Medienfuzzis

Kai D., das Roaming-Opfer

by Gunnar on 24. Juni 2010 · 20 comments

Kai Diekmann, seines Zeichens BILD-Chefredakteur, hat seine Multimedia-Truppe einen gefakten SpiegelTV-Bericht erstellen lassen, in dem er als “Opfer der Roaming-Mafia” auftritt.

Hintergrund: Diekmann hatte aus seinem Urlaub in Marokko über das Mobilnetz Videos für sein Blog hochgeladen und dabei Roaming-Kosten in Höhe von 46.000 Euro produziert. Er hat versucht, direkt beim CEO der Telekom die Rechnung löschen zu lassen, das hat nicht geklappt, jetzt macht Diekmann aus der Sache einen Witz für seine Fans und Feinde in den Medienressorts und verpasst der Telekom noch einen kleinen Tritt vor’s Schienbein.

Das ist einerseits ganz lustig und mit der Telekom trifft’s nicht eben den Falschen, andererseits geht Diekmann ziemlich nonchalant mit einer Summe um, die deutlich über dem durchschnittlichen Jahresgehalt eines deutschen Arbeitnehmers liegt. Denn Diekmann, ohnehin nicht arm, bekommt die Summe natürlich von seinem Arbeitgeber erstattet, das ist ein ganz angenehmes Privileg in Zeiten, wo Leute gefeuert werden, weil sie eine Frikadelle vom Buffet stibitzt haben. Gerade der Chef der BILD-Zeitung, die ja immer der Anwalt des kleinen Mannes sein will, könnte aus so einer Sache auch mehr machen als einen weiteren professionell visualisierten Ego-Trip mit Armenverhöhnung.

Aber naja. Ist eben der Diekmann.

Nachtrag: Man mag sich übrigens schon fragen, was der Diekmann da in den drei Tagen Urlaub so gemacht hat. Im teuersten Roamingtarif der Telekom zahlt man für 50 KByte zwar exorbitante 17 Cent, aber auch damit kosten 10 Gigabyte “nur” 34.000 Euro. Wie man es schaffen kann, über 12 Gig durch das flattrige Datennetz zu jagen, ist mir einigermaßen schleierhaft. Oder mache ich da einen Rechenfehler?

Medienmassen statt Massenmedien

by Gunnar on 3. Oktober 2009 · 5 comments

Der Elektrische Reporter zum Thema “Die Zukunft des Journalismus — wer soll das bezahlen?”. Alles ganz schlüssig und halbwegs logisch zusammengefasst. Kann man mal angucken, finde ich.

Fragen statt Manifestieren

by Gunnar on 11. September 2009 · 2 comments

Ich wollte das totgeborene Internet-Manifest eigentlich nicht weiter kommentieren, aber da sich mittlerweile weitere schlaue Leute dazu geäußert haben, will ich diesen Leuten wenigstens rasch zustimmen, um selber schlau zu erscheinen. Oder so.

Also. Felix Schwenzel, den ich nicht persönlich kenne, den man für sein Blog Wirres.net aber nicht genug loben kann, schreibt zum leidigen Thema :

[…] setzen wir mit manifesten, die den eindruck erwecken über jeden zweifel erhaben zu sein, der rückwärtsgewandten hybris der verleger und internetfeinde nicht einfach nur eine anders geartete hybris entgegen? wäre es nicht wichtiger zu fragen, statt zu manifestieren, zu zweifeln, statt rumzubehaupten, neugierde zu entfachen, statt klugzuscheissen?
wo bleibt die demut? ich glaube, klugscheissern, die hamburger erklärungen oder heidelberger appelle verfassen, sollte man nicht mit weiterem klugschiss antworten. sondern demut, neugier, vorsichtige und aufmerksame beobachtung der realität und offenheit predigen. überzeugen. argumentieren. begeistern. nicht rumbehaupten. […] (Quelle)

True. Viel besser kann man es nicht sagen. Ende der Diskussion. Eigentlich. Obwohl, Don Alphonso, den ich auch nicht persönlich kenne, dessen Haltung mich aber normalerweise abhält, irgendwas von ihm zu lesen, hat eine lustige Theorie zum möglicherweise geplanten zweiten Schritt nach dem Manifest aufgestellt:

Niemand schreibt sowas, setzt sich als Erstunterzeichner drunter und ist froh, wenn er es mal gesagt hat. So ein Manifest ist immer nur der erste Schritt. […] Kommunistisches Manifest -> Parteigründung. Internet-Manifest -> schön, dass wir darüber geredet haben? Bei den Teilnehmern, die grösstenteils mit Journalismus wenig, aber mit Internetkommerzialisierung zu ihren eigenen Gunsten sehr viel zu tun haben? […] Es ist ja sicher keine schlechte Idee, so ein Konzept mal zu testen und sich dann, wenn alle JA! schreien, sich auf das Schild heben zu lassen. Zumal der Ruf nach einer Standesvertretung ja auch kein ganz dummer ist, und Medien in einer Debatte auch Ansprechpartner wollen. […] Aber wenn man sowas schon als Hintergedanken hat, kann man das auch mal zugeben. (Quelle)

Ach, und wenn ich schon mal dabei bin — die grandiose Übersetzung der englischen Manifest-Fassung in lesbares Englisch (verfasst von Benji Lanyado, einem Journalisten des Guardian) darf nicht unerwähnt bleiben, ich zitiere mal im Volltext:

1) The internet is different to newspapers. Deal with it.
2) You don’t have to be Billy Big Paper to do journalism any more, anyone can do it.
3) Billy Big Paper should get into Facebook and stuff. The kids love it.
4) Note to Russia and China: Enough blocking the internet already.
5) There is loads of stuff on the internet.
6) On the internet you can change stuff after you’ve written it. Which is great.
7) Link to stuff, it’s really good when you do that.
8 ) Same as above. And by the way, Google is God.
9) There are lots of people on the internet. Talk to them.
10) See rule 2)
11) Quantity is an excellent thing. Make lots of things and put them on the internet.
12) Your old business model is rubbish. Change it.
13) Don’t charge for content.
14) See rule 12)
15) Don’t delete things.
16) Quality is king. Forget what we said in 11)
17) A good journalist listens as well as talks, despite the fact that no crowdsourcing was involved during the making of this declaration.
18) Dum de dum de daa bla bla antidisestablishmentarianism bla bla and so on and so forth la la la. [Oops, I added one at the end.]

Mehr dazu? Weitere Anmerkungen und Links gab’s hier.

UPDATE: Stefan Niggemeier probiert’s jetzt mal mit Vorwärtsverteidigung.

Oldschool Media

by Gunnar on 14. August 2009 · 9 comments

Ach, schlimm ist es, wenn man alt wird und das allzu bunte Treiben der weitergedrehten Welt nicht mehr verstehen mag. Ich beobachte das an mir selber mit Schrecken und versuche, den Prozess wenigstens zu verlangsamen. Ich habe einen Facebook-Account, spiele Killerspiele uncut, habe mich daran gewöhnt, dass die DDR irgendwie weg ist, kann, sollte es jemals nötig sein, mit meinem Handy Gewaltvideos aufzeichnen, zucke nicht mehr zusammen, wenn HipHop als Hintergrundmusik im Kaufhaus läuft, weiß, wie Alkopops schmecken, und habe eine gewisse Affinität für JCulture und all diesen Quatsch mit den großäugigen Männlein.

Und so. Ist natürlich manchmal schmerzhaft. Einfacher wäre es natürlich, sich schlicht in eine oberlehrerige Onkelhaftigkeit zu ergeben und immer wieder Paraphrasierungen von “Früher war alles besser” und “Die Jugend verlottert aber ziemlich, mein lieber Herr Gesangsverein” in die Schreibmaschine zu tippen. Wie etwa Frank A. Meyer, Chefpublizist des Schweizer Ringier-Verlages:

Der bürgerliche Rechtsstaat hat sich gegenüber Dieben und anderen Rechtsbrechern mit keinem Wort zu rechtfertigen, auch dann nicht, wenn sie sich zu Piraten einer neuen Netz-Weltordnung aufblasen und, wie neuerdings in Europa, sogar Parteien gründen.
Modernität ist kein Argument, Jugend schon gar nicht.
Jugend war stets das Zauberwort für Systemstürzer von rechts und links. So, wie Jugend jetzt erneut als Zauberwort der Netz-Revoluzzer gilt.
Dem faulen Zauber ist rasch ein Ende zu bereiten. (Quelle)

Huh. Hossa. “Ist rasch ein Ende zu bereiten”, das klingt wie der Ruf nach dem Einsatz der Schweizergarde gegen Killerspieler. Schneidig, Herr M, schneidig.

An alle: Wenn ich bei einer meiner altersweisen Ansprachen je den ironischen Unterton verliere, bitte ich, mich zu erschießen.

