Pädsoz

Ein Hauch von Haarspray

by Gunnar on 23. September 2008 · 3 comments

Der Autor dieser Zeilen lenkt seine Schritte durch die tödlich unbelebte Innenstadt eines regionalen Oberzentrums, als sein Augenmerk auf das Schaufenster eines örtlichen Frisörs fällt. Besagtes Fenster zeigt nicht etwa, wie in der Branche üblich, großformatige Fotos von Profimodels mit samtweichen Haaren im Profil, um die ansässige Hausfrauenschaft zu demütigen. Nein, es ist voller Pokale und Ehrenurkunden und Siegerurkunden — eine Flut von Silber und Gold.

Zwinkern, neu fokussieren und genaueres Hinschauen — aha, es handelt sich um Ehrungen, die offenbar der Inhaber des Friseurladens bei diversen Landes- und Bezirksmeisterschaften erschnitten hat. Bilder der siegreichen Frisuren, offenkundig inspiriert von der Haartracht amerikanischer Jugendlicher der frühen 50er, hängen dekorativ daneben. Und zeigen männliche Jugendliche mit dörflichem und/oder Migrationshintergrund, auf dem Kopf raffiniert geformte Haarhörner.

Es gibt also BundesfriseurspieleLandesmeisterschaften für Friseure!

Warum überrascht mich das nur so? Wir sind doch in Deutschland, dem Geburtsland der Ehrenurkunde, und der Gedanke mit der Regionalmeisterschaft erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus logisch und folgerichtig.

Mit ein wenig Fantasie vermag man sich leicht einen solchen Wettkampf vors innere Auge zu rufen: die Mehrzweckhalle des Vereins für Turnsport und Leibesübungen, geweiht zu einem Tempel der Haarkunst — Kreativität liegt knisternd in der Luft; ein Hauch von Haarspray durchzieht die Halle. Souveräne Preisrichter, Veteranen des Handwerks, durchmessen gravitätisch den Raum; überall schnippeln nervös schwitzende Wettbewerber, die ärgerlich auf die Meisterwerke der Konkurrenten schielen. Dazu, natürlich, Modelle beiderlei Geschlechts mit anmutigen, der Schwerkraft nachlässig trotzenden Frisuren.

Kurzum, eine schöne Sache, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Dabei gerät man selbstverständlich ins Grübeln, wenn man, wie ich, von Haus aus gelernter Sozialpädagoge ist. Müßte es etwas derart Spannendes nicht auch für unsere ehrenwerte Profession geben?

Verwegene Bilder steigen in meinem Geist auf.

Ein städtisches Jugendzentrum, geschlechtsneutral eingerichtet. Integrität liegt knisternd in der Luft; ein Hauch von Patchouli durchzieht die Räume. Der stolze Vorjahressieger, der mit seinem Klienten vor die unbestechlichen Preisrichter tritt; der Klient, der, anfangs scheu, dann mutiger werdend, von seinen Therapieerfolgen erzählt (“Cornelius hat mir da unheimlich geholfen, als ich nicht so klarkam“); das konspirative Getuschel der Preisrichter (“Wie hat er das gemacht?“, “Schwerpunktberatung?“, “Gestalttherapie?“, “Modelllernen?“, “Einfach abgerichtet wie ein Tier?“). Ein güldener Pokal mit der Inschrift “SüdniedersächsischeR BezirksmeisterIn im Skinhead-Bekehren” in den Händen einer kräftigen Projekt-Initiatiatorin mit Kurzhaarschnitt und Lesbenzöpflein; Bewerber, die siegesbewußt Vorher-Nachher-Photos ihrer Klienten herumzeigen (“auf dem zweiten Bild ist sein Bewußtsein ganz klar erweitert”); jedenfalls eine mehr als fesselnde Angelegenheit.

Wäre das nicht sehr, sehr schön?

Jaja, das ist eine sehr alte Geschichte, zehn Jahre alt ungefähr. Gerettet aus der Konkursmasse von kaliban.org. Hier mit neuer Heimstatt. Stilistisch ganz mild überarbeitet.