meinem Gesicht drauf kriege.” Naja.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Sozialdemokratische Partei Deutschlands (Bayern-SPD)

Gunnar: Der Kandidat links sollte mal über seinen Schnurrbart nachdenken. Ansonsten: schöne Plakate, eigentlich. So mit Aussage und so. Obwohl der Slogan des mittleren an Wählerbeschimpfung grenzt. In keinem anderen Bundesland trägt die SPD übrigens den Namen des Landes im Logo. Das ist nur in Bayern notwendig. Sonst gerät man bekanntlich in den Verdacht, eine Bande von vaterlandslosen Halunken zu sein.
Niklas: Das mittlere Plakat vertritt die Einstellung “Die Zielgruppe hat keine Ahnung” — eine auch in Marketingkreisen beliebte Haltung. Das rechte kann nur entstanden sein, weil da einer einen Sohn mit Photoshop auf dem Rechner hat — “Das kommt voll lustig, und Bio ist doch ein Trend, oder?”

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 2/5

Die Grünen

Gunnar: Ich muss mich entschuldigen, das spektakulärste Grünen-Plakat habe ich nicht fotografiert: Ludwig für Bayern. Absurd, oder? Direkt noch absurder als das andere (gemalte!) Ludwig-Hartmann-Plakat, obwohl das auch schon… ach, egal. Ego-Wahlkampf vom Herrn Hartmann, sinnbefreit und ohne Aussage. Aber der Maibaum (Mitte) ist ganz nett.
Niklas: Das linke Plakat hat bestimmt ein Mann entworfen, um die armen Frauen zu diskreditieren. Der Schurke. Die Gestaltung ist so schlimm.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Ökologisch-Demokratische Partei (ödp)

Gunnar: Huh. Die Gestaltung ist natürlich abstoßend, aber die Sache mit den Zahlen spricht mich an. Zahlen gehen immer. Wirken so seriös. Finde es auch hübsch, dass der Kandidat Umweltplaner von Beruf ist.
Niklas: Was macht der Löwe da? Soll das ein Angebot einer Autowerkstatt sein oder ein Wahlplakat? Immerhin liebt Herr Lott die Zahlen (Journalisten…)

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Freie demokratische Partei (FDP)

Gunnar: Schlimm, schlimm, schlimm. Weiß gar nicht, was mich mehr aufregt — die absurde Abgrenzung zur CSU (“der deutlichste Kontrast zu Schwarz”), das Abfeuern von Pharmalobby-Positionen oder das alberne Logo Dr. Be! unten links, was sozusagen das hippe Signet von Dr. Bertermann sein soll. Argh.
Niklas: Hmm, ist “Bertermann und “Bulfon” wichtiger als das Thema?

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 5/5


Freie Wähler (FW)

Gunnar: Ja. Äh. Gähn. Die einzige Aussage scheint Wir sind nicht wie die anderen zu sein. Bisschen wenig. Aber die FW sind die Helden der Kommunalpolitik, die werden schon wissen, was sie tun.
Niklas: Freie Wähler, talentfreie Gestalter. Das sieht man.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 4/5

Republikaner (Rep)

Gunnar: Unfassbar bekloppter Slogan: blau wählen. Wusste übrigens gar nicht, dass Blau deren Signaturfarbe ist. Ansonsten: ziemlich mild. Steht nix drauf, was nicht auch bei anderen Parteien stehen könnte.
Niklas: Das kann man auch nur blau ertragen. Aber: schöner Vintage-Look links…

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 5/5

Bayernpartei (BP)

Gunnar: Albern-populistisch, vor allem das Motiv mit dem Benzinpreis. Aber immerhin auch eine halbwegs klare Forderung, wobei mir nicht klar ist, was die mit dem Landtagswahlkampf zu tun hat. Cool ist das altmodische Plakat mit dem Wappen, das hätte ich mir früher sicher als ironisches Statement in die WG-Küche gehängt.
Niklas: Das ist mir als Hamburger zu absurd.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 3/5

Die Linke

Gunnar: Auch die Linke kann nicht ohne das B-Wort. Ganz vernünftige Plakate, die übrigens schwer zu finden waren — sogar die Bayernpartei war in meiner Gegend präsenter.
Niklas: Gestalterisch kann man das machen.

Als-Stammwähler-würde-ich-mich-schämen-Faktor: 2/5

Nachsatz: So. Vielen Dank für’s Bis-hierhin-Lesen. Ich halte für das Protokoll fest, dass mich keines der Plakate so weit überzeugt hat, dass ich in Erwägung ziehen würde, die jeweilige Partei zu wählen. Die Fotos gesammelt gibt es übrigens hier. Fast alle sind allerdings im 300-Meter-Radius um meine Wohnung entstanden und ergeben daher kein repräsentatives Bild.
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