Man kann DIE ZEIT nicht genug loben, meist ist sie relevant, unterhaltend und intelligent zugleich — sowohl “im Print” (wie man in Verlagen heutzutage denglischt) wie auch im Web. Aber ein relevantes Medium wäre ja nicht relevant, wenn man sich nicht zuweilen drüber aufregen könnte. Und aufgeregt habe ich mich, jedenfalls ein bisschen. Über Herrn Jens Uehlecke, der sich über Twitter auslässt:

An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden. Und so hat das Unterschichten-Fernsehen endlich seine Entsprechung im Netz: Twittern ist Bloggen für Arme!

Hm. Er vergisst, das Twitter nur so gut ist, wie die Leute, denen man folgt — wer keine interessanten Gedanken oder Mini-Meinungen versendet, dem folge ich nicht. Punkt. Ich beurteile ja die Printmedienlandschaft auch nicht nach der schier unermesslichen Zahl der hastig hingeschluderten Deppen-Angebote von “Frau im Spiegel” bis “Praline”. Vom TV gar nicht zu reden. Wer nicht relevant für mich ist, dessen Magazin kaufe ich nicht. Was hindert Herrn U. daran, es mit Twitter ebenso zu halten?

Was mich allerdings besonders ärgert, ist der Satz mit der Qualitätskontrolle — das ist ein altes Journalistenargument, mit dem die Kollegen ihren Status zu rechtfertigen versuchen. Das berühmte Gegenlesen hindert aber weder Boulevard- noch Qualitätsmedien daran, jeden Tag kapitale Böcke zu schießen. Von denen das Bildblog nur die spektakulärsten findet. Ich habe früher mal regelmäßig FTD gelesen und kam war nach drei Wochen Mitzählen auf 17 Verwechslungen von “Billion” und “Milliarde”. Plus diverse weitere Fehler. Irren ist menschlich, klar. Und ja, die meisten Magazinartikel enthalten weniger Tippfehler als die Texte auf kaliban.de, die ich als Autor und Textchef in Personalunion betreue. Solange aber auch großen Magazinen und Zeitungen alle Naselang Recherchefehler unterlaufen, die ein 16jähriger Hauptschüler mit T-Onlinezugang nachprüfen kann, solange sollte man zumindest nicht naserümpfend auf die “Amateure” herabsehen und was von Qualitätskontrolle faseln. Ich kenne den Prozess durchaus — man redigiert X Seiten am Tag, Akkordarbeit, man streicht die Rechtschreibfehler an, die floskelhaften Formulierungen, man versucht, die Aussage stärker herauszuarbeiten, man freut sich auch mal, wenn man eine bessere Formulierung gefunden hat als der Autor, aber… …kaum jemand in den gegenlesenden Instanzen hat die Zeit und den Willen, wirklich Fakten zu checken, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen.

Aber hey, vielleicht ist die Polemik ja auch nur ein raffinierter Versuch, Klicks und Kommentare und Verlinkungen zu sammeln. Vielleicht hat der Chefredakteur gesagt, Du, Jensi, mach mal was Heftiges, was gegen Blogs oder Twitter oder Facebook oder so, damit sich die Internetfuzzis aufregen, die eh nichts Besseres zu tun haben, und wir ein bisschen Traffic einsammeln können.

Und das hat ja nun auch geklappt.

Drei Links

by Gunnar on 12. Mai 2009 · 8 comments

Ach, ich weiß schon, das ist so ein Blogger-Ding, dieses gegenseitige ewige Verlinken. Und es birgt ja auch gar keine Überraschungen, weil man natürlich als hauptberuflicher Medienfuzzi und privater Blogger immerzu auf die klugen Blogeinträge des von der Blogosphäre vergötterten Medienjournalisten Stephan Niggemeier linken möchte.

Also linke ich jetzt mal einfach anderswohin. Irgendwohin. Nur so, um die Leser zu verwirren.

Und erst danach zu Niggemeier, der einmal mehr harte/wahre Worte zum Themenkomplex Qualitätsjournalismus & das Selbstverständnis der etablierten Medien findet.

Und dann noch, weil’s sein muss, zu einem langen und zahlenlastigen Beitrag darüber, wie die Befürworter von Internet-Sperren sich ihre Beweiszahlen zusammenlügen.

Ich habe ein bisschen die ganz enge Bindung zu Zeitschriften verloren, seit ich mich nicht mehr hauptberuflich damit beschäftige, eine zu leiten. Ich weiß also nicht genau, ob es an mir liegt oder an den Zeitschriften, dass ich fast alles, was ich an Mainstream-Publikationen in die Finger bekomme, so abgeschmackt finde, so routiniert runtergerissen, so berechenbar stromlinienförmig, so hochglanz-öde.

So Glockenbach, so Prenzlauer Berg, so Karolinenviertel.

