Mädchen

Ach, die Welt [Update 23.11, Update 24.11]

by Gunnar on 22. November 2008 · 23 comments

Nun, ich arbeite in einem Beruf, wo man sich gemeinhin leicht eine gewisse InfantJugendlichkeit erhalten kann. Ich versuche auch, den aktuellen Entwicklungen zu folgen — ich habe einen Facebook-Account, spiele Killerspiele uncut, habe mich daran gewöhnt, dass die DDR irgendwie weg ist, kann, sollte es jemals nötig sein, mit meinem Handy Gewaltvideos aufzeichnen, zucke nicht mehr zusammen, wenn HipHop als Hintergrundmusik im Kaufhaus läuft, weiß, wie Alkopops schmecken, und habe eine gewisse Affinität für JCulture und all diesen Quatsch mit den großäugigen Männlein.

Et cetera.

Ich bin also wirklich guten Willens, die Welt zu verstehen.

Ich kann also wirklich nichts dafür, dass ich mich zum verknöcherten alten Herrn entwickle, der kopfschüttelnd auf die Jugend blickt und sich die alten Zeiten zurückwünscht.

Die Welt ist schuld. Oder vielmehr die Mädchen, die sich aus mir unerfindlichen Gründen so anziehen, wie sich früher nur Prostituierte angezogen haben. All das Make-Up und die Hot Pants, Netzstrümpfe, geschlitzten Tops. Das irritiert mich maßlos. Okay, sexy ist ja auch früher schon immer mal wieder in gewesen, aber wie geht das zusammen mit Miley Cyrus, Hello Kitty und der Vorliebe für Glitzersticker?

Entweder ich verliere den Bezug zur Jugend und damit zur Welt — oder es wächst einfach eine weitere Frauengeneration heran, die ich nicht verstehe. Das wäre nicht so schlimm, habe ja die Generationen davor auch schon nicht verstanden.

Eine Antwort von Marc, aus den Kommentaren:
Schwachsinn.
Darf ein 14-16 Jähriges Mädchen nichtmal ein normales Top anziehen, Ausschnitt tragen und auch mal einen Rock anziehen, der nicht über die Knie geht? Müssen 14 Jährige, die weder biologisch, noch rechtlich noch als “Kind” gelten (sondern als Jugendlicher, also als ein Mensch, der sich in der Adoleszenz befindet), sich anziehen, wie ein kleines Kind, das die zweite Klasse besucht?

Tut mir Leid, diese Aussagen hier kenne ich ansonsten eigentlich nur von vergreisten Weltkriegs-Veteranen, die sich Hitler zurückwünschen und sowieso meinen, dass Mädchen frühestens mit 25 Jahren Sex haben dürften, falls sie verheiratet sind. Aber sowas hier von jemandem, der Ende 30 ist und sogar von Leuten, sie selbst erst Anfang 20 sind, zu hören finde ich schon etwas.. befremdlich.

Meine Antwort auf die Antwort:
Hmm. Ich glaube, was mich am meisten irritiert und das wird mir durch deinen Beitrag klarer, ist die Tatsache, dass “sexy” jetzt gleich “erwachsen” ist. Wenn man kein Kind mehr sein will, muss man nicht nur das Prinzessin Lillifee-Shirt wegwerfen, sondern auch gleich Brüste und Arsch und Beine betonen. Da käme doch bei Jungs niemand drauf — Lukas ist jetzt 14, da läuft er natürlich meist mit bauchfreiem Stretchtop und enger Badehose rum, um zu herzuzeigen, was er hat.
Dass dieser nuttige Prolo-Chic, den es schon ewig gibt (und den ich immer für einen Ausdruck der geringen Wertschätzung von Frauen in bestimmten Gesellschaftsschichten gehalten habe), dass der jetzt als Ausdruck von Freiheit und Erwachsensein gelten darf, das wundert mich schon.

Eine Anmerkung von Gnu, aus den Kommentaren:
Männer schmücken sich mit Statussymbolen, Frauen mit Schminke.
Wenn Männer sich absetzen und böse sein wollen, laufen sie als Schläger durch die Stadt. Frauen ziehen sich nuttig an.

Und eine Art Abschluss-Statement von Hilkman, aus den Kommentaren:
Meine Generation hat sich mit Haaren bis zum Arsch abheben wollen. Die Leute heute machen’s halt anders. Gähn.

