Leben

Das Ende der Realität

by Gunnar on 4. Februar 2013 · 15 comments

Ich, ich habe die Realität immer verteidigt.

Ich hielt ihr noch die Treue, als damals, auf dem Gymnasium, uns nach der Schule die drei halbstarken Hauptschüler abpassten und vermöbelten, was hauptsächlich mich betraf, da meine falschen Freunde Sascha* und Matthias es vorzogen, nur symbolischen Widerstand zu leisten.

Ich habe noch zu ihr gestanden, als Bayern erst Rekordmeister und danach immer noch rekordmeisteriger wurde, als Hannover 96 in die 2. Liga musste, als ich, während sich Völlers Truppe in München blamierte, fast allein unter lauter Engländern bei einer Party in Surrey im Epizentrum eines 5-1, and even Heskey scored-Kanons unterging.

Ich versuchte weiter zu leben, als mir klar wurde, dass das brillante Spiel System Shock 2 sich nicht ausreichend verkauft hatte, um irgendwie für irgendwen die Entwicklung eines dritten Teils zu rechtfertigen.

Ich verdammte die Realität nicht, als ich — möglicherweise von bösen Geistern ferngesteuert — beim Ausparken im Parkhaus die komplette linke Seite meines Firmenwagens demolierte und am Tag darauf mein Missgeschick dem strengen Chef der Verwaltung gestehen musste. Und auch nicht, als mir das im Jahr drauf nochmal passierte.

Ich klagte nur wenig, als die FDP gegen alle Vernunft im Jahr der Finanzkrise drittstärkste Partei wurde und sich gleich nach der Wahl wie erwartet dranmachte, den Staat an die Hotelkonzerne und die Apotheker zu verscherbeln.

Ich akzeptierte beinahe schweigend, dass im letzen Jahr nahezu allen meinen Körperteilen gleichzeitig auffiel, dass sie irgendwie mit sportlicher Betätigung, fettfreiem Essen und nikotinfreier Luft unterversorgt sind — und eine Revolte der Zipperlein begann.

Aber dass jetzt, verdammt, eine Bande von Fahrraddieben in einer konzertierten Aktion gleichzeitig mein Fahrrad und das meiner Frau entwendet, das schlägt dem Fass den Boden aus. Verdammt. Sowas ist doch verboten!

Jetzt reicht’s. Ich bin dann weg. Sucht mich im Internet.

[Leicht veränderter Repost von 2010. Ahem.]

Wochentagsvegetarier

by Gunnar on 25. Mai 2010 · 26 comments

Herr Kaliban isst kein Fleisch. Außer, wenn er will. Es gibt Leute, die schimpfen ihn inkonsequent.

Ich achte auf ausgewogene Ernährung, trinke zwischendurch aber doch immer mal wieder drei Bier auf einer Party oder pfeife mir im Meeting zehn Kekse rein. Ich mache ein bisschen Sport, lasse aber fast jeden zweiten Fitnessstudio-Termin faulheitsbedingt aus und nehme bei einem Hauch von Regenwolke statt des Fahrrads das Auto zur Arbeit. Ich rauche nicht, will aber nicht ausschließen, auf der nächsten Silvesterfeier einen Zigarillo zu paffen. Ich esse kein Fleisch, mag aber bei Fisch nicht neinsagen und würde beim Abendessen mit Freunden einen selbstgeschmorten Rinderbraten durchaus nicht ablehnen. Ich schaue kein Fernsehen und weiß nicht mal, wie die Stimme von Lena Meyer-Landrut klingt, kann aber doch mal einen hirnlosen Abend vor “Schlag den Raab” verbringen.

Ich finde mich dabei grundsätzlich ganz gut: lebe bewusster als sie meisten Leute, ohne ständig als Streber aufzufallen. Ein bisschen frustiert mich allerdings, dass mein Verhalten ständig mit Hohn und Spott überkübelt wird: Raucher, Flimmerkistenfreunde und Schokoladensüchtige nennen mich schwach, weil ich nicht komplett entsage; Sesselsitzer finden mein halbherziges Sporttreiben affig und prophezeien feixend ein baldiges Ende meines Elans; kurzatmige Fleischsemmelfetischisten verstehen nicht, warum ich nicht nur noch Tofu und Bambussprossen zu mir nehme — wenn schon, denn schon, sagen sie.