Vielleicht liegt das daran, dass überall die gleichen Medienmenschen ihre urbanen Leben leben und mit ihren urbanen Kollegen ihre urban geprägten Magazine machen. Irgendwer sagte mir neulich, dass er glaube, dass das erfolgreichste Magazin der letzten Jahre, die quasi Kuhmist atmende Landlust (463.873 verkaufte Exemplare pro Heft), eben nur dort entstehen konnte, wo es entstanden ist: beim Landwirtschaftsverlag im stinköden Münster. Und nicht in einer der Metropolen. Aber egal.

Ich wollte kurz berichten, dass ich mir heute ein neues Magazin gekauft habe: die frisch erschienene Erstausgabe des Nido (verlegt von Gruner und Jahr, Hamburg. Chefredakteur ist Timm Klotzek, Gründer der NEON). Nido ist, erstmal, ein Heft für Eltern. Kein Ratgeber, sondern Lifestyle, Lebensgefühl und sowas.

Exkurs: [Also ein bisschen so wie Wir vom Süddeutschen Verlag, das kürzlich noch vor der zweiten Ausgabe eingestellt wurde. Völlig zu Recht, allein schon der Claim “Familienmagazin für Eltern, die nicht nur Eltern sein wollen” war so anbiedernd, so gekünstelt, so falsch, dass der Verdacht nahelag, hier würde ein Heft nicht für Leser, sondern für Anzeigenkunden gemacht. Und so war es dann auch: das Layout in Schönheit vor die Wand gefahren, Textchen in Häppchen, Bildchen zu Produkten, Produkten, Produkten und nicht ein Mensch im ganzen Heft, wo man gedacht hätte, jawoll, dass ist einer von uns. Alles immer zu hoch geschossen: die Produkte zu teuer, die Probleme zu Luxus, die Menschen zu untypisch. Bäh. Naja egal, man soll nicht schlecht über Verstorbene reden.]

Nido Gruner und Jahr Das Problem ist nur: Nido ist fast genauso, bis auf die Tatsache, dass das Layout um Lichtjahre moderner ist. Also: großartige Fotos, alles stilsicher, schöne Menschen und partiell auch echt gute Texte. Aber Relevanz? Fehlanzeige. Im Editorial schlägt man, nur halt etwas norddeutsch-schnodderiger, denselben Kurs ein wie die Münchner von “Wir”: “Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga”. Argh. Der Satz verrät eine ziemlich elitäre Haltung, ein ziemlich luxuriöses Problem — die Angst des hippen Mitdreißigers, durch spießige Familiengründung ins Coolness-Abseits zu geraten. Dementsprechend werden auch eher Luxusprobleme diskutiert: lässige Altbauwohnung oder doch Häuschen im Grünen? Die Modestrecke (übrigens sensationell fotografiert) zeigt, wo’s hingeht — die dreijährigen Kids tragen Sweater von Boss (79 Euro), Jeans von Diesel (110 Euro), Sakko von Hacknett (160) und anderes Zeugs, das weitab ist von der Ikea-H&M-Realität auch gutsituierter Eltern in, sagen wir, München-Haidhausen. Der Verdacht liegt nahe, dass man ein bisschen zu sehr auf die Anzeigenkunden und zuwenig auf die potenzielle Zielgruppe geachtet hat.

Aber was mich besonders stört, ist (und hier kommen wir wieder zum Anfang dieses länglichen, schon etwas ins Mäandern geratenen Textes zurück) die Routiniertheit des Magazin-Machens, die hier vorgeführt wird: Nido will nichts falsch machen und macht deshalb ein bisschen was von allem, aber eigentlich nichts richtig: ein paar Produkttipps, ein paar Seiten Mode, ein sinnloses Sammelsurium von Musik, Literatur, Film, Promis (mit Elternbezug und ohne) und eine Reiseempfehlung (Wien), ausdrücklich für Eltern, die ihre Kinder zu Hause lassen wollen. Und die Titelgeschichte (die “Ich will wieder arbeiten” heißt) zeigt das Problem exemplarisch: schöner Aufmacher-Doppelseite, gefällige Status Quo-Beschreibung, ein paar Beispiele, eine Beispiel-Person, fertig. Keine Ratschläge, keine Meta-Ebene, nichts, was dem Leser weiterhelfen könnte. Fastfood-Journalismus: schmeckt, aber macht nicht satt. Nichts Überraschendes, nichts tief Recherchiertes, nichts Echtes.

Aber egal, Erstausgaben sind immer schwierig. Ich kaufe mir, falls sie denn wirklich irgendwann erscheint, die zweite Ausgabe und überprüfe meine Meinung dann gerne noch mal.