Hm. Ich will nicht ausschließen, dass ich eine altersbedingte ästhetische Irritation überbewerte. Ich lege das Thema mal zu den Akten und schaue wieder drauf, wenn die Töchter von Hilkman und mir im richtigen Alter sind, um unsere Grundeinstellungen auf die Probe zu stellen.

Das schwarzlippige Emo-Mädchen

by Gunnar on 17. Februar 2008 · 24 comments

Copyright: C&D Visionary Inc, 2002

Sie sitzt mir in der S-Bahn gegenüber, versunken offenbar in die Musik, die ihr die schwarzen Ohrstecker in die Gehörgänge schieben. Sie schaut aus dem Fenster, seltsam still und inwärts gewandt. Ich kann nicht anders als sie anzustarren. Dabei ist sie nicht speziell schön oder speziell sexy oder allzu besonders — nein, sie ist einfach so emo. Nicht, dass ich wirklich wüsste, was man heutzutage so bezeichnet, mein ganzes Wissen darüber stammt aus einer Bravo-Foto-Lovestory, die ich im Büro mal durchgeblättert habe. Ich nehme aber mal bis zum Beweis des Gegenteils an, dass es eine Jugendmode ist, sowas mit Selbstmordästhetik, düsterer Musik, Abgrenzung zum Spießertum. Und Friedhöfen. Und kleinen Tieren. Wobei mir übrigens neulich aufgefallen ist, dass es im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten eine Art Playboy mit gepiercten Emo-Mädchen drin gibt. Heißt Suicide Girls. Bisschen absurd. Logische Marktlücke allerdings.

Aber zurück zu ihr: Sie hat sich die Oberlippe, nur die Oberlippe, schwarz getuscht, was einen merkwürdigen Effekt ergibt, zusätzlich natürlich schwarz gefärbte Haare, schwarz geschminkte Augen, durchgehend schwarze Klamotten, Schicht auf Schicht. Mein Blick fängt sich aber an der schwarzen Stofftasche, die sie auf dem Schoß hält.
Wir beginnen oben: Mit Sicherheitsnadeln hat sie eine Art Mini-Stoffposter an die Tasche geheftet, das ein prototypisches Manga-Motiv zeigt (dunkler Typ in dominanter Pose plus junges Mädchen), dazu die verschlungene Zeile Orochinara is my Master oder so, die ich nicht wirklich begreife, da mir das Wissen um die Orochinaras dieser Welt fehlt — ein Vampirlord, Hitlers Widergänger, ein Sektenguru, Voldemorts Bruder, ein indischer Gott? Naja, kann ja jeder selber googeln. Wobei es vermutlich nicht hilft, dass ich die genaue Schreibweise des Namens vergessen habe. Irgendwas mit Oro und Chi. Egal, ist jedenfalls irgend so eine Manga-Figur. Weiter: Am Reißverschluss hängt ein rosa Schwein, aus Stoff. Das kollidiert ziemlich mit dem ganzen Schwarz und der Master Orochinara findet das sicher auch nicht soo toll. Ich hätte gedacht, Mädchen machen entweder auf schwarz oder auf rosa, aber nun, offenbar sind Kombinationen erlaubt. Daneben: ein I’m so happy I could die-Anstecker, Emo-Klassiker würde ich sagen. Dann einer mit You will hate my music, auch schön, dann wieder ein Bruch: ein Hello Kitty-Aufkleber. Dann noch irgendwelche Sachen, die sich auf Vampire beziehen und ein paar mehr Dingelchen, die ich vergessen habe.

Ein wilder Mix irgendwie. Aber wer versteht schon die Welten, die sich Mädchen bauen? Wenn ich mal eine Tochter habe, soll sie bitte burschikos sein, handfest, nicht umzuwerfen. Aber derlei Wünsche gehen natürlich nie in Erfüllung, self denying prophecy sozusagen. Ich sehe mich schon im Supermarkt stundenlang nach den richtigen Sorten Lipgloss und Wangenglitter fahnden, die zu besorgen mir von dem verwöhnten Balg aufgetragen wurde. Ach. Vermutlich sollte ich mich beim Nachwuchs eher um Jungs bemühen.