Aber warum eigentlich? Ist es nicht typisch für diese Zeit, kleine Widersprüche (Bio essen und kalifornischen Rotwein trinken, etwa) easy auszuhalten? Wäre es nicht ganz hilfreich, wenn mehr Leute wenigstens teilzeit auf Fleisch verzichten würden? Warum verlangen eigentlich gerade die Gar-nicht-Entsager, dass alle anderen vollständig konsequent sind? Ist es der gelbnasige Neid auf die, die wenigstens ein bisschen was erreichen und sich nicht komplett gehen lassen? Oder ist es, ahem, vielleicht so, dass gerade die Flexitarier und die Partyraucher und die Quasi-Sportler besonders unerträgliche Zeitgenossen sind? Weil sie, um ein gewagtes Bild zu verwenden, unentwegt Diavorträge veranstalten, obwohl sie auf dem Weg Zu Einem Besseren Lebentm eigentlich doch nur bis zu ersten Raststätte gekommen sind?

Hm.

Äh.

Gut möglich.

Ich muss da mal mein eigenes Kommunikationsverhalten überprüfen. Vielleicht. Vielleicht sind aber auch einfach nur alle anderen Leute doof.

P.S. Zum Thema “Teilzeitvegetarier” gibt’s einen ganz netten Vortrag von Graham Hill:

Ich und die Realität

by Gunnar on 18. Januar 2010 · 37 comments

Ich, ich habe die Realität immer verteidigt.

Ich hielt ihr noch die Treue, als damals, auf dem Gymnasium, uns nach der Schule die drei halbstarken Hauptschüler abpassten und vermöbelten, was hauptsächlich mich betraf, da meine falschen Freunde Sascha* und Matthias es vorzogen, nur symbolischen Widerstand zu leisten.

Ich habe noch zu ihr gestanden, als Bayern erst Rekordmeister und danach immer noch rekordmeisteriger wurde, als Hannover 96 in die 2. Liga musste, als ich, während sich Völlers Truppe in München blamierte, fast allein unter lauter Engländern in Surrey im Epizentrum eines 5-1, and even Heaskey scored-Kanons unterging.

Ich versuchte weiter zu leben, als mir klar wurde, dass das brillante System Shock 2 sich nicht ausreichend verkauft hatte, um irgendwie für irgendwen die Entwicklung eines dritten Teils zu rechtfertigen.

Ich verdammte die Realität nicht, als ich — möglicherweise von bösen Geistern ferngesteuert — beim Ausparken im Parkhaus die komplette linke Seite meines Firmenwagens demolierte und am Tag darauf mein Missgeschick dem strengen Chef der Verwaltung gestehen musste.

Ich klagte nur wenig, als die FDP gegen alle Vernunft im Jahr der Finanzkrise drittstärkste Partei wurde und sich gleich nach der Wahl wie erwartet dranmachte, den Staat an die Hotelkonzerne und die Apotheker zu verscherbeln.

Ich akzeptierte beinahe schweigend, dass im letzten Jahr nahezu alle technischen Geräte im Haushalt gleichzeitig die eingebaute Selbstmordschwelle erreichten und durchbrannten, von der Xbox 360 bis zum Staubsauger.

Aber dass jetzt, verdammt, dieses verdammte Billy-Regal unter der Last des verdammten Krempels einfach ohne Vorwarnung zusammenbricht und beim Einstürzen meine verdammte Lieblings-CD von New Model Army zertrümmert, das schlägt dem Fass den verdammten Boden aus. Verdammt.

Jetzt reicht’s. Ich bin dann weg. Sucht mich im Internet.