[Hat echt jemand bis hierhin gelesen? Wow.]

Art and Danger of Communication

by Gunnar on 7. Juli 2008 · 12 comments

Eine alte Theorie von mir, die ich aus beruflichem Überlebenswillen eigentlich nie in der Öffentlichkeit äußere, ist, dass in den so genannten Kommunikationsberufen viele der Aufgaben eigentlich zu leicht sind — vieles könnte eigentlich auch von Praktikanten oder gut trainierten Schimpansen erledigt werden. Kein Wunder, dass man in vielen Agenturen schon nach einer Woche Mitarbeit eine tragende Rollen ausfüllen kann, was die Agenturen wiederum dazu verführt, ihr Kerngeschäft gänzlich in die Hände von mit zwei Äpfeln und einem Gratis-T-Shirt bezahlten Praktikanten zu legen, was wiederum zu Aufständen, Überschwemmungen in Oberbayern und Schändungen von Jungfrauen führt. Vermutlich. Was man jedenfalls in Kommunikationsberufen können sollte, wenn man schon nicht am offenen Herzen operieren, Dinkelbrot backen oder sonstwas Nützliches kann, ist das Instruieren von spezialisierten Dienstleistern, das so genannte Briefen. Die spezielle Unfähigkeit beginnt auf den untersten Ebenen (Äh, der Kunde will da so eine Broschüre, so wie die hier. Könnt ihr das?) und manifestiert sich in seiner reinsten Form in der Person des Marketingleiters (Das gefällt mir nicht. Macht das anders. Wie anders? Na, anders.).

Ich würde mich ja selbständig machen, als Autor des Standardwerks Briefing für Vollpfosten oder als Inhaber der Agentur Be Brief, die für kommunikationsbehinderte Angestellte mit Leitungsfunktion die eigenen Mitarbeiter oder die Horden der in kreativer Armut dahinsiechenden Freelancer mit konkreten Arbeitsanweisungen versorgt. Aber das funktioniert nicht — die Leute denken ja, sie würden super briefen und die Dienstleister wären schuld.

Ach, die Welt.

Blogger nutzen 10 Mal häufiger “Ich” in ihren Texten als Journalisten. Rufzeichen werden doppelt so oft gesetzt, Anglizismen vier Mal so häufig.

Schrub neulich* das Handelsblatt, zitierend aus einer “Untersuchung” von Christoph Moss. Ach. Sportjournalisten nutzen häufiger das Wort “Abseits” als Opernkritiker. Na sowas. Okay, ich habe den kompletten Artikel nicht gelesen, weil ich das Handelsblatt nicht extra dafür kaufen mochte, aber: Musste man für derlei Erkenntnisse eine Untersuchung machen? Blogger sind qua Medium nerdig und schreiben oft über das Internet, da lassen sich Anglizismen, wie etwa, nun, “nerdig”, eben schlechter vermeiden als in Leitartikeln über den Zustand der SPD, wozu einem so überhaupt gar keine Anglizismen einfallen wollen. Und natürlich schreibe ich in meinem Internet-Tagebuch (sic!) häufiger “ich”, weil das ja, will man die Begrifflichkeiten aus dem klassischen Journalismus aufpropfen, eher Kolumne als Bericht ist. Und natürlich verwendet man häufiger Rufzeichen, weil es eben mehr um Meinung als um distanziertes Faktenaufzählen geht.

Ohnehin Blödsinn, diese ganzen Betrachtungen der Bloggerei. Einerseits bauscht man die Szene als Nebenjournalismus auf, was hierzulande eher nicht zutrifft — mit Ausnahme des Bildblog gibt es keine wirklich relevanten journalistischen Blogs. Ein paar bringen es zu Strohfeuerruhm in den Medienmedien, die Klickzahlen allerdings bleiben schwach: Selbst ein täglich geupdatetes Profiblog mit mehreren Autoren wie Spreeblick schafft kaum mehr Traffic, als, sagen wir, das halb-private Xbox-Blog meines Freundes Boris. Weil man sie aber eben hochgejazzt hat, kann man dann genüsslich drangehen, sie wieder zu demontieren, weil sie den Anspruch, den etablierten Journalismus zu ersetzen, natürlich nicht erfüllen können. Oder nur in wenigen Feldern.

Alles nur Hype und Anti-Hype.

Man sollte Medien nie trauen, wenn sie über Medien berichten.

* “neulich” hier im selten gebrauchten Sinne von “vor ein paar Monaten, ungefähr im April”. Ahem. Ich bin eben nicht so schnell wie andere Blogs.