seit einiger zeit habe ich aus beruflichen gründen ein abonnement der bravo girl. das hilft enorm auf der anstrengenden reise vom jungen wilden zu einem wertkonservativen alten sack, die ich inzwischen zu ca. 30% hinter mich gebracht habe.

un-glaub-lich, was den kindern und jugendlichen in der bravo girl alles nahegebracht wird:
vor einigen wochen sollten die geneigten leserinnen anhand der quersumme ihrer handynummer und der ihres “lovers” herausbekommen, ob sie zusammen passen. ok, das ist harmlos, die ladys erfahren immerhin, was eine quersumme ist und alle könnten glücklich sein… es sei denn ein sensibles 12jähriges mädchen geht daraufhin ins wasser, weil sie die nummer von bill (th) herausbekommen hat, aber selbst noch kein mobiltelefon besitzt…
wenn es meine tochter wäre, hätte sie in dem alter im übrigen auch noch keins.

zwei wochen später sponsert der enthaarungscremehersteller veet das titelthema “intimfrisur”. 8-13 jährige “girls” erfahren, dass es vollkommen ok ist, sich “untenrum” zu rasieren. eigentlich sei es auch modern, und jungen mögen das (ist aber “natürlich auch ok, wenn du es nicht willst”). passend von veet zur verfügung gestellte enthaarungsschablonen für den schritt liegen bei. witzige pfeil-, herz- und balkenformen für das gepflegte kind…
junge, junge: sittenverfall plus 360°-vermarktung — hut ab!

den vogel schoss die bravo girl allerdings in der vorletzten ausgabe ab: in einem doppelseitigen schmink-special erfuhren die leistungs- und hoffnungsträger der zukunft, wie man sich total “real” krank schminkt! es wird zwischen fieber und übelkeit sowie kreislauf unterschieden. den tipp, mit roten flecken die erste regelblutung zu simulieren, findet man überraschenderweise nicht – dafür in den nächsten ausgaben begeisterte leserbriefe, wie super das mit dem schwänzen doch funktioniert.

natürlich ist von einem münchner verlag nicht allzu viel calvinismus zu erwarten. aber so geht es auf alle fälle nicht. :)

ps: ich würde an dieser stelle auch gerne über die bravo ablästern (die ich ebenfalls beziehe) aber in der steht halt immer nur das neuste über tokio hotel. das kann man nicht mal spannend verreißen.

[Achtung Gastautor: Niklas ist ein Freund von Gunnar und nutzt unregelmäßig dieses Blog, um die Welt zu beschimpfen. Gunnar ist oft, aber nicht immer Niklas’ Meinung.]

Das hermetische Mädchen

by Gunnar on 24. Februar 2006 · 5 comments

Sie steht vor mir, im Laden, wartend, in der Schlange. Ich dahinter, ebenfalls wartend. Es geht nicht voran, es gibt Probleme mit dem Kassensystem. Wir stehen, warten, gucken. Sie ist so konsequent in schwarz gekleidet, wie es irgend geht. Sie trägt die Kleidung wie einen Panzer, in Schichten, komplex, auf den ersten Blick kaum zu erfassen, mit vielerlei Schnüren, Schnallen, Schlaufen. Und alles schwarz, kein Stück Stoff in Dunkelblau, kein Kontrapunkt in rot oder weiß, nur ein bisschen blitzendes Silber, Metall, Nieten. Eigenartig, wie der Blick an ihrem Schwarzschild abprallt, obenwohl er gleichzeitig bestrebt ist, sich an einem der vielen Details festzuhalten.

Ihre Haut ist hell, die Lippen ungeschminkt, dafür Fingernägel und Haare schwarz. Ich versuche mir ihre Stimme vorzustellen und kann es nicht — irgendwie entspricht sie nicht den üblichen Typen. Ich kann mir Stimmen ausdenken für aufgetakelte Gothic-Bräute, für kleine schüchtere Waverinnen, für lässige studentische Schwarzträgerinnen, aber sie, sie entspricht keinem der Klischees. Sie ist, nun, eben das hermetische Mädchen. Jedenfalls für diesen Augenblick. Meine Illusion bleibt erhalten: Sie zahlt an der Kasse mit sorgsam gefalteten Scheinen aus ihrem schwarzen Portemonnaie und verlässt den Laden, ohne gesprochen zu haben.

Bestimmt ist sie ein Alien, eine Zukunftsreisende, ein Android.