Leben unter dem Putzstern

by Gunnar on 3. September 2009 · 9 comments

Dass unser Töchterlein einen Putzfimmel hat, schrub ich neulich schon mal. Allerdings war damals die Sache noch relativ harmlos — mittlerweile ist das alles eskaliert und wir leben wie Bundeswehrrekruten am Putztag.

Ich illustriere das mal an ein paar Beispielen: Die Kleine nimmt sich ein Spielzeug aus dem Koffer of Many Thingstm (ein magisches Spielzeugreservoir in ihrem Zimmer), ich schnappe sie, um ihr die Windel zu wechseln, da schreit sie “Koffer!” und wir müssen erstmal zurück, um das Spielzeug ordentlich zu verstauen. Vor das Windeln hat Gott eben das Kofferpacken gesetzt. Wenn ich beim Präparieren des Milchfläschchens drei Mikrogramm Pulver verstreue, werde ich mit der Kampfansage “Sauber! Sauber!” und energischem Deuten auf den nahebei griffbereit liegenden Schwamm zur Ordnung gerufen — und ehe nicht alle Spuren getilgt sind, darf ich mit dem Leben und Atmen nicht fortfahren. Am frühen Morgen werde ich an der Hand zum Staubsaugerschrank geführt, damit Madame sich dort an der Quelle versorgen kann. Habe ich einen Kratzer am Arm, wird der sofort entdeckt, als nicht Papa-zugehörig eingestuft und wegzuwischen versucht. Und mit einer Spülbürste und einem Topf kann sie sich 15 Minuten still beschäftigen.

Absurd. Von mir hat sie das nicht.

Und schade nur, dass sie an diese Episode keine Erinnerung mehr haben wird, wenn wir in zehn Jahren darum kämpfen werden, dass sie ihr Zimmer aufräumt.

Der Kater und die Nahtoderfahrung

by Gunnar on 12. Juni 2009 · 13 comments

Ach, Katzenbesitzer und Katzen entwickeln über die Jahre seltsame Rituale, die Außenstehenden schrullig vorkommen mögen. Bei Hund und Herrchen bleiben die Verhältnisse, einmal geklärt, ja ewig bestehen — ist der Mensch der Chef, bleibt er’s. Ist der Hund die Nr. 1 und Herrchen bloß Futterbringer, ist das auch nichts, was sich so leicht noch mal ändert, es sei denn, die Tier-Nanny wird gerufen. Bei Katze und Mensch vermischen sich die Hierarchien regelmäßig, je nachdem, wie die Beziehung gerade läuft. Oder so.

Aber ich wollte über Rituale sprechen: Unser Kater hatte die Angewohnheit, in der Küche auf die gut hüfthohe Kommode zu springen und dort auf mich zu warten. War ich nah genug, ließ er sich seitwärts fallen, in dem Gottvertrauen, dass ich ihn im Vorbeigehen fange und langsam an meinen Beinen herabgleiten lasse, wie ein Kind auf der Rutsche. Absurdes Spiel, aber wir wussten beide, was voneinander zu erwarten war. Das ging solange gut, bis…

… eine Freundin zu Besuch kam, zufällig im richtigen Tempo zur richtigen Zeit an der Kommode vorbeiging und so dem Kater unwissentlich ein falsches Signal sendete. Der wartete den normalerweise richtigen Moment ab, kippte von der Kommode und schlug neben der Freundin auf dem Boden auf. Maunzen, Wimmern, vorwurfsvoller Blick. Die Freundin, die das Geschehen nicht deuten konnte, rief “Hey, eure Katze wollte gerade Selbstmord begehen” und war dann untröstlich, als wir ihr die Zusammenhänge erklärten.

Ich kann nicht ausschließen, dass sie uns und unseren Kater seither für einigermaßen bekloppt hält.

Aber so sind die Rituale zwischen Menschen und Katzen.

Ein Leben in 42 Sekunden

by Gunnar on 15. Mai 2009 · 9 comments

Last Day Dream. Bildergewaltiges Video von Chris Milk. Gedreht für das 42×42-Festival. Sehenswert!

