Pfeiffer

Viel Feind, viel Ehr’

by Gunnar on 6. Dezember 2007 · 39 comments

Kennt jemand von den geschätzten Mitlesenden Professor Dr. Christian Pfeiffer? Der Herr ist der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover und einer der größten Feinde von modernen Computerspielen — mehrfach aufgefallen in den üblichen Debatten und durch Zitate wie dieses. Und durch Frontalattacken gegen die USK, die Selbstkontrollinstanz, die die Alterseinstufungen für Videospiele vergibt. Der unterstellte er Industrie-Hörigkeit, weil die Einstufungen zu lasch seien und die Industrie ja die Prüfungen bezahle. Dass in den entsprechenden Prüfgremien der USK immer Vertreter der Politik, also der Obersten Landesjugendschutzbehörden sitzen, das ließ Pfeiffer in Interviews immer gerne unter den Tisch fallen. Passt ja auch nicht so in das hübsche Gedankengebäude von der ferngelenkten USK. Kenner der Jugendschutzszene sagen hinter vorgehaltener Hand, dass Pfeiffers Antrieb der Wunsch sei, die USK zu beerben und mit seinem Institut den fetten Auftrag zur Prüfung der Spiele zu bekommen.

Aber egal.

Warum rede ich überhaupt von diesem Menschen? Weil ich gestern auf dem Symposium für Medienethik in Stuttgart gesprochen habe und NATÜRLICH wieder mit Herrn Pfeiffer und seiner ebenfalls anwesenden Schwester aneinander geraten bin. Die Schwester, Regine Pfeiffer, ist eine freundliche ältere Dame, pensionierte Lehrerin und laut Eigenaussage “Fachfrau für Computerspiele”, Letzteres ohne selber zu spielen. Natürlich. Muss man ja nicht. Demnächst kann man sicher auch Literaturexperte sein, ohne Bücher zu lesen…

Die Dame hatte, aus mir unerklärlichen Gründen, einen der drei grundlegenden Vorträge zu halten, die die großen Spielegenres erklären sollten — den zum Thema Ego-Shooter. Parallel dazu sprach Benedikt Grindel von Blue Byte über Strategiespiele und ich über Online-Rollenspiele und virtuelle Welten im allgemeinen. Benedikt und ich versuchten, die Grundlagen zu beschreiben, leiteten die Genres historisch her und spielten auch mal live was vor. Frau Pfeiffer tat nichts von alledem, sondern nutzte ihre Sprechzeit, um sich beispielsweise über die Sprache in Lösungsbüchern auszulassen – “den Level aufräumen”, solche Ausdrücke seien ja nur Euphemismen für Massenmord. Zudem zeigte sie extra-blutige Videoausschnitte, eine klassische Methode ihres Bruders: Würde man live vorspielen, wäre deutlich, dass Spiele eine Dramaturgie haben und Mechanismen und nicht nur eine Aneinanderreihung von Splatterszenen sind – im Video aber schneidet man einfach schön ein “Worst of” zusammen. Zudem verwendete die Dame Bioshock, ausgerechnet Bioshock, als Negativ-Beispiel. Dazu blendete sie einen Screenshot von einer Little Sister ein, die sich duckt, während die Schrotflinte des Spielers ins Bild ragt — die gewollte Assoziation war natürlich “hier wird mit Schrotflinten auf wehrlose Mädchen geballert”. Was im Spiel bekanntlich nicht möglich ist. Derlei Details sind der “Fachfrau” aber natürlich egal, es geht ja bei Kreuzzügen um Wirkung, nicht um Fakten. Diese Details habe ich mir, das sei der guten Ordnung halber erwähnt, von Zuhörern berichten lassen – ich war selber nicht im Raum, mein Vortrag lag parallel zum dem von Frau Pfeiffer.

Am Ende des Tages gab es eine Diskussion über die zuvor gehaltenen Vorträge, und Frau Pfeifer ließ es sich nicht nehmen, mich direkt anzugreifen, weil ich in meinem Vortrag die These aufgestellt hatte, dass Online-Sucht oder Online-Spiel-Sucht zumeist eine Folge anderer psychischer Störungen sei, also ein Symptom, keine eigene Diagnose. Frau Pfeiffer argumentierte nicht direkt dagegen, sondern verwies auf eine große Zahl von Einzelbeispielen, die sie durch die Lektüre von einschlägigen Webseiten* kennen würde und dass das ja wohl nicht alles “kranke Typen“ sein könnten. Ich verwies auf die Tatsache, dass wir uns auf einer Uni-Veranstaltung befänden und ein Mindestmaß an Wissenschaftlichkeit ja wohl eingehalten werden müsse – weder sei der Suchtbegriff medizinisch korrekt verwendet noch wäre ein Terminus wie “kranke Typen” dem Thema angemessen. Zudem zitierte ich eine Studie von Bert te Wildt (Medizinische Hochschule Hannover), die meine Ansicht unterstützt. Darauf sprang Herr Pfeiffer erregt auf, einerseits, um eine Studie von ihm zu erwähnen und andererseits, um kundzutun, dass ich te Wildt bestimmt falsch zitiert hätte. Darauf meldete sich Professor Kaminski aus Köln zu Wort, der wiederum mir rechtgab. Naja. Alles wie erwartet.