[via Stylespion]

Anti-Blog-Wetter

by Gunnar on 12. April 2009 · 4 comments

Heute kein Bloggen möglich. Ich war einfach zu draußen. Bei so tollem Wetter hat man ja keine überzeugenden Ausreden. Verdammt.

Blick über den Inn

Hofgarten

Schaukeln

Die allseits beliebten Sonntagslinks gibt’s dann morgen, versprochen.

Crash Test Baby

by Gunnar on 15. September 2008 · 7 comments

Wenn man älter wird, beschleunigt sich das Leben. Je mehr Routine einkehrt, je mehr man davon abkommt, sich ständig Neuem auszusetzen, desto rasanter rasen Tage, Monate, Jahreszeiten an einem vorbei.

Als Das Goldkind auf die Welt kam, wirkte das auf mein Leben wie die Crashtestbarriere auf das Testfahrzeug. Der Resetknopf wurde gedrückt, es folgte die totale Verlagerung aller Prioritäten.

Plötzlich war jeder Moment, nun ja, wie Bullet-Time.

Das kommt mir vor, als sei es gestern gewesen. War es aber nicht, es ist mehr als ein halbes Jahr her — irgendwann, als ich begriffen hatte, das jeder Moment ein Geschenk ist, setzte unmerklich die Beschleunigung wieder ein.

In ein paar Tagen werde ich ihr die Schultüte kaufen, übernächste Woche macht sie vermutlich Abi. Gruselig, irgendwie.

Oh so tired

by Gunnar on 24. August 2008 · 8 comments

Ich liege auf dem Sofa, in einer Art Wachkoma, wie Treibsand hält mich diese tiefe Erschöpfung umfangen, die ich, wie jedes Jahr, zusammen mit 346 Visitenkarten und amtlichen Kopfschmerzen von der Games Convention mitgebracht habe.

Meine Gedanken wandern mit der Geschwindigkeit von Gletschern. Fetzen: Facebook nervt mit seinen Versuchen, mich zu Facebook-konformen Aktivitäten zu zwingen; Leipziger Taxifahrer sind offensichtlich kollektiv lebensmüde; die FDP-Wahlplakate für den Bayern-Wahlkampf sind peinlich, aber natürlich nicht so peinlich wie die der REPse, die den ihrer Klientel angemessen doppeldeutigen Slogan der Heimat zuliebe blau wählen auf ihre Aushänge drucken.

Uh.

Mein Arm ragt im Liegen über das Sofa hinaus, ich höre ein Mauen, dann schiebt die Tigerkatze ihren Kopf in meine Handfläche. Streichelt sich sozusagen selber. Ich bin aber zu kraftlos, um mitzumachen. Nach drei Versuchen gibt sie auf.

Ich sollte irgendwas tun, am Sonntag nachmittag — Spazierengehen mit dem Baby, endlich Braidtm weiterspielen, meinen Koffer ausfräumen* oder ein Geschichtlein für den kleinen Wettbewerb vom NZZ Folio schreiben. Es geht aber nicht. Mein Hirn kann allenfalls 4.5 Prozent meiner potenziellen Maximalleistung aktivieren, das reicht nicht für mehr als Sofakoma und sinnloses Gedankenkreisen. Mir fällt von irgendwoher ein, dass der Satz Cornelius parkte den SLK in der Garage, schaltete alle Lampen des Hauses auf Hangarbeleuchtung — bei schlechter Laune hasste er Dämmerlicht — und fütterte seine Kois mit Flocken aus feingemahlenen Hartz-IV-Empfängern eigentlich gut genug ist, um ihn für eine etwaige spätere Verwendung aufzuschreiben, doch irgendwas stimmt daran nicht. Fünfzehn Gletscherminuten später weiß ich es — in “Microserfs” kommt ein ähnlicher* vor. Ach Mist. Möglicherweise stammen die meisten meiner coolen Sätze aus Popliteraturbüchern und ich weiß es nicht mehr und halte mich für originell. Nunja.

Dieser Text führt nirgendwo hin. Demnächst Kohärenteres an dieser Stelle.