Das Groteske war allerdings (und das zeigt, wes Geistes Kinder die Pfeiffers sind), dass hinterher, als ich im Kreis von ein paar Professoren stand und mit ihnen über Herrn Pfeiffer lästerte, Frau Pfeiffer zu mir kam, um mir zu sagen, dass sie mich in ihrem Vortrag zitiert habe. Sie dachte offenkundig, dass ich erwartungsfroh und eitel nachfragen würde, wie ich zu der gewaltigen Ehre käme. Aber ich wusste natürlich Bescheid — die Pfeiffers zitieren mich ja immer. Ich habe nämlich Spiegel.de mal gesagt, dass es “in Deutschland kein Spiel gibt, bei dem man für den Grad der Gewalt belohnt wird”. Das war nicht ganz korrekt, in EINEM Spiel, Der Pate (Electronic Arts), gibt es das doch. In keinem anderen, soweit ich weiß, aber immerhin in einem. Das reiben mir die Pfeiffers seitdem immer unter die Nase (“zwischen 0 und 1 ist nun einmal ein Unterschied, Herr Lott” — O-Ton Regine Pfeiffer). Finde ich mutig, wenn man bedenkt, wie es aussähe, würde man alle Aussagen von Herrn Prof. Dr. Pfeiffer derart auf die Goldwaage legen — immerhin hatte der renommierte Kriminalpsychologe seinerzeit bei dem Kindestod in Sebnitz, um nur das bekannteste Beispiel zu nennen, keine allzu rühmliche Rolle gespielt. Wir erinnern uns: Damals behauptete eine Frau öffentlich, Nazis hätten ihren kleinen Sohn Joseph vor aller Leute Augen im Schwimmbad ertränkt, was sich hinterher als Falschaussage herausstellte — Herr Prof. Dr. Pfeiffer hatte der Dame aber in einer Fallanalyse noch ausdrücklich Glaubwürdigkeit bestätigt. Vermutlich sollte ich das in Zukunft auch immer in all meinen Vorträgen und Artikeln zitieren. Blödsinn. Egal, auf die Provokation der Frau Pfeiffer jedenfalls bin ich dann nicht mehr groß eingegangen, habe ihr nur kurz und heftig gesagt, dass ich auf diesem Niveau nicht diskutiere, und dass ihre Thesen wissenschaftlich unhaltbar seien und mich umgedreht. Frau Pfeiffer hatte sich unser kleines Gespräch offenbar anders vorgestellt, innerlich wohl schon auf mein zerknirschtes Gesicht spekuliert, wenn sie das Spiegel-Zitat nochmal aufs Tapet bringt. Sie schaute mich sichtlich geschockt an und stieß nur ein “Sie, Sie, Sie sind ja ein richtiger Ego-Shooter” hervor. Was nun wieder von beinahe rührender Hilflosigkeit ist. So ist nun einmal ihre Begriffswelt, Ego-Shooter sind eben das Schlimmste, was sie sich vorstellen kann. Ach.

* Frau Pfeiffer nannte dabei als maßgebliches Beispiel wowdetox (mit Absicht nicht verlinkt), eine Seite, die kurze Beispielberichte von WoW-Süchtigen sammelt, sie allerdings ohne Prüfung veröffentlicht. Die Seite gehört einer obskuren Firma namens Calculated Wealth Consulting, die ansonsten eher Domains wie freestocktradesecrets.com betreibt. Die Betreiber versuchen übrigens, mit Links zu Goldverkäufern ein paar Dollar nebenbei zu verdienen. Dazu gibt’s die schlüssige Begründung, durch den Goldkauf erspare man sich viel Grinden und hätte es leichter, aufzuhören. Aha. Außerdem führt ein prominent gesetzter Link, der Hilfe bei Spiele-Sucht verspricht, auf ein Hypnosetherapieangebot, wo man sich kostenpflichtig PDFs mit Tipps herunterladen kann. Ist natürlich ein Affiliate-Link, ein bisschen Geld braucht ja auch eine Seite wie wowdetox, obwohl sie angeblich von einer Gruppe Freiwilliger betrieben wird. Super Beispiel, Frau P.